Flickenbekenntnisse Wenn das Herz auf die Hose rutscht

Flickenbekenntnisse: Wenn das Herz auf die Hose rutscht Fotos
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Die amerikanische Flagge, der geflügelte Totenkopf der Hells Angels, Sensenmänner vor hellem Mond: Aufnäher an Ärmel und Rücken symbolisieren Stärke, eine gemeinsame Mission oder einfach Modebewusstsein. Sie sind Bekenntnis und Mittel der Kommunikation - und manchmal einfach nur peinlich. Von Philipp Kohlhöfer

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Die Demütigung fand fast täglich statt und begann damit, dass ich mich sehr bemühte, einen der wenigen blau-gelben Spielzeuglaster zu ergattern, um damit einen nahen Hügel herunterzufahren. Sandro aus der Parallelkindergartengruppe, damals schon gefühlte zwei Meter groß, kam fast immer zu spät zur Lkw-Ausgabe, weswegen er selten ein Fahrzeug abbekam. Im nächsten Schritt verlagerte er dann das Problem von ihm zu mir: Er nahm mir kurzerhand meinen Laster weg.

Ich hatte damals immer Herzchenaufnäher auf den Knien meiner Hose.

Als wir später eine Bande bilden wollten, gab es lebhafte Diskussionen darüber, wer der Anführer sein sollte. Das war eine schwierige Angelegenheit, weil natürlich jeder Chef sein wollte. Viel leichter fiel allerdings die Einigung darüber, wer definitiv nicht für die Führungsposition in Frage kam: Der Junge mit den zwei roten Herzen auf der Latzhose.

Meine Mutter liebte diese Form der Aufnäher. Zeigte sich also auch nur die kleinste Materialermüdung an Hose, Pullover oder auch T-Shirt, nähte sie mir sofort rote Herzchen auf die entsprechende Stelle. Ich vermute stark, dass diese modische Eigenheit zumindest Mitschuld daran war, dass ich im Kindergarten einfach keinen Respekt bekam. Rote Herzchenaufnäher auf den Knien sind, da kann man noch so böse gucken, einfach autoritätsmindernd. Vor allem, wenn sie so groß sind wie die Hände eines Erwachsenen.

"Schwerter zu Pflugscharen" und "Why?"

Damals, als ich aufwuchs, in Westdeutschland, Anfang der Achtziger, waren die bunten Flicken allerdings ohnehin eher dazu bestimmt Friedfertigkeit auszudrücken. Insofern war ich schon ganz richtig positioniert. Der Nato-Doppelbeschluss war gerade durchgesetzt worden und viele Leute, die ich kannte, trugen einen "Schwerter zu Pflugscharen"-Aufnäher. Oder den mit dem sterbenden Soldaten, der im Fallen die Arme nach oben reißt, während sein Gewehr durch die Luft fliegt. Über dem Motiv stand "Why?". Der Aufnäher, den ich etwa zeitgleich trug, hatte einen ähnlich dramatischen Bezug und irgendwie hatte er später auch mit einem dem Tod nicht unähnlichen Zustand zu tun (oder wie nennt man den Abstieg in die Zweite Liga?). Auf meinem Aufnäher stand "Eintracht Frankfurt". Aber lassen wir das.

Die Bedeutung der Aufnäher als Friedenszeichen ist einigermaßen interessant, denn Motivaufnäher sind eigentlich etwas ziemlich Militärisches. Aber während es Abzeichen bei der Armee wohl schon seit jeher gibt, wurde der Stoffaufnäher erst im amerikanischen Bürgerkrieg populär. Zum einen lag das daran, dass sowohl die Kämpfer als auch ihre Uniformen zu ähnlich aussahen, um vernünftig aufeinander zu schießen. Zum anderen ließ die fortschrittliche Baumwollproduktion in den USA eine Verwendung des Stoffes für diesen Zweck erst zu diesem Zeitpunkt zu. Sowohl die Nord- als auch die Südstaaten entwarfen Aufnäher für ihr Militär. Nach der Kapitulation der Südstaaten verschwanden jegliche Aufnäher aber wieder von den Uniformen. Die Idee wurde erst wiederbelebt, als die USA in den ersten Weltkrieg eintraten. Das gemeinsame Abzeichen sollte für ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Soldaten sorgen.

Was auch funktionierte. Schließlich zeigen Aufnäherträger, dass sie Mitglied einer bestimmten Gruppe sind, ohne dass sie etwas Besonderes dafür tun müssen. Sie werden Teil eines Ganzen, einer wie auch immer gearteten Mission. Im Idealfall sind Aufnäher ziemlich gut für das Selbstwertgefühl, weil man weiß, dass man nicht alleine ist - es sei denn, man hat rote Herzchen auf den Knien.


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Nackte Frauen auf Orca-Walen

Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg hat jedenfalls jede noch so geheime Einheit ihre eigenen Aufnäher. Dabei scheinen die meisten, vor allem beim US-Militär, der Fantasie von kleinen Kindern oder Dorfschützenfestbesuchern zu entspringen. Zu den Motiven zählen etwa nackte Frauen, die auf Orca-Walen reiten, Sensenmänner vor einem hellen Mond, Wölfe, die mit Schlangen kämpfen und Drachen, die die Welt in ihren Klauen halten. Dazu stand immer ein lateinischer oder griechischer Spruch unter dem Emblem, der etwas Böses bedeutet.

Hätte ich unter meinen Herzchen damals einen Spruch wie "Wir fressen dein Herz" stehen gehabt, auf Altgriechisch, der Text hätte das Bild konterkariert. Ich hätte fies gewirkt und gebildet dazu und wahrscheinlich meinen Plastik-Lkw behalten dürfen.

Nach 1945 wurden diverse Motorradclubs in Kalifornien gegründet, und weil viele ihrer Mitglieder ehemalige Soldaten waren, benutzten sie ebenfalls Aufnäher, um sich als Mitglieder ihrer Clubs zu erkennen zu geben. Aufnäher wurden so langsam in das zivile Leben überführt.

Richtig popkulturell wurden sie allerdings erst mit der Mondlandung.

Merchandising-Manie zur Mondlandung

Im Juni 1965 kam der Astronaut Jim McDivitt auf die Idee, einen Aufnäher der amerikanischen Fahne auf den Oberarm seines Raumanzugs aufzubringen. Zukünftige Raumfahrer-Generationen übernahmen die Idee, doch schon der Crew der Gemini 5, die im August des gleichen Jahres startete, war das zu unpersönlich. Weil ihre Mission acht Tage dauern sollte, erfanden sie dazu den Spruch "8 days or bust" - sinngemäß: "Acht Tage oder Pleite" - und entwarfen selber ein Missionslogo. Schließlich gab es das auch bei der Luftwaffe. Die Nasa hatte nichts dagegen und so wurde aus der Idee von Gemini 5 eine Tradition. Seither hat jede Crew, die ins All geschossen wird, ihr eigenes Abzeichen.

Die Landung von Apollo 11 am 20. Juli 1969 auf dem Mond stürzte die Amerikaner in einen nationalen Freudentaumel, schließlich war die im All lange übermächtige Sowjetunion besiegt worden. Jeder wollte ein Andenken des Fluges besitzen, was clevere Geschäftemacher dazu bewegte, das rechtlich nicht geschützte Logo massenweise herzustellen. Als es schließlich sogar für Testfahrten bei Autovermietern einen Apollo-11-Aufnäher gab und Supermärkte die Stoffsouvenirs in Kombination mit Getränkedosen verkauften, wurde es der Nasa zu bunt. Sie schritt ein und verbot den Vertrieb, schließlich sei das Logo Regierungseigentum.

Zwar wurde ab dieser Zeit der Handel mit Raumfahrer-Logos restriktiver gehandhabt, doch das Aufnäher-Geschäft boomte weiter. Kein Wunder. Die bunten Flicken waren billig herzustellen, leicht aufzubringen, man konnte andauernd und überall seine Überzeugungen sichtbar machen, ohne eine einziges Wort sagen zu müssen.

Seither gibt es Aufnäher für alles Mögliche. Die Motive reichen von Metal-Band- und Boygroup-Logos über Landesflaggen und Eiffelturm-Darstellungen bis hin zu Trinksprüchen und Fußballfan-Zweizeilern. Jede Kultur und Subkultur, und sei sie noch so klein, hat ihre eigenen Aufnäher.

Nur Herzchenmotive habe ich schon lange nicht mehr gesehen.

Ach ja, und was Sandro betrifft: Der ist, glaube ich, später Testfahrer geworden.


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1.
peter karl, 30.06.2008
Abzeichen im Kontext mit MC´s ist entweder gewagt oder wie im Artikel selbst ohne jedwede Ahnung von der Materie nur sehr Plakativ angewandt. Dem Autor empfehle ich eine notwendige Recherche. Vorzugsweise bei www.Bikersnews.de (s. a. Links).
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