Filmdiva Hedy Lamarr Sexbombe in geheimer Mission

Filmdiva Hedy Lamarr: Sexbombe in geheimer Mission Fotos
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Berühmt für den ersten Filmorgasmus, berüchtigt für ihre Affären: In den Dreißigern galt Schauspielerin Hedy Lamarr als schönste Frau der Welt. Niemand ahnte, dass der dunkelhaarige Vamp in seiner Freizeit an einer Waffentechnologie forschte, die die moderne Kriegsführung revolutionieren sollte. Von

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"Loni! Loni!", ruft die schöne Eva ihrem Pferd hinterher. In der Gluthitze des Sommertages hatte sie für ein Bad im See ihr Kleid abgestreift und auf Lonis Rücken gelegt. Doch nur kurz nachdem sie ihre ersten Züge gemacht hatte, war ihr Pferd davongestoben - und mit ihm ihr Kleid. Verzweifelt flüchtet die Nackte nun ins Unterholz. Doch schon naht Rettung: Der hübsche Adam hat Loni eingefangen und führt sie zurück. Er bleibt vor Eva stehen und mustert ihren makellosen Körper, während sie sich im hohen Gras zu verstecken versucht. Ein Lächeln huscht über seine Lippen.

Als der tschechische Film "Ekstase" 1933 in die Kinos kam, sorgte er für einen Skandal: Nicht nur, weil seine 19-jährige Hauptdarstellerin darin minutenlang nackt zu sehen war. Sondern auch, weil sie den ersten Filmorgasmus in einem nichtpornografischen Film auf die Leinwand brachte. Natürlich brachte der Film in der ganzen Welt Sittenwächter gegen sich auf. Und natürlich saß so mancher männliche Zuschauer gebannt am Ende des Films vor dem Nachspann und wartete, bis der Name der so schönen wie freizügigen Hauptdarstellerin erschien: Hedy Kiesler.

64 Jahre später, am 12. März 1997, versammelte sich das Gremium der amerikanischen Electronic Frontier Foundation, einer gemeinnützigen Gesellschaft, die sich den Bürgerrechten im Internet widmet, in Washington, um den EFF Pioneer Award zu verleihen - einen Preis, der alljährlich für die Stärkung des Individuums in der Computernutzung vergeben wird. Der diesjährige Gewinner sollte geehrt werden für die Erfindung des Frequenzsprungverfahrens, das den abhörsicheren Mobilfunk, drahtlose Netzwerkverbindungen und mobiles Internet, wie wir sie heute kennen, erst möglich gemacht hat. Doch der äußerst scheue Preisträger, der sein Gesicht seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich gezeigt hatte, schickte nur einen Stellvertreter: Anthony Loder, ein Telefonverkäufer aus Los Angeles, erklomm das Rednerpult und startete ein Tonband mit der Dankesrede des Erfinders - seiner Mutter: Hedy Kiesler.

Sie hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Leben hinter sich, das dramatischer war als jede ihrer Filmrollen: Sie war vom Papst beschimpft und mit einem Waffenhändler verheiratet worden, hatte den Namen gewechselt und war zur schönsten Frau der Welt gekürt worden. Und sie hatte auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes eine Erfindung gemacht, die so genial war, dass ihre Produzenten ihr verboten, darüber zu sprechen. Genialität gehörte nach deren Auffassung nicht in den Zuständigkeitsbereich einer Filmdiva. Nur Schönheit.

Im goldenen Käfig des Patronenkönigs

Von ihrer Schönheit hatte Hedy Kiesler, die am 9. November 1914 in Wien als Tochter eines jüdischen Bankdirektors und einer Konzertpianistin geboren worden war, schon als Teenager profitiert: Auf der Schauspielschule war sie zwar nicht durch außergewöhnliches Talent aufgefallen. Doch ihr Aussehen öffnete ihr Türen im Filmgeschäft: 1931 durfte die 17-Jährige in "Man braucht kein Geld" an der Seite von Heinz Rühmann spielen - und neckisch im hautengen Badeanzug auf dem Boden herumrollen. Der tschechische Regisseur Gustav Machatý zeigte sich beeindruckt von Kieslers Lolita-Appeal - und machte sie mit "Ekstase" 1933 so berühmt wie berüchtigt. Papst Pius XI. verurteilte den freizügigen Film öffentlich. Schnell wurde er in Deutschland und den USA verboten. Doch auch, wenn der Film kommerziell floppte: Er machte Hedy zum Sexsymbol.

Ihre Eltern hatten jedoch andere Pläne für die Tochter: Noch 1933 verheirateten sie Hedy mit dem 14 Jahre älteren Fritz Mandl, bekannt als "Patronenkönig". Als einer der größten Waffenproduzenten Europas machte dieser unter anderem Geschäfte mit Adolf Hitler und Benito Mussolini. Für Mandl war seine attraktive Frau vor allem eine Trophäe, mit der er auf Geschäftstreffen Kunden beeindruckte. Stundenlang saß sie lächelnd neben ihm und lauschte Gesprächen über Waffen, Geld oder technische Details wie die Störanfälligkeit der Funkfernsteuerung von Torpedos.

Zu ihrem Leidwesen entpuppte sich ihr Gatte als Kontrollfetischist: Er zwang sie, vom jüdischen Glauben zum Katholizismus überzutreten. Er versuchte, alle Exemplare von "Ekstase" aufzukaufen, damit niemand seine Frau nackt sehen konnte. Er ließ sie nicht einmal alleine schwimmen gehen und stellte ein Hausmädchen ab, das sie stets im Auge haben sollte. Nach vier Jahren Ehe ertrug sie es nicht mehr: Sie betäubte ihre Haushälterin mit Schlaftabletten, die sie in den Kaffee gab, und floh nach London.

Dort traf sie den Filmproduzenten Louis B. Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer (MGM), der sich auf Talentsuche befand. Er war von der dunkelhaarigen Schönheit sofort verzaubert. Mit dem Schiff "Normandie" reisten sie in die USA, und noch an Bord unterschrieb Hedy einen Filmvertrag mit MGM für fünf Jahre. Doch weil Mayer nicht mit dem Skandal um "Ekstase" in Verbindung gebracht werden wollte, bestand er darauf, dass sie ihren Namen ändern müsse. Aus Hedy Kiesler wurde "Hedy Lamarr" - inspiriert durch Barbara La Marr, eine Filmdiva, die 1926 nach schwerer Heroinsucht gestorben war. Von bösen Omen ließ sich die Österreicherin offenbar nicht irritieren.

Sexbomben und Funk-Torpedos

Bald wurde Lamarr, von MGM als "schönste Frau der Welt" beworben, zu einer der begehrtesten Frauen der Traumfabrik: Auf der Leinwand war sie auf die Rolle der exotischen Verführerin abonniert - ob als Geliebte des Meisterdiebs Pepe Le Moko in "Algiers", als ägyptisch-arabische Schönheit Tondelayo, die weißen Kolonisten in "White Cargo" den Kopf verdreht oder als betrügerische Philisterin in "Samson und Delilah". Sogar für die weibliche Hauptrolle in "Casablanca" wurde sie in Betracht gezogen. Auch privat wurde die Diva dem Ruf als männermordender Vamp gerecht: Sechs Ehen und Scheidungen und etliche Affären mit Schauspielern, Filmproduzenten, Musikern und einem texanischen Ölbaron durchlebte sie im Laufe ihrer Karriere.

Ein Mann, der mehr als all ihre Affären und Ehen ihrem Leben eine völlig unerwartete Wendung geben sollte, war der Avantgarde-Komponist George Antheil. Lamarr lernte ihn 1940 auf einer Dinnerparty in Hollywood kennen. Die Schauspielerin, die sich sehr für Musik interessierte, freundete sich schnell mit Antheil an und besuchte ihn oft. Sie spielten Klavier und redeten über Musik, Kunst und die Frage, wie sie die USA im Kampf gegen das NS-Regime unterstützen könnten. Wie Lamarr war Antheil, der vor Hitler aus Europa geflohen war, aus persönlichen Gründen ein leidenschaftlicher Gegner des Nationalsozialismus.

Bei einem dieser Treffen kam - wahrscheinlich, weil Lamarr sich an Ausführungen ihres Ex-Mannes Mandl erinnerte - die Rede auf den effektiven Einsatz von Torpedos. Feindliche Schiffe konnten ungelenkten Torpedos damals leicht ausweichen, und über Funk gesteuerte Torpedos konnten vom Feind durch Blockieren der jeweiligen Funkfrequenz gestört werden. Ihnen kam eine Idee: Wenn der Torpedo und der Steuersender unablässig die Funkfrequenz wechseln könnten, wäre es unmöglich, die Verbindung zu blockieren. Der Frequenzwechsel müsste nur absolut synchron erfolgen.

Antheil kam ein weiterer Geistesblitz: In den zwanziger Jahren hatte er das "Ballet Mécanique" verfasst, ein von 16 vollautomatischen Klavieren aufgeführtes Musikstück. Über auf Walzen geführte Lochkarten wurden die Klaviere gesteuert - und spielten absolut synchron im Takt. Man müsste lediglich das Prinzip auf Torpedos übertragen und statt Klaviertasten die Funkfrequenzen wechseln und hätte eine blockierungssichere Fernsteuerung. Lamarr und Antheil begannen, ihre Idee konkreter auszuarbeiten: Antheil und Lamarr nahmen erste Kontakte zur Marine auf, die Schauspielerin verbrachte ihre Freizeit nun häufiger am Flottenstützpunkt der Marine in San Diego bei Experimenten zum Frequenzsprungverfahren. Schließlich schickten sie einen Entwurf ihrer Idee an das National Inventors Council, den amerikanischen Dachverband der Erfinder. Charles Kettering, der Direktor des Gremiums, schrieb ihnen persönlich zurück und riet ihnen, das Prinzip patentieren zu lassen.

"Eine Art Frankenstein"

Am 11. August 1942 war es so weit: Das US-Patent Nr. 2.292.387 für ein "Geheimes Kommunikationssystem", das zwischen 88 Funkfrequenzen (die den 88 Tasten auf einem Klavier entsprachen) wechselte, wurde ausgestellt. Lamarr und Antheil stellten es kostenlos der US-Marine zur Verfügung. Die aber zeigte kein Interesse: Zu absurd schien den Militärs die Vorstellung, Teile aus einem Klavier zur Waffensteuerung zu verwenden. Und so wurde der Zweite Weltkrieg ohne die Unterstützung des Komponisten und der Diva gewonnen. Erst 1957 forschte das US-Militär weiter an der Idee des Frequenzsprungverfahrens. 1962 kam die neue Funktechnologie schließlich zum ersten Mal während der Kuba-Krise zum Einsatz - als Lamarrs und Antheils Patent längst abgelaufen war.

Die Anerkennung für ihre Erfindung ließ noch Jahrzehnte auf sich warten: Erst, nachdem das US-Militär in den achtziger Jahren die Technologie des Frequenzsprungverfahrens freigegeben hatte, entfaltete sich das wahre revolutionäre Potential der Erfindung. Denn nicht nur Torpedos, auch die Kommunikation zwischen mobilen Telefonen, Funknetzwerke und mobiles Internet lassen sich durch das Verfahren störungs- und abhörsicher machen. Praktisch jedes Smartphone, jeder Laptop und jedes Navigationssystem operiert heute auf Basis der Erfindung der Filmdiva. Eine Berliner Initiative rief gar seit 2006 den 9. November - Hedy Lamarrs Geburtstag - zum "Tag der Erfinder" aus, an dem in Europa die innovativsten Denker geehrt werden sollen.

Lamarr konnte den späten Ruhm nicht mehr genießen: Nachdem ihr Vertrag mit MGM ausgelaufen war, waren ihr kaum noch Rollen angeboten worden. Ende der fünfziger Jahre zog sie sich völlig von der Außenwelt zurück. In etlichen Schönheitsoperationen versuchte sie, ihre Jugend zu konservieren, doch selbst ihr Sohn Anthony Loder fand, wie er 2004 im Film "Calling Hedy Lamarr" erklärte, sie habe sich "in eine Art Frankenstein" verwandelt. Selbst mit engen Freunden kommunizierte Lamarr am Ende nur noch am Telefon. Als sie am 19. Januar 2000 tot in ihrem Haus in Florida aufgefunden wurde, war ihr Name im Showgeschäft längst kein Begriff mehr. Ihre letzten Schlagzeilen hatte sie 1966 mit Ladendiebstählen in Los Angeles gemacht. Loder erinnert sich: "Sie sagte, sie hätte es getan, weil sie fand, dass die Welt ihr etwas schuldig geblieben war."

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Steffi Eiden 03.08.2011
Hedy Lamarr ist Jüngeren vor allem als vektorbasierte Darstellung auf den CorelDraw Packungen bekannt, gegen die sie damals auch klagte.
2.
Brigitte Feldmann 03.08.2011
Paul Wallfisch, das 'enfant terrible' der Wallfisch-Familie, hat mit Botanica eine wunderbare Reminiszenz an Hedy Lamarr geschaffen: http://www.youtube.com/watch?v=NXP1F-W1j9w
3.
Lorenz Frank 04.08.2011
Hier ein fachlich etwas genauerer Artikel zu der Urban Legend, dass Hedy Lamarr etwas erfunden hätte, worauf die heutige Mobilfunktechnologie beruhen würde: http://www.faz.net/artikel/C30950/erfindungen-deconstructing-hedy-lamarr-30024248.html Abgesehen davon, dass Frau Lamarr über ihren reichen Ehemann vermutlich nur das Patent für Herrn Antheil finanziert hat und deshalb sowie aus Imagegründen als Miterfinderin genannt wurde. Warum nur sind auch keine weiteren Erfindungen bzw. Beiträge zur Nachrichtentechnik mehr von ihr bekannt geworden... Abgesehen davon war das Frequenzsprungverfahren an sich zum Zeitpunkt des Patents weder neu noch ist es prinzipiell störungs- oder abhörsicher. Auch der funkgesteuerte Torpedo war schon längst von J. H. Hammond Jr. erfunden und patentiert. Alle praktisch eingesetzten ferngesteuerten Torpedos sind drahtgelenkt, wodurch die von Antheil/Lamarr patentierte Erfindung überflüssig ist. Auch die Story mit der "geheimen Mission" ist Quatsch: Jedes Patent wird veröffentlicht und ist damit für jedermann zugänglich. Gerade deshalb sind ja wirklich geheime Methoden bzw. Waffen NICHT patentiert, weil sie dann veröffentlicht werden müssten und zwangsläufig nicht mehr geheim sind.
4.
Dr. Robert Kuhn 04.08.2011
Danny Kringiels Beitrag hat mir gut gefallen. Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass der 1. Filmorgasmus "nur mimisch auf Hedys Gesicht (zu sehen war). Als Ekstase-Stimulans diente angeblich ein Stich mit einer Sicherheitsnadel in den Po" (s. Robert Kuhn, PastFinder Wien, S. 59).
5.
Andre Beaupoil 05.08.2011
Na, also viel mehr als in dem Wikipedia-Eintrag zu Hedy Lamarr habe ich da jetzt nicht entdecken können... schade drum.
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