Flugpionier Max Schüler Vom jungen Draufgänger zum alten Adler

Flugpionier Max Schüler: Vom jungen Draufgänger zum alten Adler Fotos
Dorothee Rydmann

1913 gehörte der junge Ingenieur Max Schüler zu den tollkühnsten Pionieren der Luftfahrt. Mehr als einmal entging er nur mit Glück dem sicheren Ende - doch ein unglückseliger Kollege musste an seiner Stelle mit dem Leben bezahlen. Von Dorothee Rydmann und Theo Rydmann

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Schon im Jahre 1908 - mit gerade mal 20 Jahren - baute Max Schüler seinen ersten Flugapparat, einen sogenannten Drachenflieger. Er war damals noch ein einfacher Ingenieursstudent, doch sein Vehikel sollte der Anfang einer einzigartigen Karriere als Flugzeugführer, Konstrukteur und Erfinder sein.

Doch es sollte noch weitere fünf Jahre dauern, bis Schüler seinen Flugschein machte: Am 17. Juni 1913 erfüllte er die vorgeschriebenen Bedingungen des Deutschen Luftfahrer-Verbandes (DLV) und erwarb die Flugzeugführererlaubnis Nr. 436. Damit befand er sich unter den nur 817 wagemutigen Männer und Frauen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg die Lizenz zum Fliegen erhielten. Später sollten sie ehrfurchtsvoll die "Alten Adler" genannt werden.

In den frühen Morgenstunden des 17. Juni 1913 startete Max Schüler mit seinem Doppeldecker der Ago-Flugzeugwerke den ersten Versuchsflug. Zwei Stunden später konnte er die beiden für das Pilotenpatent erforderlichen Flüge absolvieren - und bestand noch am Nachmittag des selben Tages das Feldpilotenexamen. Schon damals deutete sich das enorme Potential an, das in ihm steckte: Wie nebenbei erreichte Max Schüler bei der Prüfung eine Höhe von über 3000 Metern und stellte damit einen neuen Höhenrekord auf.

Schon am Tag nach seiner Pilotenprüfung konnte Schüler, in seinem Ago-Doppeldecker bei einem Flug von Berlin nach Wien einen weiteren Rekord aufstellen. Für seinen Streckenrekord erhielt er aus den Kassen der deutschen Nationalflugspende eine laufende Monatsrente von 4000 Mark. Kaum einen Wettbewerb hat Max Schüler danach ausgelassen - denn die Preisgelder waren astronomisch. "Was wir Flieger damals verdienten, ging auf keine Kuhhaut", erinnerte er sich 1953 in einem Zeitungsinterview der "Frankfurter Nachtausgabe". Für seinen Dreiecksflug Berlin-Leipzig-Dresden-Berlin im Jahr 1913 etwa, so Schüler, habe er für damalige Verhältnisse fürstliche 36.000 Mark erhalten.

Weit über 10.000 Flüge hat der "Alte Adler" Schüler im Laufe seiner langen Flugkarriere unternommen und dabei Millionen von Flugkilometern zurückgelegt. Klar, dass es bei einem solch gewaltigen Flugpensum auch dramatische Zwischenfälle gab. Einmal überschlug sich zum Beispiel bei einer Notlandung auf einem Mecklenburger Kasernenhof seine Maschine. Doch adlige Hilfe eilte herbei: Als erster war der Hohenzollernprinz Heinrich an der Unfallstelle und holte Schüler aus dem Flugzeug.

Astronomische Preisgelder

Schon wenige Tage nach seiner Flugprüfung nahm Max Schüler am 21. Juni an seinem ersten Wettbewerbsflug, teil - dem "Mecklenburgischen Rundflug", einem Rundflug auf der Route Lübeck-Schwerin-Wismar-Lübeck, mit dem die Eröffnung des Landesflugplatz Schwerin-Görries gefeiert werden sollte.

Der Wettbewerb begann jedoch nicht in Schwerin, sondern in Lübeck, wo bereits nachmittags am 21. Juni bei strahlend blauem Himmel erste Konkurrenzflüge um den Dauerpreis stattfanden. Dem Flieger, der am längsten in der Luft blieb, winkte ein Preisgeld von 1000 Mark. "Leicht und elegant", so berichtete die "Mecklenburgische Zeitung", sei Max Schüler an jenem Tag mit seinem Doppeldecker gestartet. An Bord habe sich dabei auch ein kleines Schwein mit roter Schleife befunden - Schülers Glücksbringer. Schnell verschwand seine Maschine in Richtung Travemünde über dem Wald. Erst nach einer vollen Stunde in der Luft, so die Zeitung, sei er wieder auf dem Flugplatz gelandet. Eine Bestzeit, mit der er den Dauerpreis von 1000 Mark einheimste.

Erst am nächsten Tag, dem 22. Juni, begann der Start zur ersten Etappe des Rundfluges nach Schwerin, von wo der Flug am 23. Juni weiter nach Wismar und noch am gleichen Tag zurück nach Lübeck führen sollte. Doch trotz seines Ausnahmetalents sollte Schüler hier nicht ganz oben auf dem Siegertreppchen landen: Den ersten Platz im Rundflug belegte Willi Rosenstein mit einer Gesamtzeit von einer Stunde und 45 Minuten und einem stattlichen Preisgeld von 7000 Mark. Immerhin: Max Schüler landete als Zweiter - 13 Minuten nach Rosenstein.

Spiel mit dem Tod

Die Anfänge des Motorfluges, als der Flugzeugbau noch in seinen "Kinderschuhen" steckte, war für die Flugzeugführer ein waghalsiges Unternehmen, dass viele Todesopfer forderte. Festigkeitsberechnungen und Materialprüfungen wurden in der Anfangszeit der Fliegerei bei weitem noch nicht so gewissenhaft berücksichtigt wie heute. Entsprechend groß war die Todesgefahr, die immer mitflog.

Auch Schüler wäre dieser Gefahr im Herbst 1913 um ein Haar zum Opfer gefallen. Die deutsche Nationalflugspende hatte damals für den ersten "Zehnstundenflug" ein hohes Preisgeld ausschrieben. Schüler hatte Blut geleckt. Er ließ in seinen Doppeldecker ein halbes Dutzend großer Benzintanks einbauen. Sie sollten die vielen hundert Liter Brennstoff aufnehmen, die für den langen Flug erforderlich waren.

Am Morgen des 28. Oktober 1913 sollte der Start stattfinden - um acht Uhr, auf einem Flugplatz in Berlin-Johannisthal. Schüler hatte sich verspätet, und so raste er mit überhöhter Geschwindigkeit auf seiner Harley-Davidson Richtung Johannisthal. Doch auf einer Brücke geriet er beim Überholen eines Lastwagens ins Schleudern und stürzte. Das Motorrad war übel mitgenommen, ans Weiterfahren war nicht mehr zu denken. Der verletzte Pilot humpelte zum nächsten Telefon und überbrachte seinem Flugleiter die schlechten Nachrichten.

Am Flugplatz wurden die versammelten Zuschauer indes allmählich ungeduldig. Undenkbar, sie einfach wieder nach Hause zu schicken. Und so sprang notdürftig der junge Monteur Richard Remuß für Schüler ein - obwohl er weit weniger erfahren war. Erst kurz zuvor hatte er seine Pilotenprüfung bestanden. In aller Kürze erklärte man Remuß die vielen Rohrleitungen und komplexen Hahnschaltungen in dem schwer überlasteten Flugzeug, dann ließ man ihn auch schon starten.

Zunächst schien alles glatt zu laufen: Nach einstündigem Flug erreichte er 1000 Meter Höhe. Doch da lösten sich plötzlich die Verspannungskabel des Flugzeugs aus ihren Verankerungen. Die Tragflächen klappten hoch - und das Flugzeug stürzte binnen Sekunden wie ein Stein auf die Erde. Was davon übrig geblieben war, ging sofort in Flammen auf. Erst nach langer Zeit konnten aus den noch rauchenden Trümmern die verkohlten Überreste von Richard Remuß geborgen werden. Wahrscheinlich hatte er sich erhofft, durch den zufällig an ihn weitergereichten Flug reich und berühmt zu werden. Stattdessen war er nun tot - anstelle von Schüler.

Ende der goldenen Zeiten

Dieses schreckliche Ereignis hielt Max Schüler jedoch nicht davon ab, weiter an Flugveranstaltungen teilzunehmen. Sein größter Erfolg sollte der "Dreieckflug Berlin-Leipzig-Dresden-Berlin" vom 30. Mai bis zum 5. Juni 1914 werden. An Bord seines DFW-Renndoppeldeckers konnte er den Wettbewerb überlegen gewinnen.

Zu seinem allerletzten Rekordflug, um die letzte Ausschreibung der Nationalflugspende von 7000 Mark zu erlangen, startete er wenig später, am 30. Juni 1914. Gemeinsam mit Friedrich Wilhelm Seekatz absolvierte er einen gewaltigen Überlandflug von Berlin-Johannisthal über Budapest bis nach Egri-Palanka in Serbien. 1200 Kilometer - innerhalb von 24 Stunden. Es sollte Schüler letzter großer Triumph bleiben.

Die Zeit der Flugtage und Rekordflüge als sportliches Ereignis waren vorbei. Der Krieg stand kurz bevor, und das Kriegsministerium beschlagnahmte sämtliche privaten und Werksflugzeuge der Industrie. Anstatt zu heiteren Flugwochen und Flugwettbewerben wurden die Piloten nun zu Hunderten in den Krieg geschickt. Max Schüler wurde Werkspilot und "Einflieger" für neue Flugzeuge. Als Versuchs-Flieger musste er immerhin nicht an die Front - aber das Einfliegen der Kampfflugzeuge war nicht minder gefährlich.

Doch das Glück blieb Max Schüler treu: Der Flugpionier sollte noch lange über das Ende des Krieges hinaus fliegen. Max Schüler starb im Jahr 1977 - im Alter von 89 Jahren.

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