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Entstehung des Film noir Ungeschminkt und brutal

Film noir: Hollywood im Zwielicht Fotos
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Mit den Filmen der "Schwarzen Serie" drängten Mitte der Vierzigerjahre zwielichtige und niederträchtige Charaktere auf die Leinwand. Hollywood porträtierte plötzlich sogar die Mittelschicht in den düstersten Farben - und veränderte damit das Kino für immer. Von

Ein Mann sitzt im nächtlichen Halbschatten eines Büros. Schweißperlen rinnen an seiner Wange hinab, er ist schwer verletzt. Mühsam zündet er sich eine Zigarette an und spricht das Geständnis eines Mordes in ein Tonbandgerät: "Ich bin's, Walter Neff, Versicherungsagent, 35 Jahre alt, unverheiratet, keine sichtbaren Kennzeichen. Es ging um viel Geld. Und um eine Frau. Ich verlor beides, sie und das Geld. Pech."

Im amerikanischen Original hört sich das noch ein bisschen lakonischer an: "Yes, I killed him. I killed him for money. And for a woman. I didn't get the money and I didn't get the woman. Pretty isn't it?" Diese Sätze, der Schauspieler Fred MacMurray spricht sie zu Beginn des Films "Frau ohne Gewissen" von 1944, klingen heute unfreiwillig komisch, fast wie eine Parodie. Das liegt an der Ikonisierung, die Filme der sogenannten "Schwarzen Serie" Hollywoods im Laufe der Jahrzehnte durch zahlreiche Hommagen und augenzwinkernde Neu-Interpretationen von begnadeten Regisseuren wie den Coen-Brüdern oder Quentin Tarantino erfahren haben.

Damals, vor 70 Jahren, waren diese vor Selbsthass triefenden Sätze nicht nur eine Universalzusammenfassung des Film noir. Sie waren ein Skandal. Vor allem, weil Fred MacMurray sie sprach, damals einer der bestbezahlten Schauspieler Hollywoods, der allerdings bis dahin eher als grundguter Kerl in seichten Komödien zu sehen gewesen war. Nachdem andere Größen wie Alan Ladd, James Cagney oder Gregory Peck aus Angst um ihre Karriere abgesagt hatten, gewann Regisseur Billy Wilder ausgerechnet MacMurray für die zwielichtige Rolle des smarten, aber naiven Versicherungsverkäufers, der Lust und Gier verfällt. Die Rolle der ruchlosen Femme fatale besetzte er mit Barbara Stanwyck, zu jener Zeit Hollywoods berühmteste Aktrice - und gab sie der Lächerlichkeit preis, indem er sie betont billig als Flittchen inszenierte, unter anderem mit einer absurden, blonden Perücke.

Laster, Verbrechen - und nirgends ein Detektiv in Sicht

Es war, als hätte man über den hellsten Lichtgestalten der Traumfabrik die Scheinwerfer ausgeknipst, und natürlich ging es in der "Schwarzen Serie" auch darum. Die moralische Schwarz-Weiß-Malerei Hollywoods wurde unter Anwendung aller Schattierungen von Schwarz zu einer Grauzone: Verbrechen, Wollust und Niedertracht - das war der Unterschied zu den Gangsterfilmen der Dreißigerjahre - waren keine exklusiven Laster der ohnehin verdorbenen Unterwelt mehr. Sie manifestierten sich nun auch im Bürgertum. Und nirgends ein tapferer Detektiv, der im letzten Augenblick Waffe und Dienstmarke zückt, um Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Billy Wilders Film, "Double Indemnity" heißt er im Original, ist so wegweisend für den besonderen Stil des Film noir, weil er ihm einen Weg in den Mainstream ebnete. Zwar gab es bereits 1941 den finsteren Krimi "Der Malteser Falke" mit Humphrey Bogart als Detektiv Sam Spade, und Alfred Hitchcock hatte sich mit "Im Schatten des Zweifels" (1943) tief in die Abgründe amerikanischer Provinzialität gewagt.

Doch es brauchte die zwingende Kombination aus zwei unorthodox besetzten Superstars, einem aus Europa geflüchteten Regisseur wie Wilder, der den vor allem im deutschen Kino entwickelten Expressionismus nach Hollywood importierte, sowie zwei Meistern des Pulp-Romans, die für Story und Drehbuch verantwortlich waren: James M. Cain und Raymond Chandler. Kameramann John F. Seitz sorgte zudem für einen einzigartigen Look des Films, ein faszinierendes Spiel aus Schatten und schrägen Perspektiven, das eine aus der Balance geratene Welt und das moralische Zwielicht eindrucksvoll illustrierte. Sein Stilmittel, Gesichter im streifig durchbrochenen Licht einer Jalousie zu zeigen, der sogenannte "Venetian Blind"-Effekt, wurde zu einem der ästhetischen Hauptmerkmale des Film noir.

"Zynisch im Ton, erbärmlich im Geschmack"

"Frau ohne Gewissen" wurde 1945 für sieben Oscars nominiert, von denen er keinen gewann. Seine Popularität ermutigte Filmemacher in den folgenden zehn Jahren dennoch dazu, Noir-Klassiker wie "Die Wendeltreppe", "Gilda", "Die blaue Dahlie", "Tote schlafen fest", "Berüchtigt" oder "Die Nacht des Jägers" zu drehen. Wilder selbst legte 1945 mit dem schockierenden Alkoholikerdrama "Das verlorene Wochenende" nach.

Es war jedoch lange unklar, ob ein Film wie "Double Indemnity" überhaupt realisiert werden konnte. Denn zu jener Zeit herrschte in Hollywood der Hays-Code, eine strikte Vorgabe, wie viel Amoralität und Grausamkeit den Kinozuschauern zugemutet werden durfte. Bestsellerautor Cain veröffentlichte seine Kurzgeschichte 1935, und alsbald fanden sich mehrere Studios, die den auf einem wahren Mord basierenden Stoff verfilmen wollten. Das Urteil der von der Filmindustrie zur Selbstkontrolle eingesetzten Hays-Kommission war jedoch eindeutig: "Durch ihren generell zynischen Ton und erbärmlichen Geschmack ist diese Geschichte völlig unakzeptabel für eine Kinopräsentation vor einem gemischten Publikum", schrieb der damals verantwortliche Zensor Joseph Breen. Die "Abstumpfung des Publikums gegenüber dem Verbrechen" sei unbedingt zu vermeiden.

Die Story wanderte in den Giftschrank und konnte erst 1944, nach dem Erwerb durch Paramount und einem sensibel formulierten Treatment Billy Wilders mit Einschränkungen am Hays-Office vorbeimanövriert werden. Die Blütezeit der "Schwarzen Serie" konnte beginnen.

Von der Kriegspropaganda zu einem neuen Realismus

Sie dauerte nur kurz. Dem offiziellen Kanon folgend, endete sie bereits 1957 mit Orson Welles' "Im Zeichen des Bösen", doch ihr Einfluss auf die Gegenwartsrezeption währt bis heute, quer durch alle popkulturellen Genres, in nahezu jedem Kriminal- und Gesellschaftsdrama zu spüren: von kunstvollen Comic-Hommagen wie Frank Millers "Sin City" über stilisierte Thriller wie Nicholas Winding Refns "Drive" bis hin zu ambitionierteren TV-Serien wie "Breaking Bad", "House of Cards" oder "Fargo" und skandinavischen Krimis wie "Die Brücke" oder "Borgen". Selbst in einem ambitionierteren "Tatort" können sich Noir-Elemente finden.

Französische Filmkritiker waren nach 1944 die Ersten, die diese Veränderung im US-Kino wahrnahmen und als bemerkenswert feierten. Stil und Tonalität der "schwarzen" Hollywoodfilme hielten bald auch Einzug in die "Clair obscur"-Ästhetik des französischen Kinos. Und die Entwicklung ging weiter: "Im Verlauf der Jahre wurde das Hollywood-Licht immer düsterer, die Charaktere korrupter, die Themen fatalistischer und die Atmosphäre hoffnungsloser", schrieb Paul Schrader, später Drehbuchautor des Neo-Noirs "Taxi Driver", 1972 in einem Essay. "Nie zuvor hatte das Kino es gewagt, das amerikanische Leben einer so brutalen, ungeschminkten Betrachtung zu unterziehen."

Schrader sah vor allem in der zehrenden Depressionsära der frühen Dreißigerjahre den Grund für den Perspektivwechsel der Drehbuchautoren und Filmemacher. Zu Zeiten der Wirtschaftskrise und des Kriegs sei das Kino gebraucht worden, um die Leute bei Laune zu halten, wenn nicht gar Durchhaltepropaganda zu verbreiten. Als Reaktion darauf hätten einige Regisseure nach dem Krieg zunehmend den Wunsch verspürt, nun das echte Leben abzubilden.

"Das ist keine wohlriechende Welt!"

Und aus noch einem Grund beeinflusste der Krieg den neuen Trend in Hollywood: Im Film noir mischte sich der expressionistische Stil der zahlreich in die USA emigrierten europäischen Filmemacher wie Wilder, Robert Siodmak, Fred Zinnemann oder Otto Preminger mit der uramerikanischen Tradition des Hard-boiled-Krimis und der Pulp-Novelle, wie sie von Dashiell Hammett, Cain oder Chandler popularisiert worden war.

Raymond Chandler war es auch, der das Credo der "Schwarzen Serie" 1944 in einem Essay auf den Punkt brachte: "The streets were dark with something more than night" ("Die Straßen waren schwarz nicht vom Dunkel der Nacht allein."), schrieb er und entwarf das Bild einer "Welt, in der Gangster ganze Nationen beherrschen können und beinahe schon die Städte kontrollieren. Es ist keine wohlriechende Welt, aber es ist die Welt, in der du lebst."

Ein Satz, der siebzig Jahre später - nach Krieg gegen den Terror, Finanzkrise und steigender Wirtschaftsnot - nichts von seiner Aktualität eingebüßt zu haben scheint. Der mordende Versicherungsagent Walter Neff von einst ist der Walter White aus "Breaking Bad" von heute.

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Clemens Rosenberg, 22.07.2014
...vielleicht doch eher "Pity, isn't it?"
2. Film Noir
Nils Holstein, 22.07.2014
Ich würde jedoch den schon 1938 entstandenen Film Renoirs, "La Bête humaine" hinzuzählen. Auch hier wird Morbidität durch die illustre, recht expressionistisch angehauchte Betonung von helldunkel bzw. Licht-Schatten-Effekten, und den gerade in der Nacht aktiven Vorgängen der Protagonisten deutlich betont.
3. Herrliches Genre!
Johann Sauer, 22.07.2014
ich liebe diese Filme nach wie vor. Trocken, nüchtern, ohne emotionalen Kitch, aber dennoch romantisch. Was für echte Männer halt.
4. Völlig sinnentstellt
Special Symbol, 22.07.2014
Wie kann man den Text nur so übersetzen? Wo kommt der Versicherungskaufmann (außer aus dem Kontext möglicherweise) her, wo der anscheinend unbedingt nötige Verweise auf - keine sichtbaren Kennzeichen? Also eher eine Nichtsaussage? Kein Wunder dass der Film unfreiwillig komisch wirkt.
5. Der Vollständigkeit halber, ....
Andreas Neubert Neubert, 23.07.2014
... hätte man noch "Blade Runner" erwähnen können.
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