Filmtrick-Pionier Harryhausen Der Monstermacher

Filmtrick-Pionier Harryhausen: Der Monstermacher Fotos
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"Avatar"-Regisseur James Cameron gehört zu seinen größten Fans: Als Spezialeffekte noch nicht am Computer entstanden, begeisterte Ray Harryhausen bereits Millionen Kinobesucher mit Aliens, Seeungeheuern und Dinosaurien. Angefangen hatte alles mit King Kong - und dem Pelzmantel seiner Mutter. Von Benjamin Maack

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Die Cowboys kreisen das wütende Tier auf ihren Pferden ein, schleudern Lassos. Die Hengste scheuen, ihre Reiter versuchen das Geschöpf zu bändigen, werfen sich mit aller Kraft in die Seile, ein Streit Mensch gegen Urgewalt. Denn diese kühnen Westernhelden fangen keinen Bullen oder einen Wildhengst ein - sie kämpfen gegen einen Allosaurus, eine der gefährlichsten Riesenechsen der Urzeit.

Der Film "Gwangis Rache" von 1969 ist ein absolutes Unikum der Kinogeschichte - und eine Verbeugung vor dem genialsten Spezialeffektemagier des frühen Hollywood. Die Idee dazu stammt nämlich von niemand geringerem als Willis O'Brien. Dieser animierte 1933 mit bahnbrechender Tricktechnik den Riesenaffen King Kong im gleichnamigen Klassiker. Anfang der vierziger Jahre versuchte er, zahlreiche Hollywood-Produzenten von seinem Spektakel zwischen Monsterfilm und Wild-West-Abenteuer zu überzeugen. Vergeblich. Damals mussten Cowboys Indianer oder Pferdediebe jagen - aber doch nicht Dinosaurier. Als O'Brien 1962 an einem Herzinfarkt starb, verstaubte das Drehbuch in einem seiner Regale. Bis sich jemand daran erinnerte. Es war sein gelehrigster Schüler und wohl größter Fan Ray Harryhausen. Dies ist seine Geschichte.

"Ich habe 'King Kong' einige tausend Male gesehen", schwärmt Harryhausen stets, wenn er in Interviews danach gefragt wird, "ich bin der lebende Beweis dafür, dass ein Film dein Leben für immer verändern kann". Mit 13 Jahren sah der kleine Ray den Film das erste Mal im legendären Grauman's Chinese Theatre am Hollywood Boulevard in Los Angeles. Die Eintrittskarten hatte er von seiner Tante geschenkt bekommen, die damals für den Kinobetreiber Sid Grauman arbeitete. Zu dieser Zeit gab es dort vor der eigentlichen Filmvorführung noch aufwendig gestaltete Shows und Dekorationen im Vorraum. Auch Jahrzehnte später sind die Erlebnisse dieses Tages noch lebendig: "Sie hatten eine riesige Büste von King Kong, die aus dem Film stammt - die konnte Lippen und Augenbrauen bewegen", schwärmt Harryhausen, "rosa Flamingos stolzierten herum und das Foyer war mit Büschen in eine Art Urwald verwandelt worden." Vor dem Film selbst stimmten tanzende Ureinwohner und Trapezkünstler mit einer einstündigen Show auf die Geschichte ein. Doch mehr als alles andere fesselte Harryhausen "King Kong" selbst. "Ich ging aus dem Kino. Noch Tage später konnte ich es nicht fassen. Sowas gab es vorher auf der Leinwand nicht."

Stegosaurier mit Wurstbeinen

Tief beeindruckt marschierte der junge Ray nach Hause und fertigte aus einem Holzgerüst und dem Pelzmantel seiner Mutter sein erstes eigenes Monster - einen Höhlenbären - und filmte diesen mit der 16-mm-Kamera seiner Eltern. Von nun an verbrachte er den größten Teil seiner Freizeit mit der Kamera in der Garage und im Naturkundemuseum von L.A., um die Anatomie von Sauriern zu studieren. Seine Leidenschaft für die Urzeitechsen war bereits einige Jahre vorher geweckt worden, als Paläontologen in den Teergruben von Rancho La Brea am Stadtrand Los Angeles Dinosaurierknochen fanden. Die Urzeit schien dem Jungen plötzlich zum Greifen nahe.

Trotz aller Begeisterung für Trickeffekte, die Harryhausen sein Leben lang nicht mehr loslassen sollte, war sein erstes Treffen mit seinem Idol Willis O'Brien fünf Jahre später eher ernüchternd. Nachdem er Dutzende kurze Tricksequenzen gedreht hatte, beschloss der junge Animationsfan, einen Film zu machen, um ihn seinem Helden zu zeigen. Dafür hatte er sich ein hochtrabendes Thema gesucht: die Evolution von der Amöbe bis zum Dinosaurier. O'Briens Urteil fiel vernichtend aus. Die Beine des Stegosaurus würden ja aussehen wie Würste - er solle besser nach Hause gehen und Anatomie studieren. Trotzdem mochte O'Brien den Jungen, der seinetwegen seine gesamte Freizeit in der Garage seiner Eltern verbrachte und Dinos bastelte. Das Treffen wurde zum Beginn einer lebenslangen Freundschaft.

Heute ist Harryhausen bekannter als sein Mentor O'Brien, den der mittlerweile 89-Jährige noch immer mit jungenhafter Zuneigung O'Bie nennt. Harryhausen gilt Fans und Fachleuten gleichermaßen als der Meister der Stop-Motion-Animation. Bei diesem beinahe absurd aufwendigen Trickverfahren werden etwa 30 Zentimeter große Modelle von Filmmonstern mit einem Stahlskellett und bis ins kleinste beweglichen Gliedmaßen hergestellt. Diese werden dann Bild für Bild und Bewegung für Bewegung gefilmt. So erwachen die Kreaturen im laufenden Film zum Leben. Bei 24 Bildern, die damals pro Sekunde durch den Projektor ratterten, musste Harryhausen also für nur eine Minute Action 1440 Einzelbilder kreieren. Jedes nur leicht verändert und auf das vorherige aufbauend, damit aus den einzelnen Stop-Trickschüssen flüssige Bewegungen wurden.

Fechtunterricht für sieben Skelette

Ab den fünfziger Jahren war Harryhausen ein einsamer Meister seines Faches. Im Alleingang hatte er das Stop-Motion-Verfahren, das O'Brien berühmt gemacht hatte, perfektioniert. Der arbeitete bei seinen Projekten noch mit einer riesigen Filmcrew, um die Effekte zu produzieren. Harryhausen erweckte die Phantasiefiguren in Klassikern wie "Sindbads siebente Reise", "Jason und die Argonauten" oder "Panik in New York" im Alleingang zum Leben. In wochenlanger einsamer Studioarbeit schuf er Monsterkraken, Aliens, Seeungeheuer, Riesenskorpione, Sagengestalten wie die Hydra, Medusa oder Zyklopen und immer wieder Dinosaurier. Dabei gelang es ihm, trotz des großen technischen Aufwands, seinen Figuren eine Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit zu verleihen, die auf ihre Art mit der genialischen Computeranimation des Gollum aus "Herr der Ringe" mithalten kann. Harryhausen vertrat schon in den fünfziger Jahren die Auffassung, dass ein Monster vor allem Charakter braucht. "So eine Kreatur wirkt nur dann, wenn sie Ausstrahlung und Persönlichkeit hat", formulierte er sein Credo. Der Zuschauer, so Harryhausen, müsse ihr Handeln begreifen und Anteil nehmen.

Sein Perfektionismus und seine Leidenschaft erklären sich wohl am besten, an einer Szene, die vielen als die grandioseste Leistung des Tricktechnikers gilt. Es ist der Skelettkampf in dem Abenteuerfilm "Jason und die Argonauten". Hier kämpfen Jason und zwei seiner Getreuen in einem mehrminütigen Schwertgefecht gegen sieben garstige Knochenkrieger. Gerade mal viereinhalb Minuten dauert die Szene - Harryhausen arbeitete fünf Monate an ihrer Umsetzung.

Mehr als 6000 perfekte Bilder musste Harryhausen dafür produzieren. Wochenlang bewegte er die puppengroßen Skelettfiguren Millimeter für Millimeter auf dem Arbeitstisch in seinem Studio. Dabei galt es, die Bewegungen der Skelette genaustens auf die der drei Schauspieler abzustimmen. Bewegte sich nur einer der Knochenmänner unrealistisch, war die Arbeit von Tagen hin. Gerade wenn alle sieben Skelette gleichzeitig im Bild zu sehen waren, wurde die Arbeit zu einem nervenaufreibenden Geduldspiel. Dennoch fügen sich im fertigen Film jede Bewegung und jeder Schwerthieb in sagenhafter Harmonie zu einem Ballett aus Trick- und Realfilm. Das lag wohl auch daran, dass Harryhausen nicht nur im Studio ein Besessener war, sondern auch in der Recherche: Oft studierte er wochenlang die Objekte, die er animieren wollte. Um die Bewegungen im Skelettgefecht noch glaubwürdiger darzustellen, nahm er sogar Fechtunterricht.

Fanpost von Steven Spielberg und James Cameron

Auch wenn Harryhausens Filme in ihrer Zeit eher als B-Movies galten, sein Einfluss auf die Kinogeschichte ist enorm: schon bei dem ersten, komplett von ihm animierten Film "Panik in New York". In dem Monsterfilm von 1953 attackierte eine durch Atombombentests mutierte Kreatur die Ostküstenmetropole - und lieferte die Blaupause für den ersten "Godzilla"-Film, der 1954 in Japan erschien. Doch Harryhausens Einfluss reicht noch weiter. Szenen wie der Schwertkampf in "Jason und die Argonauten" bescherten ihm viele prominente Fans, die ihn bis heute heiß verehren und ihm nacheifern - selbst im Zeitalter der Computereffekte.

Tim Burton erbrachte der mitnichten überkommenen Animationsform Stop-Motion 2005 einen erstaunlichen Liebesbeweis. Dem Regisseur wurde von der Produktionsfirma ein Bonus versprochen, wenn er seinen Trickfilm "Corpse Bride" in der zeitgemäßeren, computergenerierten Optik herstellen würde statt mit Stop-Motion. Burton lehnte ab. In der analogen Tricktechnik liege eine Magie, die kein Computer simulieren könne.

Doch die Liebhaber des Stopptricks sind längst nicht die einzigen Verehrer von Harryhausens Kunst. "Ich habe über die Jahre sehr viel Fanpost erhalten", sagt Harryhausen heute nicht ohne Stolz, "Briefe von George Lucas, Steven Spielberg oder James Cameron, die mir sagten, welch großen Einfluss ich auf ihre Arbeit gehabt hätte." Auch "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson und "Spider-Man"-Macher Sam Raimi gehören zu seinen Verehrern. Dass alle populären Kinovisionäre unserer Zeit, die ganze Riege der Blockbuster-Filmemacher, die mit ihrer Arbeit wieder und wieder die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen, Harryhausen verehren, ist ein Treppenwitz der Filmgeschichte.

Explosionen und Gewalt statt "traumhafter Dimension"

Denn der Meister selbst drehte seinen letzten Film "Kampf der Giganten" 1981 - ein Jahr nachdem "Das Imperium schlägt zurück", der zweite Teil der "Star Wars"-Saga, die Leinwand erobert hatte und erstmals auf eine neue, computerunterstützte Tricktechnik setzte. Harryhausen ahnte wohl, dass seine Zeit vorbei war. Spätestens seit Steven Spielberg mit "Jurassic Park" computergenerierte Bilder zum neuen Spezialeffektestandard gemacht hat, geht die Tricktechnik-Legende nur noch selten ins Kino. Dabei hat der Regisseur dem Animationskünstler in seinem Dino-Spektakel ein wunderbares Denkmal gesetzt: Als das erste Mal der T-Rex auftaucht, erscheint er ganz plötzlich und reißt einen kleineren Dinosaurier - damit zitiert Spielberg den ersten Auftritt des Allosaurus in "Gwangis Rache".

Doch für Harryhausen haben die modernen Filme die frühere Magie des Kinos verloren. "Es gibt zu viel Gewalt und alle fünf Minuten eine Explosion - was für mich die billigste Form der Unterhaltung darstellt." Harryhausen ist überzeugt, dass seine Art der Animation den computergenerierten Bildern etwas Entscheidendes voraus hat: "Stop-Motion hat den Figuren eine traumhafte Dimension verliehen, die zu den surrealen Geschichten passte, die wir erzählten."

Nun erscheint demnächst ein Remake seines letzten Films "Kampf der Titanen", ein Action-Spektakel randvoll mit Computereffekten und Explosionen. Eine zweifelhafte Ehre für den alten Hollywood-Haudegen, das hat er schon vor Jahren in einem kurzen Interview auf der Premiere des Peter-Jackson-Remakes von "King Kong" klargestellt. Auf die Frage, ob es auch eine neue Version seines letzten Werkes geben würde, antwortete er nur trocken: "Ich hoffe nicht. Warum auch?"

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Rainer Wessel 26.01.2010
Und noch eine kleine Verbeugung vor dem Meister: Im Pixar-Film "Die Monster AG" spielt eine Szene in einem China-Restaurant namens "Harryhausen's".
2.
Ralf Bülow 27.01.2010
Und noch ein Hinweis darauf, dass die große, von Rolf Giesen aufgebaute Ray-Harryhausen-Sammlung des Filmmuseums Berlin seit einem Jahr eingemottet ist, da man kein Geld für eine weitere Ausstellung hat. Vielleicht meldet sich mal ein Sponsor, der das ändert.
3.
Stefan Wogawa 28.01.2010
Bild 10 ist ja wohl kaum der Saurier aus "Panik in New York", sondern der Drache aus "Sindbads 7. Reise", der vorher schon im Kampf mit dem Zyklopen gezeigt wurde.
4.
Benjamin Maack 28.01.2010
Sehr geehrter Herr Wogawa, Sie haben natürlich recht. Ist schon geändert. Bitte entschuldigen Sie den Vergucker. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Herzlich, Benjamin Maack
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