Horrorklassiker "Die Fliege" Der Mensch-Insekt-Albtraum

Regisseur David Cronenberg verwandelte einen Labor-Nerd in ein säurespeiendes Fliegenmonster. Krass, kafkaesk, sehr eklig - der Film machte vor 30 Jahren eine neue Art des Body-Horrors populär.

ddp images/ Twentieth Century Fox

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Als sich seine Fingernägel lösen, merkt Seth Brundle: Dieses Experiment läuft schief. Entsetzt schaut der Wissenschaftler auf seine rechte Hand. Wo eben noch die Nägel waren, spritzt eine milchige Flüssigkeit heraus. Auch andere Körperteile wie Ohren oder Zähne fallen mit der Zeit ab. Dafür wachsen ihm Haare, dunkel und hart. Fliegenhaare. Denn eine Stubenfliege ist bei Brundles Teleportationsversuch in seine Kabine geflogen - und wurde mit ihm genetisch verschmolzen.

Sicher, Kinogeschichten über Forscher, die mit verwegenen Versuchen die Grenzen der Naturwissenschaften ausloten und dabei Monster erschaffen, gab es schon vor "Die Fliege". Dennoch war der Film anders, der am 15. August 1986 in den US-Kinos anlief. Nie zuvor hatte man die Verwandlung so drastisch dargestellt: mit einem Hauptdarsteller, der Schleim auf sein Essen würgte, um es zu verdauen.

Manche Zuschauer verließen die Vorführung. Die "New York Times"-Kritikerin Caryn James nannte die Fliegenkreatur "so abstoßend, dass selbst das 'Alien' wie eine Großmutter auf einem Norman-Rockwell-Gemälde erscheint". Plötzlich sprach die ganze Welt über Regisseur David Cronenberg und seine Art des Body-Horrors.

Meister der Mutationen

Gruselfans kannten den Kanadier seit den Siebzigerjahren. Bereits sein erster Spielfilm "Shivers" 1975 befasste sich mit körperlichen Veränderungen und Infektionen. Das Thema sollte zu Cronenbergs Leitmotiv werden. "Shivers" zeigte Menschen, die ein wurmähnlicher Parasit befiel. Mal kroch er aus dem Mund, mal brach er durch die Bauchdecke - ein Bild, das Ridley Scott später in seinem Schocker "Alien" kopierte.

Cronenbergs Filme waren immer blutig; am Set soll er regelmäßig nach "more blood" verlangt haben. Nicht umsonst erhielt er den Spitznamen "Dave Deprave", verdorbener David. Als einer der ersten Regisseure überhaupt zeigte er 1980 in "Scanners" einen explodierenden Kopf in Nahaufnahme.

Das Interesse an allem Körperlichen hatte David Paul Cronenberg früh entwickelt. Mit 19 Jahren schrieb er sich an der University of Toronto für Naturwissenschaften ein, brach das Studium aber nach einem Jahr ab. "Mein Temperament passte nicht zum Forschen", erklärte er 2015 in einem Interview. "Man braucht viel Geduld - die habe ich nicht."

Nach einem Literaturstudium und erfolglosen Anläufen als Autor fand Cronenberg im kanadischen Underground-Film seine Bestimmung. Durch all seine Werke zieht sich ein wissenschaftlicher Ansatz: Die Monster und Mutanten entstanden durch missglückte Experimente, nicht durch eine übernatürliche Kraft.

"Meine Version des sexuellen Erwachens eines Nerds"

So auch bei "Die Fliege", seinem internationalen Durchbruch auf der Basis einer Kurzgeschichte von George Langelaan, die 1958 bereits ins Kino kam. Im Original tauscht der Wissenschaftler den Kopf mit dem Insekt und nimmt sich schließlich mithilfe seiner Frau das Leben.

Cronenberg hatte den Film als Kind gesehen und sogleich Zweifel geäußert. "Wie kann das sein, dass ein Mann einen Fliegenkopf bekommt", fragte er einen Kinomitarbeiter. "Wo kommen die zusätzlichen Atome her?"

Entsprechend skeptisch las er 1984 das "Fliege"-Drehbuch. Doch das Angebot kam von Komiker Mel Brooks - und der hatte als Produzent von David Lynchs "Der Elefantenmann" bewiesen, dass er Fantasy-Geschichten mit Tiefgang entwickeln konnte. Das Drehbuch fand Cronenberg schwach, die Grundidee gefiel ihm: Der Wissenschaftler Seth Brundle sollte die Veränderung samt übermenschlicher Kräfte anfangs als positiv empfinden und sich langsam verwandeln, statt direkt als Halbfliege aus seiner "Telebox" zu steigen.

Jeff Goldblum musste sprechen lernen

Mit Brooks Genehmigung veränderte Cronenberg sämtliche Dialoge und ersetzte die Ehefrau durch eine Journalistin, in die sich Brundle verliebt. "Der Film ist meine Version des sexuellen Erwachens eines Nerds", erklärte der Regisseur später.

Als kompliziert erwies sich die Suche nach dem Hauptdarsteller. Viele Schauspieler lehnten es ab, mit Gesichtsmaske aufzutreten, weil dadurch ihre Mimik eingeschränkt sei. Doch für Cronenberg stand fest, dass man Seth Brundle so lange wie möglich erkennen musste, auch um Mitleid mit der Kreatur zu erwecken. Deshalb sollte der Schauspieler per Make-up verändert werden.

Am Ende fiel die Wahl auf den noch wenig bekannten Jeff Goldblum. "Er hatte als Einziger keine Angst, sondern zeigte sich begeistert von der Verwandlung", so Cronenberg. Goldblum erhielt Prothesen eingesetzt und musste mithilfe eines Sprechtrainers lernen, sich auch in seiner Maske zu artikulieren.

Für die Szenen, in denen Seth Brundle von der Decke hing, ließ Cronenberg ein Set bauen, das in einer Drehtrommel um die eigene Achse rotierte. Den größten Aufwand betrieb er fürs Filmfinale mit der endgültigen Verwandlung in das Mischwesen "Brundlefliege".

Cronenberg engagierte dafür Chris Walas. Der Special-Effects-Guru ließ für die "Brundlefliege" spezielle menschengroße Puppen anfertigen, die von sieben Personen bewegt wurden. Das Kinn konnte ausgerissen werden, der Fliegenkopf brach per Knopfdruck aus dem Schädel hervor. Alles sollte möglichst großen Ekel erregen.

Ekel und Aids-Paranoia

Walas erhielt für seine Arbeit einen Oscar, die Darsteller wurden nicht einmal nominiert. Dabei hatte vor allem Geena Davis in der Rolle der Journalistin Veronica Quaife viel Lob erhalten. Davis, auch im echten Leben mit Jeff Goldblum liiert, sorgte für die nötige Tragik im Film: Veronica musste zusehen, wie ihr Partner langsam an der Krankheit zugrunde ging.

1986 wirkte dieser körperliche Verfall für viele Zuschauer wie eine Allegorie auf die Aids-Epidemie. Cronenberg selbst sah den Film eher als allgemeine Reflexion über den Tod. Die Angst vorm Sterben - genau das würde den Film kommerziell erfolgreich machen, ahnte er.

Der Regisseur sollte recht behalten. "Die Fliege" spielte 40 Millionen Dollar ein, bei Produktionskosten von nur 15 Millionen. Cronenberg sagte, er habe sein Werk nach der Premiere nicht noch mal angeschaut. Aber gemeinsam mit dem Musiker Howard Shore entwickelte er daraus eine Oper. Sie wurde 2008, dirigiert von Plácido Domingo, einen Tag vor dem Geburtstag von Franz Kafka aufgeführt. Mit "Die Verwandlung" war Kafka der Urvater aller Mensch-wird-Insekt-Fantasien:

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt...
insgesamt 15 Beiträge
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Swami Angora, 16.08.2016
1. Alice Cooper
Das Original von "die Fliege" habe ich gesehen. Das Remake nicht. Wenn ich mir die Bilder ansehe, dann reicht es auch, stattdessen ein Video von Alice Cooper zu gucken.
Horst Frank, 16.08.2016
2. puuh
ja wie schön wäre es gewesen, wenn man uns in der Schule die Fliege hätte anschauen lassen als uns zu zwingen, "Die Verwandlung" von Kafka zu lesen. Folter ist garkein Ausdruck....
Susi Xlx, 16.08.2016
3. Was leider übersehen wurde
Cronenbergs "Die Fliege" ist selber schon ein Remake des gleichen Filmes von 1958. Der 58er ist sogar besser, wenn auch Cronenberg schickere Effekte hat
Karbon Ator, 16.08.2016
4. @Swami Angora
Da täuschen Sie sich, denn der Film hat ziemlich gar nichts mit Alice Coopers Werk zu tun - gehört er doch eindeutig zu den genialst-ekligsten Filmen überhaupt im Mainstreamkino, wobei stets eine bedrohliche Atmosphäre zu spüren ist. Das kann man von Alice Coopers Videos nicht behaupten. Die Fliege von Cronenberg gehört völlig zurecht zu den modernen Klassikern im Horror-Kino.
Olaf Nyksund, 16.08.2016
5. @ Swami Angora
Warum äußern Sie sich, zumal gleich abwertend, zu einem Film, den Sie ausdrücklich nicht gesehen haben? Der Film ist großartig, es handelt sich dabei keineswegs um ein "Remake". Im Gegenteil, der alte SW-Streifen war einfach nur naiv und nur für die Filmgeschichte von Relevanz. Cronenbergs Version hat mit dem Oldie nur das Thema gemeinsam, und das auch sehr locker, wie schon im Artikel treffend beschrieben. In der Tat ist die Aussage und die beklemmende Stimmung mit der von Kafkas Kurzgeschichte vergleichbar. Der Prozess der Entfremdung eines Menschen von seiner Umgebung, aber auch von sich selbst, steht im Vordergrund und schockiert mehr als die vermeintlichen "Ekel"-Bilder. Unbedingt sehenswert.
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