Fernweh vor 50 Jahren Gaga-Tour im Goggo

Fernweh vor 50 Jahren: Gaga-Tour im Goggo Fotos
Christian Verlag

Vier Kontinente, 80 Länder und 200.000 Kilometer: Ausgerechnet im Goggomobil brachen Peter Backhaus und Marlotte Aue 1957 zur Weltreise der etwas anderen Art auf. Das Paar chauffierte Massai-Krieger auf der Motorhaube, trank Champagner mit Scheichs und wehrte crackersüchtige Bären ab. Der Kinofilm, der unterwegs entstand, galt als vernichtet - ein halbes Jahrhundert nach dem Abenteuer ist er wieder zu sehen. Von

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Die schlanke Blondine mit den strahlend weißen Perlenzähnen war Peter Backhaus sofort aufgefallen, damals im November 1955 im "Orchideen-Café", einem angesagten Hamburger Tanzlokal. Marlotte hieß das kesse Mädchen, und es dauerte nicht lange, bis der smarte Tollenträger die 22-jährige Schuhverkäuferin mit dem ungewöhnlichen Vornamen "Dotti" nannte und sie, wie man damals so sagte, "ausführte".

Wahrscheinlich ist nie wieder eine junge Frau so lange ausgeführt worden - und so weit: Bevor Peter und Marlotte sich endlich das Ja-Wort gaben, kutschierte der Fremdsprachenkorrespondent bei einem Hamburger Südfrucht-Importeur seine Auserwählte erst einmal vier Jahre und neun Monate durch durch 80 Länder auf vier Kontinenten, insgesamt fast 200.000 Kilometer.

Und all das in einem Goggomobil. Das seltsame Gefährt, eine Art bundesdeutsche Kleinvariante des DDR-Trabant, bot einen Viertelliter-Zweitaktmotor mit 15 Pferdestärken; damit beschleunigte die bessere Asphaltblase mit dem Alfa-Romeo-artigen Kühlergrill auf bis zu 90 Sachen. Also nicht unbedingt erste Wahl für eine Weltreise. Zum Schlafen steckte das Paar die Füße im gerade drei Meter langen Autochen an der ausgebauten Rücksitzbank vorbei in den Kofferraum. Immerhin konnte der Fahrer seinen Untersatz zur Not selbst aus Schlammlöchern heben.

Von Dingolfing nach Indien

Die Gagatour im Goggo war eine Idee, wie sie wohl nur das Wirtschaftswunder-Deutschland der Nachkriegszeit möglich machte. Während die Adenauer-Republik demonstrativ Vorkriegswerte pflegte, war Deutschlands Jugend längst infiziert von der lockeren Lebensart der amerikanischen Besatzer - und nach Jahren der Isolation und Armut gierig auf den Duft der großen weiten Welt.

Wie Peter und Marlotte. Ob "die Erde wirklich rund ist und die Wüsten wirklich wüst, der Äquator heiß und die Anden hoch, ob es noch Indianer gibt und richtig wilde Löwen" wollten sie herausfinden, das trieb sie an, die scheinbar irrwitzige Idee umzusetzen. Finanzieren wollte Peter, der begeisterte Filmer, die Tour mit Hilfe seiner 16-Millimeter-Kamera - lange bevor heutige Globetrotter Film und Foto als Geldquelle entdecken, brannte er darauf, den Daheimgebliebenen "die Welt mit den Mitteln moderner Aufnahmetechnik in Farbe" zu zeigen.

Am 15. Oktober 1957 bricht das Paar in Hamburg auf. Ihr neues Zuhause: ein rot-weißes Goggo-Coupé 300 TS, amtliches Kennzeichen HH-MM 255, Kosename "Schnüffelchen". Ihr erstes Ziel: Indien. Das Goggo-Werk hat das Serienmodell für die weite Reise immerhin etwas getunt: "Schnüffelchen" hat jetzt 400 Kubik und einen vergrößerten Tank.

In großer Garderobe im Goggo

Das ist gut so, denn Weihnachten wollen die beiden in Bagdad feiern. Die Türkei, Syrien, den Libanon und Israel durchqueren sie in "nur" drei Wochen - und erreichen am 22. Dezember 1957 die Hauptstadt des Irak, wo noch König Feisal II. herrscht. Als hilfreich erweist sich unterwegs eine Ersatzreifenabdeckung, welche auf Anraten eines Freundes mit dem arabischen Schriftzug "Alemania tahajekom" versehen worden war: "Deutschland grüßt euch."

An Abenteuern herrscht dennoch von Anfang an kein Mangel, von anatolischen Ruckelpisten bis hin zu Kamelritten in der jordanischen Wüste - damals noch nicht Teil jeder Orient-Pauschalreise. Gerne erzählt Dotti später auch, ein Scheich in Bagdad habe ihrem Peter am Silvesterabend Bündel von Bargeld für seine blonde Begleitung geboten.

Das wundert Betrachter der Reisebilder kaum, achtete Dotti doch auch unterwegs genauestens auf ihre Garderobe. Stets entstieg sie dem Goggo wie aus dem Ei gepellt, leicht geschminkt und in topmodischen Kleidern oder Kombinationen - dabei hatte Peter Dotti überzeugen können, angesichts der Platzverhältnisse im rollenden Heim einige ihrer Lieblingskleider zugunsten von Ersatzteilen zurückzulassen. Als er ihre letzten Nylons als Ölfilterersatz benutzte, gab es allerdings doch Ärger.

Entschieden Low-tech

Das Goggo mochte winzig sein und technisch schlicht, durch ausgefeilte Ergonomie ließ sich so manches Manko wegorganisieren. Bis hin zu Zahnbürste und Kaffeetasse hatte in dem Miniatur-Wohn-Wagen jedes kleine Ding seinen festen Platz - schon, weil sich sonst die Kofferaum-Klappe nicht schließen lässt. Gekocht wurde auf der Motorhaube, zur Bettzeit kurbelte man die Frontsitze herunter, legte ein Holzbrett mit Matratze darüber, schüttelte das zusammengerollte Federbett auf - von wegen Schlafsack! - und zog die Vorhänge zu. Für etwas mehr nächtliche Bewegungsfreiheit hatte Peter ein Stück unten aus dem Lenkrad herausgesägt.

Entschieden Low-tech war auch die Navigation: Landkarten im Funzellicht statt GPS-Geokoordinaten. Das war misslich, als irgendwann irgendwo im indischen Nirgendwo die Straße einmal einfach endete: an einem Fluss. Kein Hinweis, kein Schild, gar nichts. Nach sieben Tagen Zwangspause, der Proviant war längst alle, setzte ein kleiner Raddampfer das Goggo über. Mangos kann Dotti fortan nicht mehr sehen.

Nachdem es seine Lenker tapfer hin und her durch den Subkontinent, bis hinauf nach Tibet und in den Himalaja, durch Malaysia und Thailand getragen hatte, ereilte "Schnüffelchen" schließlich ein ungerechtes Schicksal. Der japanische Zoll mochte den inzwischen schwer reparaturbedürftigen Kleinwagen nach mühsam ergatterter Frachtschiff-Passage von Saigon nach Yokohama nicht freigeben - das unrühmliche Ende der mobilen Dreierbeziehung.

Der Tacho springt auf 000'000

Doch die Dingolfinger Goggo-Werke stellten gerne Ersatz. Ab San Francisco durften Peter und Marlotte das brandneue "große" Goggo, Modell T 700 "Isar", chauffieren - das Paar ist für die Herstellerfirma Glas ein willkommener Werbeträger. Mit doppelt so viel PS (jetzt 30) und synchronisiertem Getriebe ging es nun kreuz und quer durch die USA, entlang der Panamericana bis nach Argentinien - und schließlich auch noch von Kapstadt bis nach Lagos einmal längs über den Schwarzen Kontinent.

Dabei erwies sich "Gitano", so der Spitzname des Zweit-Wagens, als ebenso vielseitig wie sein Vorgänger. Die Kühlerhaube des Goggos diente mal als treffliche Futterkrippe für amerikanische Grizzly-Bären, ein andermal als Spielplatz für peruanische Indio-Kinder nebst Lama, dann wieder als luftige Sitzgelegenheit für trampende Massai-Krieger. Deren Frauen, erinnert sich Dotti, "hatten noch nie eine blonde Frau gesehen, die haben mich angefasst, kicherten und wollten gucken".

Als auch der Tacho des "Gitano" im Herbst 1962 auf 000'000 sprang, wühlten sich die beiden Norddeutschen gerade durch den Flugsand Zentralafrikas - die Wüste, so stellten sie fluchend und schaufelnd fest, ist wirklich wüst. Nachdem ein Dorfältester vor dem aus dem Treibsand gebuddelten Goggo knieend Zauberformeln gemurmelt hatte, schien ihnen die Fahrt jedoch flüssiger voranzugehen. Und als ihnen an der Grenze zum Tschad ein herzliches "Jo wo gomm' Sie dänn hähr?" entgegenschallte, wähnten sich Peter und Dotti schon fast wieder daheim - die Frau des Zöllners hatte es aus Sachsen mitten nach Afrika verschlagen.

Restlos vernichtet - und wieder aufgetaucht

Großen Bahnhof und ein Happy End gab es, als die Weltenbummler im Juli 1962 nach fast fünf Jahren von der wohl längsten vorgezogenen Hochzeitsreise aller Zeiten zurückkehrten. Die Presse überschlug sich, und Dotti kaufte sich als erstes drei Paar schicke Schuhe.

Der anderthalbstündige Film, den Peter aus den Unmengen von Material zusammenschnitt, kam unter dem Titel "Traumreise zu Dritt" im März 1964 in die Lichtspielhäuser und wurde hoch gelobt. Dabei enthielt der Streifen viele der faszinierendsten Szenen gar nicht: Goggo-Produzent und Reise-Sponsor Glas hatte darauf bestanden, dass nur das aktuelle Modell "Isar" in dem Streifen zu sehen sein dürfe - die Abenteuer von "Schnüffelchen" fielen dem Schnitt zum Opfer, die Reihenfolge der Reise wurde für die Filmdramaturgie einfach umgedreht.

Noch schlimmer für die Nachwelt: Als die deutschen Kinos kurz darauf von den brandgefährlichen Nitro-Filmen auf Sicherheitsfilme umstellten, wurden sämtliche Kopien des Films der beiden Goggo-Globetrotter vernichtet. Das einzigartige Zeitdokument galt als unwiederbringlich verloren, bis die Filmemacher Matthias Kirketerp und Jörg Heyen 2004 bei Recherchen zur Geschichte des Goggomobils zwei verstaubte Bananenkartons auf dem Backhaus'schen Dachboden entdeckten. Der Inhalt: die Filmrollen mit den Originalaufnahmen. Zwei Jahre lang wurden das alte Zelluloid mühsam gereinigt, neu geklebt und digitalisiert - und der Film rechtzeitig zur 50. Wiederkehr der verrückten Weltreise im Goggomobil rekonstruiert.

Peter und Marlotte haben ihn noch gesehen. Im Juli 2007 ist Peter Backhaus, der charmante Tollenträger mit der 16-Millimeter-Kamera gestorben. Dotti, das flotte Mädchen aus dem "Orchideen-Café", die auch in der wüsten Wüste noch so chic zu sein verstand, ist ihm vor dreieinhalb Wochen gefolgt.

Text: Hans Michael Kloth

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Wolf Jahn 26.09.2008
Wir haben uns die DVD gekauft: Ein wirklich sehenswerter und amüsanter Film. Ergreifend auch die Kommentare der beiden Hauptdarsteller, als sie ihren Film noch einmal sahen.
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