Fernsehserie "Flipper" Tragödie im Tümmlerbecken

Er machte sie zu Stars, dann musste er sie sterben sehen: Delfintrainer Ric O'Barry und seine Tiere waren die Erfolgsgaranten für die TV-Serie "Flipper". Ihr fröhlich schnatternder Held eroberte Mitte der sechziger Jahre die Zuschauerherzen - hinter den Kulissen spielten sich tödliche Dramen ab.

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Von Iris Hellmuth


Als das Leben noch leicht war und Ric O'Barry noch ein glücklicher Mensch, da hatte er nicht viel von dieser Welt gesehen. Zumindest nicht oberhalb des Wassers. Er hatte Schätze auf dem Meeresgrund gesucht und als Taucher bei der US Army gearbeitet, bis er sich entschloss, eine Zeitlang an Land zurückzukehren: nach Coconut Grove im Süden Floridas - ein Ort wie aus der Raffaello-Werbung. Mit Palmen und weißem Sandstrand, dazu die Sonne, das Meer. Hier war er aufgewachsen.

Es war die perfekte Kulisse für eine Geschichte, die in einer fast perfekten Welt spielte. Eine Welt, in der es einige Schurken aber auch Helden gab, und sobald die Schurken über die Helden zu siegen drohten, trat ein Wesen auf, das unantastbar schien, weil es - moralisch völlig integer - zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte: Flipper war sein Name, und er war der Freund aller Kinder. So hieß es zumindest in dem Lied, das zum Anfang jeder Folge erklang. Flipper war ein Delfin.

Vor 45 Jahren, Ende September 1964, ging nach zwei erfolgreichen Filmen die erste Staffel in den USA auf Sendung. Das Risiko für die Produzenten hielt sich in Grenzen. Kinder und Tiere gehen immer - so lautet eine Weisheit aus der Zeitungsbranche, und für Fernsehproduzenten gilt sie gleichermaßen. Erst kurz zuvor war Lassie erfolgreich durchs amerikanische Fernsehprogramm gehechelt, ein niedliches Collie-Weibchen, das die Bauernsöhne Jeff und Jimmy Woche für Woche aus großen Gefahren rettete. Mehr braucht es manchmal nicht, um eine Serie zum Quotenknüller zu machen.

Demütigungen vom Delfinmann

Auch bei Flipper war der Plot nicht kompliziert: Es gab zwei Kinder, Sandy und Bud, und es gab Flipper, den klugen Tümmler. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Hunden und Delfinen. Die einen sind bereits domestiziert, die anderen muss man erst fangen. Und dann dressieren. Ric O'Barry würde es heute wohl anders nennen. Er würde nicht von Dressur sprechen, sondern von Demütigung. Aber davon war er 1964, während der Dreharbeiten zu "Flipper", noch weit entfernt.

Damals nannten ihn alle nur den Delfinmann. Stundenlang lag O'Barry mit Tauchanzug und Atemgerät auf dem Boden des Delfinbeckens und sah den Tieren beim Schwimmen zu. Er blieb so lange unten, bis ihm die Luft ausging, dann holte er sich eine neue Sauerstoffflasche und ging wieder nach unten. Er war so lang unter Wasser, dass das Kupfersulfat seine Haare grün färbte. Während seiner Tage als Schatzsucher war er ab und zu mit Delfinen im freien Meer geschwommen. Nun konnte er jeden Tag mit ihnen verbringen. Er aß mit ihnen, er schlief mit ihnen ein. Er ließ Lautsprecher in ihre Becken montieren und fand heraus, dass sie Strauß-Walzer liebten. Oder einfache Gitarrenakkorde, besonders D-Dur. Dann streckten sie ihre Köpfe aus dem Wasser und hörten andächtig zu. Manchmal kamen sie ganz nah an seine Gitarre heran und berührten mit ihren Mäulern sanft die vibrierenden Saiten.

Ric O'Barry war Anfang 20, als er anfing, für das Miami Seaquarium zu arbeiten, einem Freizeitpark am Südzipfel Floridas, ganz in der Nähe von Coconut Grove. Für die berühmte Delfin-Show brauchte man ständig neue Tiere, und O'Barry half, sie mit großen Netzen vor der Küste einzufangen. Anfang der sechziger Jahre schaffte er es ins Team der Delfintrainer.

Gelehrig, verspielt - hungrig

Alles, was Ric O'Barry brauchte, um Delfinen seine Tricks beizubringen, hatte er sich vorher im Leben selbst beigebracht. Er hatte die Highschool abgeschlossen und alle Bücher gelesen, die bis dahin über Delfine geschrieben worden waren. Er wusste, dass sie gelehrig waren und sehr geschickt, dass sie verspielt waren wie junge Hunde - und ebenso gutmütig. Doch Kunststücke machten sie nur dann, wenn sie hungrig waren. Ric O'Barry machte alles anders, als die alten Delfintrainer des Miami Seaquariums: Er dressierte die Delfine nicht vom Beckenrand aus. Er bewegte sich mit ihnen - in ihrem Element.

Ihnen Tricks beizubringen, war nicht schwer. Delfine sind klug und lernen schnell, und jeden Tag war es dieselbe Show. Unter tosendem Applaus sprangen sie durch Reifen, bissen Zigaretten in zwei Teile, spielten Basketball und kegelten.

Es war im Jahr 1963, als Ricou Browning seine Zelte im Miami Seaquarium aufschlug. Browning war einer der beiden Produzenten von "Flipper". Hier sollten die Szenen gedreht werden, die an der Bucht spielten, in der die Protagonisten der Serie lebten - der Ranger Porter Ricks und seine Söhne Sandy und Bud. Die "Bucht" war ein Salzwassersee auf dem Gelände des Freizeitparks. Natürlich lebte Flipper in Wahrheit nicht in Freiheit. Auch wenn es später in der Serie so aussah.

Delfine vor dem Fernseher

Die Drehbücher waren geschrieben, die Schauspieler gecastet, nur den Delfinen musste noch beigebracht werden, welche Tricks man von ihnen brauchte: einen Kompass vom Grund des Meeres heraufholen, einen gefangenen Fisch zurück ins Boot werfen, ein Ortungsgerät an einem U-Boot befestigen. Solche Dinge. Und Ric O'Barry kam zufällig am Becken vorbei, in dem Ricou Browning, begeisterter Taucher und Co-Produzent von "Flipper", gerade mit dem Tümmlerweibchen Susie schwamm, das O'Barry selbst gefangen und mit der Flasche großgezogen hatte. Die Männer kamen ins Gespräch. Erst später wurde O'Barry klar, dass dies sein Bewerbungsgespräch gewesen sein musste. "Susie und Kathy müssen unter verwirrenden äußeren Bedingungen Kommandos befolgen, bei Dreharbeiten geht alles drüber und drunter. Trauen Sie sich das zu?" Ric O'Barry nickte. Er war engagiert.

Im Durchschnitt schaffte die "Flipper"-Filmcrew eine Folge pro Woche, 88 waren es insgesamt. Die Dreharbeiten waren aufwendig für eine Fernsehserie in den sechziger Jahren. Sie fanden an unterschiedlichen Orten statt: die Überwasseraufnahmen im Seaquarium, die Unterwasseraufnahmen vor den Bahamas. Fünf weibliche Tümmler spielten abwechselnd die Rolle von Flipper. Ric O'Barry war inzwischen ganz ins Seaquarium gezogen, jeden Tag verbrachte er mit Susie und Kathy. Sobald auf der NBC die ersten Folgen über den Bildschirm flimmerten, stellte er seinen Fernseher auf den Bootssteg, um sie gemeinsam mit den Delfinen zu gucken. "Wenn Kathy sich selbst im Fernsehen sah, machte sie ein Geräusch, als wenn sie sich selbst erkannt hätte. Sie machte diese Geräusche nie, als einer der anderen Delfine die Szene gespielt hatte", erinnert sich O'Barry.

Es war ein anderes Geräusch als das in der Serie, das nichts damit zu tun hatte, wie Delfine in Wirklichkeit klingen. Das schnatternde Lachen von Flipper wurde in Hollywood aufgenommen. Der Synchronsprecher Mel Blanc lieh Flipper seine Stimme.

Jung, dumm - reich

Wie jede andere erdachte Figur existierte auch Flipper nur in der Phantasie der Zuschauer. Er war ein Wesen, das alle tatsächlichen Fähigkeiten eines Delfins mit den Eigenschaften eines Schmusetiers verband, und das obendrein über menschliche Intelligenz verfügte. All das eine große Illusion, natürlich. Je länger die Dreharbeiten dauerten, desto gereizter reagierten die Delfine. Sie litten unter großem Stress, immer öfter schlugen sie mit der Schwanzflosse aufs Wasser. Eine Imponiergeste, die vor allem den jüngsten Darsteller der Serie, Tommy Norden, Angst machte. Das wiederum behinderte die Dreharbeiten. Flipper sollte schließlich der Freund aller Kinder sein.

Die Reisen zu den Bahamas waren der größte Stress. Die Delfine wurden in Kisten verfrachtet und mit dem Flugzeug transportiert, und auch wenn Ric O'Barry während des gesamten Flugs nicht von ihrer Seite wich, ihre Augen mit Vaseline einrieb und ihre Schnauzen mit Wasser benetzte - er merkte, dass etwas nicht stimmte. Es begann, in ihm zu arbeiten. Es war nur eine Ahnung, aber aus der Ahnung wurde ein Gefühl und aus dem Gefühl eines Tages Gewissheit: Dass das, was sie mit den Delfinen taten, nicht richtig war. Sich selbst gab er später daran die größte Schuld. "Wenn Flipper mir nicht vertraut hätte, wäre die Fernsehserie nie zustandegekommen", sagt O'Barry. "Ich habe Delfine gekannt und habe gelernt, sie zu lieben und zu respektieren. Doch ich war auch jung und sehr dumm und verdiente plötzlich eine Menge Geld. Heute bereue ich, für ihre tragische Begegnung mit uns Menschen mitverantwortlich zu sein."

"Flipper" wurde ein weltweiter Erfolg. Die Serie verkaufte sich von Australien nach Argentinien, von Finnland nach Südafrika. Und überall ließ sie Kinder - und Erwachsene - davon träumen, selbst einmal Freund eines Delfins sein zu können. Zumindest für ein paar Minuten. Drei Delfinarien gab es auf der Welt, bevor die Dreharbeiten zu Flipper begannen. Heute sind es 200, 60 davon stehen in Europa.

Die Zeit, als Flipper zweimal starb

Nach den Dreharbeiten zu "Flipper" aber waren Susie und Kathy plötzlich überflüssig geworden. Im Miami Seaquarium schwammen sie einsam ihre Runden, der Trainer der großen Top-Deck-Show weigerte sich, mit ihnen zu arbeiten. Sie waren ihm zu verwöhnt. Susie verkaufte man deshalb als Original-Flipper an einen Wanderzirkus in Europa. Sie starb kurz darauf an einer Lungenentzündung.

Auch im Leben von Ric O'Barry war plötzlich nichts mehr so, wie es einmal war. Tagelang sperrte er sich in seinem Zimmer in Coconut Grove ein und dachte nach. Er verkaufte seinen Porsche, wurde Vegetarier und flog nach Indien. Als er zurück nach Florida kam, rief man ihn ins Seaquarium, er solle sich beeilen, es sei dringend. In Windeseile radelte er zu Kathys Becken. Was er sah, machte ihn sprachlos. Kathys Rücken und ihr Kopf waren übersät mit schwarzen Blasen, sie lag an der Oberfläche und bewegte sich kaum. Ric O'Barry sprang zu ihr ins Wasser. "Sie kam zu mir in die Arme, wir berührten uns einen Moment. Dann spürte ich, wie das Leben aus ihr wich", sagt Ric O'Barry, und er kann das nicht sagen, ohne dass er anfängt zu weinen. "Als Kathy in meinen Armen starb, starb auch ein Teil von mir." Ric O'Barry wurde Aktivist, von einem Tag auf den anderen. Heute befreit er Delfine aus der Gefangenschaft, auch wenn er dafür selbst ins Gefängnis muss.

Inzwischen hat Ric O'Barry ziemlich viel von dieser Welt gesehen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Nina Klein, 02.10.2009
1.
Screcklich was mit den armen Tieren passiert. Heute läuft auf dem Filmfest Hamburg die Dokumentation "Die Bucht". Gezeigt wird die schreckliche Abschlatung und der Verkauf von ca. 30.000 Delphinen jedes Jahr in einer Bucht in Japan. Guckt nicht weg!
h-p spittler, 03.10.2009
2.
Warum kommt keine der großen Organisationen (WWF/Greenpeace) auf die Idee, !!richtig groß!! angelegte Aktionen zum Boykottaufruf von Waren aus Ländern, welche solch unsägliche Verbrechen an der Tierwelt begehen, zu initialisieren? Es muss doch möglich sein, z.B. den Japanern diese Grausamkeiten zu vergällen. Zum Thema Delphintraining und Delphinarien sei gesagt, dass hier, und dies muss auch für alle anderen Tierarten gelten, allerstrengste Auflagen zur artgerechten Haltung der Tiere gesetzlich verordnet werden müssen. Haltung in viel zu kleinen und wenig tiefen Becken, etc. ...fürchterlich Artgerechte Haltung in Gefangenschaft, sowieso ein Paradoxon. Wenn Tieren schon die Freiheit genommen wird, dann sollte die Haltung das Höchstmass an Natürlichkeit und Würde gewährleisten. Wie schon im vorherigen Beitrag schon geschrieben, GUCKT NICHT WEG !!!!
C.F. Romberg, 02.10.2009
3.
es ist eine Schande das immer noch Delfine gefangen werden um in Delfinarien ausgestellt zu werden, noch trauriger das viele Menschen immer noch in Scharen diese besuchen...;( auch der Fang von Tunfisch lässt viele Delfine verenden, man sollte tunlichst Tunfisch nicht mehr kaufen!!!
Antonietta Tumminello, 23.10.2009
4.
Die unmittelbarste Gefahr für Wale und Delphine sind die kilometerlangen Treib-, Schlepp- und Stellnetze der Fischer. Wenn sich die Tiere darin verfangen, ersticken sie qualvoll, weil sie unter Wasser keine Luft bekommen und zum Atmen nicht an die Wasseroberfläche können. Über sechs Millionen Delfine sind in den letzten Jahren in den Ring- und Treibnetzen der Thun- und Tintenfischfänger zugrunde gegangen. Noch sterben jährlich Zehntausende von Delfinen im östlichen tropischen Pazifik in den Ringnetzen der Gelbflossen-Thunfischfänger. Jahrelang wurden von der Marine der USA und Russland Delfine gefangengehalten, um diese für militärische Zwecke auszubilden und entsprechend einzusetzen. In Chile werden jährlich einige Tausend der seltenen und stark bedrohten Chilean-, Commerson-, Peale's- und Dusky-Delfine getötet, um ihr Fleisch als Krabbenköder zu verwenden. Auf der japanischen Insel Iki spielen sich jedes Jahr gräßliche Szenen sinnloser und bestialischer Tierquälerei ab. Dies mit der Begründung, daß Delfine die Fischer konkurrenzieren. Die getöteten Delfine werden zu billigem Düngemittel verarbeitet.
Wilhelm Schmidt, 13.12.2013
5.
Alles Lug und Trug beim Film! Das "niedliche Collie-Weibchen" Lassie war ein Rüde, das lange Fell verdeckte den kleinen Unterschied.
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