Filmikone Russ Meyer Der Busenfreund

Filmikone Russ Meyer: Der Busenfreund Fotos
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Er schuf die "Satansweiber von Tittfield" und die "Supervixens", seine Schauspielerinnen brauchten mindestens 105 Zentimeter Oberweite. Doch Russ Meyers Werk ist alles andere als Sextrash. einestages über seine Filme, Frauen - und warum er als erster feministischer Regisseur der USA galt. Von

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Es könnten auch einfach nur doofe Bumsfilmchen sein. In Deutschland wurden Russ Meyers Filme meist unter halb witzigen, halb unterirdischen Trash-Titeln wie "Die Satansweiber von Tittfield", "Lorna - Zuviel für einen Mann", "Drunter, drüber und drauf" oder "Die Liebestollen Hexen" veröffentlicht. Klingt nicht gerade, als würden seine Streifen sich von verklemmten deutschen Vögel-Komödien wie "Liebesgrüße aus der Lederhose" oder "Schulmädchen-Report" unterscheiden.

Weit gefehlt: Russ Meyer wird "der Fellini der Erotik" und "Eisenstein des Sexfilms" genannt. Die "Süddeutsche Zeitung" entdeckte in Meyers Filmen gar "die großen Gefühle griechischer Tragödien", wenn auch "im Playmate-Format". Und als RTL plus 1991 mal wieder mit ein paar Sex-Streifen des Regisseurs Quote machen wollte, war sich der SPIEGEL nicht zu schade, die durchsichtige Programmentscheidung des Privatkanals als eine "Russ-Meyer-Retrospektive" zu überhöhen.

Der Meister selbst betrachtete sein Werk stets mit trockenem Understatement. Sein Rezept für einen guten Film beschrieb er so: "Jeder Film beginnt mit mir. Ich muss bei der Idee einen Harten bekommen." Der Mann - berühmt für seine freizügigen Sujets voller Sex und Gewalt - nannte sich selbst schlicht einen "Tittenfetischisten" und bekannte in Interviews gern, dass ihm keine Frau mit einem Brustumfang von weniger als 105 Zentimetern ins Bett kommt.

Wer Bier holt, soll wen bumsen sehen

Wer sich dennoch wünschte, dass der Meister sein Werk interpretierte, biss meist auf Granit. Als Meyer 1981 durch Deutschland tourte, um die Wiederaufführung einiger alter Filme zu promoten, notierte die Presse voll diebischer Freude, mit wie viel gradlinigem Pragmatismus er auf das Interesse allzu interpretationsfreudiger Filmfans reagierte:

Frage: Warum im "Tal der Superhexen" der Priester so schlecht wegkomme? "Sind Sie antireligiös eingestellt?"

Antwort: "Ich mag den Priester genauso wenig wie den Vergewaltiger."

Frage: "Warum drehen Sie in schwarzweiß?"

Antwort: "Ich hatte zu wenig Geld, um in Farbe drehen zu können."

Frage: "Warum gibt es eine taubstumme Frau in dem Film?"

Antwort: "Die Darstellerin kam aus Deutschland, ihr Akzent hätte schlecht in eine Südstaaten-Geschichte hineingepasst, und Frauen mögen es nun mal nicht, wenn man ihre Stimme synchronisiert."

Ein anderer Cineast wollte wissen, was die Prinzipien seiner Erzählstruktur seien. Darauf Meyer: "Meine Filme werden häufig auf Partys gezeigt. Wenn einer in die Küche geht und Bier geholt hat, muss er beim Reinkommen wieder ein paar Leute beim Bumsen sehen."

"Ich arbeite für Lust und Profit"

Seinen ersten Film drehte Russ Meyer 1959. "Der unmoralische Mr. Teas" handelt von einem Mann, der sich zwanghaft alle schönen Frauen, denen er begegnet, nackt vorstellt. Was nach heutigen Standards nach dem Stoff für eine ziemlich mittelmäßige Sexklamotte klingt, ließ damals Dämme brechen. Denn im verklemmten Amerika der späten fünfziger Jahre gab es noch keine Nacktfilme. Die steigende Nachfrage nach Erotik auf der Leinwand wurde mit fadenscheinigen Dokumentationen über Freikörperkultur mehr schlecht als recht befriedigt. Wie viele andere hatte auch Meyer keine Lust darauf, unattraktive Frauen und Männer zu bespähen, die sich in abgelegenen Camps tummeln und ihre Scham mit Volleybällen verdecken. "Mr. Teas", den Meyer in nur vier Tagen mit einem Freund in der Hauptrolle für knapp 24.000 Dollar realisierte, traf den Zeitgeist - und spielte mehr als eine Million Dollar ein.


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Es war nur der erste von etlichen Erfolgen. Zwischen 1959 und 1979 drehte er 23 Filme, die meisten von ihnen mit kleinem Budget und großem Erfolg. "Ich arbeite für Lust und Profit", erklärte der Regisseur mit der Vorliebe für große Brüste stets und trug seinen auf diese Art erwirtschafteten Reichtum auch gerne zur Schau. Der 240 Pfund schwere Hüne, dessen Gesicht, wenn nicht ein schnurgerader Pornobalken seine Oberlippe zierte, stark an das einer Bulldogge erinnerte, trug eine mit Diamanten besetzte Rolex aus Gold um das Handgelenk und schwere Goldringe mit den Initialen "R" und "M" an seinen Fingern.

Sein Vermögen nutzte er, um sich das Leben zu ermöglichen, das er führen wollte. Dabei vertrat der Regisseur offen Einstellungen, die es liberalen Filmfans nicht gerade leicht machten, ihn zu verehren. Etwa, dass er Bush und Reagan aus Überzeugung gewählt habe, Clinton verabscheue und den Golfkrieg für "eine wunderbare Sache" hielt. Seine Partnerinnen wählte er nach einer selbsterdachten Formel aus: Je größer der Brustumfang, desto kleiner der Verstand. 1993 in einem Interview der "taz" nach diesem fragwürdigen Beziehungsrezept befragt, antworte Meyer mit einer Gegenfrage: Warum solle er eine Frau haben, mit der er sich gut unterhalten könne und die furchtbar intelligent sei, aber "nicht wirklich eine Sexmaschine, nicht unglaublich wollüstig"?

"Ein hervorragendes, aggressives Sexualobjekt"

Die Welt seiner Filme zeigt indes das genaue Gegenteil: Sie ist bevölkert von Dorftrotteln, die nicht wissen, wie sie ihre Frauen befriedigen sollen, sexfixierten Sabbergreisen, dümmlichen Motorradrockern und schwachsinnigen Muskelmännern. Ihnen gegenüber steht eine Reihe - ja, großbusiger - aber eben auch starker Amazonen. Respekt einflößende Schauspielerinnen mit Namen wie Kitten Natividad, Erica Gavin, Lorna Maitland, Uschi Digard und Tura Satana.

In Meyers Filmen spielen sie Frauen, für die Männer meist nicht mehr sind als Sexobjekte, an denen sie ihre Lust befriedigen. Sie brachten die Filmkritiker dazu, den Busenfreund, der gerne chauvinistische Statements losließ, als "ersten feministischen Regisseur Amerikas" zu bejubeln.

Das Geschlechterbild des Regisseurs leitet etwa Jimmy McDonough in seiner Meyer-Biografie "Big Bosoms And Square Jaws" aus der Vita des Filmemachers ab. Meyers Vater - ein deutschstämmiger Polizist und Spieler - hatte seine Mutter verlassen, bevor er geboren war. Seine Mutter Lydia liebte Meyer abgöttisch. "Sie verkaufte damals ihren Ehering, um mir meinen ersten Fotoapparat zu kaufen", erklärte der Regisseur einmal einem Freund, "was mehr kann eine Mutter für ihren Sohn tun?" Und während Meyer einen Floristen beauftragt hatte, nach ihrem Tod Jahr für Jahr einen Weihnachtsbaum auf ihr Grab zu stellen, hatte er auch mit 77 Jahren nichts als Wut und Geringschätzung für seinen Vater übrig. 1999 von seinem Biografen McDonough nach ihm gefragt, antwortete der Regisseur nur: "Er war ein Bastard, zu nichts nütze und nichts wert."

Doch das ist nur ein schwacher Hinweis auf die Motivation für Russ Meyers außergewöhnliche Filme. Die Lücke zwischen Leben und Werk des Kultregisseurs wird sich nicht mehr schließen lassen. Er starb 2004 im Alter von 82 Jahren.

Ein glückliches Leben schien Meyer allemal gehabt zu haben. Noch 1993 prahlte er 71-jährig im Interview mit der "taz": "Ich bin sehr muskulös und fühle mich wie ein 23-Jähriger. Ich mache Sex mit einer 30-jährigen Frau, die ein hervorragendes, aggressives Sexualobjekt ist. Sie schreit immer nach mir: 'Komm endlich, ich brauche es jetzt!'"

Am 21. März 2012 wäre Russ Meyer 90 Jahre alt geworden. Auf seinem Grabstein steht "König der Nacktfilme" und "Ich war glücklich, es zu tun".

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Andreas Meyer 16.03.2012
Mein Namensvetter tat es mir damals, als die Filme bei RTL gezeigt wurden, sehr an - schon die Bewertung durch die TV-Spielfilm reizten, da nur höchstes Lob ausgeschüttet wurde. Dieses konnte ich mehr als nachvollziehen, selten habe ich so gelacht. Wider Ihres Erwartens dienten mir seine Filme nie als Wichsvorlage - dazu fand ich sie einfach zu lustig. Natürlich, als pubertierender Teenager fasst man vieles einfach daneben auf - am witzigten fand´ ich Charles Napier als impotenten Bullen. Seine Paraderolle, wie ich finde - ansonsten lieferte er wenig Filme für die Ewigkeit. Gerne werd´ ich in Zukunft mal den einen oder anderen Film bestellen, wenn ich es mir leisten kann. Leider bringt RTL, das Beste, was sie je gesendet haben, sicherlich nicht mehr im deutschen Nachtprogramm - vielleicht habe ich ja das Glück und es erbarmt sich einer der Spartensender, wie ARTE, diese Meisterwerke wieder zu zeigen. Russ Meyers Frauen hatten oft ein wenig von Emma Peel - die ich vergöttere. So, dann schau ich mal, dass ich eine Frau, die in die Richtung Emma/Russ Hauptdarstellerinnen aufreiß - aber da seh ich schwarz, die wenigsten kennen heute noch die Ikonen aus damaliger Zeit und wollen anstatt dessen auf Getränke eingeladen werden - wie soll ich das bei meinem Budget bewerkstelligen? Also werd´ich weiter auf meinen Lottogewinn hoffen: Emma Peel mit einem Brustumfang von 120cm ;-)
2.
Günter Berger 16.03.2012
Man sollte vielleicht Russ Meyers Aussagen gegenüber der Presse nicht allzu wörtlich nehmen: Eben Marketing für seine Filme. Ich konnte ihn erleben, wie er bei einer Pressekonferenz seine bekannten Sprüche absonderte. Und fünf Minuten später im privaten Kreis den fürsorglichen Familienvater darstellte, ganz ohne zotige Sprüche, dafür mit viel Einfühlungsvermögen und Respekt gegenüber den anwesenden Frauen. OskarMaria
3.
Frank Scharfeld 16.03.2012
Ich liebe arte Die ersten Russ Meyer Filme habe auch ich 1991 bei RTL plus gesehen, und sogar einige Frauen aus meinen Bekanntenkreis waren begeistert. Wenn Russ Meyer heute im Fernsehen läuft dann nur noch in der Trashfilmreihe auf arte, zwischen Filmen von George A. Romero, Alejandro Jodorowsky, Ed Wood, Roger Corman usw.
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