FKK-Pionier Richard Ungewitter Keine Kleidung, kein Alkohol, keine Juden

Er kämpfte für das Recht, nackt zu sein - mitten im prüden Kaiserreich. Richard Ungewitter war einer der wichtigsten Vertreter der FKK-Bewegung, doch hinter seiner Rhetorik vom freien, nackten Menschen steckte ein anderes Interesse: Die "Züchtung rassereiner Menschen".

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NISH

Dass er etwas vor seinen Lesern zu verbergen hätte, konnte man dem Schriftsteller Richard Ungewitter wahrlich nicht vorwerfen. Auf einer Abbildung in einem seiner Bücher lehnt er entspannt auf der Bank seines großen Sonnenfensters und genießt den wundervollen Tag. Warmes Sonnenlicht durchflutet die Blumenpracht im Garten. Der Autor lässt seinen Blick in die Natur schweifen. Was er dabei genau ins Auge fasst, lässt sich nicht sagen, denn Ungewitter wendet dem Fotografen und damit den Lesern seinen Rücken zu. Eigentlich ist das auch nicht besonders interessant. Denn was dem Betrachter vor allem ins Auge sticht, ist Ungewitters durchtrainiertes Hinterteil.

Unverhüllt streckt er es lässig nach hinten geschwungen seinem Leser entgegen: Der Schriftsteller ist völlig nackt. Und genau darum ging es in seinem 1909 erschienenen Buch. "Nackt. Eine kritische Studie" lautete der Titel.

Auf den rund 120 Seiten dieses Büchleins tummeln sich allerlei Nackedeis in jeder erdenklichen Pose. Lässig den Ellbogen auf den Rücken einer Kuh gestützt, blickt eine Dame nachdenklich ins Grüne, während ein weiteres Mädchen das Rindvieh zärtlich streichelt. "Vertraute Freunde" lautet die Bildunterschrift.

Und so geht es weiter: Drei nackte Grazien, die mit einem ebenfalls unverhüllten, prächtig gebauten Jüngling unbeschwert "Ringelringelreihen" spielen, an antike Statuen erinnernde Athleten, die ihre Muskeln spielen lassen, im Adamskostüm tobende Kinder.

Nacktheit als Lebensstil

Natürlich gingen die meisten Deutschen in der wilhelminischen Gesellschaft mit dem Thema Nacktheit nicht gerade offen um. Prüderie und Sittenstrenge diktierten die Kleiderordnung. Die Mode diktierte Stehkragen und Überröcke für die Herren und hochgeschlossene Kleider und lange Röcke für die Damen. Dennoch - oder gerade deshalb - schien Ungewitters Plädoyer für die Nacktheit auf viele Deutsche einen großen Reiz ausgeübt zu haben, einmal die Hüllen fallen zu lassen. Fast 100.000 Käufer fand er allein für sein Buch "Nackt".

Mit seinem Werben für die befreiende Nacktheit fand er allerdings auch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Behörden. Die Attacke der "schwarzen Sittlichkeitsfanatiker und Moralprediger", wie Ungewitter seine Kritiker titulierte, folgte auf dem Fuße: Vor allem 1912 prasselten Gerichtsverfahren wegen Unsittlichkeit auf ihn nieder. Organisationen wie der "Kölner Männerverein zur Hebung der Sittlichkeit" zeigten Ungewitter bei der Staatsanwaltschaft an. Der Vorwurf lautete auf Verstoß gegen Paragraph 184 des Strafgesetzbuches, der Verbreitung unzüchtiger Schriften, Abbildungen und Darstellungen.

Teile seines Bestsellers mussten laut Urteil des Berliner Landgerichts I gestrichen werden, das Landgericht Wiesbaden ordnete sogar die Zerstörung der gesamten Auflage seines Buches "Kultur und Nacktheit. Eine Forderung" an. Doch der Autor wehrte sich nach Kräften und ging keiner gerichtlichen Auseinandersetzung kampflos aus dem Weg. 1913 schließlich wurden die Verfahren gegen die beiden Bücher eingestellt, Nacktheit als Lebensstil im Sinne Ungewitters galt nicht mehr als "unsittlich". Der FKK-Anhänger frohlockte. "Die Gegner besiegt", betitelte er das erste Kapitel seines neuesten Buches „Nacktheit und Kultur“.

"Man erwartete fast täglich meinen Tod"

Am 18. Dezember 1868 war Richard Ungewitter im thüringischen Artern geboren worden: nackt - und kränklich.

"In den ersten zwei Lebensjahren erwartete man fast täglich meinen Tod", beschrieb Ungewitter in einem Aufsatz "Mein Lebensgang" später seine ersten Jahre. Krankheiten wurden zu seinem ständigen Begleiter, auch als er nach der Schule eine Gärtnerlehre absolvierte, um an der frischen Luft zu sein. Weniger gesundheitsförderlich war gewiss sein exzessiver Tabakkonsum.

Doch damit sollte bald Schluss sein. Die zahlreichen Zipperlein wie Hautflechte oder Augenentzündungen führten Ungewitter in unzählige Arztpraxen, doch kein Mediziner konnte ihm helfen. Bei der Lektüre des Buches "Die neue Heilwissenschaft" des Naturheilkundlers Louis Kuhne kam ihm schließlich die Erleuchtung: Seine Krankheiten wurden von der Schulmedizin nur unterdrückt, aber nicht geheilt.

Malzkornbrot und Nährsalzschokolade

Nun therapierte sich Ungewitter selbst. Tabak: gestrichen, Alkohol: gestrichen, Fleisch: gestrichen. Bald gesellten sich auch noch Kaffee und Tee auf Ungewitters Verbotsliste. Und schließlich noch Milch und Eier.

Obst, Malzkornbrot, ab und zu einmal Nährsalzschokolade oder Käse ersetzten die bis dahin liebgewordenen Speisen. Zusätzlich legte sich der Gesundheitspapst ein rigoroses Aufbauprogramm auf. Ungewitter stemmte Hanteln, machte Gymnastik und genoss Luft- und Sonnenbäder - natürlich nackig. "Nach dem Aufstehen das Trockenbürsten, dann Ganzwaschung mit kaltem Wasser, nach dem Abtrocknen 20 Minuten Gymnastik am offenen Fenster, Selbstmassage, hauptsächlich tief ausatmen", beschrieb Ungewitter einen Teil seines Trainingsprogramms.

Was diese Selbstdisziplin aus Ungewitters Körper machte, konnten seine Leser in seinen Büchern bestaunen. Ein drahtiger, wohlproportionierter Athlet, mit mächtigem Vollbart und selbstsicherer Haltung blickte ihnen darin entgegen. Um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass er nicht nur Muckies, sondern auch Köpfchen hatte, verwendete Ungewitter gerne Aufnahmen, die ihn in seinem Arbeitszimmer zeigten. Ungewitter am Lesepult, Ungewitter am Schreibtisch, den Stift hinterm Ohr, eifrig bei der geistigen Arbeit - und immer nackt.

Wer raucht, muss gehen

Wahrscheinlich im Adamskostüm verfasste Ungewitter auch die Schrift, die ihn zum Vorkämpfer der Freikörperkultur machen sollte: "Wieder nackt gewordene Menschen" von 1903. Herausbringen musste er seine ersten Bücher im Eigenverlag, anderen Verlagen war das Thema zu heiß. Ungewitter verfolgte ein großes Ziel: Durch natürliche Nacktheit sollten die angeblich kranken Deutschen seelisch und körperlich gesunden. Im "Lichtkleid", also ohne Klamotten, würden die Menschen zurück zur Natur finden.

Um Gleichgesinnte um sich zu versammeln, gründete Ungewitter 1908 die "Loge des Aufsteigenden Lebens", die wenig später umbenannt wurde in den "Treubund für Aufsteigendes Leben". Als "Großmeister" fungierte natürlich Ungewitter selbst. Mitglieder, die den Zigaretten und dem Alkohol nicht abschwören wollten, mussten gehen. Auch wer mit Fleisch oder Alkohol in Kontakt kam, wie Metzger oder Gastwirte, hatte im Treubund nichts verloren.

Ungewitters Vereinigung war in Gauen organisiert und mietete zum Beispiel Waldwiesen an, wo ihre Mitglieder nackt sein konnten. 1911 tummelten sich etwa 450 Mitglieder im Treuebund. Die Nackedeis gruben zur Ertüchtigung in der Erde, spielten Ball, gingen wandern, schwimmen oder turnen und gaben Lieder zum Besten.

Nach dem Ersten Weltkrieg soll Ungewitters Verein rund 800 Mitglieder gehabt haben. Groß war Ungewitters Verein damit wahrlich nicht, bei etwa 100.000 FKKlern am Ende der Weimarer Republik. Doch durch seine Bücher hatte er etliche Menschen zur Freikörperkultur inspiriert.

"Züchtung schöner, gesunder, rassereiner Menschen"

Richard Ungewitter wollte die Deutschen aber nicht nur von ihren Kleidern befreien. Der nackte Mensch sollte ein "rassereiner Arier" sein. "Aus Gründen der gesunden Zuchtwahl fordere ich deshalb die Nacktkultur, damit Starke und Gesunde sich paaren, Schwächlinge aber nicht zur Vermehrung kommen", erklärte Ungewitter in seinen Schriften. "Rassenbewußtsein und germanisches Stammesgefühl" zu fördern, und vor allem über "den schädlichen Einfluß unter uns lebender Fremdrassen" aufzuklären, darin sah Ungewitter den Existenzzweck seines Treubundes. Juden waren der erklärte Feind in Ungewitters Menschenbild.

Um das Germanentum zu stärken, strebe er die "Züchtung schöner, gesunder, rassereiner Menschen" an, schrieb er in seinem Buch „Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer Beleuchtung." Zuchtfarmen" wären ideal, meinte Ungewitter. Dabei war der Rassenfanatiker nicht ganz unangreifbar. Spötter fanden eine ideale Zielscheibe in seiner Körpergröße. Er war nur knapp 1,60 Meter groß - weit entfernt vom angeblichen Idealmaß des "Ariers".

In drei Grade teilte Ungewitter die Mitglieder seines „Treubundes“ ein. Wie bei einer Sekte blieben die Kriterien vor der Öffentlichkeit verborgen. Zwei Punkte waren aber anscheinend entscheidend. Erstens: Wie weit zog sich jemand bereits aus? Zweitens: Was trug der einzelne zur „Züchtung“ einer „reinen Rasse“ bei?

FKK-Gelände werden verwüstet

Es waren jedoch ausgerechnet die germanophilen und rassefanatischen Nationalsozialisten, die dem nackten Treiben Ungewitters und der anderen FKK-Jünger nach ihrer Machtübernahme 1933 schnell ein Ende machten. Das Innenministerium sah im Nudismus "eine der größten Gefahren für deutsche Kultur und Sittlichkeit". Einer der Aufträge, die an SA-Trupps und Hitlerjungen ergingen, war die Verwüstung von FKK-Geländen.

Ungewitters Werke fielen unterdessen der Zensur zum Opfer. Er selbst zog sich eine Zeitlang zurück und konnte später wieder mit rassenhygienischen Schriften und eher skurril anmutenden Veröffentlichungen wie "Esst mehr Kartoffeln" in Erscheinung treten.

Erst am 10. Juli 1942 wurde passionierten Nudisten das Leben wieder etwas leichter gemacht: Die "Polizeiverordnung zur Regelung des Badewesens" erlaubte immerhin wieder das öffentliche Nacktbaden an Stellen, die für unbeteiligte Personen nicht einsehbar oder ausdrücklich für das Nacktbaden freigegeben waren.

Während viele FKK-Anhänger nach dem Ende des Dritten Reichs wieder unbeschwert die Hüllen fallen ließen, wurde es um Ungewitter still. Rund 120 Jahre, verkündete der Nudist, wolle er leben, um "das deutsche Volk auf den richtigen Weg zu führen". Gelungen ist ihm weder das eine noch das andere: 1958 starb der FKK-Papst mit 89 Jahren.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Ada Zaurak, 16.12.2013
1.
gähn, unser widerstandskämpfer der 4. generation MvL findet im FKK ein antisemitisches Korn. Anders bekommt MvL wohl keine Aufmerksamkeit ...
Michael Schmidt, 16.12.2013
2.
Ihr als Antisemiten hinzustellen vermag wieder nur jemand, der Schriften aus dem 19./Anfang 20. Jahrhundert unkommentiert auf die heutige Welt anwendet. Das solch Anliegen in der damalige Zeit ganz normal waren, sagt der Autor nicht. Belege für einen direkten Antisemitismus hat der Austor auch nicht. Aber hauptsache, damit Schlagzeilen machen.
Peter Brülls, 16.12.2013
3.
Das ist ja eine lustige Vorstellung: Antisemitismus ist also kein Antisemitismus, wenn er Mainstream ist.
Johannes Möller, 16.12.2013
4.
Michael Schmidt schrieb: "Belege für einen direkten Antisemitismus hat der Autor auch nicht." Haben Sie die Legende zu Bild 10 gelesen? Danach veröffentlichte R. Ungewitter im Jahr 1919 ein Buch mit dem Titel "Rassenverschlechterung durch Juda". Reicht das nicht als Beleg für direkten Antisemitismus? Peter Brülls schrieb: "Antisemitismus ist also kein Antisemitismus, wenn er Mainstream ist." Ja, das scheint eine verbreitete Vorstellung zu sein. Auch beliebt ist der u.a. von G. Grass vertretenen Syllogismus: "Alle Nazis waren Antisemiten. Walser ist kein Nazi. Ergo: Walser kann kein Antisemit sein."
Ingo Quentin, 16.12.2013
5.
Die sog. "Rassenlehre/ -theorie" war zu der Zeit schon länger sehr populär. Das diese ganze Rassentheorie völliger Mumpitz ist, hat man erst sehr viel später eindeutig bewiesen. Dazu brauchte es halt erst Molekularbiologie. Die gab es damals halt nicht. Daher galt der Unsinn wohl weit verbreitet als "Wissenschaft". Aus der heutigen Sicht betrachtet erscheint dass natürlich alles absurd. Daher sollte man sich generell hüten, das Handeln von Menschen die vor 120 Jahren gelebt haben, nach dem heutigen Wissensstand zu beurteilen. Das wird der Sache wenig gerecht.
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