"Das Erbe der Guldenburgs" Der letzte Straßenfeger

Alter Adel gegen neureiche Schnösel, mittendrin ein Mephisto namens Achim - die "Guldenburgs" waren ab 1987 eine große, aber unterschätzte Serie mit starken Frauen. In einer Nebenrolle: Dieter Bohlens Villa.

ZDF/ Michael Köhler/ NDF

Von Hendrik Steinkuhl


Es gab schon viele dominante Mütter in deutschen Serien, Frauen wie Käthe Scholz, Vera Drombusch und - mit Abstrichen - Helga Beimer. Doch existierte jemals eine Fernseh-Mutter wie die Hamburger Bierkönigin Margot Balbeck?

"Du bist ja nicht die Hellste", sagt sie einmal zu Tochter Kitty. Und nachdem Sohn Jan einen Fehler gemacht hat, der das Unternehmen ein Vermögen kostet, schiebt sie sich ihn auf seinem Bürostuhl zurecht und prügelt ihm die Tageszeitung so lange ins Gesicht, bis er schreit und sie nicht mehr kann.

"Das war eine wunderbare Rolle, die hat mir großen Spaß gemacht", sagt Ruth Maria Kubitschek. So verkommen, so böse durfte die große deutsche Schauspielerin in ihrer langen Karriere kein weiteres Mal mehr sein. So mächtig auch nicht.

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"Das Erbe der Guldenburgs" lief am 29. Januar 1987 im ZDF an, als deutsche Antwort auf "Denver-Clan" oder "Dallas". Eine Familiensaga mit 38 Folgen in drei Staffeln mit sagenhaften Einschaltquoten, als das Privatfernsehen noch laufen lernte.

Vor allem aber war es eine Serie der starken Frauencharaktere. Was alle überraschen dürfte, die sich nur noch an hübsch gefilmte Kabale und Liebe zwischen Hamburger Hafen und holsteinischen Hengsten erinnern.

Sydne Rome darf nicht hopsen

Die stärkste unter den prominent besetzten Damen war Christine Gräfin von Guldenburg, gespielt von Christiane Hörbiger. Kurz nach seinem 60. Geburtstag verliert sie ihren Mann bei einem Autounfall. Bald kommt heraus, dass sich der Graf eine Mätresse hielt und mit ihr auch noch einen Sohn gezeugt hat.

Statt ihrem ersten Impuls zu folgen und ins heimische Wien zurückzukehren, übernimmt die in Wirtschaftsdingen völlig unbeleckte Gräfin das Familienunternehmen und führt Brauerei und Tierzucht vom drohenden Ruin zurück in die Gewinnzone, im ständigen Kampf gegen die Balbecks. Dass die fesche Christine am Ende der drei Staffeln in ihrem Verwalter eine neue Liebe findet, macht das Serienglück perfekt.

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"Das Erbe der Guldenburgs": Adelskitsch, Bier und finstere Intrigen

Weil hinter jeder starken Frau eine tyrannische Schwiegermutter steht, durfte sich Gräfin Christine auch noch mit Hertha von Guldenburg herumschlagen. Verkörpert wurde die Matriarchin von Schauspiellegende Brigitte Horney, die Guldenburg-Erfinder Michael Baier 30 Jahre später "eine grandiose Frau" nennt. Horney erkrankte 1986 an Krebs, spielte ihre Rolle aber bis zu ihrem Tod im Jahr 1988. "Sie sagte: Ein Zirkuspferd stirbt in der Arena", erinnert sich Baier.

In der Serie personifizierte Horney den ganz alten Adel. Als Hertha bewegt sie sich ausschließlich mit der Kutsche fort und bringt dem Sohn der gräflichen Mätresse selbstverständlich Schießen und Fechten bei.

Auch die Mätresse darf sich in die Riege der starken Frauen einreihen. Die Italienerin Carla di Angeli ist alleinerziehende Mutter und erfolgreich in ihrem Beruf, bis heute eine sehr seltene Kombination im deutschen Fernsehen. Dargestellt wurde die gräfliche Gespielin von der Amerikanerin Sydne Rome, berühmt geworden als Aerobic-Ikone der Achtzigerjahre.

Ein Spin-off von "Zärtliche Cousinen"?

Mit Stirnband herumhopsen durfte sie bei den "Guldenburgs" nicht, trotzdem störte Sydne Rome die Serienfreude erheblich. Es lag an ihrem sehr übersichtlichen schauspielerischen Talent, aber vor allem an der fürchterlichen Synchronisation. Worte und Lippen passten meist überhaupt nicht zusammen, außerdem klang Romes Synchronstimme derart frivol, dass man sich zuweilen in einem Spin-off von "Zärtliche Cousinen" wähnte.

Die Synchronisation ausländischer Schauspieler war überhaupt eine Schwäche der Serie. Am schlimmsten traf es den sonst als "Old Surehand" bekannten Stewart Granger, der als US-Millionär Jack Brinkley ein mit englischen Vokabeln durchsetztes Fantasiedeutsch sprach. In heutigen Ohren klingt das wie eine Parodie auf Marc Terenzi.

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Die Guldenburgs sind zurück: Seit 28. Januar laufen jeden Samstag um 18.40 Uhr zwei Folgen der Serie auf dem Pay-TV-Sender "Romance TV", empfangbar u.a. für Sky-Kunden.


Brinkleys Tochter Peggy verkörperte die damals noch wenig bekannte Musical-Darstellerin Ute Lemper, die ein paar Jahre später am Broadway Erfolge feierte. Ein Karrieresprungbrett waren die "Guldenburgs" auch für eine Schauspielerin, die heute vor allem als "Yoga-Botschafterin" auftritt: Ursula Karven. In der Serie spielte sie keine starke Frau, sondern das blonde Dummchen an der Seite des neureichen Schnösels und Brauerei-Juniorchefs Jan Balbeck alias Sigmar Solbach.

Die neben der Brauerei-Chefin interessanteste Frauenfigur der "Guldenburgs": Evelyn Lauritzen. Selten gab es Iris Berben besser als in der Rolle der labilen Grafentochter mit starkem Alkohol- und Tablettenproblem.

Ein Parvenü voller Hass

Übertroffen wurde der Irrsinn der Figur nur noch von ihrem Serienmann: Achim Lauritzen, gespielt von Wilfried Baasner. So eine durchgeknallte Mephistofigur wie den Agenturchef, der in seiner Freizeit die Familien Guldenburg und Balbeck entweder erpresst oder gegeneinander ausspielt, hat es davor und danach nicht gegeben.

Drehbuchautor Michael Baier gab dem Parvenü alles mit, was eine interessante Figur braucht; an erster Stelle Hass, in Lauritzens Fall auf alle, denen der Reichtum schon in die Wiege gelegt wurde:

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Kahlkopf Wilfried Baasner veredelte den Charakter; allein, ihm dabei zuzusehen, wie er in einer Szene stumm den gesamten Pillenvorrat seiner Frau im Klo entsorgt, ist ein Ereignis. "Der Baasner war privat ein wahnsinnig netter Kollege", sagt Ruth Maria Kubitschek über den 2006 verstorbenen Schauspieler. Große Rollen bekam der überragende Bösewicht nach den "Guldenburgs" nicht mehr.

Ruth Maria Kubitschek ging es zunächst genauso: "Zwei Jahre habe ich nach dem Ende der 'Guldenburgs' gewartet, bis neue Angebote kamen" - ebenso wie nach "Monaco Franze", wo sie Helmut Fischers "Spatzl" gab. Eine Erklärung hat Kubitschek dafür nicht.

In ihrem heutigen Leben kommt die Margot Balbeck nicht mehr vor, angesprochen werde sie immer nur auf "Spatzl". Knapp ein Jahr vor seinem Tod aber habe sie mit ihrem Partner, dem großen Produzenten Wolfgang Rademann, noch einmal vier Folgen der "Guldenburgs" geschaut. "Der Wolfgang war total begeistert, der meinte immer wieder: 'Du bist total auf der Rolle!'"

"Bodenlos schlechte Kritiken"

Dass die "Guldenburgs" kein Adelskitsch, sondern ganz großes Fernsehen waren, steht für Ruth Maria Kubitschek außer Frage. Sie preist vor allem Regisseur Gero Erhardt: "Außer Helmut Dietl und Fritz Kortner habe ich keinen Regisseur von dieser Qualität erlebt." Viel Lob verteilt sie auch an die Drehbücher von Michael Baier, ist damit allerdings ziemlich allein.

Autor Baier lebt seit den Achtzigerjahren in den USA, Fragen beantwortet er nur per E-Mail und in maximal zwei Sätzen. Was er in Amerika vom Rummel um die Guldenburgs mitbekommen hat? "Nichts, außer den bodenlos schlechten Kritiken." Dass die Serie Einschaltquoten bis zu 49 Prozent hatte, sei ihm allerdings auch nicht entgangen.

Damit war "Das Erbe der Guldenburgs" der letzte Serienstraßenfeger im deutschen Fernsehen. Überhaupt gab es danach kein fiktionales Format mehr, das so viele Zuschauer vor dem Fernseher fesselte. Die Serie wurde derart populär, dass Jever ein "Guldenburg Premium" und die Bavaria-St.-Pauli-Brauerei ein "Balbeck Pilsener" auf den Markt brachten.

Die schönste Serienanekdote ist aber wohl die, dass die Außenaufnahmen des Hauses von Margot Balbeck auf dem Gelände der späteren Villa von Dieter Bohlen entstanden, in Tötensen im Hamburger Speckgürtel. Ruth Maria Kubitschek ist das gänzlich neu. "Ach wissen Sie…, in diesem Beruf dreht man sowieso ständig an unterschiedlichen Orten, da sind einem die Häuser irgendwann auch scheißegal."

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Ma Ti, 31.01.2017
1. Dieter Bohlens Villa?!
Ich bin mir zu 99,9 % sicher, dass die Außenaufnahmen auf dem Schloss Wotersen in der Nähe von Schwarzenbek/Hamburg gedreht worden sind und das Dieter Bohlen mit diesem Anwesen nie etwas zu tun hatte.
Daniel Meier, 31.01.2017
2. Bohlens Villa
nach dem lesen des Artikels bin ich mir auch ziemlich sicher, das Schloss Wotersen als Wohnsitz der Guldenburgs diente. Ebenso steht dort auch, (bin mir fast 99% sicher), das Bohlens Haus als Haus der Balbecks diente. Wäre ja auch komisch, wenn die beiden Familien im gleichen Schloss wohnen würden........
Mituta Kopfweh, 31.01.2017
3.
Ich bin mir zu 100,0% sicher, dass im Artikel von Margot Balbecks Haus die Rede ist...
Tina Hammer, 31.01.2017
4. Außenaufnahmen
Die Außenaufnahmen von Schloss Guldenberg waren Schloss Wotersen, die Außenaufnahmen des Balbeck-Hauses, so weit ich mich erinnere, die Bohlen Villa.
Dieter Koll, 31.01.2017
5. zu 100%
wurden die Aufnahmen auf dem Schloß Wotersen gemacht. Im Hintergrund sieht man sogar die Ketten, die den Weg begrenzen und die Statuen, die heute leider etwas mehr Grünspan zeigen.
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