Flaktürme Denkmale des Nazi-Größenwahns

Flaktürme: Denkmale des Nazi-Größenwahns Fotos
Dr. Robert Kuhn/PastFinder Images/Maik Kopleck

Vom "Wunder der Abwehr" zum militärischen Flop: Unsummen investierten die Nazis in die Errichtung von Flakbunkern, um den alliierten Luftangriffen eine wirkungsvolle Waffe entgegenzusetzen. Doch die Monsterbauten waren schon bald technisch überholt - ein typischer Fall nationalsozialistischer Selbstüberschätzung. Von Johanna Lutteroth

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Großspurig tönte Hermann Göring kurz nach Kriegsbeginn: "Wenn ein einziges englisches Flugzeug unsere Luftabwehr durchbrechen kann, wenn eine einzige Bombe auf Berlin fällt, dann will ich Meier heißen." Nur knapp ein Jahr später musste der Oberbefehlshaber der Luftwaffe kleinlaut Lücken in der Abwehr einräumen. In der Nacht zum 26. August 1940 warf die Royal Air Force zum ersten Mal Bomben auf Berlin - als Vergeltung für die vielen Luftangriffe der Deutschen. Der Schaden hielt sich zwar in Grenzen, die psychologische Wirkung aber war enorm. Der Angriff hatte Berlin in Angst und Schrecken versetzt.

Hitler reagierte sofort und mimte zur Beruhigung der Bevölkerung Stärke: "Wir werden ihre Städte ausradieren", geiferte er und ließ England tagelang bombardieren. Gleichzeitig ordnete er den Bau von mehreren "Luftwehrtürmen" in den Großstädten Berlin und Hamburg an. Vier Flaks sollten darauf Platz finden. Die Luftabwehr versprach, das Feuer würde die feindlichen Flieger geradezu vom Himmel mähen. Um die Wehrhaftigkeit und Allmacht des "Dritten Reichs" zu unterstreichen, sollten die Türme wie mittelalterliche Festungen aussehen. Das Kalkül: Jeder würde diese Formensprache verstehen.

Die Pläne dazu entwarf der Berliner Architekt Friedrich Tamms, der sich im Reich bereits als Brückenspezialist einen Namen gemacht hatte. "Ausgangspunkt war die Forderung der Luftabwehr, eine Flakbatterie so aufzustellen, dass sie höher stand als die umliegenden Dächer", erinnert er sich später. Die Entwürfe sahen daher einen rund 40 Meter hohen Gefechtsturm vor, auf dem die Flakgeschütze standen, und einen etwas niedrigeren Leitturm, auf dem die Feuerleitgeräte für die Ortung der feindlichen Bomber untergebracht werden sollten.

Die Nazi-Führung war begeistert. Sie feierte die Türme als "wahre Wunder der Abwehr" und "artilleristische Höchstkonstruktion". Ein typischer Fall nationalsozialistischer Selbstüberschätzung. Denn nur drei Jahre später sollten sich die Flakbunker als militärischer und wirtschaftlicher Flop erweisen.

Autarke Lebenswelt

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Tamms sonnte sich in dem Erfolg, mit den Gefechtstürmen einen ganz neuen Bauwerkstyp erfunden zu haben: eine moderne Festung aus Stahlbeton. 75 Meter lang, 75 Meter breit, 40 Meter hoch. 2,5 Meter dicke Wände und eine 3,5 Meter dicke Decke ließen hundertprozentigen Schutz vor den gefürchteten Bomben erwarten. Ein umlaufender Wehrgang in luftiger Höhe gab dem Bauwerk den geforderten mittelalterlichen Festungscharakter. Damit die Flakbunker auch nach dem Krieg sinnvoll genutzt werden konnten, sollten sie eine repräsentative Fassade aus edlem Naturstein erhalten.

Tamms war bewusst, dass die Bunker vollkommen autark sein mussten. Jeder Turm würde deshalb eine eigene Wasserversorgung, eine eigene Lüftung und ein Notstromaggregat bekommen. Die Größe bot zudem genug Platz, um darin neben den Soldatenunterkünften auch zivile Luftschutzräume, ein Krankenhaus, Küchen, eine Bäckerei und Büroräume für Regierungsbeamte und Behörden unterzubringen. Tausende Menschen konnten in diesen Bunkern für Wochen Unterschlupf finden.

Und alles schien reibungslos zu laufen. Tausende Zwangsarbeiter begannen im Oktober 1940 mit dem Bau des ersten Luftwehrturms, dem Zoo-Bunker im Berliner Tiergarten. 100.000 Tonnen Beton, 10.000 Tonnen Stahl und 45 Millionen Reichsmark kamen zu Einsatz - ein Aufwand, mit dem man auch bombensichere Luftschutzplätze für 180.000 Menschen hätte bauen können. Nach nur sechs Monaten waren Gefechts- und Leitturm fertiggestellt - ein martialisch wirkender, grauer Betonriese mit einem etwas kleineren Zwillingsbruder. Nur für die aufhübschende Fassade blieb keine Zeit mehr. Knapp ein Jahr später standen im Friedrichs- und im Humboldthain zwei weitere "Schieß-Dome", wie Tamm die Bunker gern nannte, weil ihn das Geschützfeuer der Flaks an den Lichtdom erinnerte, den Hitlers Chefarchitekt Albert Speer anlässlich des Nürnberger Reichsparteitags 1938 inszeniert hatte.

Tamms muss nachbessern

Im Oktober 1942 stand auch in Hamburg das erste Flakturmpaar - doch schon während der Bauarbeiten hatte sich abgezeichnet, dass die Bunkeranlagen technisch überholt waren: Die Bomben der Alliierten konnten mittlerweile bis zu 3,5 Meter dicke Betondecken durchschlagen. Hinzu kam, dass die Türme angesichts ihrer gigantischen Größe eine perfekte Angriffsfläche boten und leicht geortet werden konnten. Die Flaks waren dem feindlichen Feuer nahezu ungeschützt ausgesetzt; die vielen Fenster gefährdeten die Stabilität der Seitenwände.

Also besserte Tamms nach: Er verzichtete auf Fenster. Mit einer Seitenlänge von 47 Metern war der neue Flakbunker in Hamburg-Wilhelmsburg deutlich schmaler, insgesamt robuster. Nebeneffekt: Tamms sparte mehr als 42.000 Kubikmeter Stahlbeton ein.

Die Alliierten hatten in der Zwischenzeit in Nordafrika gesiegt, und es würde nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie in Italien landen und ihre Luftangriffe von dort aus fliegen würden. Hitler befahl deshalb Ende 1942 den Bau von Flaktürmen auch in Wien. Ähnlich wie in Berlin sollten sie im Dreieck rund um das Stadtzentrum angeordnet werden. Im Sommer 1943 war der erste Turm im Arenbergpark fertig. Zwei weitere - in der Stiftskaserne und im Augarten folgten. Der letzte konnte im Januar 1945 in Betrieb genommen werden. Um noch weniger Angriffsfläche zu bieten, war das Wiener Modell noch weiter verschmälert worden.

Militärische und planerische Stellen mischten sich nun immer seltener in Tamms Arbeit ein. Das gab ihm die Möglichkeit, seinen Wiener Türmen einen letzten architektonischen Feinschliff zu verleihen - für die Luftabwehr hatte das Bauprogramm Flakbunker offensichtlich keine absolute Priorität mehr.

Vollkommen wirkungslos

Tatsächlich war die Flakbunker-Euphorie der Nazi-Führung bereits im Sommer 1943 spürbar abgekühlt. Der Grund: Die einst bejubelten Luftwehrtürme hielten bei weitem nicht das, was man sich von ihnen versprochen hatte. Nur vereinzelt hatten sie Bomber vom Himmel geholt - und die Alliierten lernten schnell dazu: Sie flogen ihre Angriffe nicht mehr wie zu Beginn des Kriegs im Tiefflug, sondern in einer Höhe von 8000 Metern und mehr. Die Flaks hatten Mühe, sie in diesen Höhen zu treffen. Zudem warfen die Piloten vor ihren Angriffen tonnenweise Stanniolstreifen - sogenannte Düppel - ab, die die Radargeräte auf den Leittürmen lahmlegten. Die Flaks mussten also blind schießen. Um eine Maschine vom Himmel zu holen, brauchte es bis zu 3000 Versuche. Jeder Abschuss, so errechnete der Historiker Hans Brunswig, kostete die Deutschen rund 2,7 Millionen Reichsmark.

Das Ergebnis stand dazu in keinem Verhältnis. Mit dem Bau der für München und Bremen geplanten Bunker wurde deshalb gar nicht erst begonnen. Die vorhandenen Flaktürme erfüllten vor allem einen Zweck: Sie dienten als zivile Luftschutzbunker - und zur Beruhigung der Bevölkerung.

Nach dem Krieg wollten die Alliierten die symbolisch aufgeladenen Trutzburgen so schnell wie möglich aus dem Stadtbild entfernen. Ihr Befehl lautete: Sprengen und abtragen. In Berlin wurde er auch umgesetzt. Die Bunker am Zoo wurden abgerissen oder wie im Friedrichshain zugeschüttet, im Humboldthain blieb nur ein Teil des Gefechtsturms stehen. In Hamburg scheiterte der Abriss an der engen Bebauung. Eine Sprengung hätte die umliegenden Häuser beschädigt, so konnten nur die kleineren Leittürme entfernt werden. Die Gefechtstürme in Wilhelmsburg und auf dem Heiligengeistfeld stehen noch genauso grau, monumental und martialisch da wie ehedem.

Die Wiener hingegen störten sich kaum an den Türmen und ließ sie einfach stehen. Es mag damit zu tun haben, dass sich die Österreicher primär als Opfer des Nationalsozialismus sahen, nicht als Mittäter. Für sie sind die Flakbunker eher ein Mahnmal der deutschen Besatzung als ein eigenes Machtsymbol. Eine Deutung, die die NS-Schergen so sicherlich nie für möglich gehalten hätten. Tamms "Schieß-Dome" prägen daher bis heute das Stadtbild.

Mitarbeit: Robert Kuhn

Zum Weiterlesen:

Robert Kuhn, Maik Kopleck (Hrsg.): "PastFinder Wien". Juli 2010, 156 Seiten; 14,90 Euro.

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1.
Massimo Funghi 26.01.2011
"Die Wiener hingegen störten sich kaum an den Türmen und ließ sie einfach stehen." stimmt nicht. in wien versuchte man ebenfalls die türme zu entfernen, was aber nicht gelang. die türme stehen alle in sehr dicht bebautem gebiet. den hauptturm im augarten versuchte man zu sprengen, was aber misslang. man kann aber heute noch die spuren der sprengung sehen. zum thema -ö als 1. opfer- kann man nur sagen: thomas bernhard =D
2.
Massimo Funghi 26.01.2011
addendum: auf bild 14 ist die beschädigung am augartenturm sichtbar. die türme im arenbergpark sind unzugänglich und werden vom museum für angewandte kunst und einem amt (stadtgärten glaube ich) als lager verwendet. in keinem der türme befindet sich aber ein museum. das wiener mak ist ganz wo anders. so, sry fürs meckern
3.
Detlev Vreisleben 26.01.2011
Mit dem Abwurf von Düppeln hat man die Funkmeß (Radar) geräte gestört, nicht die optische Erfassung.
4.
Andreas Bauer 26.01.2011
Herzlichen Glückwunsch zu diesem schlecht recherchierten Artikel. 1. Die ersten luftangriffe flogen nicht die Deutschen gegen England , sondern England griff am 12.5.40 als erstes mönchengladbach an! Die deutschen Angriffe waren also eine Reaktion auf die Eröffnung des Bombenkrieges durch England. 2. In einem Krieg, welcher wie keinanderrer durch eine höchst dynamische Entwicklung der Technik geprägt war, man bedenke, daß man zu Beginn des krieges mit Doppeldeckern flog, zu Ende des Krieges bereits mit der Me 262. Strahlflugzeuge in Betrieb hatte, ist es normal , daß eine Technik veraltet und Wirkungslos bleibt. Dies trifft selbstverständlich auch auf die Flak und deren Einrichtungen zu. Dies als Beleg für Größenwahn zu nehmen ist schlichtweg dumm. 3. Ob der Abschuß wirklich 2,7 Mio gekostet hat weiß ich nicht, diese Zahlen sind mir nicht bekannt. Dies als Unsinn zu bezeichnen ist aber mindestens genau so dumm . Wer über militärische Themen schreibt sollte wenigstens ein klein bisschen davon verstehen. Was kostet den gegener eine einzige abgeschoßene Maschine? Und was kostet mich die abgeladene Bombe , wenn diese am Boden eine Fabrik zerstört , Wohnhäuser vernichtet , Menschen tötet? Dies ist die unmenschliche aber logische Rechnung die dahinter steht. 4. Düppel dienten nicht dazu optische Messgeräte zu stören, sondern dazu Nachtjäger und deren Funkmessgeräte zu stören. Ein Düppel war ein Stanniolstreifen, welcher ein Echo wiedergab. Somit erzeugte ein Düppel ein , welches vom Funkmesstrupp nur schwer von einem Flugzeiug zu unterscheiden war,und machte so die Funkmessanlagen blind. Die Flak schoß überwiegend mit optischen Zielgeräten. Also bitte erst nachdenken und recherchieren, dann den Schaum vor dem Mund abwischen bevor man sich ans umerziehen macht und Unfug über den Krieg schreibt
5.
Siegfried Wittenburg 26.01.2011
In der Tat, diese Bunker verschandeln die Städtebilder - und erinnern gleichzeitig mit einem Schauern an eine Zeit, als die Welt aus den Fugen geraten war. Mir wäre es am liebsten, sie würden nicht existieren, wären gar nicht erst gebaut worden. In meiner Heimatstadt stehen kleinere Ausführungen dieser Bunker herum, einer davon wird heute als Diskothek genutzt. Noch lange über 1990 hinaus zeigte ein Pfeil der grauen Hauswand eines Wohnhauses "Zum Luftschutzbunker". Als Kind dachte ich immer: Luftschutz? Gibt es dort keine Luft zum Atmen? Oft war ich im Hamburger Bunker auf dem Heiligengeistfeld. Von außen und innen war er beeindruckend, besonders von innen, wo ein neues Leben stattfand. Neu war mir, dass "Mont Klamott" in Berlin auf einem solchen Bunker aufgeschüttet wurde - eine Leistung, die Frauen erbracht haben, als die Männer noch in Gefangenschaft waren. Und schon gab es wenig später neue Bunker, angeblich atomschlagsicher in der Erde und in den Wäldern versteckt...
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