Filmfund in Prag Grausame Sieger

Augenzeugen hatten nach dem Zweiten Weltkrieg von der gezielten Tötung deutscher Zivilisten berichtet - Bilder von tschechischen Verbrechen gab es nicht. In Prag ist ein Amateurfilm aufgetaucht, der Erschießungen auf offener Straße zeigt. Jahrzehntelang waren die Aufnahmen versteckt worden.

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Jahrzehntelang lagen die vergessenen Bilder in einer runden Aluminiumdose: knapp sieben Minuten Originalaufnahmen in Schwarz-Weiß, gedreht auf acht Millimeter am 10. Mai 1945 im Prager Stadtteil Borislavka, in jenen wirren Tagen nach der Kapitulation der Deutschen.

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Aufgenommen hatte sie der Prager Bauingenieur und Hobbyfilmer Jiri Chmelnicek. Er wohnte im Viertel und wollte die Befreiung der Stadt dokumentieren. Chmelnicek filmte Panzer, die durch die Straßen rollten, Soldaten und Flüchtende. Und irgendwann dann auch Kolonnen von Deutschen. Rotarmisten und tschechische Milizionäre hatten sie aus ihren Häusern in der Kladenska Straße gejagt.

Die Deutschen, auch das zeigt der Film, wurden anschließend in einem nahe gelegenen Kino, dem "Borislavka", zusammengetrieben. Dann schwenkt die Kamera an den Straßenrand. Mit dem Rücken zum Objektiv stehen über 40 Männer und mindestens eine Frau, im Hintergrund ist eine Wiese zu sehen. Es fallen Schüsse, nacheinander sacken die aufgereihten Menschen zusammen, fallen nach vorn auf einen kleinen Wall vor ihnen. Am Boden liegend, flehen Verwundete um Gnade. Dann rollt ein Lastwagen der Roten Armee heran, seine Reifen zermalmen Leichen und Schwerverletzte. Später sind andere Deutsche zu sehen, die auf der Wiese ein Massengrab ausheben müssen.

Die verwackelten Bilder zeigen, was Augenzeugen und Historiker immer wieder beschrieben haben: die gezielten Tötungen von deutschen Zivilisten. Und trotzdem haben sie die Tschechen nun schockiert. "Es gab bisher keinerlei Filmmaterial von diesen Hinrichtungen", sagt der tschechische Dokumentarfilmer David Vondracek, der die historischen Aufnahmen ins Fernsehen brachte. "Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war das wie eine Live-Übertragung aus der Vergangenheit." Einzig Aufnahmen eines Kamerateams der U. S. Air Force waren bisher bekannt: Sie zeigen verletzte, am Boden liegende Deutsche in Pilsen Anfang Mai 1945, teilweise auch Tote, nie jedoch Liquidierungen.

Vondraceks Dokumentation über tschechische Verbrechen (Titel "Töten auf Tschechisch"), die ausgerechnet zwei Tage vor dem 8. Mai zur besten Sendezeit im staatlichen Fernsehen lief, ist vorläufiger Höhepunkt eines Aufarbeitungsprozesses, dem sich die Tschechen schon seit Jahren stellen. Das haben sogar die Verbände der Sudetendeutschen registriert. Als erster bayerischer Ministerpräsident seit dem Zweiten Weltkrieg will Horst Seehofer Prag demnächst einen offiziellen Besuch abstatten. Es sei "vieles aufgebrochen, was die Sudetendeutschen anbelangt", so Seehofer.

Etwa drei Millionen Deutsche vertrieben die Tschechen und die Rote Armee nach der Niederlage Hitler-Deutschlands aus dem Sudetenland und dem Rest der Tschechoslowakei. Bis zu 30.000 Zivilisten fielen dabei Racheaktionen zum Opfer. Die wenigsten darunter waren Nazi-Täter, jahrzehntelang hatten Deutsche und Tschechen Tür an Tür gelebt, bis Hitler Böhmen und Mähren 1938 annektierte.

Wer die Deutschen in Borislavka damals auswählte und was ihnen vorgeworfen wurde, ist nicht bekannt. Getötet wurden sie wahrscheinlich von Rotarmisten, vielleicht auch von "Revolutionsgarden", tschechischen Milizen. Unter jenen, die die gezielten Schüsse abgaben, könnten auch ehemalige Kollaborateure gewesen sein, Tschechen, die zuvor mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten und die sich nun durch besondere Grausamkeiten von ihrer Schuld reinwaschen wollten.

Helena Dvorackova, Tochter des Hobbyfilmers Jiri Chmelnicek, war eine der Ersten, die die Bilder der Hinrichtungen sah. Wie alt sie damals war, als der Vater zu Hause die Leinwand aufbaute, und den Film laufen ließ, weiß sie nicht genau. "Ich weiß auch nicht mehr, ob er etwas dazu sagte, aber es gab ja auch nicht viel zu sagen."

Ihr Vater hielt die Filmrolle jahrzehntelang zu Hause versteckt, die kommunistische Polizei war deswegen sogar bei ihnen gewesen, irgendjemand hatte mitbekommen, dass an dem Tag gedreht worden war. Sie haben nach dem Film gefragt, ihm gedroht und versucht ihn mit Versprechungen zu locken. Doch er hat ihn nicht rausgerückt. Er wollte, dass die Welt irgendwann einmal erfährt, was an jenem Maitag in Borislavka wehrlosen Menschen angetan wurde.

Helena Dvorackova bot das Zeitdokument schon vor zehn Jahren, lange nach dem Tod ihres Vaters, einem bekannten tschechischen Fernsehhistoriker an. Der aber hielt es unter Verschluss: "Die Leute werden mich steinigen, wenn ich das zeige", soll er gesagt haben. Dann stellte er es in die Archive des Staatsfernsehens. Dort fand es dann Dokumentarfilmer Vondracek, nachdem er einen Hinweis von einem Kameramann erhalten hatte, der die Familie des Hobbyfilmers kannte.

Borislavka ist heute einer der besseren Stadtteile von Prag, die Wiese, auf der die Exekutionen stattfanden, ist mit hohem Gras bewachsen. Vondracek will jetzt nach dem Massengrab der Deutschen suchen lassen: "Es müsste unter der Wiese zu finden sein", sagt er.

Ganz in der Nähe einer Gedenktafel für zwei Tschechen, die am 6. Mai 1945 im Kampf gegen die Nazis fielen.

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insgesamt 23 Beiträge
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Olaf Nyksund, 03.06.2010
1.
Bei ganzer selbstverständlichen Abscheulichkeit solcher Verbrechen, egal von wem begangen: Es gibt da einen Spruch: "A la guerre, comme a la guerre". Es war Krieg. Es herrschten, nach der "Befreiung" durch die Sowjetarmee, vielerorts chaotische Zustände. Mir ist persönlich die Geschichte eines Polen jüdischen Glaubens bekannt, der (auf dem Rückweg in seine westpreußche Stadt aus dem von den Westallierten befreiten KZ) von den Sowjets erschossen wurde, weil die sowjetischen Soldaten seinen jiddischen Akzent als deutschen missgedeutet haben, ergo "Volksdeutscher", ergo töten. Das waren, gerade in diesen ganzen "gemischten" Gebieten (Sudetenland, Westpreußen, Ostpreußen, Posen...) Zustände, die möchte keiner so live erleben. Ich hatte genug davon von Zeitzeugen gehört. Das alles rechtfertigt, wie gesagt, ein solches Verbrechen nicht im Geringsten, aber: -> die Tschechen können mit Fug und Recht "we didn't start the fire" sagen; -> am Anfang des Zweiten Weltkrieges waren solche Massaker auf eine viel größere Skala von der deutschen Seite an der Tagesordnung - ich sage nur "Selbstschutz"; -> Krieg bedeutet am Ende auch: Vergeltung. Bleibt zu hoffen, dass dieser und ähnliche Fälle (wie etwa die bis heute nicht identifizierten Toten von Malbork) aufgeklärt werden, sine ira et studio und ohne dass sie irgendwelchen Menschen mit eingeschränkter Sichtweise zu ihren "Relativierungstheorien" weiter verhelfen.
ulli basser, 03.06.2010
2.
Krieg ist immer grausam und ungerecht - welcher Krieg ist gerechtfertigt? Warum sollten Sieger anders handeln, als die Besiegten? Es gibt keinen Krieg, in dem keine Kriegsverbrechen verübt werden. Nazi-Deutschland hat seine kriegerische Aggression der anderen Staaten verloren - wir können darüber nur froh sein! So wie die Nazi-Deutschen die anderen Völker hingerichtet hat, hat es eben in diesem Fall es selbst erfahren müssen - mit einem Sprichwort zu beenden: wie man in den Wald hinein ruf, so schallt es heraus!
Lukas Lichte, 03.06.2010
3.
Es hat schon seit 1945 glaubhafte Aussagen und Zeugenberichte von Verbrechen gegen deutsche Zivilisten gegeben. Zu den Zeugen gehören internationale Rotkreuz-Vertreter, entlassene alliierte Kriegsgefangene aber auch Tschechen und Polen selbst. Versuche, diese Aussagen in der Bundesrepublik gesammelt herauszugeben wurden zum Großteil von Vertriebenenverbänden und politisch konservativen Gruppen und Parteien untergenommen. Damit wurde sofort der Verwurf "Altnazis", "Revanchisten", "Ewiggestrige" usw. laut, auch im eigenen Land. Und natürlich durfte auch die Entschuldigung nicht fehlen, die Deutschen hätten den Krieg angefangen, die Opfer (Alte, Frauen und Kinder) seien also quasi selbst schuld. Umso positiver ist es nun einzuschätzen, dass nun nach über 65 Jahren eine neue Generation auf beiden Seite der Grenze herangewachsen ist, die von weniger Vorurteilen und eigenem Schicksal belastet offen und neugierig an dieses Thema herangeht. Eine historische exakte und neutrale Aufarbeitung ist nur zu wünschen. PS: Kleine Korrektur zum Text von Bild 7: Der Krieg in Europa war am 10. Mai noch nicht zu Ende. Noch bis zum 20. Mai wurde auf der holländischen Insel Texel gekämpft: Deutsche Wehrmacht gegen ehem. georgische Hilfstruppen.
Sascha Otto, 03.06.2010
4.
>Warum sollten Sieger anders handeln, als die Besiegten?.... wie man in den Wald hinein ruf, so schallt es heraus! Warum sie anders handeln sollten ? Weil das Handeln nach dem biblischen Prizip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, die Sieger zu Tätern macht, die sich aus freien Stücken auf die gleiche Stufe stellen, wie die Bestien in deutscher Uniform. ergo: Kriegsverbrecher gehören vor ein Gericht. Egal, welche Uniform, Nationalität oder persönliche Beweggründe zu ihren Taten führten.
Olaf Nyksund, 03.06.2010
5.
@ Sascha Otto: Sie haben vollkommen Recht, während Sie das aus der Perspektive eines Mittelwesteuropäers schreiben, im Warmen sitzend und nachdem seit über 20 Jahren die Gefahr eines großen Krieges in Europa gebannt zu sein scheint - hoffentlich nicht nur "scheint". Versetzen Sie sich aber in die Lage der damaligen Tschechien. Nach einem Krieg, den Ihr Volk nicht verschuldete, nach Jahren Deportation, Demütigung, Not, Folter, Exekutionen, nachdem es in praktisch in jeder Familie irgend jemand von der NS-Regime verschleppt, gequält, umgebracht wurde. Jetzt, auf einmal, stehen die Verbrecher vor Ihnen - wehrlos, gestern noch Herrscher über Leben und Tot, heute haben sich die Rollen gedreht. Zudem ist die eine Macht weg und die andere noch nicht angekommen. Keiner weiß, was weiter kommen wird, außer, dass die Peiniger von eben plötzlich ohne Schutz da stehen. (Ob das wirklich diejenigen sind, die töteten, folterten und entwürdigten? Das wissen wir nicht. Das ist in der beschriebenen Situationsdynamik auch egal.) Ich glaube grundsätzlich an das Gute im Menschen, aber in diesem Fall weiß ich wirklich nicht, wie ich mich verhalten würde. Vor allem wenn entsprechender Gruppendruck entsteht und die momentane Situation als permissiv erscheint, da offensichtlich die (zu dem Zeitpunkt noch als Freunde und Aliierte empfundenen) Befreier selbst nicht zimperlich sind. Wie gesagt, aus der heutigen Friedens- und Wohlstandsperspektive ist es ein Leichtes, Moralapostel zu spielen. Ich betone noch einmal: dies soll kein Versuch sein, dieses oder andere Verbrechen zu relativieren (falls jemand auf die vage Idee kommen sollte), aber _nachvollziehbar_ ist solch ein Verhalten für mich allemal.
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