Filmgeschichte Das Kino und der Krieg

Peter Ustinov und David Niven als Propaganda-Macher? Als britische Soldaten drehten die Stars mit anderen prominenten Kollegen 1942 einen Ausbildungsfilm für die britische Armee. Aus dem Trainingsstreifen entstand 1944 der Propaganda-Spielfilm "The Way Ahead" - Premiere war ausgerechnet am D-Day.

British Film Institute

Von Olaf Brill


Im April 1996 kam Peter Ustinov ins Kino des Imperial War Museums in London, um der Wiederaufführung eines Films beizuwohnen, den er seit mehr als fünfzig Jahren nicht gesehen hatte. In seiner Rede erinnerte Ustinov sich, dass ihm im Krieg einmal befohlen worden war, einen Fußmarsch von 18 Meilen zurückzulegen, um diesen Film zu sehen - einen Film, dessen Drehbuch er gemeinsam mit dem Krimiautor Eric Ambler geschrieben und in dem er selbst mitgespielt hatte.

Es handelte sich um den 42-minütigen Army-Trainingsfilm "The New Lot", in dem die Geschichte von fünf Rekruten geschildert wird, die zur Army eingezogen und auf den Kriegseinsatz vorbereitet werden. Der Film galt jahrzehntelang als verschollen und gelangte erst zurück nach London, als eine Kopie davon im Nationalen Filmarchiv Indiens gefunden wurde. Zuvor war über lange Zeit nur bekannt, dass "The New Lot" der Vorläufer eines anderen, größeren Werks war: des britischen Kriegsfilms "The Way Ahead", der 1944 herauskam. "Betrachtet man 'The New Lot' als Kammerkonzert", sagte Ustinov 1996, "dann war 'The Way Ahead' die voll orchestrierte Version."

Im Jahr 1942 befand sich Großbritannien mitten im Krieg. Die Royal Air Force hatte in der Luftschlacht um England Hitlers Invasionspläne abgewehrt. Doch viele britische Städte waren bombardiert worden, darunter London und die Industriestadt Coventry, die fast vollständig zerstört wurde. Nun flogen britische Flugzeuge Luftangriffe auf Ziele in Nazi-Deutschland, und in Nordafrika kämpften britische Truppen gegen Rommels Afrikakorps. Zuhause in England war eine schwierige Lage dadurch entstanden, dass der Großteil der männlichen Bevölkerung zwischen 20 und 30 Jahren einberufen worden war. Zur Verstärkung der Truppe begann die Churchill-Regierung nun damit, auch ältere Männer und Jugendliche zu rekrutieren. In der Army kamen so viele Männer aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zusammen, allesamt unerfahren im Waffendienst und mit einer für sie neuen und unerwarteten Situation konfrontiert.

You're in the Army now

Aus diesem Grund gab die psychiatrische Abteilung der Army die Produktion eines Lehrfilms in Auftrag. "The New Lot" wurde nur für den internen Gebrauch gedreht und sollte allen neuen Rekruten während der Grundausbildung gezeigt werden. Er sollte schildern, wie Neulinge in der Army dem Soldatenleben zuerst ablehnend gegenüberstehen und dann doch zu einer Truppe zusammengeschweißt werden, die in der Lage ist, im Kriegseinsatz zu bestehen und die Heimat gegen den Feind zu verteidigen. Realisiert wurde dieses Projekt von der Film Unit der Army, in deren Dienst Soldaten standen, die zum Teil bereits bekannte Filmleute oder aufstrebende Talente waren oder auch erst nach dem Krieg zu großen Filmstars wurden.

Der Gefreite Peter Ustinov war zu diesem Zeitpunkt knapp über zwanzig Jahre alt und leistete seinen Wehrdienst unter keinem Geringeren als Leutnant David Niven, der Anfang der 1930er Jahre aus der britischen Army ausgetreten war, in Hollywood Karriere gemacht hatte, nach Ausbruch des Krieges aber nach England zurückgekehrt und wieder in die Army eingetreten war. Nivens persönlicher Assistent Ustinov war es nun, der zusammen mit Leutnant Eric Ambler das Drehbuch für den geplanten Trainingsfilm schrieb. Ustinov spielte auch einen der fünf Rekruten, die sich widerwillig zum Waffendienst einziehen lassen, dann das Soldatenleben kennenlernen und sich schließlich über die unrealistische Darstellung soldatischer Heldentaten amüsieren, als sie im Kino einen Kriegsfilm sehen.

Auch Drehbuchautor Ambler ist in "The New Lot" in einer kleinen Rolle als Waffeninstruktor zu sehen - genauso wie viele andere Darsteller, die spätere groß herauskamen: zum Beispiel Bernard Lee, der spätere Geheimdienstchef "M" in den ersten elf James-Bond-Filmen. Der Schauspieler Ian Fleming allerdings, der in "The New Lot" den Regimentsarzt spielt, ist nicht identisch mit dem späteren Bond-Schöpfer gleichen Namens.

Vom Kammerspiel zur Orchesterversion

Ab Anfang 1943 wurde "The New Lot" britischen Rekruten erstmals während der Grundausbildung gezeigt. Und nachdem der Gefreite Peter Ustinov nach seinem Intermezzo bei der Film-Einheit zur normalen Grundausbildung versetzt worden war, bekam auch er nach einem Fußmarsch von 18 Meilen seinen eigenen Film zu sehen.

Ob der Film tatsächlich über längere Zeit eingesetzt wurde, ist nicht ganz klar. Denn manchen Kommandeuren war es durchaus ein Dorn im Auge, dass hier ausgerechnet diejenigen als Sympatheträger dargestellt werden, die dem soldatischen Leben anfangs mit Skepsis gegenübertreten. Dennoch wurde dieser Stoff von den Drehbuchautoren Ambler und Ustinov weiter ausgebaut, diesmal mit dem Ziel, einen Spielfilm für das allgemeine Publikum herzustellen - der im Jahr darauf unter dem Titel "The Way Ahead" in England gedreht wurde.

Viele andere Beteiligte von "The New Lot" waren auch an der aufwendigen Spielfilmversion beteiligt, unter anderem der Regisseur, Hauptmann Carol Reed, der sich schon mit dem Thriller "Night Train to Munich" (1940) einen Namen gemacht hatte und später mit dem melancholischen Nachkriegskrimi "Der dritte Mann" (1949) mit Orson Welles berühmt wurde. Mit dabei war auch David Niven, der nach seiner Rückkehr nach England schon 1942 in Leslie Howards Kriegsfilm "The First of the Few" einen Royal-Air-Force-Piloten gespielt hatte. In "The Way Ahead" übernahm Niven nun die Rolle des charismatischen Leutnants Jim Perry, der die neuen Rekruten zu einer Einheit zusammenschweißt und mit ihnen in den Krieg zieht.

Torpediert auf dem Weg nach Afrika

"The Way Ahead" schildert den Weg von sieben britischen Soldaten und enthält wesentlich mehr Action als sein Vorläufer - die helden werden nicht mehr nur beim Training, sondern auch im Kriegseinsatz gezeigt. Auf dem Weg nach Nordafrika wird ihr Schiff torpediert und versenkt, am Schluss des Films trifft Perrys Bataillon in einem tunesischen Dorf auf den Feind. Ustinov spielt in diesem Film nicht die Rolle eines der Rekruten, sondern den Besitzer eines tunesischen Cafés, das den Engländern als Hauptquartier dient. Zunächst ist er gar nicht begeistert von dieser Besetzung, doch dann freundet er sich mit den britischen Soldaten an - befördert durch sein Talent beim Dart-Spielen. Als die Deutschen das Dorf angreifen, verteidigt der Tunesier gemeinsam mit den Briten seine Heimat.

Auch in diesem Film gibt es wieder viele Gesichter, die später berühmt wurden: So wird der harte Ausbilder der Rekruten, Sergeant Fletcher, von William Hartnell gespielt, den heute jeder Engländer als alten Mann mit langen weißen Haaren in Erinnerung hat: Er spielte von 1963 bis 1966 den ersten "Doktor Who" in der gleichnamigen BBC-Serie.

Für den Schluss des Films hatte sich Regisseur Reed ein symbolträchtiges Ende ausgedacht. Es sollte vermitteln, dass die im Film zu Kämpfern gereiften Zivilisten ihren Weg gerade erst begonnen hatten und sie nicht nur die Heimat verteidigen, sondern Europa vom Nazi-Terror befreien sollten. Statt mit dem üblichen "The End" schloss er darummit dem Schriftzug "The Beginning". Und als "The Way Ahead" schließlich in London im Kino anlief, da geschah dies zufällig genau am 6. Juni 1944: am D-Day, dem Tag der Landung der alliierten Truppen in der Normandie.

"The Way Ahead" lief im November 2009 als Abschlussfilm des Cinefests - Internationales Festival des deutschen Film-Erbes in Hamburg. "The New Lot" ist auf der DVD des zum Festival erschienenen Katalogs erhältlich.



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