Firmengeschichte Panzerschreck im Schuhimperium

Firmengeschichte: Panzerschreck im Schuhimperium Fotos

Aschenbahn und Schützengraben: Als Gründer von Adidas und Puma wurden sie berühmt, doch im Zweiten Weltkrieg stellten die Brüder Adi und Rudolf Dassler außer Turnschuhen auch Waffen her - den gefürchteten "Panzerschreck". Und die berühmtesten Schuster Deutschlands waren kein Einzelfall. Von Robert Kuhn und Thomas Thiel

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Der Startschuss fällt, die Oberkörper der Athleten schnellen nach vorne. Tief graben sich die Spikes von Jesse Owens in die Aschenbahn des Berliner Olympiastadions - souverän ersprintet der beste Läufer seiner Zeit im 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele 1936 Gold. Noch drei weitere Goldmedaillen holt der farbige Superstar. Und jedes Mal gewinnen zwei Brüder aus der fränkischen Provinz ein bisschen mit: Adolf, genannt "Adi", und Rudolf Dassler sind die Hersteller der Sprintschuhe, die den Jahrhundertläufer von Triumph zu Triumph tragen.

Ihr Erfolg kommt nicht von ungefähr. Der Heimatort der Dasslers, das mittelfränkische Herzogenaurach, ist seit jeher ein Schuhmacherstädtchen; 112 der 3500 Einwohner sind 1922 "Schlappenschuster". Adolf und Rudolf Dassler gründen dort 1924 ihre eigene Schuhfabrik, die "Gebrüder Dassler", und spezialisieren sich auf Sportschuhe. Schon bei den Olympischen Spielen von 1932 in Los Angeles erringt ein deutscher Sprinter in Dassler-Spikes die Bronze-Medaille. Den Weltruf der Dasslers aber begründen ihre Wundertreter für Olympia-Star Owens, die zum Fundament zweier außergewöhnlicher Karrieren werden: Nach dem Krieg bauen Adi und Rudolf, die nun getrennte Wege gehen, die Vorzeigesportfirmen Westdeutschlands auf - Adidas und Puma.

Doch zur Geschichte der Dasslers, die beide bereits 1933 in die NSDAP eintraten, gehört auch diese Episode: Auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs zerbersten 1944 plötzlich mehr alliierte Panzer als je zuvor im deutschen Feuer. Die Tanks sind Opfer der neuesten deutschen Panzerabwehrwaffe, des "Panzerschrecks". Die Neuentwicklung mit der durchschlagenden Wirkung versetzt die gegnerischen Panzerbesatzungen in Angst und Schrecken. Produziert werden sie in derselben Fabrik, in der acht Jahre zuvor Owens' Schuhe entwickelt wurden.

Punktschweißen statt Sohlen nähen

Der wenig bekannte Ausflug der beiden berühmten Schuster ins Rüstungsgewerbe war alles andere als ein Einzelfall. Hitlers Regime spannte viele kleine und mittelständische Unternehmen zur Produktion von Militärmaterial ein. "Für den von Goebbels Anfang 1943 ausgerufenen 'totalen Krieg' brauchten die Nazis auch eine totale Kriegswirtschaft", erklärt Lutz Budraß, Unternehmenshistoriker an der Universität Bochum.

Überall im Lande geschah ähnliches - Deutschland glich zunehmend einer einzigen Rüstungsschmiede. Die Textilfabrik von Hugo Boss im schwäbischen Metzingen etwa: In den Werkshallen des späteren Modezaren wurden ab Ende 1944 Kugellager anstelle von Anzügen und Lederjacken produziert. Die Lufthansa baute Radargeräte für die Luftwaffe, Möbelfirmen stellten Teile von Düsenjägern wie der Heinkel He 162 her, einem der ersten militärischen Strahljets der Welt - der bestand nämlich zu großen Teilen aus Holz.

Vier Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs war auch bei den Herzogenauracher Schuhtüftlern vom Glanz Olympias nicht mehr viel zu spüren. Die Wehrmacht befand sich an fast allen Fronten auf dem Rückzug, Bomben regneten auf deutsche Städte, die Ressourcen wurden knapp. Im Dezember 1943 war dann endgültig Schluss mit der Schuhproduktion: Hitlers Regime ordnete die Stilllegung des zivilen Betriebs an, und die Lederbespannungsmaschinen in der Fabrikhalle der Gebrüder Dassler machten Punktschweißgeräten für die Waffenfabrikation Platz. Bald schon arbeitete beinahe ganz Herzogenaurach für die Wehrmacht. Die örtliche Lederhosenfabrik fertigte Brotbeutel und Tornister für Soldaten an, ein anderer Familienbetrieb stellte Torpedoteile für die Marine her.

Ein ganzes Land produziert Waffen

Den Panzerschreck aus dem Hause Dassler hatte die Wehrmacht nach dem Vorbild der amerikanischen Bazooka entwickelt: ein stählernes Rohr, das man sich zum Schießen auf die Schulter legte; 9,3 Kilo schwer, 164 Zentimeter lang, mit einer Reichweite von bis zu 180 Metern. Ein Schuss aus dem Panzerschreck konnte 20 Zentimeter dicken Stahl durchschlagen.

Eigentlich war die Rüstungsfirma Schricker & Co. aus dem nahen Vach bei Nürnberg für die Produktion der neuen Waffe zuständig. Doch als die Luftangriffe der Briten und Amerikaner auf Deutschlands Städte immer verheerender wurden, verlagerte Schricker die Montage nach Herzogenaurach. Wagonweise kamen die Einzelteile der "Ofenrohre", wie der Panzerschreck wegen seiner schlichten Bauweise im Volksmund hieß, fortan per Bahn bei den Dasslers an.

Dort schweißten Schuhnäherinnen, die im Schnelldurchgang behelfsmäßig zu Rüstungsarbeiterinnen ausgebildet worden waren, Visiere und Schutzschilde an die Rohre. Auch französische Zwangsarbeiter mussten mit anpacken, erinnerte sich später eine Angestellte gegenüber dem fränkischen Lokalhistoriker Manfred Welker. "Die Konstruktion des Panzerschrecks war so simpel, dass auch fachfremde Arbeiter mit ein wenig Übung kaum Probleme mit seiner Herstellung hatten", erzählt Welker. Die komplizierte und gefährliche Herstellung der Munition blieb weiter Sache der Profis in Vach. Trotzdem war der Pfusch der fränkischen Rüstungsamateure beim Zusammenbau groß - viele fertige Waffen wurden bei der Abnahme der Wehrmacht aussortiert.

Mit dem Panzerschreck wäre Moskau wohl gefallen

An der Front wurden die Waffen Made by Dassler von den Landsern sehnsüchtig erwartet. Denn so einfach ihre Bauweise sein mochte, sie war ungeheuer wirkungsvoll. "Der Panzerschreck stellte für die Infanterie einen Quantensprung in der Panzerabwehr dar", erklärt Christian Hartmann, Militärhistoriker am Münchner Institut für Zeitgeschichte. "Er war die erste Waffe, mit die deutschen Infanteristen auf sich allein gestellt einen Panzer aus der Ferne zerstören konnten."

Angesichts der näher rückenden und weit überlegenen Riesenarmeen der Alliierten propagierte die NS-Maschine zudem mehr und mehr die Panzerabwehr durch Jedermann mit dem Panzerschreck oder dessen kleinem Bruder, der Einweg-"Panzerfaust". In dem kleinen, illustrierten Merkheft "Der Panzerknacker" zum Beispiel lieferte man Landser und Volkssturmmann holprig gereimte Lernhilfen zur Erkennung und Bekämpfung feindlicher Panzer. Eine Stilprobe: "Erst merke dir den eleganten / mit schrägen Flächen, runden Kanten / fünf Rollen, den studiere fleißig / denn das ist der T-34".

Überall, wo die eigens zu Tankjägern ausgebildeten "Panzer-Vernichtungstrupps" auftauchten, stieg die Zahl der abgeschossenen feindlichen Stahlkolosse deutlich. Im März 1945 waren rund 92.000 Panzerschrecks an den zusammenbrechenden Fronten im Einsatz. Um den Kriegsverlauf noch zu beeinflussen, kamen die neuen Waffen allerdings zu spät. Erst 1944 konnten Panzerschrecks und Panzerfäuste großflächig eingesetzt werden, doch da hatte sich das anfängliches Kriegsglück schon lange gegen das "Dritte Reich" gewendet. "Wenn der Panzerschreck in großer Stückzahl schon 1941 im Russlandfeldzug hätte eingesetzt werden können, wäre Moskau sehr wahrscheinlich gefallen", spekuliert Historiker Hartmann. So aber blieb das "Ofenrohr" nur eine von vielen neuentwickelten Waffen, die den Zusammenbruch der Fronten bestenfalls etwas aufschoben und so den Schrecken des Krieges verlängerten.

Neustart mit Baseball und Basketball

Den Dasslers wäre ihre kurze Karriere als Rüstungsproduzenten fast zum Verhängnis geworden. Als die Amerikaner Mitte April 1945 in Herzogenaurach einmarschierten, rollten US-Panzer vor die Fabrik. Die Soldaten überlegten gerade, ob sie das Gebäude zerstören sollten, als Adis Frau Käthe aus dem Haus trat und die GIs mit ihrem Charme davon überzeugte, dass die Leute hier nichts anderes wollten, als Sportschuhe herzustellen.

Nachdem die Fabrik gerettet worden war, erwiesen sich die ausländischen Besatzer als Segen für die beiden Schuster. Die US-Air Force richtete auf dem Herzogenauracher Wehrmacht-Fliegerhorst einen eigenen Stützpunkt ein. Als die sportbegeisterten Amerikaner spitzkriegten, dass die Dassler-Brüder die Schuhe für Jesse Owens angefertigt hatten, rissen ihnen die Besatzer die Schlappen praktisch aus den Händen. Großaufträge für Basketball-, Baseball- und Eishockeyschuhe folgten und gaben dem Unternehmen den ersten Schubs in Richtung des künftigen Welterfolgs.

Das dunkle Kapitel der Waffenproduktion während des Krieges geriet bei den Nachfolgefirmen Adidas und Puma schnell in Vergessenheit. Heute sind beide Firmen Aktiengesellschaften und gehören internationalen Investoren. In Herzogenaurach selbst war dieses Erbe aber noch lange Jahre nach dem Krieg zu besichtigen. Zahlreiche Rohre, die nicht mehr zu Panzerschrecks montiert worden waren, tauchten nach 1945 im Stadtbild des beschaulichen Frankenstädtchens auf - nur diesmal in friedlicher Nutzung: als Dachrinnen oder Zaunpfosten, in denen gern Meisen nisteten.

Dieser Text basiert auf einem Beitrag von Robert Kuhn aus dem "PastFinder Nürnberg", herausgegeben von Maik Kopleck (Hrsg.) und Dr. Robert Kuhn (Autor), ISBN 978-3-00-020329-9, 14,90 Euro. Der historische Stadt- & Reiseführer beinhaltet neben Orten der NS-Zeit in Nürnberg-Fürth auch zahlreiche Informationen, Fotos und Karten zum fränkischen Umland.

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