Fernsehtürme Wer hat den Längsten?

Fernsehtürme: Wer hat den Längsten? Fotos
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Techniktraum oder Politsymbol: Fernsehtürme sollten einst viel mehr sein als nur Sendeanlagen. Jahrelang wetteiferten deutsche Großstädte um die eleganteste "Betonnadel". Doch in Wirklichkeit ging es immer nur um eine Frage. Von

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Im Anfang war das "Wort zum Sonntag". In den fünfziger Jahren drang die christliche Erbauungssendung nur zu wenigen Zuschauern vor, und dafür gab es technische Gründe: Das Fernsehen war noch jung, Empfangsgeräte waren selten, und die Fernsehwellen erreichten nur Teile Deutschlands. Wenigstens Letzteres wollte der Süddeutsche Rundfunk (SDR) aus Stuttgart ändern. Weil sein Verbreitungsgebiet im Württembergischen mindestens ebenso hügelig wie fromm war, war schnell klar, dass in der schwäbischen Metropole ein ziemlich hoher Sendeturm entstehen musste, der die bewegten Bilder so flimmerfrei wie irgend möglich auch nach Schwäbisch Hall und Bad Mergentheim schickte.

Das Problem, einen solchen Turm zu bauen, stellte sich nicht zum ersten Mal, und so lagen die Lösungen in den Schubladen der Planer eigentlich schon bereit: wuchtige, hochhausähnliche Bauten oder schlanke Masten aus Stahlgitter. So etwas wollte Fritz Leonhardt aber keinesfalls auf dem "Hohen Bopser", einer Anhöhe über seinem heimatlichen Stuttgart, dulden. Als Bauer kühner Brücken - während der Nazi-Zeit auch für Reichsautobahnen - hatte der Bauingenieur sich einen Namen gemacht. Jetzt bewarb er sich um das ausgeschriebene Projekt mit einem Turmentwurf ganz neuen Typs: Eine antike Säule imitierend, sollte aus dem Wald von Stuttgart-Degerloch eine 200 Meter lange Stahlbetonröhre wachsen, die sich zu ihrer Spitze hin verjüngte und auf zwei Drittel der Höhe eine runde, vierstöckige Besucherkanzel trug.

Stolz auf die "Riesen-Stricknadel"

Technisch sei das "gar kein großes Problem", versicherte Leonhardt skeptischen Statikern. Die Bauweise "in Kletterschalung" - dabei wird Stück für Stück ein Stahlgerippe in die Höhe geflochten und anschließend mit Beton umgossen - sei von modernen Fabrikschornsteinen bestens bekannt. Doch die sparsamen Schwaben vom SDR überzeugte vor allem eines: Das in der Kanzel geplante Restaurant und die Aussichtsplattform sollten die Baukosten des Turmes schon bald durch die Eintrittsgelder von Besuchern hereinholen. Also erhielt Leonhardt den Zuschlag. Am 10. Juni 1954 stach SDR-Intendant Fritz Eberhard den ersten Spaten in den Boden der Turmbaustelle.

Nach eineinhalb Jahren Bauzeit und einer Budgetüberschreitung um mehr als das Doppelte war die "Riesen-Stricknadel" (DER SPIEGEL vom 14.3.1956) im Februar 1956 offiziell fertig. Der Sender auf der Spitze strahlte problemlos bis nach Bad Mergentheim und Schwäbisch Hall und vor allem: Die Besucher stiegen in Scharen auf den Turm. Bereits bis März 1957 waren es eine Million, und schon nach fünf Jahren hatten die Besucher die 4,2 Millionen Mark, die die neue Attraktion letztlich gekostet hatte, in den Kassen von Restaurant und Aussichtsplattform gelassen. Kurzum: Der Turm neuen Typs - vom SDR inzwischen in sein Senderlogo integriert - war ein voller Erfolg und der Stolz der Stadt Stuttgart.

Turmbau zu Berlin

Das war der Startschuss für einen beispiellosen Wettlauf: Auch andere Städte wollten so stolze Symbole ihrer Herrlichkeit vorweisen können, und so schossen schon bald überall in Deutschland Türme wie Pilze aus dem Boden. Allerdings nicht immer so schöne wie in Stuttgart, denn in den sechziger Jahren entwickelte Fritz Leonhardt auch noch den schmucklosen "Typenturm", einen "standardisierten Fernmeldeturm in Stahlbetonbauweise". Dieses Modell übertrug mit dem Richtfunk der Bundespost die Telefongespräche der Deutschen, hatte aber keine Besucherkanzel. Schöne Beispiele sind der Florianturm in Dortmund im Jahr 1959, der Olympiaturm in München 1968 und im selben Jahr der Heinrich-Hertz-Turm in Hamburg. Ein weniger schmuckes Exemplar ist der Funkturm auf dem Köterberg im Landkreis Lippe.

Besonders schön und vor allem groß sollte ein Fernsehturm aber dort werden, wo er ein ganzes politisches System repräsentieren musste: in Ost-Berlin. Schon 1956 hatten SPIEGEL-Reporter auf der Stuttgarter Turmbaustelle DDR-Funktionäre beobachtet und ihnen entlockt, dass das kleinere Deutschland ein "Objekt" nach diesem Vorbild an einem noch geheimen Ort plane. Im Jahr 1965 - mit der Verspätung von fast zwei Fünfjahresplänen - begannen dann mehrere Tausend "Werktätige" damit, den Alexanderplatz in Berlin-Mitte zum "neuen Herz der DDR-Hauptstadt" zu machen. Es sollte "den Aufbau des Sozialismus in der DDR sinnvoll zum Ausdruck bringen", so Ostberlins Chefplaner Joachim Näther. Vorgesehen für das Herz des Herzens: ein eleganter und fast 370 Meter hoher Fernsehturm.

Sozialismus in 200 Metern Höhe

Doch der Bau der Pracht-Säule lief zunächst nicht recht rund: Noch im ersten Baujahr wurde der Projektleiter abberufen, da - auch hierin folgten die Genossen dem Vorbild Stuttgart - die Baukosten um ein Vielfaches überschritten wurden. Außerdem waren Seile, Lifte, Klimaanlagen, Sicherheitsglas und Edelstahl in der geforderten Qualität nirgendwo in der DDR oder den sozialistischen Bruderstaaten zu bekommen und mussten für teure Valuta im kapitalistischen Westen eingekauft werden. Rechtzeitig aber zum 20. Geburtstag des Arbeiter- und Bauernstaats im Oktober 1969 stand der Turm dann doch - und überragte mit seinen 368 Metern die modernsten "Betonnadeln" des Klassenfeindes in Hamburg oder München um mehr als 70 Meter. Im Turmbau zumindest hatte der Sozialismus gesiegt.

Es war allerdings ein Sieg mit Makeln - zumindest zwei ziemlich offensichtlichen: Jedes Mal, wenn die Sonne ihre Strahlen aus wolkenlos-blauem Himmel nach Berlin schickte, erzeugten diese auf der edelstählernen Besucherkugel des wichtigsten Prestigebaus der religionsfeindlichen DDR eine weithin sichtbare Lichtreflexion in Kreuzform. Das sei "Dibelius´ Rache", kommentieren die Berliner, denn den gleichnamigen Bischof hatten die Kommunisten aus genau jenem Viertel vertrieben, in dem das "neue Herz" Ost-Berlins schlug. Einen weiteren "Baumangel" hatten die ausführenden Architekten - keiner von ihnen war SED-Mitglied - sogar sehr sorgfältig geplant: Der Eingang in die Besucherkugel wies direkt nach Westen. Das Erste, was der Turmbesucher sah, wenn sich die Fahrstuhltüren vor ihm öffneten, war also der riesige Mercedes-Stern auf dem Europa-Center unweit des kapitalistischen Ku´damms im Westteil der Stadt. Während dieser "Mangel" den DDR-Offiziellen offenbar nicht auffiel, soll "Dibelius' Rache" sogar Gegenstand von Stasi-Ermittlungen gewesen sein, die erst endeten, als ein Apparatschik des Politbüros dekretierte: Hier sei kein christliches Kreuz zu sehen, sondern ein großes "Plus für den Sozialismus".

Niedergang der hohen Türme

Rund 40 Millionen Besucher haben bis heute den Blick aus der Vogelperspektive auf das Brandenburger Tor und den Berliner Dom genossen. Doch die ganz große Zeit der eleganten "Betonnadeln" scheint unwiederbringlich vorbei: Telefonsignale werden heute per Satellit oder Glasfaserkabel statt durch Richtfunk übertragen, Mobiltelefone verbinden sich mit hässlichen grauen Stahl- oder Betonmasten, und ob sich das neue Digitalfernsehen per Antenne jemals gegen das verbreitete Kabel-TV durchsetzen wird, scheint zumindest fraglich. Auch die Menschen gehen weniger in die Höhe, Hamburgs Heinrich-Hertz-Turm beispielsweise ist seit Jahren geschlossen, und selbst die Mutter aller Türme in Stuttgart hält allein ihre Aussichtsplattform geöffnet - nicht mehr aber das Höhenrestaurant.

In der allgemeinen Turm-Misere setzte - einem verbreiteten Gerücht zufolge - allein die Stadt Hannover noch einmal ein langes Ausrufungszeichen: Als sie Ende der achtziger Jahre ihren schlichten alten Fernsehturm durch einen schlichten neuen Fernsehturm ersetzen wollte, im Genehmigungsverfahren jedoch entdeckte, dass dessen Bauplan mit "Modell Hamburg" überschrieben war, entschied sie, dass für die Landeshauptstadt allein ein "Modell Hannover" angemessen sei und die Planungen von Neuem beginnen musste.

Am Ende stand der "Telemax": 282 Meter hoch, 43.000 Tonnen schwer, das "Wort zum Sonntag" in digitaler Qualität - und ein quadratisch-wuchtiger Turmschaft, der sich zur Spitze hin nicht verjüngt. Elegant und preisgekrönt, aber mehr wuchtiges Hochhaus als kühne "Betonnadel".

Fritz Leonhardt jedenfalls hätte ihn nicht geduldet.

Anmerkung: In der ursprünglichen Version des Textes wurde Fritz Leonhardt als Architekt bezeichnet. Er war jedoch Bauingenieur. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Redaktion einestages

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Stefan Heder 03.12.2007
Leider ist der Artikel nicht genau recherchiert. Als 1969 der Berliner Fernsehturm eröffnet wurde, hatte er lediglich eine Höhe von 365 Metern. Erst in den 90er Jahren (1997), als die Telekom eine neue Antennen-Spitze auf dem Fernsehturm instalierte, "wuchs" der Turm um 3 Meter auf die heutigen 368 Meter Größe.
2.
C.F. Romberg 03.12.2007
interssant ist auch das z.b. der fernsehturm mannheim gar keine TV-signale mehr ausstrahlt! von dort wird nur noch radio und richtfunk uebertragen. alle fernsehkanaele im DVB-T standart werden vom benachbarten koenigsstuhl uebertragen, der uebrigens auch einer der ersten fernsehtuerme in betonbauweise deutschlands war. er wurde 1958 fertiggestellt.
3.
Matthias Siepmann 05.12.2007
Vorläufer der "Betonnadeln" waren die stählernen Funktürme, vom Eiffelturm bis zum "Langen Lulatsch" in Berlin. Interessant ist, das eine solche Ansammlung von städtebaulich fragwürdigen Betonröhren jenseits der Grenzen nicht zu finden ist.
4.
Sabine Köchers 06.12.2007
Sehr schade wenn zum Thema - Wer hat die längsten? - doch tatsächlich der drittgrösste Fernmeldeturm des Landes (Fernmeldeturm Nürnberg - Das Nürnberger Ei) komplett ausser Acht gelassen wird. Den ich (als Nürnbergerin) auch optisch ganz schön anzusehen finde und der mit einer Höhe von 292m (Antenne) resp. 236m (Ausichtsplattform) eben doch der drittgrößte in Deutschland ist.
5.
Steffen Genkinger 08.12.2007
>Vorläufer der "Betonnadeln" waren die stählernen Funktürme, vom Eiffelturm bis zum "Langen Lulatsch" in Berlin. Interessant ist, das eine solche Ansammlung von städtebaulich fragwürdigen Betonröhren jenseits der Grenzen nicht zu finden ist. Bei nur kurzem Nachdenken fallen mir die Beispiele in Toronto, Calgary, Vancouver und Moskau ein. Von einer rein deutschen Erscheinung kann also keinesfalls die Rede sein. Vielmehr muss ich Ihren Beitrag als typisch deutschen Versuch werten, eine in Deutschland entwickelte und weltweit erfolgreich verbreitete Technik, schlecht zu reden. Vor allem weil ihr Beispiel mit dem Eiffelturm völlig unpassend ist. Der Eiffelturm wurde als reiner Aussichtsturm für die Weltaustellung gebaut, der von der Pariser Bevölkerung anfangs als hässlich abgelehnt wurde und ja nach 20 Jahren wieder abgebaut werden sollte. Die Möglichkeit zur Nutzung als Antennenmast hat dann nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass er stehen bleiben durfte. Weiterhin glaube ich auch nicht, dass Ihnen der ursprünglich in Stuttgart geplante abgespannte Stahlfachwerkmasten bekannt ist. Dieser Entwurf war aus städtebaulicher Sicht mehr als fragwürdig und würde heute sicherlich nicht mehr stehen. Der Stuttgarter Fernsehturm steht dagegen zu Recht unter Denkmalschutz und wird selbst in Architekturfachkreisen vor allem aufgrund seiner Schlankheit und Ästetik als Designikone bezeichnet.
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