Das ausgeklappte Messer baumelt locker zwischen zwei Fingern in der Luft. Die Klingenspitze zeigt steil nach unten - auf einen männlichen Oberarm. Nun müssen die Muskeln richtig arbeiten: Schließlich ist dies ein ernster Wettkampf! Der Bizeps ist maximal angespannt. Gleich werden die Finger das Messer fallen lassen, es wird mit der Spitze auf den Bizeps fliegen.
Jetzt gilts: Wird sie sich ins Fleisch bohren? Oder prallt die Klinge am Muskelberg ab und springt zurück in die Luft? Und wem gelingt es, das Spielchen am besten auszureizen und das Messer aus möglichst großer Fallhöhe zurückfedern zu lassen?
Muskeln versus Messer: Das war einmal, zumindest in Skandinavien, ein beliebter Volkssport auf dem Land - nur eine von vielen längst vergessenen Disziplinen. Dazu zählten Wagenrad-Weitwurf, Kornsäcke-Schlachten auf einem Holzbalken oder Turnen an Holzleitern. Gemein war all diesen rauen Sportarten und akrobatischen Verrenkungen ein archaisches Prinzip: Wer beweist am besten seine Männlichkeit?
Nordisch by Nature - frühes finnisches "Planking"
Der finnische Ethnologe Maximilian Stejskal hat solche Wettkämpfe von 1929 bis 1948 bei der Landbevölkerung in Finnland und Estland beobachtet und akribisch dokumentiert - mit mehr als 2000 Zeichnungen, 433 Fotos und etlichen Tonbandaufnahmen. Stejskals randseitige Studie über die "folk-athletic games" schlummerte weitgehend ungelesen jahrzehntelang in Fachbibliotheken, bis kürzlich ein Schweizer Verlag daraus den wunderbaren Bildband "Folklig Idott" gemacht hat (Edition Patrick Frey).
Die Wettkämpfe gingen die jungen und alten Finnen durchaus ernsthaft an. Komisch ist der Effekt oft trotzdem und erinnert auch an Internet-Phänomene, die erst viel später aufkamen: etwa ans "Planking", das horizontale Ausharren auf allen möglichen Objekten. Oder an "Human Flags", die Kunst, seinen eigenen Körper an einen Baum oder Mast zu hissen.
Kurz mal hingelegt: Flach auf dem Boden, Arme an die Seiten gelegt - der so simple wie beliebte Internethype "Planking" (von dem englischen Wort "plank" für Planke) soll um 2008 in Australien seinen Anfang genommen haben.
Zunächst betrieben einige bierselige Australier das Spiel, bei dem sie sich an den unmöglichsten Orten für Fotos stocksteif hinlegten, noch unter dem Namen "Das Hinlegespiel". Seinen Durchbruch feierte Planking dann 2010 in Großbritannien, wo zahlreiche junge Menschen sich als menschliches Brett fotografieren ließen und ihre Bilder über das Internet um die ganze Welt verbreiteten.
Tatsächlich war der neue Liegesport jedoch ein alter Hut, schließlich...
... reisten schon viele Jahrzehnte zuvor Planking-Experten um die Welt, die staunenden Zuschauern auf der Bühne gegen Bezahlung ihr Können vorführten und Freiwillige so stocksteif wie Bretter werden - und mitunter sogar umherschweben - ließen. So wie hier "Signor Martino" seine Assistentin "Mademoiselle Nita", etwa um 1900. "Planking" wurde dieses Zauberkunststück allerdings noch nicht genannt - sondern "schwebende Jungfrau".
Köpfung mit Lacheffekt: Reglose Körper, die ihren eigenen Kopf in der Hand halten - die Bilder, die am 8. August 2011 auf dem Webportal BuzzFeed auftauchten, wirkten verstörend. Doch es handelte sich lediglich um einen neuen Netzhype - "Horsemaning", benannt nach dem "Headless Horseman", einem kopflosen Reiter aus der schaurigen Kurzgeschichte "The Legend of Sleepy Hollow" des US-Schriftstellers Washington Irving.
Beim Horsemaning hält stets eine Person ihren Kopf so, dass er nicht zu sehen ist, während eine zweite Person (oder, wie hier, eine Plastikfigur) ihren Kopf so ins Bild lugen lässt, dass er wie abgetrennt wirkt.
Im Netz wurde der neue Trend kontrovers aufgenommen - viele beklagten, es handele sich um einen bewusst von Buzzfeed.com konstruierten Netz-Hype. Dabei erfreute sich ein Vorläufer des Horsemaning schon lange vor dem Internet großer Beliebtheit, denn...
...bereits um 1920 machten sich viele Fotografen einen Spaß daraus, Schockbilder von "Geköpften" zu inszenieren - mit Hilfe von Negativretusche: Der Kopf des ursprünglich Fotografierten wurde übermalt, während aus einem zweiten Negativ ein anderer Kopf eingefügt wurde - was Jahrzehnte vor der Erfindung von Photoshop noch mühselige Kleinstarbeit bedeutete.
Ach Gottchen, ist die aber LOL! Niedliche Katzen, menschliche Posen, witzige Sprüche: Das Rezept für den Netzhype, der im Juni 2006 auf dem Imageboard 4chan.com auftauchte, war denkbar einfach - dennoch wurden die Lolcats (vom Kürzel Lol für engl. "laughing out loud" - laut loslachen) zu einem der bis heute größten Internethypes überhaupt. Fotos von Katzen mit falsch geschriebenen fiktiven Zitaten überfluten auch 2013 noch Internetforen. Fansites wie I Can Has Cheezburger? haben sich vollständig der Huldigung der Lolcats verschrieben.
Dabei war diese Idee keineswegs neu - bereits...
...Ende des 19. Jahrhunderts begeisterten die Fotografen Harry Whittier Frees und Harry Pointer mit Fotos kleiner Kätzchen, die sie in menschliche Posen - und nicht selten auch menschliche Kleidung - zwängten.
Siegerländer Platt im Weltall: Sogenannte "Fandubs" oder "Fan-Synchros" - von Amateuren neusynchronisierte Filme oder Serien - stellen die Handlung der Originale auf den Kopf. So verwandelte etwa die Fan-Synchro "Sinnlos im Weltraum" in den neunziger Jahren die heile Welt von "Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert" in ein Irrenhaus: Ein alkoholabhängiger Captain Picard, Vulkanier, die in Siegerländer Mundart sprechen, Massenbesäufnisse und Drogenkonsum an Bord - eine aberwitzige Parodie, die sich um 2000 rasend schnell im Internet verbreitete und in Deutschland eine Fandub-Welle anstieß.
Ganz so neu war aber auch diese Idee nicht. Denn lange vorher hatte...
...Star-Regisseur Woody Allen eine ganz ähnliche Idee: Sein 1966 veröffentlichter Kinofilm "What's Up, Tiger Lily?" bestand ausschließlich aus Szenen des japanischen Kampfsport-Streifens "Kokusai himitsu keisatsu: Kagi no Kagi". Allen hatte den Film vollständig neu synchronisiert und so in eine Komödie verwandelt, in der ein Agent einen Bösewicht verfolgt, der die Welt unterjochen will - mit Hilfe eines Eiersalatrezepts.
Freibeuter des Internets: Musik und Filme direkt nach Hause - und völlig kostenlos? Mit dem Aufkommen flächendeckender Breitbandverbindungen wurde um die Jahrtausendwende das illegale Downloaden von Dateien in Tauschbörsen wie Napster, Gnutella oder Morpheus zum Massenphänomen. "Filesharing" nannten es die Tauschenden, "Internetpiraterie" die um ihre Gewinne geschröpfte Unterhaltungsindustrie.
Der baldige Tod der Musik- und Filmindustrie, wie wir sie bisher kannten, schien vielen nahe. Doch wirft man einen Blick zurück, stellt man fest, dass beide schon einige Tode hinter sich hatten, etwa...
...nachdem 1976 in Japan erstmals das "Video Home System", kurz VHS, erschien, das das Aufzeichnen von Filmen kinderleicht machte - und dem Raubkopieren Tür und Tor öffnete. Oder als...
...die Plattenindustrie sich 1980 durch Audiokassetten so sehr an den Rand des Abgrunds gedrängt fühlte, dass sie mit einer Protestkampagne auf die dunkle Bedrohung hinwies: "Home taping is killing music - and it's illegal" lautete der Slogan, mit dem britische Plattenlabels auf Plattenhüllen und Plakaten dagegen protestierten, dass rücksichtslose Raubkopierer einfach zu Hause Lieder aus dem Radio aufnahmen, ohne dafür zu bezahlen.
Was sie dabei vergaßen: Die Plattenindustrie galt selbst einmal als eine viel finsterere Bedrohung. Und zwar für das Wohl der gesamten Menschheit. Jedenfalls...
...wenn es nach dem US-Komponisten John Philip Sousa, auch bekannt als der "amerikanische Marsch-König", ging. Wütend protestierte er 1906 vor dem Kongress der Vereinigten Staaten gegen die an Beliebtheit gewinnenden Schallplatten: "Diese sprechenden Maschinen werden die künstlerische Entwicklung von Musik ruinieren." Früher, so Sousa, hätten die Leute noch zusammen gesungen, nun würden nur noch "diese infernalischen Geräte" Tag und Nacht spielen.
Seine Prognose zu den Langzeitfolgen war verheerend: "Wir werden keine Stimmbänder mehr haben - die Evolution wird sie zurückbilden."
Wieder nur Fleisch im Briefkasten: Sie zählen zu den Alltagsplagen des modernen Lebens - Spam-E-Mails voller Werbung, fragwürdiger Links, schlecht übersetzter Geschäftsangebote oder halbseidener Potenzmittelofferten.
Bekanntermaßen geht die Bezeichnung "Spam" (Englisch für Dosenfleisch) auf einen Sketch von "Monty Python's Flying Circus" zurück. In diesem versucht ein Paar in einem Café verzweifelt, ein Essen ohne Dosenfleisch zu ordern, muss dabei aber feststellen, dass jedes der angebotenen Gerichte zum Großteil aus Dosenfleisch besteht. Zwischen ihnen und der Wirting entspinnt sich ein Gespräch, in dem das Wort "Spam" immer häufiger vorkommt - bis es jede normale Kommunikation unmöglich macht.
Aber schon lange vor den Tagen des Internets und selbst vor denen des "Flying Circus" führten auf elektronischem Wege verschickte Massenwerbesendungen zu Kommunikationschaos. Im Jahr...
...1864 sahen sich Maurice und Arnold Gabriel, zwei Londoner Dentisten, vor einem Problem: Da sie keine offizielle Lizenz für ihre Zahnarztpraxis hatten, konnten sie ihre Dienste nicht auf herkömmlichem Wege öffentlich bewerben.
Also stiegen sie auf Werbetelegramme um - und entwickelten eine Methode, bis zu 100 Telegramme auf einmal zu verschicken. Auf diese Weise bombardierten sie gezielt die Londoner Oberschicht mit Werbebotschaften und hofften, eine besonders zahlungskräftige Klientel zu erreichen. Doch die Werbeaktion ging nach hinten los: Es dauerte nicht lange, bis es zu erbosten öffentlichen Beschwerden der Empfänger kam. Die Werbetelegramme wurden eingestellt. Eine simple Gegenmaßnahme, von deren Wirksamkeit heutige E-Mail-Nutzer nur träumen können.
Urvater der Internethypes: Das Internet hatte gerade erst Einzug in unseren Alltag gehalten, als 1998 einer der ältesten Internethypes geboren wurde - der Ausspruch "All your base are belong to us" (etwa: "Alle eure Basis sind gehören zu uns").
Der Kauderwelsch-Spruch, der bald überall im Netz auftauchte, stammte aus dem Vorspann des japanischen Videospiels "Zero Wing" aus dem Jahr 1991, das berühmt-berüchtigt war für seine äußerst dürftig ins Englische übersetzten Texte. Das asiatisch eingefärbte, fehlergespickte Englisch sollte unter dem Namen "Engrish" zum Internet-Kultphänomen werden.
Doch auch den Kult um "Engrish" gab es schon lange vor dem Internet, nämlich...
...seit im 19. Jahrhundert das Buch "O Novo guia da conversação em Portuguez e Inglez" erschien, ein portugiesisch-englisches Konversationslexikon aus der Feder von Pedro Carolino. Tatsächlich war Carolino des Englischen jedoch kaum mächtig - und hatte den portugiesischen Text mit Hilfe eines Wörterbuches aber ohne jeden Schimmer von der Grammatik einfach Wort für Wort in die fremde Sprache übersetzt.
Das Buch war so gespickt mit Fehlern und Stilblüten, dass es für Muttersprachler kaum noch verständlich war - dafür aber höchst vergnüglich. Es wurde berühmt für seinen unfreiwilligen Humor und bekannt unter dem augenzwinkernden Titel "English as She Is Spoke" (etwa: "Englisch wie sie wird gesprecht"). Selbst Mark Twain schwärmte: "Niemand kann die Absurdität dieses Buches überbieten - es ist makellos."
Bitte weitersagen! "Jemand, dem Du viel bedeutest, hat diese Mail an Dich weitergeleitet. Schicke sie an zehn Menschen, die Du kennst, und innerhalb von zehn Tagen wird Dir etwas Wunderbares passieren. Leitest Du sie jedoch nicht weiter, so wird etwas unsagbar Grauenvolles..."
So oder ähnlich beginnen die Ketten-E-Mails, die praktisch jeder Internetnutzer irgendwann schon mal im Posteingang gefunden hat. Bestenfalls sind sie amüsanter Aberglaube, schlimmstenfalls Betrugsversuche, die die Einsendung von Geld nach einem Pyramidenmodell verlangen.
Eines sind sie jedoch nicht: besonders neu. Denn...
...bereits 1935 kursierten in Colorado Kettenbriefe eines "Wohlstandsclubs". Schon sie funktionierten nach dem Pyramidenprinzip: Vom Empfänger wurde verlangt, einen kleinen Geldbetrag an jemanden zu senden und den Brief an mehrere Personen weiterzuschicken, bis der Empfänger schließlich selbst in der Pyramide aufgerückt wäre und Geld von anderen geschickt bekäme.
Ein verlockendes Angebot: Angeblich soll das Postamt von Denver beinahe unter der Last Hunderttausender Kettenbriefe zusammengebrochen sein.
:-) ;-P 8-o : Zeichenketten, die für uns vor den Tagen des Internets nur nach einer kaputten Schreibmaschine ausgesehen hätten, ergeben heute sofort Sinn - als "Emoticons", auf die Seite gekippte Gesichter, die Gefühle symbolisieren.
Auch die Emoticons gab es bereits vor dem Internet . Im Jahr...
...1887 schrieb der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce sein Essay "For Brevity and Clarity", erstmals 1912 veröffentlicht in "Die Gesammelten Werke von Ambrose Bierce"). In dem Text plädierte Bierce für eine Reihe radikaler Reformen in der englischen Schriftsprache - und führte diese auch gleich vor.
Eine der geplanten Änderungen war die Einführung waagerechter, geschwungener Klammern, die Bierce einfügte, um Humor zu markieren.
Unerwarteter Geldsegen: Täglich laufen irreführende oder betrügerische Spam-Mails in unseren E-Mail-Accounts ein. Eine E-Mail taucht dabei besonders häufig auf: der sogenannte "Nigerian Prince Scam".
In dieser in diversen Varianten kursierenden E-Mail wird dem Empfänger offenbart, er könne die Hinterlassenschaft eines verstorbenen Mitglieds der nigerianischen Königsfamilie erhalten, wenn er nur bereit sei, eine kleine Gebühr für die Abwicklung der Bankgeschäfte zu entrichten. Ist er naiv genug, zu zahlen, werden ihm immer neue Gebühren mit immer neuen Versprechungen abgeknüpft.
Die Betrugsgeschichte vom nigerianischen Prinzen gab es allerdings schon lange vor dem Internet - auch wenn der Prinz da noch kein Prinz war und auch nicht aus Nigeria stammte. In dem berüchtigten...
..."Spanischen Gefangenenbrief", der bereits im 16. Jahrhundert kursierte, wurde arglosen Lesern weisgemacht, ein Verwandter von ihnen - der ihnen bisher unbekannt gewesen sei - befände sich derzeit in einem Gefängnis in Spanien und wolle sein verstecktes Vermögen mit ihnen teilen. Sie müssten lediglich ein wenig Geld für seine Kaution schicken - dann stehe dem Reichtum nichts im Wege.
Eine Frage drängt sich sofort auf: Wer war hier verrückter? Vielleicht waren es jene Männer, die über Getreidesensen balancierten, schwere Kornsäcke mit den Zähnen hoben, Stühle mit dem Mund in der Luft balancierten und durch Kamine tobten, bis sie umfielen. Vielleicht war es aber auch Stejskal selbst, der für seine Feldstudie derart viel Herzblut investierte, dass er für sie ein Vierteljahrhundert benötigte.
Stejskal war Turnlehrer und begeisterungsfähig. Ziemlich sportlich fuhr er bei seinen Finnland-Exkursionen mit seinem grünen Fahrrad und einem Rucksack mit zwei schweren Kameras wochenlang von Dorf zu Dorf, ohne zu wissen, in welcher Scheune er nachts unterkommen würde. Seine Geduld war beeindruckend - er paukte sogar örtliche Dialekte, bevor er eine Region besuchte.
Auf nach Ruotsinpyhtää
Seine erste Reise wurde trotz solch akribischer Vorbereitungen eine Fahrt ins Ungewisse. Am 25. Mai 1929 nahm Stejskal ein Schiff von Helsinki ins südfinnische Loviisa und radelte dann in die Einöde kleiner Gemeinden wie Ruotsinpyhtää. Auf dem Weg gab ein Schuldirektor ihm Tipps. "Mit seiner Hilfe rief ich ein paar Leute an, die ein gutes Gedächtnis haben und sich für Sportwettkämpfe interessieren", schrieb Stejskal zufrieden ins Tagebuch.
Denn seine Aufgabe war kompliziert. Der Ethnologe wollte neben aktuellen auch vergangene Volkssportarten dokumentieren und brauchte die Erinnerungen der Älteren, um die Wettspiele nachstellen zu lassen. Zudem musste sich Stejskal beschränken: Weil seine Studie von der "Swedish Literary Society" beauftragt war, ging es vorwiegend um Wettkämpfe der schwedischstämmigen Minderheit in Finnland und Estland.
Was er in all den Jahren sah, hatte mit regulärem Sport oft kaum zu tun - meist fehlte es an klaren Regeln und Disziplin. Stejkal beobachtete "Tricks, mit denen man einfach, aber unverdient gewinnen konnte: dem Gegner ein Bein zu stellen, ihn in den Mund, Bauch oder unter die Gürtellinie zu schlagen oder ihm das hölzerne Stöckchen beim Fingerhakeln mit einem Band zu klauen."
"Du Toilettentürklinke!"
Bei den Jugendlichen erlebte der Turnlehrer auch andere Folgen der trainierten Kraftmeierei. "Erst trinken sie", schrieb er. "Dann machen sie sich auf zu den Jugendlichen in den Nachbardörfern und erklären den Krieg." Für eine Eskalation reichten bisweilen schon harmlose oder seltsame Beleidigungen wie: "Du Stinker!" Oder: "Du Toilettentürklinke!"
Mit wissenschaftlicher Lakonie hielt der Ethnologe fest: "Die Kämpfe wurden manchmal so heftig und blutig, dass man danach ganze menschliche Augen auf der Straße fand."
Trotzdem kehrte Stejskal wieder, Sommer für Sommer. Natürlich seien die Sportwettkämpfe "primitiver als beispielsweise ein Gesangswettbewerb". Doch ihn faszinierten "Milieu, Tradition, der historische Wandel und die soziale Bedeutung der Wettkämpfe".
Ende der wilden Jahre
Teil seiner Mission: Der Finne wollte die seltsamen Ertüchtigungsübungen vor dem Vergessen bewahren, als seien es wertvolle Sprachen aussterbender Indianerstämme. Der Volkssport habe sich stark gewandelt, schrieb er fast bedauernd, eine Folge der Professionalisierung des Sports mit all seinen Verbänden und Statuten: "Regeln werden immer verbindlicher und umfangreicher."
Erst der Zweite Weltkrieg stoppte Stejkals Forscherdrang. 1940 wurde er zur Fliegerabwehr in die finnische Armee eingezogen. Mit einem irreparablen Hörschaden kehrte er aus dem Krieg zurück, heiratete und wurde bald zweifacher Vater. Er musste jetzt eine Familie ernähren und unterrichtete 40 Wochenstunden Sport. Und doch ließ ihn der urwüchsige Volkssport nicht los.
1948 machte er sich noch einmal auf, eine letzte Exkursion in Finnlands Dörfer. Weitere sechs Jahre brauchte er, um den Berg an Aufzeichnungen auszuwerten und als Doktorarbeit an der schwedischsprachigen Abo Akademi der finnischen Stadt Turku einzureichen.
Nach dieser wissenschaftlichen Sisyphusarbeit muss man sich Maximilan Stejskal als einen glücklichen Mann vorstellen: Am Ende war er wohl viel ausdauernder als all die Athleten, die er so lange beobachtet hatte.