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Finnischer Scharfschütze Simo Häyhä Der weiße Tod

Finnischer Scharfschütze: Der weiße Tod Fotos
Finnish Military Archives

Ein Schuss, ein Treffer - der Finne Simo Häyhä gilt als einer der sichersten Scharfschützen der Geschichte. Im sowjetisch-finnischen Winterkrieg, der vor 75 Jahren begann, fielen ihm mehr als 500 Rotarmisten zum Opfer. Von

Das erste Tageslicht war noch weit entfernt, als Simo Häyhä begann, sich vorzubereiten. Kugel für Kugel prüfte der finnische Scharfschütze, bevor er sie sorgfältig in das Magazin seines Gewehrs lud. Als das Magazin schließlich voll war, überprüfte Häyhä alles noch einmal. Ein einziger kleiner Fehler an seiner Waffe konnte das Ende für ihn bedeuten. Lief aber alles richtig, brachte er anderen den Tod.

Aus finnischer Perspektive war Häyhä ein Held. Der Hitler-Stalin-Pakt vom 24. August 1939, mit dem sich die Diktaturen Deutschland und Sowjetunion zeitweilig verbündeten, schlug Finnland der Sowjetunion zu. Am 30. November 1939 griff die Rote Armee an, der folgende Winterkrieg war so kurz wie blutig. Zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen setzten die Finnen auf Männer wie Häyhä, um den Vormarsch der Rotarmisten zu bremsen. Für die war Häyhä bald der im Winterweiß unsichtbar lauernde Tod. In knapp 100 Tagen erschoss er mehr Menschen als je ein Scharfschütze vor oder nach ihm in einem einzigen Krieg.

Simo Häyhä machte sich allein auf den Weg. Leise bewegte er sich durch die nächtliche Winterlandschaft Finnlands - gekleidet in eine weiße, gefütterte Jacke, dicke Handschuhe über die Hände gestreift. Mit sich trug er nur sein Gewehr, Munition und etwas Verpflegung. Die Temperaturen waren eisig, fielen Ende 1939 auf bis zu minus 40 Grad Celsius, der Schnee lag meterhoch. Irgendwo in der Nähe des karelischen Flusses Kollaanjoki bezog Häyhä in der frühen Dämmerung des anbrechenden Tages Stellung.

Die Waffe tötet, die Angst lähmt

Wichtig waren dem Scharfschützen nur zwei Dinge: eine gute Tarnung und ein freies Schussfeld. Dann hieß es warten, bis sich der Feind zeigte. Hier, an einer Linie entlang des Flusses Kollaanjoki mussten die Finnen die Rote Armee stoppen, sonst war das weiträumige, bevölkerungsarme Land verloren. Finnland war damals ein wenig größer als die Bundesrepublik Deutschland heute, hatte aber nur wenig mehr als 3,5 Millionen Einwohner.

Simo Häyhä wartete. Die Waffen eines Scharfschützen sind der tödliche Schuss auf das einzelne Ziel - und die Angst der Überlebenden vor dem unsichtbaren Schützen.

An diesem Tag tötete Häyhä den ersten feindlichen Soldaten, der sich zeigte. Ein Schuss, ein Treffer. Insgesamt 505 Mal, so bestätigten ihm Zeugen, gelang ihm das in diesem nur 105 Tage kurzen Krieg. Unter Soldaten gilt er bis heute als einer der effizientesten Scharfschützen aller Zeiten.

Kein Wunder, dass bald die Angst unter den sowjetischen Soldaten umging. Niemand wusste, wen die Kugel als nächstes treffen würde. Anders als im Gefecht sahen die Soldaten nicht einmal, wer sie ins Visier nahm. Scharfschützen schlagen plötzlich, punktgenau und tödlich zu. Bald schon fanden die Rotarmisten einen passenden Namen für Häyhä: der weiße Tod. Durch seine Kleidung im Schnee perfekt getarnt, war der Finne in seinem Versteck kaum auszumachen. Wie ein Geist riss er Lücken in die Reihen der sowjetischen Soldaten.

Tier- und Menschenjäger

Vor dem Krieg arbeitete der am 17. Dezember 1905 in eine Bauernfamilie geborene Simo Häyhä als Landwirt. Dass er ab Kriegsbeginn an vorderster Front diente, war allerdings kein Zufall: Der begeisterte Jäger war auch Mitglied der finnischen Nationalgarde - und hatte dort schon vor dem Krieg als Scharfschütze zahlreiche Preise gewonnen.

Jetzt riefen ihn seine Vorgesetzten immer dann, wenn es schwierig und gefährlich wurde. Er lieferte den Stoff für soldatische Legenden: "Versuchen Sie, diesen Mann auszuschalten", soll ihm sein Vorgesetzter befohlen haben, als ein sowjetischer Scharfschütze zu Beginn des Kriegs gleich drei finnische Truppenführer tödlich getroffen hatte. "Ich werde mein Bestes geben", soll Häyhä geantwortet haben.

Fern der eigenen Linien verbarg er sich an jenem Tag in seinem bitterkalten Versteck. Während er dem feindlichen Scharfschützen auflauerte, wartete dieser ebenso auf ihn.

Stunden über Stunden harrte Häyhä mit stoischer Geduld bewegungslos aus, der Abend nahte, das Licht schwand. Da merkte Häyhä auf: Weit entfernt reflektierte etwas das Licht der Sonne - das Zielfernrohr des sowjetischen Scharfschützen. Häyhä zielte und traf den Mann ins Gesicht.

Er war sofort tot, weil er Fehler gemacht hatte, die Häyhä vermied, wo immer das ging. Fast immer verzichtete er auf Zielfernrohre, um seine Position nicht zu verraten, zielte nur über Kimme und Korn. Und noch zwei Tricks trugen wohl zu seinem tödlichen Erfolg bei: Den Schnee vor seiner Schussposition presste er stets fest zusammen, so dass er vom Mündungsfeuer des Gewehrs nicht aufgewirbelt wurde. Damit sein Atem in der Eiseskälte nicht sichtbar wurde, stopfte er sich zudem Schnee in den Mund. So konnten die Gegner nur ungefähr ahnen, wo Häyhä sich verbarg.

Immer mehr sowjetische Soldaten fielen Simo Häyhä zum Opfer, an einem Tag sollen es 25 gewesen sein. Die Offiziere der Roten Armee setzten immer mehr eigene Scharfschützen auf den Finnen an. Und jedes Mal, wenn Häyhä wieder zuschlug, feuerten sie mit allem, was sie hatten, auf seine vermeintliche Position - mit Maschinengewehren, Mörsern und Artillerie. Erfolglos, jedes Mal entkam er unverletzt. "Über fünfzig Granaten schlugen einmal um mein Schützenloch ein, aber keine erfolgreich", erzählte Häyhä später seinem Biographen Tapio Saarelainen. "Etliche von ihnen trieben mir Wolken von Sand ins Gesicht, aber das war besser als das, was sie eigentlich beabsichtigten."

Für immer entstellt

98 des 105 Tage währenden finnisch-sowjetischen Winterkriegs hielt Häyhäs beispielslose Glückssträhne an. Sie endete am 6. März 1940: Bei einem verzweifelten Waldgefecht erwischte ihn ein Explosivgeschoss am Kopf. "Ich hörte nur ein gedämpftes Geräusch, und ich wusste sofort, dass ich verwundet war", schrieb er später in einem Brief. Sein Kiefer war verletzt und er büßte etliche Zähne ein. Häyhä fiel ins Koma und erwachte erst wieder am 13. März 1940. Exakt an dem Tag, an dem Finnland und die Sowjetunion einen Friedensvertrag unterzeichneten.

Das im Vergleich kleine Finnland hatte der gewaltigen Sowjetunion standgehalten - allerdings um den Preis schmerzhafter Gebietsverluste: Sieben Prozent des Landes fielen an die Sowjets. Die Finnen versuchten wenig später im noch weit verlustreicheren Fortsetzungskrieg, sich diese Gebiete mit Hilfe von Hitlerdeutschland wieder zurückzuholen. Winter- und Fortsetzungskrieg machten das menschenleere Land zu einem der blutigst umkämpften Frontverläufe des Zweiten Weltkriegs.

Die Schätzungen der Opferzahlen divergieren erheblich. Auf finnischer Seite starben schon im Winterkrieg rund 26.000 Soldaten, am Ende sollten es rund 84.000 Gefallene sein - deutsche Soldaten eingerechnet. Erheblich höher fiel der Blutzoll der Roten Armee aus. Insgesamt ließen in den zwei regionalen Kriegen entlang der finnisch-russischen Grenze nicht weniger als 320.000 Rotarmisten ihr Leben, möglicherweise waren es bis zu 450.000 - Stalin ließ die Statistiken schönen.

Offiziell fielen dem Scharfschützen Simo Häyhä 505 sowjetische Soldaten zum Opfer. 37 weitere Todesschüsse sind unbestätigt.

"Ich tat, was mir gesagt wurde, so gut ich es konnte", hatte Häyhä, der 2002 starb, einmal über seine Motivation gesagt. Gefragt, was er empfand, wenn er abdrückte und einen russischen Soldaten tötete, antwortete er: "Den Rückstoß!"

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1. Unmenschlich
Heinz Guderian, 30.11.2014
Gerade die letzte Aussage zeigt, was ein Scharfschütze können muss und zwar eine Dehumanisierung des Gegners und unemotional sein, da man sonst wahrscheinlich psychisch zugrunde geht.
2. grausam
claudia barden, 30.11.2014
Aus dem Hinterhalt kam feige die tödliche Kugel. Scharfschützen verbreiteten Schrecken und Tod. Heute machen es Drohnen oder Hochgeschwindigkeitsgeschosse.
3. eiskalt
jan opitz, 30.11.2014
eine eiskalte persönlichkeit in der eiseskälte. nur mit eiskaltem gewissen kann man sowas schaffen. da gefriert einem das blut schon beim lesen.
4.
Stefan Schmidt, 30.11.2014
Der Spruch mit dem Rückstoß ist eine moderne Legende, die auch anderen Scharfschützen zugeschrieben wird, z.B einem US Marine Scharfschützen während des Zweiten Irakkrieges. Ob und wer den Spruch das erste Mal gesagt hat, ist unbekannt. Nachzulesen auf Snopes.
5. Kreaturen
Eberhard Tölle, 30.11.2014
Jede Zeit gebiert ihre Kreaturen.Damals mag das in diesem furchtbaren Winterkrieg für die finnische Armee notwendig gewesen sein. Aber ist es notwendig, diese Unmenschlichkeit heute zu würdigen?Schlimm genug, dass Menschen zu Tötungsrobotern abgerichtet und eingesetzt(werden) wurden.
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