Finanzsystem Willkommen im Hort der Geldrevolution!

In einem Landhotel in Neuengland stampften 1944 die klügsten Ökonomen ihrer Zeit eine internationale Währungsordnung aus dem Boden. Jahrzehnte brachte das Arrangement von Bretton Woods der Welt Stabilität - bis Zocker die Regie übernahmen.

Corbis

Von Wolfgang Kaden


Von Portland aus, der Stadt am Atlantik, führt die Straße 302 nach Westen, in die White Mountains hinauf. Gut zwei Stunden dauert die landschaftlich reizvolle Tour über 95 Meilen, dann ist man angekommen.

In einem Ort, der praktisch nur aus einem riesigen Hotelkasten besteht. Protzig steht das "Mount Washington" in dieser ruhigen Berglandschaft. Ein Hotelgigant, wie ihn die Amerikaner lieben. Golf, Angeln, Schwimmen im Sommer, Ski fahren im Winter. Das Standardzimmer für rund 250 Dollar.

Das Hotel, der Ort - es sind keine gewöhnlichen Touristenziele, sondern zeitgeschicht-liche Denkmäler, für viele ein Mythos. Willkommen in Bretton Woods.

Hier war es, wo im Sommer 1944 die globale Geld- und Währungsordnung für die ersten Jahrzehnte nach dem Weltkrieg ausgehandelt wurde. Lord John Maynard Keynes, der führende Ökonom jener Zeit und englische Verhandlungsführer, hatte den Anstoß geliefert, die Konferenz in das abgelegene Berghotel zu legen. "Laden Sie um Himmels willen nicht nach Washington ein. Das wäre sehr unfreundlich", schrieb Keynes an Harry Dexter White, den Staatssekretär im amerikanischen Finanzministerium. Keynes war damals schon schwer herzkrank und scheute das feuchtheiße Sommerklima der US-Hauptstadt.

So zog der Tross nach Bretton Woods und sorgte dafür, dass ein Ortsname zum Symbol für eine Ära wurde. Einer mit historisch einmaliger Wohlstandsmehrung, mit einer Gesellschaft nahezu ohne Arbeitslosigkeit, mit stabilen Wechselkursen, mit einer erfolgreichen Kooperation aller westlichen Nationen. Wann immer in den Krisenjahren 2008 und 2009 über eine neue Ordnung für die Weltwirtschaft geredet wurde - stets war und ist die Rede von einem "neuen Bretton Woods".

Das Abkommen, das im "Gold Room" des "Mount Washington" am 22. Juli 1944 paraphiert wurde, sah für das Weltwährungssystem feste Wechselkurse vor, die um ein Prozent nach oben und unten schwanken durften. Wenn diese Austauschverhältnisse ("Paritäten") nicht mehr die tatsächliche Stärke der Währungen zueinander widerspiegelten, sollten die Notenbanken und Regierungen neue Wechselkurse festlegen.

In der Praxis bedeutete dies, dass die Notenbanken sich verpflichteten, zu garantierten Preisen ausländische Valuta anzukaufen, beziehungsweise die heimische Währung zu verkaufen - unabhängig von der angebotenen Menge. Der freie Markt war ausgeschaltet. Zumindest so lange, wie Regierungen und Notenbanken die Kurse nicht an die grundlegenden Kräfteverhältnisse anpassten.

Der US-Dollar wurde die Leitwährung des Systems, alle Devisentransaktionen richteten sich nach dem Austauschverhältnis der einzelnen Währungen zum Dollar. Und: Die Amerikaner verpflichteten sich, die Dollar-Reserven jedes Landes gegen Gold einzutauschen, zum festen Kurs von einer Unze Gold für 35 Dollar.

Gleichzeitig verabredeten die Teilnehmer in Bretton Woods die Gründung des Internationalen Währungsfonds. Der sollte das neue System überwachen und unterstützen. Und er sollte - mit Zahlungsmitteln seiner Mitglieder ausgestattet - jenen Ländern beistehen, deren Zahlungsbilanz in die Miesen gerutscht war.

Der Rahmen für die Ordnung der Weltwirtschaft nach dem Desaster der Weltwirtschaftskrise und den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war geschaffen. Die Jahrzehnte, die folgen sollten, zeigten allerdings, dass auch ein anscheinend gut konstruiertes ökonomisches Gerüst nur für begrenzte Zeit tauglich sein kann.

Für die meisten Veränderungen und Reformen der vergangenen 65 Jahre gibt es einen gemeinsamen Nenner, und der heißt: mehr Markt, weniger Staat. Die Akteure auf den Geld- und Währungsmärkten konnten frohlocken. Sie erhielten über die Jahrzehnte hinweg immer mehr Freiheiten - bis schließlich dieser Prozess der Deregulierung überzogen wurde und in der großen Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 sein teures Ende fand.

Das System von Bretton Woods wies noch viele Charakteristika einer Zentralverwaltungswirtschaft auf. Staatliche Organe legten die Währungsparitäten fest, die Notenbanken garantierten diese hoheitlichen Preise für den Austausch von Währungen. Noch Jahre nach dem Abschluss des Vertrags kontrollierten viele Länder die grenzüberschreitenden Kapitalströme.

Das System brauchte Kontrollen, weil es sonst schon früh von der Spekulation aus den Angeln gehoben worden wäre. Konkret: Jeder Erwerb von Devisen, also ausländischem Geld, jeder Export von Kapital musste von Behörden genehmigt werden. Was den internationalen Handel und Investitionen im Ausland sehr schwerfällig machte.

Schnell stellte sich heraus, dass die vorgesehene Anpassung der Wechselkurse an eine veränderte Situation der Märkte - man sprach von "Stufenflexibilität" - eine Illusion war.

Die betroffenen Regierungen zögerten meist viel zu lange, bis sie neue Austauschverhältnisse festlegten, ihre Währungen also auf- oder abwerteten.

Bretton Woods litt darunter, dass es nicht elastisch genug war, um auf eine sich rasch verändernde und wachsende Weltwirtschaft zu reagieren. Je mehr die nationalen Volkswirtschaften zu einem einzigen großen Markt zusammenwuchsen, umso schwerer war es, die grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen zu kontrollieren.

"Rückblickend lässt sich sagen, dass es außerordentlich naiv war zu glauben, dieses System könne funktionieren", schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Barry Eichengreen.

Die Volkswirtschaften der nichtkommunistischen Hemisphäre prosperierten, aber sie taten dies auf höchst unterschiedliche Weise. Die einen, vor allem die Deutschen, waren nach der Hyperinflation darauf fixiert, dass ihre Mark möglichst wenig an Wert verlor. Andere, in Europa beispielsweise die Italiener oder die Franzosen, nahmen ein gewisses Maß an Teuerung locker hin.

Die einen, wiederum die Deutschen, waren überaus erfolgreich auf ausländischen Märkten, exportierten mehr, als sie importierten, und legten sich beachtliche Devisenüberschüsse zu. Andere, so die Briten, kauften mehr Güter und Dienste im Ausland, als sie dorthin ausführten; ihre Zahlungsbilanz geriet immer tiefer ins Minus.

In dem Maße, wie sich die Wirtschaft und der Geldwert in den einzelnen Ländern unterschiedlich entwickelten, hätten sich die Preise (oder: Kurse) für die einzelnen Währungen verändern müssen. Doch dieser Mechanismus funktionierte nicht.

Symptomatisch war das Verhalten der Deutschen. Ende der Sechziger wäre eine Aufwertung der Mark zwingend gewesen. Doch die Unternehmerlobby stemmte sich mit aller Gewalt gegen das ökonomisch Gebotene. Eine Aufwertung hätte ihre Produkte im Ausland verteuert und womöglich zu weniger Exporten geführt.

So wurde die Währungspolitik, ein eher sperriges Sujet, zum Top-Thema im Wahlkampf 1969. Der Sozialdemokrat Karl Schiller, Wirtschaftsminister der damaligen Großen Koalition, focht für die Aufwertung. Franz Josef Strauß, sein Finanzminister-Kollege von der CSU, und die gesamte Union waren dagegen. Erst mit der Bildung der SPD-FDP-Koalition im Herbst 1969 wurde dann die Mark - zum zweiten Mal nach 1961 - aufgewertet, um 8,5 Prozent.

Noch eine weitere Fehlkonstruktion im System von Bretton Woods trat bald zutage: die dominante Position des Dollar, über den der Austausch aller Währungen lief.

Im Vietnam-Krieg warfen die Amerikaner ihre Gelddruckmaschinen an, um alle Auslandsrechnungen bezahlen zu können. Die Welt wurde mit Dollar regelrecht überschwemmt. Für Deutschland bedeutete das: Die Bundesbank musste Unmengen von Dollar ankaufen. Die wurden in Mark umgetauscht und erhöhten im Inland die Geldmenge. Man klagte über die "importierte Inflation".

Diese Dollar-Flut machte schließlich Anfang der siebziger Jahre Bretton Woods den Garaus. Deutschlands Wirtschaftsminister Schiller legte den Hebel um. Im Mai 1971 gab er den Wechselkurs der Mark frei und löste damit, wie der damalige Spitzenbeamte und spätere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl schreibt, "ein kleines internationales Erdbeben aus".



insgesamt 2 Beiträge
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Svetozar Schnuckelberger, 14.08.2009
1.
Grund waren keineswegs "Zocker", sondern der (durch die sinkende komparative Leistungsfähigkeit der US-Wirtschaft und die Kosten des Vietnam-Krieges ausgelöste) Staatsbankrott der USA im August 1973. Die USA entledigten sich seinerzeit im Wege der Schließung des Goldfensters ihrer (bis dahin durch den Dollar verköperten) internationalen Verbindlichkeiten qua schlichter Repudiation, und verwiesen ihre Gläubiger (die Dollar-Besitzer) auf das neue fiat money, das nur dem äußeren Anschein nach mit dem bisherigen Dollar identisch war und in den Folgejahren massiv entwertet wurde.
Bernd Habben, 14.08.2009
2.
Keineswegs wurden die Finanzmärkte derart dereguliert, wie es suggeriert wird. Der Staatsinterventionismus am Devisen- und Aktienmarkt über die Zentralbanken (Eigner der Fed sind übrigens Privatbanken!!!) wurde hingegen perfektioniert. Das seitens der USA installierte "plunge protection team" ist über die gerügten Hedge-Fonds selber einer der großen Marktteilnehmer. Das größte Übel ist jedoch die masslose, seitens der Politik beschlossene, Geldmengenausweitung, die in keinster Weise der Wertschöpfung der Realwirtschaft entsprochen hat. Auf diese Weise ist es ein Leichtes, Wohlstand zu schaffen. Es ist nur wie der gefühlte Reichtum nach Kreditkartenkauf ohne Kontodeckung, weil die Kosten via Staatsverschuldung den kommenden Generationen auferlegt werden. So etwas nennt man in der Privatwirtschaft "Schneeballsystem" und dort ist es strafbar. Heute hingegen ist z.B. eine "Umweltprämie" Zucker fürs Volk. Es verbietet jedoch anscheinend die "political correctness", dieses Thema grundlegend und für jeden Bürger verständlich öffentlich darzulegen, denn dann wäre der wahre Charakter unserer "westlichen Demokratien" offensichtlich - legitmierter Massen-Diebstahl via Steuerbelastung im Rahmen einer Umverteilung zum Vorteil weniger unter dem Deckmantel des "Sozialgedankens". Der Stoff bietet Platz für eine Jahresreihe im Spiegel.
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