FKK in der DDR Aufstand der Nackten

FKK in der DDR: Aufstand der Nackten Fotos
Das Bundesarchiv/Benno Bartocha

"Schont die Augen der Nation!" Mit absurden Argumenten und seltsamen Mitteln versuchten DDR-Behörden in den fünfziger Jahren, die massenhafte Ausbreitung des Nacktbadens zu verhindern - erfolglos. Die Gegenwehr der Nudisten wurde immer wilder. Von

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"Wie all die Jahre zuvor begann auch der Ostseeurlaub 1989 wieder mit einem kleinen Drama", erinnert sich Lutz Thormann an seine Eindrücke als zehnjähriger Urlauber an der DDR-Ostseeküste. "Meine Schwester testete mit den Zehen vorsichtig die Wassertemperatur, obwohl ihr bewusst war, dass diese hier - im äußersten Norden der Insel Rügen - selbst im Hochsommer die 18-Grad-Marke praktisch nie überstieg. Mein Vater überprüfte fachmännisch, wie sich die Algen- und Quallenpopulation seit dem letzten Urlaub entwickelt hatte. Und mein Bruder suchte fieberhaft nach dem großen Felsen im Wasser, von dem wir immer so gern hinunter sprangen. Schließlich erging an alle Familienmitglieder die Anweisung, sich komplett auszuziehen. Widerstand war zwecklos."

Nacktbaden gehörte für viele DDR-Bürger zum gängigen Urlaubsvergnügen - mit einer Selbstverständlichkeit, die es in wenig andere Ländern gab. Rund 40 offizielle Strände für Freikörperkultur wies der erste und einzige FKK-Reiseführer der DDR 1982 aus - noch nicht mitgezählt jene, die keinen Eingang in Lutz Rackows unter Pseudonym veröffentlichtes Buch "Baden ohne" fanden.

Ein ganz und gar ungeteiltes Vergnügen war textilfreies Plantschen nicht für jeden - jedenfalls nicht den damals zehnjährigen Thormann, der 2007 eine Magisterarbeit zum Nacktbadekult im Realsozialismus verfasste: "Östlich und westlich von uns tummelte sich kilometerweit die werktätige Bevölkerung des sogenannten Arbeiter- und Bauernstaates. Der größte Teil davon badete wie wir vollkommen hüllenlos. Natürlich kam ich damals noch nicht auf den Gedanken, diese geballte Nacktheit in irgendeiner Art und Weise zu hinterfragen - schon gar nicht kulturwissenschaftlich. Ich hatte mit meinem Schamgefühl genug zu tun."

Als der Höschenkrieg tobte

Nacktbaden im Sozialismus - eine Form von Gruppenzwang oder Ausdruck des unbändigen Freiheitsdranges einer eingeschlossenen Gesellschaft? Als Anfang der neunziger Jahre in bundesdeutschen Zeitungen der "Höschenkrieg" tobte - zentrale Frage: Sind Ostdeutsche sexuell freizügiger und sind FKK-Strände dafür ein Indiz? - waren die härtesten Schlachten vor Ort längst geschlagen. Das Recht auf Nacktheit als echte realsozialistische Errungenschaft war vom Volk zu DDR-Zeiten mit Penetranz und Chuzpe gegenüber der Obrigkeit hart erkämpft und verteidigt worden, mochte die Jugend auch vor Scham hinter dem Windschutz der Familiensandburg versinken.

REUTERS
Die Avantgarde der Nackerten lag seit jeher hinter einer Düne in Ahrenshoop. Schon in der Weimarer Republik war der Nacktbadestrand auf der Ostseehalbinsel Darß das Domizil der Intellektuellen. In Teilen der sozialistischen Arbeiterbewegung war die Nacktkultur sehr populär - als Akt der Gesundheitsvorsorge sollte sie die revolutionären Körper für die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit den Kapitalisten stählen. Doch die Nationalsozialisten verboten im März 1933 alle Vereine und Verbände der Freikörperkultur. Der Körperkult bekam das Attribut völkisch. Mit der "Polizeiverordnung zur Regelung des Badewesens" von 1942 wurde das öffentliche Nacktbaden in Teilen wieder erlaubt - sofern die Betreffenden "von unbeteiligten Personen nicht gesehen werden können". Nach 1945 galt die Verordnung zunächst in beiden deutschen Staaten weiter.

In den frühen fünfziger Jahren entblößten sich Künstler, Schauspieler, Schriftsteller und Politiker der DDR am Strand von Ahrenshoop. Aus dieser Zeit wird die Anekdote kolportiert, wonach der damalige Kulturminister (und Dichter) Johannes R. Becher bei einem Kontrollgang am Strand eine hüllenlos Schlafende angeherrscht haben soll: "Schämen Sie sich nicht, Sie alte Sau?" Bei der Verleihung des Nationalpreises an die Schriftstellerin Anna Seghers wurde er unsanft an die Begebenheit erinnert: Als er zur Laudatio auf die "liebe Anna" anhob, unterbrach ihn diese: "Für Dich, Hans, immer noch die alte Sau!"

Wilde "Kameruner" an der Ostsee

Zu Beginn der Saison im Mai 1954 fiel dann ein kühler Schatten auf das Badeparadies an der Ostsee. "Wir freuen uns, Sie auch in diesem Jahr in Ahrenshoop als Feriengast begrüßen zu können", verkündete der örtliche Feriendienst des Kulturbundes: "Bevor die Saison beginnt, halten wir es für notwendig, unsere geschätzten Gäste darauf aufmerksam zu machen, dass die für die Verwaltung der Ostseebäder zuständigen Stellen wegen verschiedener Ausschreitungen, die es im Vorjahre leider gegeben hat, in dieser Saison das Nacktbaden nicht mehr gestatten."

Ab sofort galt ein Nacktbadeverbot.

Ausschreitungen? In Ahrenshoop? Was war passiert? Die Badegäste konnten es nicht glauben. Der Direktor des Progress-Filmverleihs, Rudolf Bernstein, erklärte, er habe von Ausschreitungen "nichts bemerkt". Außerdem sei er überzeugt, dass "die Organe unseres Staates gemeinsam mit den moralisch gesunden und ideologisch klaren Feriengästen sicher jederzeit in der Lage gewesen wären, solche Außenseiter in die gebührenden Schranken zu weisen." Auch der Dramaturg an der Komischen Oper Berlin, Werner Otto, wollte von Krawallen nichts bemerkt haben. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass diese "vom Tragen oder Nichttragen einer Badehose abhängig" sein könnten. Nach heftigem Protest der elitären Nacktbadegemeinschaft - hohe Funktionäre eingeschlossen - blieb der FKK-Strand der Künstlerkolonie eine geduldete Ausnahme.

Andernorts allerdings griff die Volkspolizei konsequent durch - in Prerow etwa, dem 16 Kilometer weiter östlich auf dem Darß gelegenen Ostseebad der "normalen" FKK-Anhänger. Hier ging es lauter zu und wilder. Hier nahmen in den Fünfzigern die "Kamerunfeste" ihren Anfang, die sich bald als "Neptunfeste" über die ganze DDR verbreiteten. Martialisch bemalt, mit Muschelketten behängt und nur einem Schilfröckchen bekleidet führten FKK-Anhänger dabei kultische Tänze auf. Angesichts solch unkontrollierten Treibens wilder Nackter in Verbindung mit dem Namen "Kamerun" sorgte sich der SED-Staat gleich um sein internationales Ansehen.

"Spione zwangsweise entkleidet"

Erst recht, als die Westpresse darüber zu berichten begann. Im September 1954 erschien im SPIEGEL ein Artikel über das "Kamerun an der Ostsee", wie ein Strandabschnitt bei Bansin auf Usedom genannt wurde. Berichtet wurde von Hilferufen, die bei den zuständigen Ministerien in Ostberlin eingegangen seien. Vom "Terror der Nackten gegen die Badehosen- und Bikini-Träger" war die Rede. Spaziergänger an den Grenzen der Nudisten-Bezirke seien "als neugierige Spione entlarvt und zwangsweise entkleidet" und ihnen Fotoapparate entrissen worden.

Besonders dramatisch: Der Strandfunk von Bansin habe berichtet, "dass zwei Mädchen von 16 und 17 Jahren von Nudisten entkleidet, an Bäume gebunden und beleidigt worden seien". Die Volkspolizei habe die Weisung erhalten, Anzeigen nachzugehen, denen zufolge an ausschweifenden "Sittenfesten" nicht nur etliche aktive SED-Genossen, sondern auch Mitglieder der "schaffenden Intelligenz" teilgenommen hätten.

Der Generalinspekteur der Deutschen Volkspolizei jedenfalls sah nun Grund zum Eingreifen. Schließlich würde es sich bei "der übergroßen Mehrzahl der Freikörperkulturtreibenden um Menschen handeln, die eine sexuelle Befriedigung suchen". Unzählige Vorkommnisse würden dies beweisen, schrieb der Oberpolizist an den Genossen Innenminister.

Gewagte Bademoden und deformierte Körper

Der reagierte: Am 14. August 1954 weitete die DDR-Regierung das Nacktbadeverbot auf die gesamte DDR-Ostseeküste und das Stettiner Haff aus. Doch das Verbot stachelte vielerorts Protest an. FKK-Anhänger schrieben Briefe und Eingaben an die Staatsführung, gespickt mit raffinierten Argumenten. Die Schauspielerin Traute Richter etwa empörte sich in einem Brief an Ministerpräsident Otto Grotewohl über die Verhaftung von FKK-lern auf Rügen mit ideologischem Furor: Die Freikörperkultur habe über "alle spießbürgerlich-kapitalistischen und religiösen Vorurteile" gesiegt, nur im kapitalistischen Amerika müsse man "dem kranken Gemüt mit Reizmitteln nachhelfen" und den Körper in "verwegene Bademoden" stecken, die einerseits als "erotische Stimulans" dienten, andererseits "den Textilkonzernen beträchtliche Summen" einbrächten.

Dass in der DDR noch immer die Badeverordnung aus der NS-Zeit galt, stärkte nicht unbedingt die Position der Obrigkeit. Aber auch sie gab argumentativ alles - bis hin zur Erklärung des Kulturministers, FKK sei auch "im Interesse der Ästhetik nicht zu vertreten", besonders weil "gewisse Leute sich mit ihren deformierten Körpern provokativ zur Schau stellen" würden. Bechers Rundumschlag gipfelte in dem pathosschweren Ausbruch: "Habt Mitleid! Zeigt Erbarmen! Schont die Augen der Nation!"

FKK-Verweigerer auf verlorenem Posten

Das Verbot der Nacktheit half nicht. Im Juni 1956 erließ die DDR deshalb eine neue "Anordnung zur Regelung des Freibadwesens". Fortan sollte das Baden ohne Schwimmbekleidung an "Orten, zu denen jedermann Zutritt hat" dann gestattet sein, wenn diese Orte "als ausdrücklich dafür von den zuständigen örtlichen Räten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet" waren. Nacktbaden hatte nun, mit Einschränkungen, den staatlichen Segen - und wurde in der DDR bald zur Massenbewegung.

FKK-Verweigerer gab es natürlich weiter - etwa Lutz Thormann. "Standhaft weigerte ich mich, wirklich alles auszuziehen. Nachdem ich die Sinnlosigkeit meines Handelns erkannt hatte beziehungsweise mehr oder weniger freiwillig entkleidet worden war, packte ich die heimlich im Reisegepäck versteckte Badehose aus. Aber auch diese wurde umgehend konfisziert und dauerhaft verwahrt. Erst jetzt waren die 'nackten Tatsachen' unwiderruflich hergestellt. Wirklich jeder Ostseeurlaub begann mit dieser kleinen Demütigung", resümiert Thormann rückblickend. "Die nächsten vierzehn Tage verbrachte ich in der Regel geduckt auf dem Bauch liegend hinter dem Windschutz. Wenn ich überhaupt einmal ins Wasser ging, achtete ich peinlichst genau darauf, dass alle Mädchen meines Alters weit genug entfernt waren."

Zum Weiterlesen:

Thormann, Lutz: "Schont die Augen der Nation!" Zum Verhältnis von Nacktheit und Öffentlichkeit in der DDR. Magisterarbeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 2007

Friedrich, Hagen: Baden ohne. FKK zwischen Mövenort und Talsperre Pöhl, VEB Tourist Verlag Berlin-Leipzig, 1982


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1.
Siegfried Wittenburg 12.07.2010
Ich denke, über FKK kann man ebenso viel philosophieren wie über Rock `n Roll, Fußball und die Liebe. Man kommt zu keinem logischen Ergebnis, außer man tut es.
2.
Christian Seybt 04.06.2013
es wird immer viel zu viel hineininterpretiert, letztendlich sind damals wie heute die Leute nur nackt baden gegangen. Da steckt auch keine Philisophie dahinter, es ist einfach nur praktisch und fühlt sich auch angenehmer an wenn man seine Scham überwunden hat. Es waren ja keine Nudistencamps wo die Leuten ständig nackt rumlaufen, sondern nur einzelne Strandabschnitte wo man auf Badehose und Bikini verzichtet hat. Außerhalb vom Strand waren alle bekleidet.
3.
Alain Jadot 16.12.2013
Foto 20 ist retouchiert. Tradition oder Reflex? Das junge Mädchen, was läuft links, der sitzende Mann und die zwei Köpfe im Wasser sind spiegelverkehrt hinzugemoggelt worden. Licht und Schatten erscheinen auf der falschen Seite oder es gab zwei Sonnen an diesem Tag. Aber sonst ist der Übergang okay, zumal ohne Photoshop?. Louis Jadot
4.
Michael Köhler 26.02.2014
Man stelle sich mal vor, jemand würde ein "Kamerunfest" heute anmelden... Da stünden aber SOFORT ein Dutzend Vertreter irgendwelcher Verbände auf der Matte, forderten gemeinsam mit den rot-tiefrot-grünen Entrüstungsexperten eine klare Distanzierung dieser Diskriminierung ...
5. Oh Mann,
Adrian Pawelczyk 04.08.2014
welche Verklemmtheit doch aus diesem Bericht spricht, besonders am Ende!
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