Vergessene Film-Metropole Hollywood der Lüneburger Heide

Vergessene Film-Metropole: Hollywood der Lüneburger Heide Fotos
ddp images

Traumfabrik mit Dorfkrug-Flair: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das niedersächsische Bendestorf unverhofft zur Filmmetropole. Zara Leander liebte die Erbsensuppe im Gasthof, Marika Rökk tanzte auf dem Feuerwehrball - und die splitternackte Hildegard Knef sorgte für einen handfesten Skandal. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
    4.0 (9 Bewertungen)

Hildegard Knef steht neben Willy Forst. Sie trägt grüne Seide, ihre Augen sind von einer modischen Sonnenbrille verdeckt, das blonde Haar trägt sie schulterlang. Sie ist 25 Jahre alt. Untergehakt bei Regisseur Forst zeigt sie Journalisten die Filmstadt für das Drama "Die Sünderin". Jeder ihrer Schritte wirkt, als würde sie schweben. Hildegard Knef ist extra aus New York eingeflogen. Am Flughafen wurde sie mit Begrüßungsgeschenken empfangen: Korn und Schinken. Denn die Filmdiva landete an diesem Tag nicht etwa in Hollywood, sondern am Flughafen Fuhlsbüttel - und residiert nun in Bendestorf im Landhaus Meinsbur, bei Wirtin Anna.

Bendestorf, ein Provinznest in der Heide, wurde in den fünfziger Jahren in einem Atemzug mit München, Berlin und Göttingen, den Standorten der großen Filmstudios, genannt. Das lag an Rolf Meyer. Meyer, UFA-Volontär, leichter Sprachfehler, war vor Ende des Zweiten Weltkrieges mit zwei Palminkartons und einem Fahrrad mit seiner Frau Gerty als Flüchtling nach Bendestorf gekommen. Da er politisch unbelastet war, kürten ihn die Engländer zum Bürgermeister des Dorfes.

Doch Meyer fühlte sich zu Höherem berufen und begann kurzerhand im Gasthof Zum Schlangenbaum, in dem er wohnte, einen Film zu drehen: "Menschen in Gottes Hand". Seine UFA-Kontakte halfen ihm dabei. Außerdem gelang es Meyer, Investoren und die britischen Alliierten von seinem Plan zu überzeugen, eine Produktionsfirma zu gründen. So baute er bereits 1948 ein erstes Filmstudio für seine Junge Film Union. Drei Hallen entstanden auf einem mehr als 13.000 Quadratmeter großen Gelände.

Die Rökk tanzte auf dem Feuerwehrball

Die Bauern staunten nicht schlecht, als es im Landhaus Meinsbur plötzlich zuging wie in der Filmstadt Babelsberg. Die Diven gaben sich die Klinke in die Hand. Marika Rökk, Lale Andersen, Zarah Leander und die Knef schrieben sich ins Gästebuch. In Bendestorf vor den Toren Hamburgs drehten sie Heimatfilme mit überschaubarer Moral, rührselige Ehedramen vor dem Wacholderstrauch. Nach dem Krieg dürsteten die Kinobesucher nach der heilen Welt.

Im Gasthof Zum Schlangenbaum nebenan rühmte man sich einer Standleitung zu den Studios: Kurzer Anruf "wir kommen mit zehn Personen", dann wusste der Wirt, dass Zarah Leander zur Erbsensuppe vorbeischaute. Geschmeckt habe ihr der rustikale Mittagstisch. Man erzählt sich außerdem, dass die Tanz- und Hebeübungen für "Sensation in San Remo" im Saal des Gasthauses absolviert wurden. Und die verführerische Marika Rökk soll auf dem Feuerwehrball von Bendestorf getanzt haben. Angeblich sogar auf dem Tisch.

In den Jahren 1948 bis 1960 brummten die Studios, 200 Leute arbeiteten dort, drei Produktionen entstanden parallel. Die Stars tippelten mit Seidenstrümpfen und Sonnenbrillen, dramatisch geschminkten Augen und Mode aus Paris über die Dorfstraße. Die Knef rauchte Kette, die Mädchen aus dem Dorf lungerten im Café Kuhrt und versuchten, ihre atemberaubende Eleganz aufzusaugen und ein Autogramm zu erhaschen. Eine von ihnen brachte die Sängerin und Schauspielerin Lale Andersen ("Vor der Kaserne, vor dem roten Tor…") dazu, eine Laterne aufs Autogramm zu malen. Die Dorfjugend bestaunte die Filmstars, bevor sie wieder zur Arbeit aufs Feld trottete. Die Hamburger fuhren am Wochenende raus, um mit Glück eines ihrer Idole zu sehen.

Zum Amüsement nach Hamburg

1950 sorgte dann die Knef mit der Produktion "Die Sünderin" für den ersten Skandal der deutschen Filmgeschichte - made in Bendestorf. Für zwei Sekunden war sie in einer Badeszene nackt zu sehen. Noch heute wird gestritten, ob die Szene im Teich hinter dem Café Kurth oder im Studio gedreht wurde. Der Skandal katapultierte Meyer und seine Junge Film Union ganz nach oben.

Meyer produzierte jetzt in seinen Bendestorfer Hallen wie am Fließband: "Melodie des Schicksals", "Taxi Kitty", "Professor Nachtfalter", "Die Sünderin", "Sensation in Sam Remo" oder "Die Csardasfürstin". In dieser Zeit zeichnete sich aber auch schon der Fall Meyers ab. Eines Abends schickt er die Knef, Gustav Fröhlich und Regisseur Forst zum Amüsement nach Hamburg.

Die Rechnung aus dem Hotel Esplanade soll alle Maße gesprengt haben, Stars zahlen eben nicht selbst. Schauspielerinnen, mit denen er zum Teil liiert war, sagte Meyer zudem riesige Kleiderbudgets zu. Für sein Direktorenzimmer bestellte er ein Kissen für 200 Mark. Meyer war schlicht kein Kaufmann. 1951 konnte er sich nach einem Autounfall mehrere Monate nicht um seine Junge Film Union kümmern. Als er mit einem Sonderwagen der Bahn liegend zurück nach Bendestorf reiste, fand er sie ruiniert. Verträge ohne Garantieklauseln hatten ihm das Genick gebrochen.

Am 6. November 1952, er war 42, wurde vor dem Landgericht Stade das Konkursverfahren eröffnet. Die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. In Magazinartikeln war in entlarvendem Ton von dem "beschwingten Milieu des Filmgeschäfts" die Rede. Zwar kaufte kein Geringerer als der Verleger Axel Springer, der ein Ferienhaus in Bendestorf besaß, ihn aus der Untersuchungshaft frei, doch von dem Gerichtsverfahren erholte Meyer sich nicht. 1963 verstarb er im Nachbardorf Todtglüsingen.

Ein Bordell für die Stars?

Doch das, was Meyer angeschoben hatte, lebte auch ohne ihn weiter. Internationale Produktionen nutzten die Bendestorfer Studios, um dort zu drehen. Die Heidebauern verstanden inzwischen das Geschäft mit den Stars. Sie hatten nicht nur riesige Autogrammsammlungen, sondern ihre Heidehäuser den Bedürfnissen der Filmgrößen angeglichen. Sie traten als Vermieter auf. Sie hatten die Speisekarten in Hamburg studiert: Es gab die Lokale Waldfrieden und Bergfrieden, das Café Kuhrt, das Meinsbur und den Schlangenbaum, viel Gastronomie für Bendestorf.

Meyer hatte mit dem Architekten Carlos Dudek auch den Bau von Villen mit Schwimmbad angeschoben. In einer wohnte nun ein Filmkomponist. Es gab Nachtbarkomfort im Haus Charly, einem zwielichtigen Laden, ein Bordell, sagen viele, das Prominenz anzog. Immer wieder durften Dorfbewohner als Komparsen in Filmen mitwirken.

Der Frisör des Dorfes, Hans Weißbrich, hatte noch zu Meyers Zeiten eine Komparsenrolle als Frisör. Gerne berichtete er von seiner Gage von rund 75 DM und davon, dass er später auch Stars wie Gustav Fröhlich im Dorfsalon die Haare schnitt. Die Dorfbewohner studierten die Stars, die Knef fanden sie arrogant und verrucht. Ihre Kinderdarstellerin aus "Die Sünderin", ein Mädchen aus Neu Eckel, schwärmte aber davon, wie lieb Hilde gewesen sei, und dass sie sie auf den Schoß genommen habe.

Im Landhaus Meinsbur, in dem Hildegard Knef und ihr Filmpartner, Stummfilmstar Gustav Fröhlich, in den Fünfzigern wohnten, probten später Harald Juhnke und Johannes Heesters. Manchmal hörten die Wirte sie beim Textlernen.

Die Stars kamen gerne nach Bendestorf, denn es erinnerte sie nicht selten an ihre glanzvollste Zeit. Im Garten des Meinsbur steht immer noch ein Gartenhaus, das angeblich erbaut wurde, weil die Knef nicht mit den anderen Gästen wohnen wollte. An Rolf Meyer, der das Mini-Hollywood geschaffen hat, erinnert in Bendestorf nur noch der Name einer Sackgasse.

Artikel bewerten
4.0 (9 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Hini Schultze, 23.07.2013
Vielleicht sollte man auch internationale Stars wie John Lennon erwähnen der in der Lüneburger Heide als Soldat seinen Film "Wie ich den Krieg gewann..." drehte.
2.
Marc Hinrichs, 24.07.2013
Mein wunderschönes Superkaff. Aber der Putz bröckelt. Haarstudio Weißbrich gibts lange nicht mehr, im Kurth ist jetzt ein Italiener. Das Meinsbur hat auch die besten Tage hinter sich. Der Schlangenbaum ist jetzt der Schlangenkeller (ein Swingerclub, wo wir bei Klingelstreichen immer närrischen Spaß hatten). Aber es ist ingesamt noch eine edle Adresse. Hinweis an die Redaktion: Euer ehemaliger Auslandsressortchef Erich Wiedemann lebt immernoch dort. Geht ihn doch mal besuchen.
3.
Till Neumann, 24.07.2013
Aber selbstverständlich gibt es das Haarstudio Weißbrich noch, wenn auch wohl schon längere Zeit keine Filmstars dort dauergewellt werden. Viel interessanter im Kontext des Artikels dürfte sein, dass die Studios bis auf Halle 1 demnächst platt gemacht werden sollen...womit sich Bendestorf vom Status des "Heide-Hollywood" endgültig verabschieden und sich in die endlosen Reihen der anderen verpennten Dörfe am Rande der Lüneburger Heide einreihen wird.
4.
Harry Grunwald, 24.07.2013
Harry Grunwald Bendestorf war zu den Glanzzeiten der Filmstudios längst kein Bauerndorf mehr. Viele Hamburger kauften dort Grundstücke und bauten darauf Bungalows. Sie fühlten sich aber weiter als Hamburger, viele legten sogar Wert darauf, statt des WL-Kennzeichens die HH-Nummer am Mercedes zu behalten.
5.
Heinz Kaiser, 29.07.2013
Die Bildergalerie ist ja ganz schön - aber leider auf kurioseste Art fehlerhaft mit unfreiwilliger Komik: wer textet denn, bitteschön, zum Foto der ranfahrenden "Taxi-Kitty" eine Bildunetrschrift, laut der sie "durch die kleine Heidestadt", wo es sich ja ganz eindeutig und für jeden Hamburger sekundenschnell erkennbar um eines der Grindelhochhäuser in Hamburg-Rotherbaum im Hintergrund handelt. Für eine Veröffentlichungsplattform mit Redaktion in Hamburg ein bizarrer Fehler.... Ähnlich pittoresk die Bildunterschrift zum "Schimmelreiter", der hier natürlich nicht (!) durch Bendestorf reitet, wo es keine städtischen Fachwerkhäuser gibt, sondern wo es sich im Film um eine historische Gasse ganz woanders gehandelt haben muss. Trotzdem: Dank für den liebevollen Text zu einem Stück Filmgeschichte ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH