Finanzkrise Paläste für die Chefs, Koks für die Sekretärin

So machte Turbokapitalismus Spaß: In den achtziger Jahren schauten Porsche-Händler persönlich im Banker-Büro vorbei, um Bestellungen aufzunehmen. In der "Dekade der Gier" wurde das System etabliert, das uns jetzt um die Ohren fliegt - und jene Aktienjongleure geboren, die heute ihre Pappkartons packen. einestages untersucht die aussterbende Spezies.

Von Michael Heim

REUTERS

Der Weg ins Paradies war steinig: Wer Mitte der achtziger Jahre bei Lehman Brothers, New York, im 43. Stock zum Bewerbungsgespräch erschien, wurde sofort einem Stresstest unterzogen: Man möge doch bitte einmal das Fenster aufmachen. Der Witz: Im 43. Stock geht ein Fenster nicht auf. Die Personaler lehnten sich zurück und betrachteten genüßlich, wie gestresste Bewerber mit hochrotem Kopf am Rahmen herumhantierten, während ihre Selbstsicherheit so rasch dahin schmolz wie ihre Einstellungschancen.

Trotzdem träumten damals Scharen von Absolventen der besten Universitäten von einem Job am Puls des Kapitals. Beflügelt wurden diese Träume von Einstiegsgehältern um die 50.000 Dollar - und der Aussicht auf eine rasche Verzehnfachung des Salärs. In der "Dekade der Gier", wie man die achtziger Jahre bald nannte, war Augenmaß nur beim Einparken des Porsches gefragt. Wer das große Geld bewegte und ebensolches verdiente, durfte unbescheiden sein: Investment-Banker waren die "Herren des Universums", wie es der US-Schriftsteller Tom Wolfe 1987 in seinem Börsianer-Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" auf den Punkt brachte - rote Hosenträger mit eingestickten Dollarzeichen inklusive.

Die jungen, ehrgeizigen Hoffnungsträger von den Elite-Unis durften den Eintritt in diese Sphäre auf keinen Fall verpassen und traten gleich in Jahrgangsstärke zur Bewerbung an. 70 Prozent der Wirtschaftsabsolventen aus Yale versuchten 1985, bei ein und derselben Investmentbank einzusteigen. Entsprechend gnadenlos wurde gesiebt, wie Michael Lewis, Ex-Investmentbanker und Autor von "Liar's Poker", berichtet. Beliebte Taktik neben dem Fenstertest war es, einen Bewerber nach dem Eintreten nur wortlos anzustarren. Er grüßte, und nichts geschah. Er stellte sich vor, sagte, er sei zum Bewerbungsgespräch gekommen - keine Reaktion. Das beginnende Lavieren wurde allenfalls mit einem befremdeten Kopfschütteln quittiert. Der überrumpelte Bewerber musste zeigen, dass er das Meeting in den Griff bekommen konnte. Und zwar geschickt: Wie Lewis berichtet, wurde der Bewerber, der das Fenster schließlich überraschend geöffnet bekam - indem er einen Stuhl hindurchschleuderte -, nämlich auch nicht genommen.

"Beschissene Anleihen in einem beschissenen Deal"

Das Parkett der Handelshäuser, wo jeder Trader täglich Millionen in die Hand nahm, war nichts für schwache Egos. Als Trainees würde man sie schinden und gelegentlich mit Telefonen nach ihnen werfen, später in der Karriere durften sie sich nicht über einen Chef wundern, der auf den Tisch sprang und ihnen seine Ansicht zu Person und Performance fuchtelnd ins Gesicht brüllt. "Wenn du die beschissene Anleihe in einem beschissenen Deal kaufst, hast du Scheißer verschissen", war unter Tradern in New York eine durchaus akzeptable Anlageinformation.

Der Ansturm auf die Jobs der Banker hatte allen Grund. Nirgendwo gab es in den Achtzigern so viel Bewegung, so aufregende Veränderungen, ein vergleichbares Gefühl unbegrenzter Möglichkeiten. Die explosive Entwicklung der Branche hatte so gar nichts mehr von der bewährten, eben deshalb aber auch ein bisschen langweiligen Seriosität, für die das Bankgewerbe bis dahin berüchtigt gewesen war. Jetzt ging es um Action, Drama, Testosteron, das Vokabular der Branche sprach Bände: Man dealte mit Schundanleihen, junk bonds, setzte auf gefallene Engel - ehemals sichere Schuldscheine, deren Rückzahlung fragwürdig geworden war -, verbündete sich mit Firmenräubern, den corporate raiders, oder bekämpfte sie mit "Giftpillen", den poison pills, und Mitteln zur Hai-Abwehr, den shark repellents. Den Glücklichen kam vielleicht ein "weißer Ritter" in Gestalt eines freundlich gesonnenen Großinvestors zu Hilfe, bevor sie geschluckt wurden. Zur Not blieb dem Management immer noch der Griff zum "goldenen Fallschirm" - einer dicken Abfindung.

Schampus für die Herren des Universums

Die Dramatik der Worte, das verbale Muskelspiel war keine leere Hülse. In das Börsengeschäft und Investmentbanking waren tatsächlich neue, sehr viel rauere Sitten eingezogen. Investmentbanker, allen voran der Junkbond-Guru Michael Milken und sein Arbeitgeber Drexel Burnham Lambert, finanzierten feindliche Übernahmen. Meist hatten sie die Zerschlagung des aufgekauften Unternehmens und Renditesteigerungen durch Massenentlassungen zum Ziel. Beutezüge auf Pump, sogenannte leveraged buy-outs, waren besonders populär. Der Angreifer erhielt von den Bankern zunächst einen Überbrückungskredit, mit dem er den Aktionären des Opfer-Unternehmens ein Angebot deutlich über dem normalen Börsenkurs machte. Hatte er seine Aktienmehrheit zusammen und die Firma unter seiner Kontrolle, konnte er das Unternehmen verpfänden - und mit dem Erlös den Überbrückungskredit zurückzahlen.

Mit minimalem Einsatz an eigenem Kapital hatte der Corporate Raider eine Firma erbeutet. Das beträchtliche Risiko - die Firma war nun hoch verschuldet und konnte zahlungsunfähig werden - trugen die Kreditgeber, die Käufer der Anleihen. Die jedoch ließen sich von der Gefahr nicht schrecken, denn es winkten fette Renditen: Die riskanten Junk-Anleihen waren äußerst lukrativ verzinst. Solche Geschäfte waren, ganz im Geist der Achtziger, nichts für zarte Gemüter. Der Angreifer entsorgte den unprofitablen Ballast der Firma, machte Kasse und verkaufte. War für die Einzelteile der Firma ein höherer Preis zu erzielen als für das Gesamtunternehmen, wurde es filetiert, der Rest geschlossen. Die Renditen waren in der Regel enorm, und die Herren des Universums öffneten den Schampus.

Dass die Beteiligten schlaflose Nächte durchwachten, weil sie das soziale Gewissen plagte, ist nicht überliefert. Dass tagsüber Porsche-Händler durch die Handelsräume der Investmentbanken streiften, um die Bestellungen aufzunehmen, hingegen schon. Die jungen Wilden - risikofreudige "Whizkids", die keine Erinnerung an die Weltwirtschaftskrise und ihre Ausläufer mehr belastete - warfen ungehemmt mit Geld um sich, auf dem Börsenparkett und nach Feierabend sowieso. Auf großen, lauten und - übrigens - sehr teuren Parties feierte sich die Szene selbst, Presse willkommen. Die Avantgarde der Yuppie-Kultur, die an den Finanzplätzen spross und gedieh, pflegte Oberklassehobbys - Reiten, Fliegen, Golf, exklusiver Tennisklub -, wohnte edel, gönnte sich eine Yacht oder die Stretch-Limo. An guten Tagen gab's auch mal ein Gramm Koks für die Sekretärin.

Vornehm war man also nie. "Viele von uns wären als Verkäufer an einem Markstand genauso erfolgreich", bemerkte ein Londoner Aktienhändler über seinen Berufsstand. Sein Arbeitsplatz, die Londoner City, zählte in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre zu den heißesten Finanzmärkten weltweit. Nirgendwo war die neue Zeit des Turbo-Investments mit solcher Wucht angekommen wie dort. Nirgendwo hatten sich die Verhältnisse so radikal und über Nacht geändert.

Vom Gentlemen-Club ins Haifischbecken

Noch zu Beginn der Achtziger war die Londoner City ein beschauliches Plätzchen gewesen - aus der Perspektive von Lisa Endlich, später Vizepräsidentin von Goldman Sachs, "das Sibirien des Investment-Bankings, ein Ort der Verbannung für diejenigen, die die Firma zu vergessen wünschte". Allerdings ein Sibirien, in dem es entspannt zuging. An der Londoner Börse regierte noch das "Old Boys Network": die eng verbandelte Upper Class, ein bisschen snobistisch, sehr konservativ - der Dresscode erlaubte Variation nur bei der Breite der Nadelstreifen. Man blieb unter sich und ließ es sich gut gehen. Verbindlich festgelegte, üppige Margen für die Abwicklung von Transaktionen ließen Konkurrenzgehabe unnötig anstrengend erscheinen, rechtliche Barrieren hielten Fremde aus dem Geschäft fern. Wirklich hart machte den Börsenhandel in London damals nur die Tatsache, dass die Börsianer üblicherweise zweieinhalb Stunden nach Handelsbeginn an der Bar die ersten Drinks nahmen.

Doch am 27. Oktober 1986, dem Tag des "Big Bang", des Urknalls für die neue Londoner City, fielen die Barrieren, die das Börsenbiotop so lange geschützt hatten. Die Regierung Thatcher gab den Markt frei, feste Margen waren passé, und ein harter Preiskampf um Kunden und Marktanteile begann. Ausländische Banken, die mit diesem Tag gleichberechtigten Zugang zur Londoner Börse bekamen, drängten mit Macht auf das Parkett. Besonders für die Amerikaner boten sich bisher ungeahnte Möglichkeiten: Anders als an der Wall Street, wo gewöhnlichen Geschäftsbanken der Handel mit Wertpapieren seit den dreißiger Jahren untersagt war - das blieb den spezialisierten Investmentbanken vorbehalten -, konnten sie sich in London ungehemmt betätigen.

Schon im Vorfeld des großen Tages hatten die Newcomer aus dem Ausland damit begonnen, im großen Stil Leute abzuwerben. "Ich wurde von einer großen Investment-Bank nach New York geflogen," erinnert sich der Broker Philip Augar in seinem Rückblick "The Death of Gentlemanly Capitalism". Dort bekam er "einen Handelsraum so groß wie das gesamte Londoner Börsenparkett gezeigt und ein Haus in Hampstead als Unterzeichnungsbonus geboten". Die Amerikaner brachten das neue Zeitalter an die Londoner Börse, Umsätze und Gehälter explodierten. Wilde und exotische Anlageformen wurden erfunden. Außerdem wurde nun auch elektronisch gehandelt und nicht mehr, wie zuvor, per Zuruf und Handzeichen - die gemütlichen Zeiten waren vorbei.

Zum Meeting in die Badewanne

Während noch 1986 ein britischer Investmentbanker über den Vorschlag seines amerikanischen Kollegen spottete, sich morgens um halb acht bei einem Business-Frühstück zu besprechen ("Warum treffen wir uns nicht eine Stunde früher bei mir zu Hause und baden zusammen?"), betrachtete man nur wenig später 60 bis 70 Arbeitsstunden pro Woche bereits als völlig normal und eine 40-Stunden-Woche als kleine Pause zwischendurch. Der Takt war rasant, der Markt forderte blitzartige Reaktionen. Fehler und Krisen führten zu nicht minder blitzartigen Kündigungen.

Wer dem rasenden, fordernden Leben, dem permanent hohen Risiko beim Wertpapierhandel gewachsen war, zählte sich zur Elite der Finanzwelt. Nicht immer war das anderen in der Branche sofort einsichtig. Einem Schwergewicht aus der Chefetage von HSBC - einer ganz normalen, ergo langweiligen Geschäftsbank - schienen die Verhältnisse nicht ganz klar zu sein, als er sich beim Besuch einer frisch zugekauften Broker-Firma über deren sparsames, schnörkelloses Ambiente mokierte. In den Büros des Haupthauses, ätzte er, werde ihm die Arbeit jetzt wie in einem Palast erscheinen. Aus den Reihen seiner neuen Angestellten wollte ihm niemand widersprechen. Das sei eben der Unterschied zwischen normalen Bankern und Leuten im Wertpapiergeschäft, pflichtete ihm einer bei: "Ihr arbeitet in Palästen. Wir wohnen drin."



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