Von Nazis verfolgt Als Deutsche Asyl in der Türkei fanden

Tausende Akademiker flüchteten vor dem NS-Regime in die Türkei, weil sie Juden waren. Wohin gehören nun ihre Nachfahren? Der Dokumentarfilm "Haymatloz" beleuchtet ihr wenig bekanntes Schicksal.

Mind Jazz Pictures

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Flüchtlinge und Türkei? Da denkt man an die Millionen von Menschen, die vor allem aus Syrien und dem Irak, aber auch aus anderen Ländern dorthin flüchten - und viele davon weiter Richtung Europa, Richtung Deutschland. Kaum bekannt ist, dass die Türkei viele Jahre lang Zufluchtsort für Deutsche war, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, weil sie Juden waren oder Antifaschisten.

Sie wurden "haymatloz", ein Wort, das es so im Türkischen gibt. "Haymatloz" heißt auch der Dokumentarfilm der Journalistin Eren Önsöz, der am 27. Oktober in Deutschland in die Kinos kommt. Fünf Nachfahren von deutschen Flüchtlingen in der Türkei hat die Kölnerin Önsöz mit der Kamera begleitet und die Geschichte ihrer Familien erzählt.

Eine Tafel am Eingang der Universität von Istanbul erinnert an das dunkle Kapitel: "In Dankbarkeit dem türkischen Volk, das von 1933 bis 1945 unter der Führung von Staatspräsident Atatürk an seinen akademischen Institutionen deutschen Hochschullehrern Zuflucht gewährte. Im Namen des deutschen Volkes Richard von Weizsäcker, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, 29. Mai 1986."

Türkische Hochschulreform mit deutschen Wissenschaftlern

Weizsäcker war der erste Bundespräsident, der nach Theodor Heuss 1957 die Türkei besuchte - und der erste westliche überhaupt nach dem Militärputsch vom September 1980. Die Türken hegten die Hoffnung auf Annäherung an Europa. Weizsäcker wiederum nutzte die Gelegenheit, die Universität zu besuchen und an das Schicksal der deutschen Flüchtlinge zu erinnern.

Es waren Wissenschaftler, hochqualifiziert und oft Koryphäen ihres Faches, mehr als tausend, wie es in manchen Quellen heißt. Rechnet man die Familienmitglieder mit, waren es sogar bis zu 5000 Menschen, die fortan in der Türkei lebten. Genaue Angaben gibt es nicht. Klar ist, dass etwa ein Drittel der Professoren an deutschen Universitäten ihre Stellung verloren, nachdem die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen waren.

Im "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933, also gut zwei Monate nach der sogenannten Machtergreifung, heißt es: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen."

Atatürk, Gründervater der Republik Türkei, sah darin eine Chance für sein Land. Er wollte die Türkei unbedingt in den Westen führen und machte sie zu einem laizistischen Staat, verbot die arabische Schrift und führte die lateinischen Buchstaben ein. Die jungen Menschen in der Türkei sollten eine Ausbildung nach westlichem Vorbild erhalten, Atatürk arbeitete an einer Universitätsreform. Die in Deutschland verfolgten Wissenschaftler kamen da wie gerufen. Sie sollten dort neue Hochschulen und Institute aufbauen.

Ein Leben zwischen Deutschland und der Türkei

Der Pathologe Philipp Schwartz war einer der Ersten, die ihre Chance sahen und nach Istanbul flüchteten. "Wir wären auch in Auschwitz. Das war unsere Alternative", sagt seine Tochter Susan Ferenz-Schwartz heute. Als ihre Familie in die Türkei flüchtete, war sie erst ein Jahr alt. "Dort, in Istanbul, hatten wir ein wunderbares Leben. Aber es war auch von Furcht geprägt, vor den Reichsdeutschen, die es in Istanbul ja auch gab." Man habe immer befürchtet, dass man doch noch festgenommen und nach Deutschland in ein Lager gebracht werde. "Die Anspannung war stets zu spüren."

Ferenz-Schwartz hat die Türkei als junge Frau verlassen, hat in London und New York studiert und in der Schweiz als Psychiaterin gearbeitet. Ist sie Deutsche? Türkin? Oder Schweizerin? "Es gehört zu unserem Schicksal, dass wir no man's people sind, dass wir nirgends zu Hause sind. Das ist Schicksal, das ist Kismet."

Ihr Vater war in der Türkei hochangesehen und gründete die "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland". Mit seiner Hilfe kamen viele Wissenschaftler in die Türkei, auch der Vater von Kurt Heilbronn. Alfred Heilbronn war Pflanzengenetiker und gründete in Istanbul das botanische Institut. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er dort eine Türkin, Sohn Kurt wurde in Istanbul geboren. Er ist Psychologe und Therapeut und pendelt heute zwischen Deutschland und der Türkei. "Ich kann nicht allzu lange in Deutschland bleiben und nicht allzu lange in der Türkei. Also reise ich viel hin und her", sagt er und lacht. In der Türkei werde er als Türke gesehen. Und aus seinem Nachnamen machen die Türken einfach "Halilburan" oder "Halilibrahim".

Kampf gegen Klischees

Susan Ferenz-Schwartz und Kurt Heilbronn sind zwei der fünf Protagonisten im Film "Haymatloz". Fünf Menschen, die der Türkei dankbar sind für die Aufnahme ihrer Familien, für diese Lebensrettung, die aber die heutige Türkei eher kritisch sehen.

Fünf Menschen, an denen Regisseurin Önsöz auf ein nahezu vergessenes Kapitel deutsch-türkischer Geschichte aufmerksam macht. In der Türkei vergessen, weil der heutige Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan Atatürk als größten türkischen Staatsmann vom Sockel stoßen will und daher ungern an dessen Taten erinnert wird. "Und in Deutschland passt der akademische Austausch nicht in das Bild des minderbemittelten Gastarbeiters, nicht in das Klischeebild der Türkei", sagt Önsöz. Seit den Fünfzigerjahren sei das Thema in Deutschland tabuisiert worden. "Positives in Bezug zur Türkei hat man immer ignoriert oder negiert."

Der Film soll dazu beitragen, das zu ändern. Und daran erinnern, dass Flucht auch mal in die andere Richtung stattfand.

"Haymatloz - Exil in der Türkei"

    Deutschland 2016

    Drehbuch und Regie: Eren Önsöz

    Produktion: HUPE Film- & Fernsehproduktion

    Verleih: mindjazz pictures

    Länge: 95 Minuten

    Start: 27. Oktober 2016



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