Filmikone Steve McQueen Die letzte Reise des King of Cool

Filmikone Steve McQueen: Die letzte Reise des King of Cool Fotos
Ankerherz Verlag

Schauspiel-Ikone, Frauenheld, Hobbypilot: Schon zu Lebzeiten galt Steve McQueen in Hollywood als Superstar, seine Fans verehrten ihn als Meister der Coolness. In einem neu erschienenen Buch erinnert sich seine Witwe Barbara an die letzten Monate mit der Filmlegende - und zeigt erstmals ihre privaten Fotos. Von

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Hat ihr Mann jemals Angst gehabt? Barbara McQueen muss nicht lange nachdenken, um die Frage zu beantworten. "Steve McQueen hat sich vor nichts und niemandem gefürchtet. Ich habe bei ihm nie Angst gesehen. Nur im Angesicht des Todes."

Sie hält die Hand ihres Mannes, als der am 6. November 1980 aus der Narkose erwacht. Dort, wo Mexiko am schäbigsten ist, hat der Schauspieler einen Arzt gefunden, der sich bereiterklärt, ihm einen fußballgroßen Tumor aus der Leber zu schneiden. In Los Angeles hatten ihn die Ärzte zuvor aufgegeben und eine Operation abgelehnt. Er solle stattdessen "Abschied" nehmen, rieten ihm die Spezialisten. McQueen leidet an einem seltenen Krebs, der meist durch das Inhalieren von Asbest entsteht. Ein Stoff, mit dem McQueen als 17-jähriger Panzermechaniker beim Militär ständig in Kontakt gekommen war.

1980 sind die dadurch verursachten Metastasen in McQueens ganzem Körper verteilt. Am schlimmsten sind Lunge und Leber befallen. Doch McQueen sieht nicht ein, dass für ihn die Zeit abgelaufen ist. Nach der Diagnose lässt er seinen Mitarbeiter Grady Ragsdale einen seiner vielen Wagen vorfahren. "Tank ihn voll, lege ein paar Klamotten, ein Gewehr und Munition hinein, wir fahren wieder nach Mexiko", sagt der berühmte Patient und zieht sich seine Jeans und ein Holzfällerhemd an.

Das Model und der Superstar

"Das Leben ist ein Abenteuer", sagt Steve McQueens Witwe heute. "Damals hat unser Leben die falsche Abzweigung genommen." Als sie sich erstmals trafen, war sie 24 und er 47 Jahre alt. Sie war ein Supermodel, er einer der berühmtesten Schauspieler der Welt. Doch jener Steve McQueen, den Barbara Minty am 4. Juli 1977 kennenlernte, hatte kein großes Interesse mehr an Hollywood. Er wollte fliegen lernen und mit Freunden Bier trinken, sagt sie. "Er wollte einfach nur ein Mann sein."

Wer Barbara McQueen heute in ihrem Haus in Ketchum, am Fuße der Rocky Mountains, besucht, betritt eine Zeitkapsel, ein Steve-McQueen-Museum, zu dem nur sehr wenige Menschen jemals Zutritt hatten. Sein Bademantel hängt noch im Schrank im ersten Stock, seine Kaffeetassen stehen im Küchenregal, sein Sattel wartet im Eingang auf seinen Besitzer, der nie wiederkommen wird. Im Keller des Hauses hat Barbara McQueen alle seine Filme auf Video. Die meisten hat sie bis heute nicht gesehen. "Ich kann damit noch immer nicht umgehen", sagt sie. "Es tut weh."

Jahrelang hatte sie sich geweigert, Interviews zu geben. In einem nun erschienenen Buch bricht sie ihr Schweigen. Ausführlich erzählt sie darin von ihrem so kurzen Leben mit dem Mann, der vielen Anhängern als der "King of Cool" galt, gibt Einblick in das Beisammensein mit dem Idol der siebziger Jahre kurz vor seinem Tode.

Annährungsversuche am Pool

Begonnen hatte ihre Liebesgeschichte mit einem Schwindel. Als McQueen das Model im Bordmagazin eines Flugzeugs entdeckt, kontaktiert er ihre Agentin und gibt vor, Barbara als Häuptlingstochter in seinem neuen Western "Ich, Tom Horn" besetzen zu wollen.

Als Barbara und ihre Agentin in das Restaurant im Hotel Beverly Wilshire kommen, sitzt dort ein Mann mit einem zotteligen Bart und langen Haaren, der aussieht wie ein ungewaschener Fernfahrer. Sie denkt: "Wer zur Hölle ist das?" Zwei Stunden dauert das Gespräch zwischen McQueen und der Agentin. Barbara kann sich nur erinnern, "Hallo" gesagt zu haben. Trotzdem erklärt sie ihrer Agentin danach: "Ich werde diesen Mann heiraten."

Am nächsten Tag treffen sich der Schauspieler und das Model am Pool. "Er setzte sich einfach neben mich und fing an zu quatschen. Plötzlich, mitten im Satz, stand er auf und ging weg. Ich dachte schon, er wäre ein wenig bekloppt." Dann kommt er mit zwei Gläsern Bier wieder und fragt, ob sie Lust hat, mit ihm in die Sauna zu kommen.

Schüsse auf den Nachbarn

Als sie reingehen, gibt er dem Poolboy ein paar Scheine und bittet um Privatsphäre. Barbara ist schockiert. Steve McQueen ist ein berüchtigter Frauenheld. Während seiner Ehen mit Neile Adams und Ali MacGraw schläft er mit Dutzenden Mädchen. Die wenigsten dürfen bis zum Frühstück bleiben. Doch Barbara fragt er nur, ob sie mit ihm zu Abend essen wolle. Und ob sie das wollte! Als sie seine Suite betreten, sitzen auf dem Sofa schon zwei Blondinen. Er sagt: "Komm rein, die beiden Ladys wollten gerade gehen." Nach dem Essen schlägt McQueen eine Ausfahrt vor. Sie landen in einem Motel. Und sind ein Paar.

Nach ein paar Monaten zieht sie bei ihm ein. Er wohnt in einem herrlichen Haus nördlich von Malibu mit Blick auf den Pazifik. Ihr Nachbar ist Keith Moon, der berüchtigte Schlagzeuger der Band The Who. Moon ist bekannt dafür, Hotelzimmer zu zertrümmern, Luxuslimousinen in Pools zu versenken und wüste Saufgelage zu veranstalten. Nachts lässt der Drummer immer das Licht im Badezimmer brennen. Die grelle Lampe raubt McQueen den Schlaf.

Eines Abends platzt dem Schauspieler der Kragen. Er schnappt sich eines seiner Gewehre, zielt und schießt Moon Fensterscheibe und Lampe kaputt. "Steve kam nach Hause, legte seelenruhig das Gewehr beiseite und öffnete eine Dose gut gekühltes Old Milwaukee. In dieser Nacht schliefen wir so gut wie noch nie", erinnert sich Barbara.

Startbahn statt Laufbahn

Kurze Zeit später stirbt Moon an einer Überdosis eines Beruhigungsmittels. Doch der Tod des verrückten Schlagzeugers beschäftigt McQueen nur kurz. Er spürt in der Zeit erstmals einen leichten Schmerz in der Lunge und muss häufig husten. Zu Barbara sagt er, es sei eine Erkältung. Er ahnt, dass es mehr ist. Doch zu einem Arzt will er nicht. "Er wollte immer alles selbst in die Hand nehmen", sagt sie. "Er war ein Cowboy."

McQueen ist ein leidenschaftlicher Sammler. Er besitzt mehr als 120 Motorräder und Dutzende Autos, Hunderte Messer, Gewehre, Pistolen, Emailleschilder, Blechspielzeug. In ganz Kalifornien hat er Lager angelegt für seine Schätze. Am liebsten liest er Kleinanzeigen. Hier findet er die Schnäppchen, für die er manchmal durchs ganze Land reist. Eines Morgens liest er den "Airport Trader", ein Magazin für gebrauchte Flugzeuge. Er findet darin ein Bild eines Doppeldeckers, der schon im Zweiten Weltkrieg Feldpost transportiert hatte. Er ruft den Verkäufer an, einigt sich mit ihm auf einen Preis und kauft das Flugzeug.

McQueen ist ein Naturtalent. Schon nach ein paar Monaten erwirbt er seine Pilotenlizenz und fliegt durch Kalifornien. Oft nur, um Freunde auf einen Kaffee zu besuchen. Weil ihn die Fahrerei zum Flugplatz nervt, lässt er den Flugzeughangar mit einem Bett, einer kleinen Küche und einem Fernseher ausstatten, und schlägt Barbara vor, darin zu wohnen. Da saß das Supermodel nun morgens auf dem schmalen Bett, neben ihr Motorräder, über ihr zwei Flugzeugflügel. "Ich hatte meine Laufbahn als Model gegen eine Startbahn eingetauscht", sagt sie.

Kaum verheiratet, schon Witwe

McQueen aber, sagt sie, habe sie nie glücklicher gesehen. Sechs Monate leben sie in dem Hangar. Dann muss er wieder vor die Kamera. Er soll einen Kopfgeldjäger spielen. Es wird sein letzter Film. Beim Dreh von "Jeder Kopf hat seinen Preis" in Chicago muss er sich sogar bei den leichten Action-Szenen von seinem Stuntman Loren Janes vertreten lassen, so kurzatmig ist er. Nach den Dreharbeiten verspricht er Barbara, sich endlich untersuchen zu lassen.

Die Diagnose ist niederschmetternd: McQueen leidet an einem von Asbest verursachten Mesotheliom. Gerade hatten sie sich verlobt. Nun sitzen sie im Krankenzimmer 8501. Sie fühlt sich schon wie eine Witwe und ist noch nicht einmal verheiratet. Die Ärzte starten die Chemotherapie. Doch die verträgt er nicht. Sie geben ihm noch maximal fünf Monate.

Am 29. Dezember 1979 verlässt McQueen die Klinik und nimmt seine Therapie selbst in die Hand. Doch vorher wird noch geheiratet. Am 16. Januar kommt ein Pastor zu ihnen nach Hause. Sie haben gerade ihre neue Ranch in Santa Paula bezogen, nur drei Meilen vom Flugplatz entfernt. McQueen hat keine Gäste eingeladen, nur McQueens Fluglehrer Sammy Mason und dessen Frau Wanda sind bei der Hochzeit dabei.

Letzte Hoffnung Medizin-Rebell

In den Monaten danach pendelt McQueen zwischen dem Haus in Santa Paula, dem Flugplatz und der Klinik in Los Angeles. Er will nichts unversucht lassen. Er weiht nur ein paar wenige Freunde ein, die Öffentlichkeit soll weiter denken, er sei gesund. Doch die Anzeichen sind nicht zu übersehen. Erste Zeitungen berichten von seiner Krebserkrankung. Als sein Film "Ich, Tom Horn" Premiere hat, rafft er sich noch einmal auf und fährt mit Barbara vor dem Kino in Oxnard vor. Reporter fragen ihn nach seiner Krankheit. Er ruft: "Sehe ich aus, als hätte ich Krebs?"

Nach der Premiere muss sich McQueen eine Woche lang auf seiner Farm von den Strapazen des kleinen Auftritts erholen. Eines Morgens sagt er zu seinem Vorarbeiter Grady Ragsdale: "Ich habe eine Menge Drogen genommen, habe viele Frauen gehabt und noch eine Menge anderer Dinge getan, die ich nicht alle erzählen möchte. Meinst du, jemand wie ich kommt in den Himmel?" - "Ja, Steve, das glaube ich", erwidert der erstaunte Ragsdale. "Die Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, in Ärger hineinzugeraten, und die andere Hälfte damit, wieder herauszukommen. Ich habe so viel Zeit verschwendet", resümiert McQueen. "Aber du warst erfolgreich. Bist du nicht glücklich über das, was du erreicht hast?", fragt Ragsdale. McQueens Antwort ist kurz: "Nein."

Da die Ärzte nicht an eine Heilung glauben, suchen Barbara und er nach alternativen Methoden. Sie stoßen auf Dr. William Kelley, einen Zahnarzt, der sich mit einer neuartigen Entgiftungsdiät angeblich selbst vom Krebs geheilt haben soll. Bevor McQueen zu ihm fährt, lässt er einen Privatdetektiv Erkundigungen einholen. Das Ergebnis: 15 Behörden ermitteln gegen den Arzt, darunter das FBI. Das Ergebnis schreckt ihn aber nicht ab, im Gegenteil. Ein Rebell, der für seine Ideale sogar einen Gefängnisstrafe riskiert, ein Kämpfer gegen die Mafia der Medizin, die ihn, Steve McQueen, längst abgeschrieben hat - Kelley ist sein Mann.

Die besten Freunde wollen ihn entführen

Da der aber in den USA nicht mehr praktizieren darf, betreibt er eine Kurklinik in Mexiko. Dorthin fährt nun der schwerkranke Schauspieler mit seiner jungen Frau zur Therapie. Er bekommt täglich 50 Pillen mit Vitaminen und Mineralien, chiropraktische Anwendungen und Saunagänge verschrieben. Einläufe mit Kaffee sollen seinen Körper entgiften. Freunde, die von dem Hokuspokus erfahren, sind entsetzt. Sie glauben, Kelley hätte McQueen einer Gehirnwäsche unterzogen und wollen ihn aus der Klinik entführen.

Doch im letzten Moment wird die Aktion abgeblasen, zu kritisch ist McQueens Zustand. Der Patient kann sich kaum noch bewegen, Dr. Kelley aber erklärt ihm, der Krebs sei so gut wie besiegt. McQueen fährt noch einmal nach Los Angeles, um sich von den Ärzten im Cedars-Sinai Hospital die Diagnose bestätigen zu lassen. Es sollte ein Triumphzug werden, doch die Röntgenbilder zeigen das Gegenteil: "Sie werden sterben", erklären die Schulmediziner.

"Er hätte schon nach der ersten Krebsdiagnose sein Flugzeug nehmen und sich mit einem Wahnsinnscrash in die Wüste bohren sollen. Das wäre ein würdiger Abgang für diesen Mann gewesen", sagt seine Witwe heute. Stattdessen kehrt er nach Mexiko zurück. Es sollte die letzte Reise von Steve McQueen werden. Am 3. November 1980 fliegen Barbara und er unter strengster Geheimhaltung mit einem Privatjet los. Die Operation verläuft wie geplant, der riesige Tumor kann entfernt werden. Doch in der Nacht zum 7. November verstopft ein Blutgerinnsel seine Herzschlagader. Um 3.45 Uhr ist Steve McQueen tot. Nur Tage später wird seine Asche vom Bord seines Flugzeugs in den Pazifik gestreut. Ein Grab sollte es nicht geben.

Zum Weiterlesen:

Christian Krug (Hrsg.)/Marshall Terrill: "Mein McQueen". Ankerherz-Verlag, Hamburg 2010, 192 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
C.F. Romberg 26.10.2010
RIP Steve... Du wirst immer in unseren Herzen sein...
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