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FKK im "Dritten Reich" Körperschau mit Nacktmodellen

FKK im "Dritten Reich": Körperschau mit Nacktmodellen Fotos
Gerhard Riebicke/Bodo Niemann/picture perfect GbR

Science Fiction, Witz und verbotene Liebe: Der Büchermarkt im "Dritten Reich" war überraschend bunt. Durch die Zensur schaffte es auch "Mensch und Sonne", der vielleicht skurrilste Bestseller der NS-Zeit. Das freizügige FKK-Buch wirkt wie ein Vorgriff auf die 68er-Bewegung - der Autor aber wurde zu einer tragischen Figur. Von

Was lasen die Menschen in den zwölf Jahren des "Tausendjährigen Reichs"? Der Autor Christian Adam hat sich insgesamt 350 Bestseller der Nazi-Zeit angesehen. Und ist auf Überraschendes gestoßen: Neben den bekannten Propaganda-Büchern wie Adolf Hitlers "Mein Kampf" oder Alfred Rosenbergs "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" war der Buchmarkt in der NS-Zeit alles andere als einheitlich. Die Bandbreite der Bücher war erheblich, neben Sachbüchern über Rohstoffe, die sogenannten "Rohstoff-Romane", standen schmalzige Heimatromane, Science Fiction, Krimis, Liebesromane (die sogar die Liebe zwischen einem Deutschen und einer Französin besangen), Witzbücher und crossmedial vermarktete Begleitbücher zu Radiosendungen und Filmen.

Die Zensur führte dazu, dass viele verschiedene Zensurstellen um das letzte Wort bei Verbot und Zulassung konkurrierten - mit dem paradoxen Effekt, dass auch Bücher veröffentlicht werden durften, die heute überraschend wirken. Der vielleicht skurrilste Bestseller der NS-Zeit ist das Buch "Mensch und Sonne" von Hans Surén. Das FKK-Buch ist illustriert mit Bildern von nackten Männern und Frauen, es gibt darin Loblieder auf das männliche Glied und eine Anleitung zu Yoga-ähnlichen Verrenkungen - und sogar zum nackten Skifahren.

Fast könnte man dieses Buch als einen Vorläufer der sexuellen Revolution der 68er-Generation lesen, wenn es nicht so rassistisch wäre, sagt Adam im Gespräch mit einestages.

einestages: Wurde "Mensch und Sonne" einfach übersehen oder ignoriert von bestimmten Vertretern des Regimes?

Adam: Nein, im Gegenteil. Die SS-Zeitschrift "Das Schwarze Korps" machte ja Werbung für Suréns FKK-Buch und widmete ihm in einer Ausgabe vor Weihnachten eine ganze Seite. "Wir wollen", hieß es darin, "eine starke und freudige Bejahung des Körpergefühls, weil wir dieses brauchen zum Aufbau eines starken und selbstbewussten Geschlechts." FKK wurde teils als ein Mittel gesehen, die "Rassegesundheit" zu befördern. Und wenn sich gleichzeitig noch voyeuristische Gelüste der Leser bedienen ließen, dann wurde das gerne in Kauf genommen.

einestages: "Das vorliegende Buch wurde vom Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP stark gefördert und der parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums vorgelegt, geprüft und nach seiner Anerkennung in die NS-Bibliografie aufgenommen", heißt es im Vorwort 1936, als bereits mehr als 80.000 Exemplare verkauft worden waren. Umso erstaunlicher erscheint dann gleich das erste Foto unter dem Titel "Lichtgruß", auf dem sich acht nackte Männer paarweise an den Beinen festhalten. Das Nazi-Regime verfolgte Homosexuelle, ließ aber derartige Bilder durchgehen?

Adam: Dazu müsste man eigentlich noch viel weiter ausholen. Das Thema Homoerotik schwingt ja in vielen Männerbünden als Subtext mit, natürlich auch in einem männerbündischen Regime wie dem Nationalsozialismus. Aber damals wurde das überhaupt nicht als schwul wahrgenommen. Diese Bedeutungsebene wurde oft ausgeblendet, weil sie nicht ins Selbstbild passte.

einestages: Nudisten wurden von den Nazis nicht bekämpft?

Adam: Zunächst galten die Nudisten dem Regime als suspekt, aber nicht wegen des Freikörperkultes an sich, sondern einfach, weil sie noch nicht gleichgeschaltet waren. Es gab keine generell prüde oder lustfeindliche Atmosphäre im "Dritten Reich", allerdings war die Freizügigkeit immer an den Rassegedanken gekoppelt. Durch freiwillige Gleichschaltung gelang es den Nudisten relativ schnell, die staatliche Anerkennung zu bekommen. Der größte Erfolg der FKK-Bewegung war eine 1942 erlassene "Polizeiverordnung zur Regelung des Badewesens", die das Nacktbaden dort erlaubte, wo man annehmen konnte, dass einen niemand sieht. In der Kaiserzeit dagegen war das Nacktbaden noch verboten gewesen.

einestages: Diese lustvolle Körperlichkeit scheint nur schwer zu vereinbaren mit der Disziplin, die von den Nazis gepredigt wurde: den Aufrufen zu Zucht und Ordnung, zur permanenten Uniformierung, zur Härte gegen sich selbst und andere, zu gnadenlos kurz geschorenen Haaren.

Adam: Die öffentliche Wahrnehmung des Buchmarktes in der Zeit zwischen 1933 und 1945 ist verzerrt. Man denkt beim "Dritten Reich" vor allem an "Blut und Boden"- Literatur und Propaganda. Aber als ich mir etwas systematischer angesehen habe, welche Buchtitel Verkaufszahlen mehr als 100.000 Exemplaren erreichten, waren doch einige Überraschungen dabei. Das Buch "Mensch und Sonne" ist an sich nichts Besonderes, es gab seit den zwanziger Jahren etliche Bücher zum Thema Freikörperkultur. Neu war mir allerdings, dass derlei Bücher in der Zeit des Nationalsozialismus nicht nur sehr erfolgreich waren, sondern sogar die Unterstützung offizieller Stellen bekamen.

einestages: "Das Liebesleben wird niemals und nimmer allein nur an die Ehe gebunden sein", heißt es in dem Buch "Mensch und Sonne". "In der Vergangenheit haben sich größte Persönlichkeiten ebenso wenig nach der kirchlichen und der üblichen bürgerlichen Moral in diesen Dingen gerichtet wie die Masse des Volkes." Und: "Die freie Geschlechtsliebe ist also in ähnlicher Art anerkannt, wie dies bei den germanischen Vorfahren der Fall war." War die Gesellschaft in den zwölf Jahren des "Tausendjährigen Reichs" weniger lustfeindlich als zur Adenauer-Zeit?

Adam: Die Historikerin Dagmar Herzog hat in ihrem Buch "Die Politisierung der Lust" gezeigt, wie sehr im "Dritten Reich" die sexualkonservativen Appelle in den offiziellen Verlautbarungen der tatsächlichen Lockerung der Sexualmoral zuwiderliefen. Es gab diese Jugendlagerromantik, außerdem erlangten viele Frauen ein neues Selbstbewusstsein, als sie zwangsläufig in Männerberufe rutschten, weil viele Männer an der Front waren. Es gab im Regime stark antibürgerliche und antiklerikale Impulse. In der Adenauer-Zeit dagegen war die vorherrschende Sexualmoral sehr viel konservativer, weil man die Schrecken der Nazi-Zeit auch mit einer moralischen Zügellosigkeit gleichsetzte.

einestages: Teilweise erinnern die Fotos fast an Pin-ups, die in den Fünfzigern nur als Bückware gehandelt werden konnten, und erst wieder mit der sexuellen Revolution der Sechziger salonfähig wurden.

Adam: Ja, man kennt eine solche Ästhetik der perfekten Körper auch von anderen regimenahen Künstlern, von Leni Riefenstahl zum Beispiel, wenn Sie an deren Turmspringer denken in den Olympia-Filmen. In den dreißiger Jahren steckte auch in solchen Bildern nicht nur das Versprechen von Befreiung. Sondern immer auch der Zuchtgedanke: der Körper als Zuchtmaterial, der richtig trainiert und gefüttert werden muss, wie zum Beispiel ein Reitpferd auch. Bei Surén ist die Lust am Körper stark rassistisch geprägt.

einestages: Einige Bilder von starken Frauen beim Bogenschießen oder Speerwerfen erscheinen fast wie Vorläufer der Ästhetik eines Helmut Newton. Etliche Bestseller der Nazi-Zeit verkauften sich ja auch nach dem Krieg sehr gut. Gehörte "Mensch und Sonne" dazu?

Adam: Nein, es war ja kein Bildband, sondern eher ein illustriertes Sachbuch, und der Text wäre nach dem Krieg schon arg reinigungsbedürftig gewesen, da wäre nicht viel übriggeblieben. Surén zitierte ja ständig Alfred Rosenberg, Goebbels, Hitler, vieles drehte sich um den Rassegedanken. Das war unrettbar. Andere Bücher überstanden den Systemwechsel dagegen relativ nahtlos. Das Buch "Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind" zum Beispiel war auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin sehr beliebt unter dem Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind".

einestages: Surén hatte hohe Funktionen innerhalb des NS-Regimes inne - er, der sich mehrfach im Buch auf Fotos nackt zeigt und Tipps gibt, wie man nackt wandert und sogar nackt Ski fährt.

Adam: Ja, Surén wurde im Olympia-Jahr 1936 sogar der "Sonderbevollmächtigte des Reichsbauernführers für Leibeserziehung". Er war damit für die Körperertüchtigung der Bauern zuständig.

einestages: Das ist schwer vorstellbar, wenn man Suréns ausgiebiges Lob des "sonnenbraunen Gliedes" liest und seine Elogen auf den "blutdurchpulsten Beutel mit den beiden kleinen eiförmigen Hoden". "Wunder über Wunder hat die göttliche Schöpfung in den Hoden gelegt." Zu dieser Textpassage präsentiert der Autor sich selbst gleich viermal nackt und schwer eingeölt.

Adam: Ja, und er unternimmt den eigenartigen Versuch, das Wort "Hoden" auf die germanische Odal-Rune zurückzuführen, um das irgendwie mit der offiziellen Propaganda in Einklang zu bringen. Sein geölter Körper wirkt dabei recht modern, das wird ja auch heute noch im Bodybuilding gemacht. Diese Hodenpassage scheint schon fast ahnen zu lassen, wie Surén sich dann später doch als schwer haltbar für das Regime erwies. 1942 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen und sogar inhaftiert. Angeblich hatte er in der Öffentlichkeit onaniert.

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1.
Werner von Schleiden, 14.06.2011
Richtig nackt sind die Frauen doch gar nicht. Sie tragen, genau genommen, alle so todschicke kleine, schwarze Bikiniunterteile - ich vermute mal Schafwolle oder irgendein Fell.
2.
Marko Kuhn, 15.06.2011
Bereits vor den 20er des 20. Jahrhunderts Jahren gab es übrigens äußerst erfolgreiche Bücher zum Naturismus und zur Freikörperkultur. Heinrich Pudor war ein ähnlich schräger Vogel wie Surén - und auch er scheiterte unter den Nazis. Bereits ab 1893 veröffentlichte er erfolgreich Titel wie "Nackende Menschen. Jauchzen der Zukunft", "Katechismus der Nacktkultur" oder "Mutter-Milch. Offenbarung der Natur" (letzteres unter dem wunderbaren Pseudonym Heinrich Scham, er war zu der Zeit natürlich auch überzeugter Vegetarier). Als Hitler an die Macht kam, hatte sich Pudor als Autor allerdings schon zu einem Antisemiten übelster Sorte gewandelt. Und er kritisierte den laxen Umgang der Nationalsozialisten mit den Juden und hinterfagte in seiner 1933 verbotenen Zeitschrift "Hakenkreuz" sogar die "arische Abstammung" von führenden Leuten der NSDAP. 1943 starb er nach mehreren Strafprozessen und Gefängnisaufenthalten. Pudor gilt bis heute als einer der Begründer des Naturismus und der Freikörperkultur.
3.
Marian Schleidt, 15.06.2011
1924!!! Neun Jahre zu früh geschrieben????? 1924 begann Suréns Tätigkeit als freier Sport-Schriftsteller. Dabei versuchte er hauptsächlich die Jugend zu Freiluft- und Sonnenleben, zu gesunder, harter Leibesübung auf gymnastischer Grundlage sowie zur Einfachheit und Naturverbundenheit hinzuführen. In seinem bekanntesten Buch Der Mensch und die Sonne (1924) legte er breit seine Gedanken zum sportlichen und nackten Leben in der Sonne dar. Dieses Buch wurde umgearbeitet zu einem Bestseller mit Weltgeltung; mehrere Auflagen wurden ins Englische übersetzt.
4.
Christian Dossmann, 15.06.2011
"Wenn Suréns Werk nicht so rassistisch wäre, [...]" Was ist an seinen Werken rassistisch? Die Darstellung nackter Menschen keineswegs. Auch die Betitelung der dargestellten Personen als nordische Menschen ist nicht rassistisch. Die Einstellung Suréns zum Rassismus ist ein ungeklärter Aspekt. Man weiß heute nicht, ob er wirklich aus Überzeugung für Hitler geschwärmt hat, oder ob es einfach nur dem Selbstschutz diente. Viele seiner Fotos, seine Einstellung, sein Verhalten und Liebe zum männlichen Geschlechtsteil lassen beispielsweise den Schluss zu, dass Surén homosexuell gewesen sein könnte. Das ist wirklich nur eine wage Deutung. Die einzige Möglichkeit, um nicht als Homosexueller unter Hitler verfolgt zu werden, war jeden Verdacht im Keim zu ersticken und sich als überschwenglich treue Gefolgsperson darzustellen.
5.
Volker Müller, 16.06.2011
FKK als Massenveranstaltung ist Geschmackssache. Das Zeigen ästhetischer Körper ist jedoch kein Markenzeichen der Nazizeit, sondern seit der Antike ist der menschliche Körper begehrtes Objekt von Malern, Bildhauern und Fotografen, Kunst veredelt, beseelt und distanziert die Nackten. Monarchen schmückten sich mit ihnen, Diktatoren nutzten sie für ihre Weltanschauung und heute werben nackte Körper für Konsum jeglicher Art.. Künstler lebten und leben von Aufträgen, so auch jene Körperkünstler im 3. Reich, allen voran Leni Riefenstahl als Fotografin und Arno Breker als Bildhauer. Brekers Vorliebe für antike Ganzkörperskulpturen und Portraitbüsten wussten Hitler und sein Architekt Speer natürlich für ihre Zwecke zu nutzen. Gefragt war der kraftvolle, ästhetisch perfekte, heroisierende Männerkörper als Muster des "arischen" Menschen. Begeistert von Arno Brekers Nackten waren jedoch nicht nur die Nazis, sondern auch 'Bruder' Stalin, der König von Marokko und viele andere Künstler, darunter Picasso und Dalí, deren Kunst im 3. Reich als "entartet" galt. Mit letzteren, wie auch mit Max Liebermann, war Breker sogar befreundet. Man sollte Künstler daher weniger nach ihren Auftraggebern, als nach ihrem Können beurteilen. Skulpturen aus jener Zeit noch Generationen später dem Publikum vorzuenthalten, ist kaum nachvollziehbar, ich denke z.B. an Brekers Zehnkämpfer, von dem man nur die Stehle stehen ließ ... Letztendlich sind Kunstwerke auch Zeugnisse der Zeitgeschichte, die man einem mündigen Publikum nicht vorzuenthalten hat.
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