Finanzkrise Als Deutschlands Banker Demut lernten

Banker am Ende? Der Staat als Retter? Alles schon gehabt. 1931 regierte Panik in Deutschlands Finanzwelt: Die Dresdner Bank und andere Geldgiganten standen kurz vor dem Ende, die Regierung schritt ein, verstaatlichte Banken - und schmiss im großen Stil Vorstände raus. Davon kann die Politik noch heute lernen.

Von Michael Heim

AP

Die Regierung in Berlin war außer sich über die Manager der deutschen Banken. Von "Persönlichkeiten, die mit dem Odium der Fehlschläge belastet sind", sprach der wütende Kanzler und verlangte, sie sollten "soweit eliminiert werden, wie es mit Rücksicht auf die Kontinuität der technischen Gesamtführung irgend möglich ist". Eliminiert: Das war auch im Februar 1932 schon ein sehr hässliches Wort.

In den Vorstandsetagen der deutschen Großbanken konnte man über diesen Wutanfall kaum mit einem Schulterzucken hinweggehen. Das Wort des Reichskanzlers hatte dort mehr Gewicht als jemals zuvor: Eine Krise ungekannten Ausmaßes hatte 1931 das Bankwesen erfasst. Nur mit einer dramatischen Rettungsaktion der Regierung wurde es vor dem Untergang bewahrt. Nun hatten auch in der Finanzwelt Politiker die Hosen an: Im Gegenzug für Finanzspritzen, die die Geldhäuser dringend benötigten, erwarb der Staat Beteiligungen. Die Dresdner Bank gehörte ihm schließlich zu 90 Prozent, die Commerz- und Privatbank zu 70 Prozent, und selbst der Platzhirsch, die Deutsche Bank, hatte sich zu einem Drittel in die Hände des Staates begeben müssen.

Der machte von seinem neuen Einfluss energisch Gebrauch. Banken wurden nach dem Willen der Regierung saniert, bei Bedarf per Dekret zur Fusion mit einem Konkurrenten gezwungen. Es wurde persönlich. "Auf eines", befand Reichskanzler Heinrich Brüning, "wird der Durchschnittskunde der Banken bei der Höhe der Verluste bestimmt schließen, nämlich auf die Fähigkeit oder Unfähigkeit der Bankleitung". In den Chefetagen wurde ausgefegt: Ein Drittel der Deutsche-Bank-Vorstände musste gehen, bei der Commerzbank die Hälfte. Bei der Dresdner Bank durfte nur einer noch bleiben.

Hiobsbotschaft aus Österreich

Mit dem Rausschmiss bekamen die Banker die Rechnung präsentiert - für ihr Finanzgebaren und das wirtschaftliche Chaos, in das sie sich bis zum Hals verstrickt hatten. 1931 befand man sich gerade mitten in einer scharfen Rezession, die später als Weltwirtschaftskrise in die Geschichte eingehen sollte. Der Abschwung hatte mit dem Börsencrash an der Wall Street spektakulär begonnen und sich - gefördert von einem starren Währungssystem und verfehlter Politik - rasch global ausgebreitet. Inmitten dieser ohnehin prekären Situation erschütterte eine Hiobsbotschaft aus Österreich die Bankenwelt. Die Creditanstalt - die größte Bank des Landes und zugleich eine gigantische Holding mit umfangreichem Aktienbesitz - war pleite. Durch direkte und indirekte Beteiligungen hatte sie 60 Prozent der österreichischen Industrie kontrolliert.

Die Nachricht vom unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Creditanstalt wurde zur Wasserscheide: Ab jetzt regierte die Panik. Die österreichischen Banken wurden von verängstigten Sparern gestürmt. Die Nerven von Anlegern und Investoren lagen blank, und das nicht nur in Österreich. Denn die Schwächen des Banksystems, die der Creditanstalt zum Verhängnis geworden waren, ließen sich in anderen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, nur zu leicht wiedererkennen.

Anders als im angelsächsischen Raum pflegten die Bankiers in Mittel- und Osteuropa, unklugerweise, enge Beziehungen zur Industrie: über langfristig vergebene Kredite und Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien. Beides hatte seine Tücken. An die Kredite kam eine Bank, sollte sie plötzlich Geld brauchen, aufgrund der langen Laufzeiten nicht wieder heran. Und Aktien waren in einer allgemeinen Wirtschaftskrise nicht mehr viel wert. Unternehmensbeteiligungen lasteten wie Blei auf den Bilanzen der Banken.

Vollständig zum Verhängnis wurde der deutschen Bankwirtschaft aber ihre Abhängigkeit vom Ausland. Dort hatte sie sich mit dem Kapital versorgt, das sie an Handel und Industrie verlieh. Das war verlockend, denn in Deutschland selbst war Kapital knapp: All das, was Sparer mühsam angesammelt hatten, hatte die Hyperinflation von 1923 wertlos gemacht. Danach war den Deutschen die Lust am Sparen auf Jahre vergangen. Zwar sprang nun das Ausland ein und füllte den Banken die Kassen, doch die Erinnerung an das Chaos der Inflation war auch bei den ausländischen Geldgebern nicht verblasst: Sie blieben vorsichtig und vergaben vor allem kurzfristige, schnell rückholbare Kredite nach Deutschland. Damit war im Krisenfall der Notausgang nicht weit.

Der große Krach

Viel hing also vom Vertrauen des Auslands ab. Und das war ein zartes Pflänzchen. Schon im September 1930, als sich bei der Reichstagswahl die Stimmen der Nationalsozialisten verzehnfacht hatten, begannen Investoren - beunruhigt über politische Instabilität -, Kapital aus Deutschland abzuziehen. Die Lage verschlimmerte sich, als renommierte Konzerne ins Trudeln kamen: Im Mai 1931, gerade als in Österreich die Krise um die Creditanstalt für Panik zu sorgen begann, wurde ruchbar, dass Karstadt in Schwierigkeiten steckte und die bekannte Nordstern-Versicherung auch. Karstadt war gerade dabei, rasch zu expandieren, und finanzierte diese Expansion mit Hilfe von Krediten: Ausländische Gläubiger fragten sich besorgt, wie sicher die Banken noch waren, die Karstadt geliehen hatten.

Politische Entwicklungen verschreckten sie noch weiter: Eine Erklärung von Reichskanzler Brüning, der im Poker um die Zahlung von Kriegsreparationen die Möglichkeit eines deutschen Staatsbankrotts andeutete, heizte Anfang Juni die gefährlichen Kapitalabflüsse ins Ausland an.

Für den großen Krach fehlte nur noch der Anlass. Den lieferte eine windige Bremer Firma namens Nordwolle - und ihr Partner, die Danatbank, die ihr im großen Stil geliehen hatte. Die Danatbank verkörperte die aggressive Bankstrategie, den harten Konkurrenzkampf im Bankwesen: Noch offensiver als ihre Konkurrenten hatte sie Marktanteile erobert und dabei auch hohe Risiken nicht gescheut - egal ob umfangreiche Kredite aus dem Ausland oder fragwürdige Investments. Die mit ihr verbandelte Nordwolle war ein solches. Sie setzte ebenfalls ganz auf Risiko, kaufte mit dem Geld der Danatbank umfangreiche Bestände an Wolle und wartete darauf, dass der Preis stieg. Der Wollpreis fiel, das Geld war weg, man wurde kreativ: Nordwolle hübschte die Bilanz auf. Lange ging das nicht gut.

Die Danatbank wurde vom Kollaps der Nordwolle kalt erwischt. In der Öffentlichkeit machten erste Gerüchte die Runde, dass eine deutsche Bank in Schwierigkeiten sei. Als der Name der Danatbank fiel, brach der Sturm los. Binnen weniger Tage musste die Bank aufgeben: Am Montag, den 13. Juli, blieben ihre Schalter zu. Am vorausgegangenen Wochenende hatten hektische Krisengespräche zwischen führenden Branchenvertretern und der Reichsregierung ein heilloses Chaos unter den Banken offenbart. Die Dresdner Bank etwa, die ebenfalls mit Krediten für die Nordwolle schwer belastet war, behauptete noch am Samstag, nicht in Gefahr zu sein - drei Tage später war sie am Ende. Misstrauen und Konkurrenzdenken unter den Bankern verhinderten gemeinsame Gegenmaßnahmen.

Stattdessen war es die Reichsregierung, die nun die Notbremse zog. Als am Montag die Banken öffneten - bis auf eine - und schon nach wenigen Stunden dem Andrang panischer Sparer nicht mehr gewachsen waren, erklärte die Regierung die folgenden zwei Tage zu "Bankfeiertagen"; sämtliche Geldinstitute blieben geschlossen. Danach wurden Abhebungen zunächst nur für dringlichste Geschäfte zugelassen, etwa für die Zahlung von Gehältern. Die Atempause nutzte man, um die am meisten gefährdeten Banken mit Geld zu versorgen. Die Stunde des Staates war gekommen.

Der Preis des Staatseingriffs

Der Staat nutzte seine Chance, nicht immer zur Freude der Banker. Wilden Protest erntete der Beschluss der Reichsregierung, Kredite für die geplagte Wirtschaft billiger zu machen und per Dekret die Verzinsung laufender Anleihen zu reduzieren. In seinen Einnahmen getroffen, empörte sich der Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiersgewerbes über "die denkbar größte Missachtung" von Privateigentum und sah das Vertrauen in die Wirtschaft "durch extreme Forderungen radikaler Parteien längst nicht so sehr untergraben" wie durch einen solchen Eingriff. Ebenfalls wenig erbaut zeigte sich die Finanzwelt über schärfere Kontrollen. Doch die Regierung wollte die Banken, auch die ohne Staatsbeteiligung, nicht länger sich selbst überlassen und richtete erstmals eine Bankenaufsicht ein. Mit dem Recht, jederzeit die Bücher zu prüfen und an Sitzungen von Vorstand und Aufsichtsrat teilzunehmen, sah jetzt der neue "Reichskommissar für das Bankgewerbe" der Branche auf die Finger.

Dem Staat gelang es, mit großangelegten Interventionen - von der Übernahme großer Banken über Umstrukturierungen bis hin zu flankierenden Aufsichtsmaßnahmen - den Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Einem der Akteure jedoch kam das ganz und gar nicht zugute: der Regierung. Gewerkschaften und Kommunisten wetterten gegen die "Sozialisierung der Verluste". Von der Wirtschaftskrise gebeutelt, waren antikapitalistische Reflexe in der Bevölkerung bereits die Norm: Dass das Kabinett sich scheinbar vor allem für das Großkapital, die unpopulären Banken in die Bresche warf, brachte ihm keine Sympathiepunkte ein. Und die, denen die Regierung in der Krise zu Hilfe gekommen war? Fühlten sich durch staatliche Eingriffe und Kontrollen "in ihrem Berufsempfinden verletzt". Die Finanzwelt rückte von Reichskanzler Brüning ab.

Dennoch: Die Banken kamen an die Leine, die Zeit selbstgewisser, hochfliegender Bankiers war vorerst vorbei. "Diese Kreditinstitute", mahnte der Finanzpolitiker Bernhard Dernburg, "müssen bei richtigem Funktionieren dienende Glieder der Gesamtwirtschaft sein und nicht, wie heute, herrschende". Nach der Krise von 1931 backte die Branche kleine Brötchen - eine Weile zumindest.



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