Filmkult "Bruceploitation" Angriff der Klonkrieger

Filmkult "Bruceploitation": Angriff der Klonkrieger Fotos

Kung-Fu aus dem Jenseits: Mit Bruce Lee starb 1973 der größte Star des Hongkong-Kinos. Die Filmemacher drehten trotzdem munter weiter Bruce-Lee-Filme - mit recycelten Filmschnipseln, miesen Doppelgängern namens Li, Le oder Lei und sogar mit Pappfiguren des Toten. Von Danny Kringiel

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Bruce Lee ist tot. Am 31. Juli wird der legendäre Kampfkünstler auf dem Lake View Friedhof in Seattle beigesetzt. Und doch ist es noch nicht vorbei für ihn. Denn nach seinem Tod landet er in der Hölle - und eröffnet dort ein Fitnessstudio. Nachdem er sich den Avancen der nackten Ehefrauen Luzifers einigermaßen erfolgreich entziehen kann, gerät er schließlich in ein Gefecht mit den bösesten Kreaturen des Fegefeuers: James Bond, der Pate, der Exorzist, Softporno-Star Emmanuelle, Clint Eastwood und Dracula. Glücklicherweise schlägt sich der spinatessende Seemann Popeye auf seine Seite und hilft Bruce, sich durchzuboxen. So erzählt es uns jedenfalls der Martial-Arts-Streifen "The Dragon Lives Again" von 1977.

Das Absurdeste an diesem Film ist jedoch nicht seine Handlung - sondern der Umstand, dass Bruce Lee während der Dreharbeiten tatsächlich längst tot war. Am 20. Juli 1973 traf sich Lee mit dem Produzenten Raymond Chow und der Schauspielerin Betty Ting Pei, um ein Drehbuch zu besprechen. Er klagte über Kopfschmerzen, und seine Kollegin gab ihm eine Tablette des Schmerzmittels Equagesic. Lee legte sich zum Ausruhen hin - und wachte nie wieder auf. Der Krankenwagen, den Chow rief, als es nicht gelang, Lee aufzuwecken, brachte ihn bereits tot ins Krankenhaus - gestorben an einem Gehirnödem, das offenbar durch eine Unverträglichkeit mit dem Schmerzmittel hervorgerufen worden war.

Die Kampfsportlegende starb nur sechs Tage vor der Premiere von "Enter the Dragon" - dem Film, der ihn zum Kung-Fu-Shootingstar machen sollte. Durch "Enter the Dragon" wurde der Schauspieler, Kampfsportler und ehemalige Tanzlehrer Bruce Lee zum Gesicht des Hongkong-Actionfilms in der westlichen Welt. Der Film löste in den USA und Europa einen riesigen Kung-Fu-Boom aus: Mit einem Budget von nur 850.000 Dollar gedreht, spielte der Streifen bis heute über 200 Millionen Dollar ein. Kampfsportschulen wurden von Neukunden überrannt, die Fernsehserie "Kung Fu" mit David Carradine wurde zum Kult und im Radio dudelte "Kung Fu Fighting" von Carl Douglas rauf und runter.

Ein Toter kämpft weiter

Der frühe Tod Bruce Lees stürzte nicht nur Tausende frischgebackene Fans weltweit in Verzweiflung, sondern warf für Kung-Fu-Filmproduzenten in Fernost ein ganz pragmatisches Problem auf: Endlich hatten sie ein Massenpublikum im Westen für ihre Filme erschlossen - doch jener Mann, der dem asiatischen Kampfsportfilm gerade erst ein Gesicht gegeben hatte, war für weitere Dreharbeiten nicht mehr verfügbar. Und so suchten sie fieberhaft nach einem Weg, weitere Bruce-Lee-Filme drehen zu können - ohne Bruce Lee.

Lees Produktionsfirma Golden Harvest etwa fing an, aus Archivaufnahmen neue Filme zusammenzubasteln. Lee hatte 1972 mit den Dreharbeiten an dem Film "Game Of Death" begonnen, sie dann aber für "Der Mann mit der Todeskralle" unterbrochen. Der Film sollte Lees selbstentwickelte Kampfkunstform, das "Jeet Kune Do" in Perfektion vorführen - indem sich Lee über fünf Stockwerke einer Pagode gegen Horden von Gegnern vorkämpfen musste. Als Höhepunkt des Filmes sollte er schließlich auf der obersten Ebene einen Kampf mit dem hünenhaften US-Basketballstar Kareem Abdul-Jabbar gewinnen, gegen den Lee wirkte wie ein kleines Kind. Vor Bruce Lees Tod waren jedoch nur Aufnahmen auf drei der Ebenen fertiggedreht worden, und nun saß Regisseur Robert Clouse auf dem unfertigen Filmmaterial zu einem potentiellen Kinohit, ohne seinen Star.

Clouse wurde angewiesen, den Film mit Doubles zu Ende zu drehen, die zwischen die fertigen Fragmente und Archivaufnahmen von Lee montiert werden sollten. Clouse engagierte den koreanischen Taekwondo-Kämpfer Kim Tai Chung und den Akrobaten Yuen Biao, einen früheren Stuntman Bruce Lees, sowie eine Reihe weiterer anonymer Aushilfen als Lee-Doppelgänger. Clouse bemühte sich, ihre Gesichter zu verdecken oder sie nur klein, im Schatten oder mit aufgesetzter Sonnenbrille zu zeigen, um den Schwindel zu verschleiern. Er schreckte sogar vor Pappaufstellern mit aufgedruckten Fotos nicht zurück, um den verstorbenen Star im Hintergrund erscheinen zu lassen. In einer vielkritisierten Szene stand gar Kim Tai Chung vor einem Spiegel, auf dem an der Stelle seines Gesichts ein Foto Bruce Lees klebte. So unverfroren das war - der Film wurde ein voller Erfolg.

Bruce Li, Bruce Le und Bruce Lei

Andere Produktionsfirmen mochten keine halbfertig gedrehten Filmszenen in der Hinterhand haben - aber Bruce-Lee-Doppelgänger suchen konnten sie auch. Wie entscheidend eine gewisse Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Kampfkunststar im Filmgeschäft von China, Hongkong und Taiwan geworden war, erfuhr der Taiwanese Ho Chung Tao am eigenen Leibe: Seit seiner Jugend hatte Tao sich mit Kampfkunst beschäftigt, ohne damit großen Erfolg zu haben. Mehr schlecht als recht schlug er sich als Stuntman unter dem Pseudonym "James Ho" durch und hatte eine Ausbildung zum Turnlehrer angefangen, als sich 1973 mit dem Tod Bruce Lees alles änderte. Einem Freund Taos, der im Filmgeschäft arbeitete, war aufgefallen, dass er, von der Seite betrachtet, dem verstorbenen Star ziemlich ähnlich sah. Als er von einem Produzenten hörte, der einen neuen Hauptdarsteller für einen Kung-Fu-Film suchte, empfahl er seinen Freund als einen potentiellen neuen Bruce Lee.

Und tatsächlich sollte Tao zum offiziellen Nachfolger Bruce Lees werden, vom toten Meister selbst ernannt. Jedenfalls in dem Film "Abschied von der Todeskralle" aus dem Jahr 1976, dessen Hauptrolle er bekam. Wie schon der Werbeslogan "If I die - find out why!", verriet, gab sich der Film nicht mit der Erklärung zufrieden, Bruce Lee sei an einem einfachen Gehirnödem gestorben. Lee selbst erklärt seinem von Tao gespielten Schüler im Film postum, er müsse sein Nachfolger werden und herausfinden, wer ihn ermordet habe. Und so zieht der prügelnd und tretend los, um "den Baron", einen gefürchteten Gangster, der für den Tod seines Meisters verantwortlich ist, zu stellen. Der Film machte Tao vom Turnlehrer zum Filmstar, wenn auch nicht unter seinem echten Namen: Er trat dort unter dem Pseudonym "Bruce Li" auf, das er auch fortan in seinen Filmen tragen sollte.

Mitte der Siebziger quollen im Kung-Fu-Kino die Leinwände vor falschen Bruce Lees über: Da kämpfte Bruce Le in "Bruce kehrt zurück" gegen die fiesen Entführer der Tochter eines amerikanischen Botschafters. Es boxte sich Dragon Lee, der manchmal auch Bruce Lei genannt wurde, in "Secret Ninja" durch ein Kampfsportturnier. Oder es traten 1977 Bruce Le und Dragon Lee gemeinsam mit Bruce Lai und Bruce Thai in "The Clones of Bruce Lee" auf, in dem Wissenschaftler eine Armee aus Klonen des toten Kampfsportkönigs gezüchtet hatten. Die Filmströmung der Bruce-Lee-Fälschungen war mittlerweile so groß geworden, dass sie einen eigenen Namen hatte: "Bruceploitation", in Anlehnung an den billigen Trash des Exploitationfilms.

Bruce Lee gegen Dracula

Nicht nur die Darsteller selbst, auch ihre Filme trugen meist Namen, die darauf angelegt zu sein schienen, mit Bruce Lees Kultstreifen "Enter the Dragon" verwechselt zu werden: Diese Filme nannten sich etwa "Re-Enter the Dragon", "Enter Another Dragon", "Enter Three Dragons" oder auch "Exit the Dragon, Enter the Tiger". Die Produzenten machten kaum einen Hehl aus ihrem Gedankenklau - solange auf diese Weise nur mit wenig Aufwand viel Geld zu machen war. Oft erdreisteten sie sich sogar, den Namen und Fotos Bruce Lees auf ihre Plakate zu setzen, obwohl ihre Hauptrolle nur von einem seiner zahllosen Doubles gespielt wurde.

Drehbücher schienen bei all der Nachäfferei eher von nachrangiger Bedeutung zu sein. Oft verbargen sich hinter den Filmtiteln die abstrusesten Plots: So vereinte Bruce Li 1975 in "Bruce Lee gegen die Supermänner" seine Kräfte mit zwei befreundeten Superhelden, die sich irritierenderweise beide den gleichen Superheldennamen, nämlich "die grüne Hornisse", teilten und deren Superheldenkostüm im Wesentlichen aus roten Strumpfhosen und umgebundenen schwarzen Tüchern bestand. Vereint sollten sie den Forscher Dr. Ting befreien, der eine Geheimformel zur Beendigung aller Hungersnöte gefunden hatte.

Am Ende der siebziger Jahre brach schließlich die Bruceploitation-Welle. Es waren nicht ihre ewigen Selbstzitate oder die hanebüchenen Geschichten, die der Bewegung letztlich das Genick brachen. Es war ein junger Mann, ein neues Gesicht des Kung-Fu-Films, das bald jeder kennen sollte. Unter dem Pseudonym Sing Lung (etwa: der ein Drache wird), bewusst angelehnt an Bruce Lees Bühnennamen "Kleiner Drache", hatte er 1976 selbst die Hauptrolle in einem Bruceploitation-Film namens "New Fist of Fury" gespielt. Doch seinen Durchbruch hatte er 1978 als "Drunken Master", der ein ganz neues Genre prägte: die Kung-Fu-Komödie. Sein Name: Jackie Chan. Nur wenige Jahre zuvor hatte er noch ganz klein angefangen - als Nebendarsteller in einem Bruce-Lee-Film namens "Enter the Dragon".

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1.
Christoph Bode 24.09.2010
Zum Film "Circle of Iron" gibt es doch einen direkten Bezug den David Carradine mit Recht nutzte: Bruce Lee war der Autor der ursprünglichen Geschichte, auch nachzulesen bei Wikipedia.
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