Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Filmpionier Méliès Der Magier mit der Kamera

Filmpionier Méliès: Der Magier mit der Kamera Fotos
Lobster Films / Fondation Groupama Gan / Fondation Technicolor

Er war Vorreiter des Horrorfilms und schuf den ersten Science-Fiction-Streifen - seine genialste Idee verdankte George Méliès aber einer kaputten Kamera. einestages über den großen Kinovisionär, dem Martin Scorsese mit seinem Film "Hugo Cabret" huldigt. Von

Manchmal muss die Technik streiken, damit Magie entsteht.

Eigentlich hatte Georges Méliès seine Kamera nur aufgestellt, um einen ganz normalen Film zu drehen. Eine Minute Alltag auf der Straße vor der Pariser Oper. Die kurze Szene wollte er in seinem Theatre Robert-Houdin zwischen Auftritten von Pantomimen und Zauberkünstlern vorführen. Schließlich war es 1896 und Filme waren noch ein Spektakel, das nicht viel bieten musste.

Auch die ersten Streifen, mit denen die Filmpioniere Lumiere seit etwa einem Jahr die Zuschauermassen begeisterten, zeigten nicht viel mehr als Alltagsszenen: Arbeiter, die eine Fabrik verlassen, ein Baby, das gefüttert wird, Männer beim Kartenspiel. Das Publikum war trotzdem begeistert. Allein zu sehen, wie mit Licht bewegte Bilder auf eine weiße Leinwand geworfen wurden, war ihnen Sensation genug.

Doch an diesem Tag vor der Pariser Oper geschah etwas, das die Art, wie Filme gemacht wurden, nachhaltig verändern sollte: Méliès Kamera hatte einen Defekt. Der Zelluloidstreifen verhakte sich in der Apparatur. "Es dauerte eine Minute", erinnerte sich der Bewegtbildpionier später, "um den Film freizubekommen und die Kamera wieder in Gang zu setzen." Dann ließ er die Aufnahme weiterlaufen.

Zuhause sah er sich sein Werk an und stutzte. Der Film zeigte eine ganz normale Straßenszene - bis zu der Stelle, an der die Aufnahme gestockt hatte. Als der Zelluloidstreifen nun ohne Unterbrechung durch den Projektor ratterte, änderte sich an eben diesem Moment die Szenerie mit einem Wimpernschlag. Méliès sah "einen Omnibus der Linie Madeleine-Bastille sich in einen Leichenwagen verwandeln und Männer zu Frauen werden". Der Regisseur war begeistert. Zwei Tage später begann er selbst, mit seinem eben entdeckten Spezialeffekt, Menschen zu verwandeln "und Dinge plötzlich verschwinden zu lassen."

Buchstäblich zum Mond geschossen

Méliès ist der größte Geschichtenerzähler des frühen Kinos. So ist es kein Wunder, dass viele Historiker seinen Bericht von der stockenden Kamera anzweifeln. Zu schön, um wahr zu sein, erscheint diese kleine Story. Der Sohn eines erfolgreichen Schuhfabrikanten und ausgebildeter Bühnenmagier hatte einfach ein Faible für das Wunderbare.

Zwischen 1896 und 1913 drehte Méliès mit seiner Firma Star Film mehr als 500 Stummfilme. Sein damals erfolgreichstes und bis heute berühmtestes Werk ist "Die Reise zum Mond" von 1902. In dem von Jules Vernes inspirierten Werk begibt sich eine Gruppe von Wissenschaftlern in ein Projektil und lässt sich mit einer langen Kanone buchstäblich zum Mond schießen. Die rund 13-minütige Geschichte gilt als erster Science-Fiction-Film überhaupt - und sprüht nur so vor erstaunlichen Effekten und glänzenden Einfällen.

Die Szene von der Raumkapsel, die den Mann im Mond ins Auge trifft, ist eine Ikone der Filmgeschichte. Ein weiterer Moment von unglaublicher Kraft ist ihm mit den Wissenschaftlern gelungen, die auf der unwirtlichen Oberfläche des Mondes stehen und fast 70 Jahre vor Neil Armstrong und seinen Mitstreitern beobachten, wie die Erde sich langsam über den Horizont des Mondes erhebt. Méliès zeigte in "Die Reise zum Mond" auch die ersten Aliens der Filmgeschichte. Insektenhafte Kreaturen, die in den mit riesigen Pilzen bewachsenen Höhlen unter der Oberfläche des Mondes leben und mit dem Schlag eines Gehstockes in einem sensationellen Effekt in eine Wolke aus Rauch aufgehen.

Vorreiter des Horrorfilms

Doch auch wenn "Die Reise zum Mond" heute Méliès bekanntestes Werk ist, war er kein One-Hit-Wonder. Der Tausendsassa, der in fast all seinen Filmen auch selbst die Hauptrolle spielte, übte in vielen Genres großen Einfluss auf seine Regiekollegen aus. So gilt "Das Spukschloss" von 1897 manchen als erster Horrorfilm. In dem 44-Sekünder tauchen allerlei gespenstische Gestalten vor dem Hausherrn eines Schlosses auf, um im nächsten Moment wieder zu verschwinden. Oder das technische Meisterstück "Das Ein-Mann-Orchester" von 1900, in dem Méliès allein die sieben Musiker einer Band verkörpert. Diesen Effekt erreichte er durch Mehrfach-Belichtung.

Zudem verfilmte er viele klassische Stoffe. Darunter Märchen wie "Aschenputtel" oder Romanklassiker wie "Robinson Crusoe" oder "Gullivers Reisen". Seine Filme machten ihn bis in die USA berühmt. Bald nach seinen ersten Veröffentlichungen konnte er ein eigenes Studio aufbauen. Während das erste Filmstudio der Welt, Thomas Edisons Black Maria in den USA, einem schwarz angestrichenen Schuppen mit aufklappbarem Dach glich, wurde Méliès' Aufnahmeraum zum Prototyp des frühen Filmstudios: Es war ein lichtdurchflutetes Glashaus mit aufwendiger Bühnentechnik und einem riesigen Fundus von Kostümen und Kulissen.

Denn was Méliès Filme auszeichnete, war nicht nur sein visionäres Verständnis für die technischen Möglichkeiten des Films, sondern sein unbedingter Wille zur Perfektion. Bevor Méliès begonnen hatte, Filme zu machen, hatte er eine Ausbildung zum Bühnenmagier absolviert. Als Zauberer erfand er nicht nur mehr als 30 Tricks selbst, sondern verkehrte auch mit den bedeutendsten Illusionisten Frankreichs. Diese Zeit hatte sein Gespür für Effekte und Timing geschärft. Und er hatte gelernt, dass ein guter Trick makellos sein muss, damit er funktioniert.

Filme in Flammen

All dies bildete die Grundlage für den Erfolg seiner Filme. Doch eben dieser Perfektionismus sollte Mélies letztlich zum Verhängnis werden. Während andere Studios das Produzieren von Filmen zunehmend professionalisierten, versuchte er immer makellosere Filme zu drehen. So entstand 1912 sein aufwendigstes Werk: "Die Entdeckung des Nordpols". Inspiriert von den Berichten über die erfolgreichen Expeditionen zu Nord- und Südpol durch Robert Edwin Peary 1909 und Roald Amundsen 1911, ersann Méliès sein eigenes fantastisches Rennen zum Pol in unterschiedlichen wunderlichen Gefährten in der Luft und am Boden. Mit 33 Minuten wurde er Méliès' längster Film - und ein Flop, der den Anfang vom Ende einläutete.

1913 war Méliès pleite. Im Ersten Weltkrieg dann konfiszierte die französische Armee rund 400 Originalkopien seiner Filme und zerstörte sie, um das in den Filmstreifen enthaltene Zelluloid und das Silber zu verwerten. Das Filmstudio selbst wurde zu einem Hospital für verwundete Soldaten. Méliès sollte nie wieder einen Film drehen.

1923 wurde Star-Films endgültig übernommen. In seiner Wut darüber, heißt es, habe Méliès einen großen Teil seines Kostümfundus verbrannt und etliche der Filme in seinem Archiv in Flammen aufgehen lassen.

Dann verschwand Méliès wie die Figuren in einigen seiner Filme plötzlich spurlos von der Bildfläche.

"Lacht, meine Freunde"

Es sollte Jahre dauern, bis eine neue Generation von Regisseuren Méliès Visionen wiederentdeckten. 1929 spürten Journalisten den Meisteregisseur auf. Der Pionier des Filmtricks betrieb er einen leidlich laufenden kleinen Laden für Spielzeug und Süßigkeiten an der Metrostation Montparnasse. Einem "Kühlschrank im Winter und Ofen im Sommer" in dem der 68-Jährige täglich 14 Stunden saß, wie er einmal in einem Brief schrieb.

Über Filme habe ihr Großvater in seinen letzten zehn Lebensjahren niemals gesprochen, erzählt seine Enkelin, die bis zu seinem Tod bei ihm lebte, später in einem Interview. Dennoch war er nicht nur der erste Magier der Filmkunst, sondern vielleicht auch ihr wichtigster Vorreiter.

Denn sowohl für die Brüder Lumiere als auch für Thomas Edison, die bekanntesten Filmpioniere, war der Film anfänglich kaum mehr als eine Fußnote der Unterhaltungsgeschichte. Beide versuchten in den ersten Jahren einfach nur, so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich zu machen, bevor die Menschen des neuen Mediums müde geworden wären. Es brauchte einen Magier wie Méliès, um die Kraft des Kinos zu entfesseln, die heute noch jedem Filmtrick innewohnt. Wohl deshalb ist Martin Scorseses neues Werk "Hugo Cabret" nicht nur eine tiefe Verbeugung vor dem Filmkünstler Méliès, sondern auch ein 3D-Film.

Am 21. Januar 1938 starb Méliès 78-jährig an Krebs. Zwei seiner letzten Besucher waren die Regisseure Georges Franju und Henri Langlois. Mit letzter Kraft zeigte er ihnen eine der Zeichnungen, die er kurz vor seinem Tod angefertigt hatte: eine übersprudelnde Champagnerflasche. Dann sagte er: "Lacht, meine Freunde. Lacht mit mir, lacht für mich, denn ich träume eure Träume." Das stimmte nicht ganz. Denn tatsächlich hatte Méliès unsere Träume schon auf Film gebannt - lange bevor wir überhaupt von ihnen wussten.

Zum Weitersehen:

2010 erschien bei der französischen Firma Lobster Films die DVD-Box "Georges Méliès - Le premier magicien du cinéma". Auf 6 DVDs finden sich hier 200 Werke des Filmpioniers. Zudem erschien im letzten Jahr die erste restaurierte Farbfassung des Méliès-Klassikers "Die Reise zum Mond". Die Wiederherstellung der handkolorierten Kopie kostete 400.000 Euro und wurde von Technicolor in Zusammenarbeit mit der Restaurationsabteilung von Lobster Films möglich gemacht.

Artikel bewerten
4.8 (17 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Franz Nagel, 11.02.2012
Da hat Monsieur Méliès ein Märchen erzählt: Wer auf der Oberfläche des Mondes steht, sieht die Erde fast unbeweglich am Himmel stehen. Nur aus der Librationszone, am Rand der von der Erde sichtbaren Mondoberfläche, sähe man einen allmonatlichen langsamen Auf- und Abstieg der Erde am Horizont. Die Apollo-Astronauten sahen den spektakulären Erdaufgang von der Kapsel aus, wenn sie sich auf der Umlaufbahn um den Mond befanden und gerade dessen erdabgewandte Rückseite umrundet hatten. Die ersten, die dieses Schauspiel sahen, waren Anders, Borman und Lovell am Heiligabend 1968.
2.
Patrick Oliver Ott, 11.02.2012
In der HBO Serie "From the Earth to the Moon" gibt es eine Folge, die sich nur mit der Entstehung des Films von Monsieur Melies beschäftigt - mit vielen Originalaufnahmen. Man lernt dann auch, dass die Firma von Thomas A. Edison eine Raubcopie aus Paris entwendete und mit großem Erfolg in USA zeigte und damit zum geschäftlichen Ruin beitrug...
3.
Harald Bohm, 11.02.2012
Danke für diese nützliche Information. Hätte ich das wissen wollen, dann hätte ich in Wikipedia nachgelesen. Nur gut, dass sie uns nicht auch noch erklärt haben, das der Mond nicht bluten kann. Der Beitrag handelt von Filmkunst wie wir sie heute kennen in ihrer frühesten Form. Ein schönes Thema.
4.
Erich Arens, 14.02.2012
Henri Langlois war kein Filmregisseur - auch die von ihm gegründete Cinémathèque francaise bezeichnet ihn nicht als solchen.
5.
Patrick Oliver Ott, 14.02.2012
Auf wen oder was bezieht sich denn Ihr Kommentar? Auf meine Info zur HBO Serie oder auf die Info von Erich Arens zu Henri Langlois? Und müssen solche oberlehrerhaften Töne wirlich sein? Ich war beeindruckt von den Originalaufnahmen und der Entstehungsgeschichte des Films von Melies in der HBO-Serie und würde mir mehr solche gut verpackten Info wünschen. Und ich fände es im Artikel auch erwähnenswert, warum Melies Pleite ging.... Aber Hauptsache, Sie zensieren, was in den Artikel und die Diskussion hineingehört und was nicht. Wie meine amerikanischen Freunde sagen würden: get a life!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH