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08. September 2010, 11:37 Uhr

Filmvorbilder

Das kann doch wahr sein!

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Im Kino erleben Helden die unglaublichsten Abenteuer - doch viele haben einen wahren Kern. einestages verrät, wo Indiana Jones Hausmeister war, welcher CIA-Skandal hinter der "Bourne Identität" steckte - und wie lange die Teufelsaustreibung aus "Der Exorzist" wirklich dauerte.

Der Urwald irgendwo in Südamerika, 1936: Drei Männer schlagen sich durchs Unterholz. Ihr Anführer, ein Mann mit Schlapphut und Lederjacke, bleibt plötzlich stehen. Auf einer vergilbten Landkarte suchte er nach dem Standort ihres Ziels: Das Versteck eines uralten, verlorenen Schatzes. Ganz langsam zieht hinter seinem Rücken einer seiner Begleiter einen Revolver und zielt auf ihn. Blitzschnell dreht sich der Anführer um und schlägt ihm mit seiner Peitsche die Waffe aus der Hand. In wilder Panik läuft der Verräter davon.

Schon die ersten Minuten des Films "Jäger des verlorenen Schatzes" von 1981 verraten: Sein Held, der Archäologe Henry "Indiana" Jones, ist ein Mann der Tat. Mit seinem verbliebenen Begleiter steigt er in die Schatzkammer hinab. Er schüttelt Giftspinnen von seinem Rücken, schwingt sich an Lianen über Abgründe und umklettert tödliche Giftpfeil-Fallen. Und als er beim Stehlen des Schatzes eine gigantische Kugel loslöst, die alles in der Schatzkammer niederwalzt, gelangt er selbstverständlich gerade noch rechtzeitig mit einem Hechtsprung zurück in die Freiheit.

George Lucas und Steven Spielberg, die Macher des Films, betonten stets, ihr Held sei rein fiktiv - was glaubwürdig scheint: Jones, zugleich brillanter Forscher und kämpferischer Abenteurer, dem schöne Frauen genauso leicht in die Hände fallen wie seltene Artefakte, der mit der Pistole ebenso gut umzugehen versteht wie mit dem Wort und dessen einzige Schwäche in seiner panischen Angst vor Schlangen besteht, ist einfach zu gut, um wahr zu sein. Und doch verbirgt sich hinter ihm ein wahrer Kern.

Revolverwirbelnder Hausmeister

Diesen Funken Wahrheit in Filmen aufzuspüren, hat sich die Doku-Fernsehserie "Geschichte made in Hollywood" zum Ziel gesetzt, die am 8. September 2010 auf SPIEGEL GESCHICHTE anlief. Sie stöbert nach den realen Wurzeln von Klassikern wie "Das Schweigen der Lämmer", "Jagd auf Roter Oktober" oder "The Untouchables - Die Unbestechlichen" und macht dabei die sonderbarsten Funde - so wie bei "Indiana Jones": Denn der Ahnvater des peitschenschwingenden Archäologen entpuppte sich als bloßer Hausmeister: Roy Chapman Andrews, der in den Zwanzigern und Dreißigern über die Tierpräparationsabteilung des American Museum of Natural History in New York wachte.

Schon während seiner Kindheit in Wisconsin hatte Andrews sich für die Natur begeistert und die umliegenden Wälder seiner Heimatstadt Beloit erforscht. Und schon früh zeigte er neben Forschergeist auch einen Hang zu Abenteuern: Schon als Junge begann er, sich im Schießen zu üben und begab sich mit waghalsigen Ausflügen in Lebensgefahr - etwa am 31. März 1905, als er mit seinem Freund Monty White bei katastrophalen Wetterbedingungen den reißenden Rock River befuhr. Das Boot kenterte, und während der gute Schwimmer Andrews sich ans Ufer rettete, ertrank sein Freund in den kalten Fluten.

1906 zog Andrews nach New York, um sein Interesse an der Natur weiter zu vertiefen: Er studierte Zoologie und bewarb sich um einen Job an dem Museum für Naturgeschichte - und da dort lediglich ein Hausmeister gebraucht wurde, begnügte er sich eben damit. Doch schon bald schlug sein Abenteurergeist durch und er ging auf Expeditionen, um die Sammlung des Museums zu erweitern: So fing er 1910 im Dschungel von Ostindien Schlangen, jagte 1913 in der Arktis nach Grönlandwalen und entdeckte 1923 als weltweit erster Forscher fossile Dinosauriereier.

"Nur zehnmal fast gestorben"

Doch genau wie Indiana Jones wurde Andrews nicht durch seine Forschung, sondern vor allem durch sein Draufgängertum bekannt: Etwa, als er 1922 in der Wüste Gobi auf Banditen traf und sofort mit seinem Auto auf sie zuhielt und das Feuer eröffnete. Oder als er auf Borneo mit einem sechs Meter langen Python kämpfte. Stets sorgte Andrews mit seinen Büchern dafür, dass jedermann erfuhr, welche Abenteuer er erlebt hatte - und wie wenig er den Tod fürchtete. So erklärte er in "On the Trail of Ancient Man" 1926 beiläufig, in den ersten 15 Jahren seiner Expeditionen sei er "nur zehnmal" fast gestorben.

Eine einzige Schwäche hatte Andrews jedoch - und auch die hatte er mit dem Filmarchäologen Henry Jones gemeinsam: Seine panische Angst vor Schlangen. Einmal ließen er und sein Team während einer Expedition in die Wüste Gobi gar ein Camp zurück, obwohl sie dort zahlreiche Fossilien gefunden hatten. Andrews waren einfach zu viele Vipern in der Gegend.

Skeptiker warfen ihm jedoch vor, er nehme es mit der Trennung von Wirklichkeit und Fiktion bei den Berichten über seine Expeditionen nicht so genau und wolle vor allem sein Image als verwegener Abenteurer zementieren. So beschrieb ihn der Schriftsteller Douglas Preston einmal als "vollendeten Selbstdarsteller". Ein Verdacht, den Andrews selbst erhärtete: Schließlich schrieb er nicht nur wissenschaftliche Texte, sondern auch fiktive Abenteuererzählungen wie "Under a Lucky Star" oder "Ends of the Earth".

Widmung vom "Tarzan"-Vater

Doch trotz dieser Vorwürfe blieben seine wissenschaftlichen Leistungen über jeden Zweifel erhaben. 1934 schließlich beförderte ihn das New Yorker Museum of Natural History nach seinen jahrelangen abenteuerlichen Verdiensten um die Sammlung des Hauses vom Hausmeister zum Direktor des Instituts.

Seine Abenteuer wurden zur Blaupause etlicher Abenteuererzählungen der vierziger und fünfziger Jahre, Romane, Comics oder Actionfilme wie "Lost City of the Jungle" von 1946, in denen Forscher in fernen Ländern Abenteuer erlebten. Edgar Rice Burroughs, der Autor von "Tarzan", huldigte Andrews im Vorwort seines Buches "The Wizard of Venus". Und genau wie Millionen anderer Kinder sogen auch der junge George Lucas und Steven Spielberg diese Abenteuer auf - Jahrzehnte bevor sie 1977 an einem Strand von Hawaii "Indiana Jones" erfanden.

Ebenso wie Andrews immer wieder überraschende Entdeckungen unter dem Sand fremder Wüsten zu Tage förderte, gräbt sich die Serie "Geschichte made in Hollywood" mit jeder Folge in einen neuen Filmmythos hinein und trägt dabei Erstaunliches zu Tage: einestages präsentiert die Bildergalerie der unglaublichsten Begebenheiten hinter bekannten Hollywood-Blockbustern - von dem tödlichen Ausgang der Gefängnisflucht, die 1979 als "Flucht von Alcatraz" verfilmt wurde, über den wahren Serienmörder hinter "Das Schweigen der Lämmer" von 1991 bis zu den realen Geschehnissen, die 1973 im Horror-Schocker "Der Exorzist" aufbereitet wurden.

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