Film im Nationalsozialismus Kinospaß nach Nazi-Maß

Braun werden auf die zarte Art: Welche Spielfilme die Volksgenossen in den deutschen Lichtspielhäusern sahen, überließ die NS-Propaganda keineswegs dem Zufall - sie sorgte sogar dafür, dass nicht allzu viel braunes Brimborium den Leuten die Lust am Nationalsozialismus verdarb.


Die filmische Inszenierung des Nationalsozialismus begann mit einem Fehlstart. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, verfügte höchstpersönlich diesen "nationalen Kitsch" zu unterlassen. Gemeint waren die ersten wenig überzeugenden Beiträgen über die nationalsozialistische Bewegung wie "S.A.-Mann Brand" (1933) und "Hans Westmar" (1933). Propaganda sollte durch Staatsaufträge in die Kinos gelangen - also unter kontrollierten Bedingungen.

Das geschah noch im selben Jahr mit dem Märtyrerdrama "Hitlerjunge Quex". Der Film richtete sich offenbar an den noch nicht vom Nationalsozialismus überzeugten Teil der Bevölkerung. Der Streifen erzählt die Geschichte eines kommunistisch geprägten Mannes, der der "falschen" politischen Lehre "auf den Leim gegangen" und noch zu "bekehren" sei.

Der Großteil der Filmproduktion allerdings hatte weit weniger politische Plots. Schließlich sollten die deutschen Bürger ihre Freizeit mit leicht verständlichen Kinofilmen verbringen. Goebbels verfügte, dass 80 Prozent der Titel Amüsement und nur 20 Prozent "nationale Erziehung" bieten sollten. Letztere sollten vor allem durch die unbewusste Beeinflussung des Kinozuschauers wirken. Mit der offensichtlichen Propaganda verschwanden jedoch auch die alltäglichen Zeichen des Nationalsozialismus wie der Hitlergruß und die Hakenkreuzfahnen aus den meisten Unterhaltungsfilmen. Auch der Zweite Weltkrieg wurde verhältnismäßig selten thematisiert.

Zensierte Filmwelt

Der Grund war einfach: Es ging um Geld. Denn vor ihrer Veröffentlichung mussten die Filme von der Filmprüfstelle des Propagandaministeriums abgenommen werden. Das Problem: Filme bieten jeweils verschiedene Lesarten. Eine Kontrolle sämtlicher Bedeutungspotentiale eines Films ist schlichtweg unmöglich. Wenn Goebbels und sein Ministerium aber einen Streifen anders deuteten, als der Regisseur es beabsichtigt hatte, hieß das für das Werk: Neuschnitt oder Verbot. Das war teuer. Weil die Filmindustrie jedoch auf wirtschaftliche Rentabilität angewiesen war, verzichtete man von vornherein auf die nationalsozialistischen Alltagszeichen wie Hitlergruß und Hakenkreuz, um eine falsche Deutung von vorneherein auszuschließen.

Seit 1933 steuerte die "Reichsfilmkammer" das Filmangebot der deutschen Lichtspielhäuser, indem sie eine Zwangsberufsgenossenschaft ins Leben rief. Ein Ausschluss bedeutete für Filmschaffende Berufsverbot. Zudem vergab die im gleichen Jahr gegründete Filmkreditbank nur Darlehen an Filmprojekte, die vorher eingehend geprüft worden waren. 1934 wurde schließlich die Vorzensur offiziell mit dem modifizierten "Reichslichtspielgesetz" eingeführt.

Kritik war höchstens in Komödien möglich - dort jedoch auch nur, wenn sie harmlos genug erschien, wie Karsten Witte in seinem Buch "Lachende Erben, toller Tag: Filmkomödie im Dritten Reich" anmerkt. Vorsichtshalber, so Witte, wurde jedoch der visuelle Gag vollständig durch den Wortwitz ersetzt. Dieser ließ sich besser kontrollieren, da er bereits in den zur Vorzensur abzugebenden Drehbüchern ausgestaltet war.

Widerstand in "Ästhetische Opposition"

War der Großteil der Spielfilme im Nationalsozialismus also nur harmlose Unterhaltung? Keineswegs. Stephen Lowry weist in seiner Dissertation "Pathos und Politik: Ideologie in Spielfilmen des Nationalsozialismus" nach, dass auch scheinbar unpolitische Filme durch Ideologien des Nationalsozialismus geprägt wurden. Allerdings erschließt sich das nicht unbedingt auf den ersten Blick - auch nicht für den Kinobesucher der dreißiger Jahre. Fiktion, Wirklichkeit und nationalsozialistische Ideologie verschmelzen zu einem filmischen Potpourri.

Das Kino vermittelte gewisse Verhaltensregeln und war zugleich Vorbild für das reale Leben der Zuschauer. Die Unterhaltungsfilme im Nationalsozialismus erzogen auf diese Weise den Einzelnen zur Unterordnung und zum Aufschub der persönlichen Wünsche. Vor allem Frauen wurden zur Passivität und der Annahme des Rollenbildes als treu sorgendes Heimchen gedrängt. Weibliche Erotik und Sinnlichkeit wurden eingedämmt, der Krieg positiv umgedeutet und potenzielle Kritik durch Komik entkräftet.

Nur wenige Regisseure entzogen sich der ideologischen Prägung und Instrumentalisierung ihrer Filme. Wenn schon kein Widerstand und eine gleichzeitige Vermarktung möglich waren, gestalteten einige Filmemacher ihre Streifen dennoch so, dass der Transport ideologischer Elemente unterlaufen werden konnte. Einer der wichtigsten Vertreter dieser "Ästhetischen Opposition" war Helmut Käutner. In seinem Film "Romanze in Moll" (1943) geschieht am Ende das, was die nationalsozialistischen Ideologien um jeden Preis verhindern wollte.

Entlarvte Scheinwelt

Käutner erzählt die Geschichte einer verheirateten Frau, die eine Affäre mit einem Komponisten beginnt. Der Chef ihres Mannes erfährt von dem Verhältnis und zwingt sie, sich auch ihm hinzugeben. Aus Verzweiflung begeht die Protagonistin Selbstmord. Der Komponist tötet daraufhin den Vergewaltiger und trägt eine Handverletzung davon, die das Ende seiner Karriere bedeutet. Der Ehemann leugnet vergebens den Schmerz und bricht zusammen. Die Liebe scheitert an den gesellschaftlichen Umständen. Eine Versöhnung oder eine positive Umdeutung scheinen zu keinem Zeitpunkt möglich zu sein. Im letzten Bild zeigt die Kamera in einer Nahaufnahme die tote Protagonistin.

Und dann passiert es: Das Gesicht der Heldin verschwimmt in einer Unschärfenblende. Die filmische Welt tröstete nicht. Sie heiterte nicht auf. Sie lenkte nicht ab. - Sie löste sich einfach auf. In einer einzigen Einstellung wurde die gesamte nationalsozialistische Scheinwelt ad absurdum geführt.

Filme wie "Romanze in Moll" blieben die Ausnahme, doch auch staatlich in Auftrag gegebene Propaganda- und Prestigeprojekte waren nicht repräsentativ für den Film während des Nationalsozialismus. Vielmehr dominierten die Genres der Komödie, des Lustspiels, des Melodrams, des Liebesfilms, des Historiendramas und der Revue - in vielfach ideologisch imprägnierter, eingedeutschter Form. Durch eine Beschränkung der Anzahl von Propagandafilmen erreichte Goebbels eine Art Qualitätssicherung.

Pathetischer Abgesang auf den Nationalsozialismus

Für die offizielle Darstellung des "Dritten Reichs" im Film gab es daher kaum Konkurrenz. Den gültigen Ausdruck für die Selbstinszenierung des Nationalsozialismus im Film stellt Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" (1935) dar. Durch moderne Kamera- und Montagetechniken verlieh Riefenstahl den teils extra für den Film durchgeführten Massenritualen eine unerreichte emotionale Wirkung. Diese ist so stark, dass die häufig zitierten Bilder dieser Inszenierung noch heute einen Teil unserer Vorstellungen vom Nationalsozialismus bestimmen.

Zu diesem Ergebnis kommt Marcel Schwierin in seinem Film-Essay "Ewige Schönheit". Ähnliches gilt seiner Meinung nach für Veit Harlans "Kolberg" (1945), in dem eine deutsche Kleinstadt todessüchtig "bis zur letzten Patrone" gegen die Übermacht napoleonischer Truppen kämpft. Der mit 8 Millionen Reichsmark teuerste deutsche Propagandafilm eignete sich kaum noch, das Volk zum Durchhalten zu ermutigen. Dazu kam er zu spät.

Vielmehr erscheint der Film als pathetischer Abgesang auf den Nationalsozialismus - ganz im Sinne von Goebbels, der am 17. April 1945 an seine Mitarbeiter folgende Durchhalteparole richtete: "Meine Herren, in hundert Jahren wird man einen schönen Farbfilm über die schrecklichen Tage zeigen, die wir durchleben." Der Farbfilm wurde mit Oliver Hirschbiegels "Der Untergang" (2004) tatsächlich gedreht. Allerdings ganz und gar nicht im Sinne des Propagandaministers.



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