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Helden unserer Jugend Ballern im Namen der Queen

Fernsehserie "Die Profis": Topfschnitt-Agenten mit Lizenz zum Ballern Fotos
DPA

Sie waren brutal, politisch unkorrekt und hoffnungslose Machos - aber für den 14-jährigen Detlef Dreßlein waren die beiden Agenten aus der TV-Serie "Die Profis" leuchtende Vorbilder. Nicht zuletzt, weil sie seine Frisur ein kleines bisschen cooler machten.

Als der schwarze Ford Granada durch die Schaufensterscheibe flog, war mein Tag gerettet.

Ein Granada war damals, in den Achtzigern, so etwas wie Gartenzwerg, Eierlikör und Käseigel in einem - spießiger ging's kaum. Natürlich fuhr mein Vater einen. Der war goldmetallic und hatte ein schwarzes Dach. Auf der Rückbank saßen mein kleiner Bruder und ich. Und jetzt, als 14-Jähriger, sah ich plötzlich: Ein Granada kann auch cool sein. Er muss nur durch eine Scheibe fliegen.

Das Intro der britischen Serie "Die Profis" war ein kleines Fanal, begleitet von peitschender Musik. In der zerberstenden Schaufensterscheibe hatte sich kurz zuvor noch das London der späten Siebziger gespiegelt. Die Swinging Sixties mit ihrer bonbonfarbenen Leichtigkeit waren einem düsteren Jahrzehnt gewichen, mit Arbeits- und Perspektivlosigkeit, blutigem IRA-Terror und der "Eisernen Lady" Margaret Thatcher. Die Wirtschaft lag darnieder, der Staatsbankrott drohte, und die englische Fußball-Nationalmannschaft - 1966 noch Weltmeister - war drauf und dran, schon wieder die Qualifikation für eine WM zu verpassen. Es war trostlos.

Vielleicht gerieten die "Profis" deshalb so machoesk, teilweise reaktionär und aus heutiger Sicht geradezu obskur gewalttätig.

Handgranate im Dekolleté

Als ich Weihnachten 1984 die erste Folge sah, eröffnete sich eine neue Welt aus Männlichkeit und Action. "Die Profis" zu gucken, das war die Abzweigung Richtung erstes Bier, erste Party und erst mal sehen, ob die Mädels nicht doch was anderes sind als nur doof.

Der Hype um Doyle (gespielt von Martin Shaw) und Bodie (Lewis Collins) mag heute schwer zu begreifen sein. Aber es war die oft zitierte Drei-Sender-Zeit mit Sendeschluss um Mitternacht und Testbild am Nachmittag. In der "Bravo", damals noch das konkurrenzlose Zentralorgan für uns Pubertierende, wurde regelmäßig über die beiden berichtet. Samt Postern, Titelgeschichten oder einem "Star-Album zum Rausnehmen". Es war eine Zeit, als man Gangster noch an ihren knolligen Nasen und den Nylonstrümpfen überm Gesicht erkennen konnte.

Cowley, dessen Miene stets so düster war wie das immer nasse und neblige London der Serie, war der Boss von Doyle und Bodie. Seine Idee war es gewesen, den CI5 zu gründen, eine Sondereinheit zur Terrorismusbekämpfung, die der Polizei übergeordnet war und die Lizenz zum Schlagen, Ballern und Killen hatte. Im Sinne der Queen natürlich. In der ersten Episode sagt Cowley zu den Jungs: "Gewalt nur anwenden, wenn es absolut notwendig ist." Und es war notwendig. In jeder Folge.

"Die Profis" waren politisch unkorrekt, lange bevor der Ausdruck erfunden wurde: Gleich in der ersten Originalfolge packt sich ein Geiselnehmer eine blonde Krankenschwester, hält ihr eine Pistole an die goldblonden Haare und schiebt seine Hand mitsamt einer Handgranate in ihr Dekolleté. Damit man weiß, dass es ihm ernst ist. Doyle erschießt den Schurken, die Handgranate rutscht in die Tiefe. Bodie hechtet sich auf die hysterisch schreiende Frau, ohrfeigt sie, um sie ruhigzustellen, zertrennt fachmännisch ihre Oberbekleidung, holt die Handgranate hervor und wirft sie zielsicher in eine drei Meter entfernte Blechtonne.

Harter Hund mit Topfschnitt

Doyle und Bodie waren echte Buddys, führten adjektivarme Männergespräche in ihrem Ford Capri, während sie über Randsteine polterten oder das Fahrzeugheck per Handbremse herumwuchteten. Sie neckten und balgten sich und hauten sich auch mal auf die Fresse. Sie waren übermütige, unreife Lümmel, die sich über ihren Vorgesetzten Cowley lustig machten. Doyle und Bodie waren wie wir, obwohl sie im Alter unserer Eltern waren - erwachsen geworden, ohne die Kindheit aufzugeben. Was für ein genialer Plan.

Verfolgungsjagden waren fester Bestandteil der Serie. Oft zu Fuß, meist aber mit dem Auto. Und so wurde ein weiterer Star geboren: Bodies silbergrauer Ford Capri 2.0 S (mit karierten Sitzen!). Das Modellauto von der Firma Corgi mit den daumengroßen Doyle- und Bodie-Figuren aus Plastik hätte ich sicher besessen, wäre ich mit 14 Jahren nicht schon zu alt gewesen für Spielzeugautos.

Cowley (gespielt von Gordon Jackson) war der Mann in der Zentrale für die lauen Zwischensequenzen, die Mutter der Kompanie, ein Mittfünfziger, kriegsversehrt und deshalb irgendwie immer im Büro. Er war der intellektuelle Überbau, gab die Anweisungen - und Doyle und Bodie rannten und ballerten, bis das Böse besiegt war. Cowleys schönster Satz: "Ich übertrete nur alberne Vorschriften, gegen sinnvolle habe ich nichts."

Mit Doyle konnte ich nicht viel anfangen. Er hatte ein feminines Gesicht und trug die gleiche Dauerwelle wie meine Mutter. Bodie gefiel mir. Er verzichtete ganz auf eine Frisur. Sein glattes Haar klebte speckig am Schädel, und dass er dennoch cool aussah, war eine schauspielerische Meisterleistung. Damals war ich vor allem dankbar, dass er meine gern als Topfschnitt bezeichnete Haarpracht veredelte, indem er sie selbst trug. Ich musste, er durfte.

Beinahe Popstar

Die Profis hatten kein ersichtliches Privatleben. Es gab Frauen, aber nur wenn der Dienstplan es erlaubte. Dann allerdings nach Belieben. In einer Folge geht Bodie auf einen Sonntagsausflug "mit der schönen Michelle", wie Doyle schmierig grinsend mutmaßt. Dabei ist es längst die langmähnige Julia. Die beiden geraten in eine Terroristenjagd, wie das eben so ist, sonntags bei Bodie. Julia fährt, während Bodie tapfer und trotz Handverletzung auf die Terroristen ballert. Julia mäkelt an seinen Methoden herum, bis Bodie schließlich mault: "Er ist ein Bombenleger und Mörder." Darauf Julia: "Aber trotzdem bleibt er ein Mensch." Statt zu antworten, lädt Bodie noch mal durch. Ende der Diskussion.

Lewis Collins, der Darsteller von Bodie, stammte aus der Nähe von Liverpool, wo England stets besonders grau und rau war. Er arbeitete als Lehrling bei einem Damenfriseur und spielte nebenher Schlagzeug. Als im August 1962 eine lokale Liverpooler Band einen neuen Schlagzeuger suchte, meinte ein Kumpel zu Collins, er sollte doch mal vorspielen. Aber der 16-Jährige zog es vor, seine Ausbildung abzuschließen. Er träumte von einem eigenen Damensalon. Was Solides halt. Und so wurde ein gewisser Ringo neuer Schlagzeuger bei diesen Beatles. Blöder Zufall, aber irgendwie typisch: Collins nahm oft die falsche Abzweigung. Über den Umweg als Roadie, Lexikonverkäufer und Lastwagenfahrer landete er dann im Showbusiness und ließ sich ab 1968 in London zum Schauspieler ausbilden.

Collins hatte nur wenige Gesichtsausdrücke. Einer war der gesenkte Kopf mit den nach oben funkelnden Augen, dazu eine grimmige Entenschnute, als trüge er eine überdimensionale Büroklammer um seine Lippen. Mit diesem Blick überwältigte er Gangster und Frauen gleichermaßen. Er war einfach unendlich cool. 1982 war er deshalb als Nachfolger für Roger Moore als James Bond im Gespräch, aber irgendwie vertrottelte er es wieder, weil er den Produzenten als "zu aggressiv" auffiel. Danach bekam er keine vernünftigen Rollen mehr. Ein paar alberne B-Movies, wie "Geheimcode: Wildgänse" mit Klaus Kinski, stets als ballernder Haudrauf, das war es dann. Zwischendurch bewarb er sich bei der SAS, einer Art britischen GSG 9, und bestand sogar den Eignungstest. Genommen wurde er nicht, weil man keine Fernsehnase in einer semi-geheimen Spezialeinheit brauchen konnte.

Ein kleines bisschen cool - dank Bodie

Nur noch einmal nahm ich Notiz von ihm, von Bodie, dem coolsten Mann der frühen Achtziger. Im November 2013 starb er, grau, ausgezehrt und gerade 67 Jahre alt, an Krebs. Fünf Jahre hatte er dagegen gekämpft. Aber der Krebs ist kein gewöhnlicher Bombenleger. Bodie hatte keine Chance.

Anders als in Großbritannien, wo die Serie in kleineren Dosierungen noch bis 1983 weiterlief, prügelte das ZDF seine 39 Folgen am Stück durch, sodass Mitte 1982 schon wieder Schluss war. Zwei Jahre später später wiederholten sie sie, diesmal mit 41 Folgen. Und mit mir.

Es waren schwere Zeiten. Ich war 14, und die Pubertät verwüstete alles, was bisher galt. In der Schule focht ich einen aussichtslosen Kampf gegen Mathe und Physik, ich konnte weder bei Heike noch später bei Sabine irgendwie landen, und mein Lieblingsverein war der TSV 1860 München, was damals noch viel weniger lustig war als heute. Da tat es gut, wenigstens ein kleines bisschen wie Bodie sein zu können. Wenn auch nur durch die Art, wie wir unsere Haare trugen.

Anfang der Neunziger begann eine bis heute andauernde Wiederholungssendung im deutschen Privatfernsehen. Ich habe mir nie mehr eine Folge angesehen. Ich bin längst erwachsen geworden, aber an dem genialen Plan von Doyle und Bodie habe ich immer festgehalten.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf & ich". Lesen Sie hier alle Folgen aus der Rubrik "Helden unserer Jugend".

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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1. optional
Stefan Mueller, 21.06.2014
Wieso sie weder bei Heike noch bei Sabine landen konnten kann ich mir sehr gut erklären. So wie sie die Serie beschreiben, ganz modern, also mit erhobenen Zeigefinger weil die Serie anscheinend doch zu machmässig und männlich war, denke ich mir, das Heike und Sabine sie vielleicht nicht männlich genug fanden.
2. Etatismus ich höre dir trapsen
Petra Wegs, 21.06.2014
007 mit der "Lizenz des Staates zu töten" oder die beiden Heinis die unbewusst dem Staat ein besseres Image verleihen als er jemals hätte bekommen dürfen durch sein Scheingeldsystem. Eine Schande das keiner den Zwangskollektivismus sieht und das Individuum mit Absicht an allen Fronten schlecht oder dumm dargestellt wird. "There is no such thing than a collective mind!" ~Ayn Rand lässt grüßen.
3. Dickes DANKE,....
Uwe Pierskalla, 22.06.2014
fuer eine "fast" vergessene" Zeit aus meiner/unserer Jugend! Da ich Bj. '61 bin, weiss ich worueber ich schreibe, und ja dieses: "" "ewige" Tee-Geschluerfe und ueber-alles-diskutiere"", war zum K.....! GottseiDank, gab es die zwei harten Hunde, und es aergert mich, bei irgendeinem Umzug den Karton mit den Video-Kassetten aller Folgen!, an irgendeinen Berliner Troedler verschenkt zu haben!!! Allerdings war es zu dieser Zeit auch nicht einfach einen gut-gebrauchten Capri guenstig zu kaufen!!! Es war einfach eine "geile" Zeit!!! Nochmals Danke fuer die wiedergekehrten Erinnerungen!!!
4. Das Beste an der Serie
Nick Fury, 22.06.2014
fand ich ja Gordon Jackson. Aus dem einfachen Grund, dass ich ihn vorher schon als Butler in der todlangweiligen Serie "Das Haus am Eaton place" kannte, die sich meine Mutter und Schwestern immer ansahen (Dialoge, Kostüme, Herz-Schmerz, keine action, keine Aussenaufnahmen). Dass er nun plötzlich Chef von zwei Haudraufs in einer Geheimdiensteinheit sein konnte, war eine echte Sensation.
5. Genauso war's!
Christian Grave, 22.06.2014
Danke für den schönen Artikel, das Kopfkino war sofort wieder da. Hab damals mit meinem besten Freund die Profis auf der Straße nachgespielt, das Problem war nur, dass wir beide Bodie sein wollten, Doyle war doof und uncool. Bodie konnte Karate!! Ich hatte sogar seine BRAVO-Autogrammkarte. Im Rückblick glaube ich, dass bei jeder Folge der Himmel trist grau war und England mir ziemlich runtergekommen vorkam. War's wahrscheinlich auch. Die Profis könnten ruhig mal wieder im TV laufen, auf ZDF Kultur vielleicht, statt den 90er-Schmonzetten, wie zur Zeit.
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