Fliegerfilme Dramen im Doppeldecker

Kaum abgeschossen, schon eine Hollywood-Legende: Seit 1927 hebt der "Rote Baron" in Dutzenden Kinostreifen zum Luftkampf ab. Der Film "Richthofen, der rote Ritter der Luft" begründete schon damals ein ganzes Genre. Ralf Bülow erinnert an die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten und die Anfänge des Fliegerfilms.

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Sie waren jung, edel, intelligent. Sie saßen ohne Fallschirm in kleinen Doppeldeckern, kurvten über erstarrte Fronten und endlose Schützengräben, und nur eine dünne Stoffbespannung über zerbrechlichem Sperrholz schützte sie vor feindlichen Kugeln. Die Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, so das gängige Klischee, fochten nicht anonym in einer sinnlosen Materialschlacht, sondern Auge in Auge und Mann gegen Mann. Als wieder Friede herrschte, wurden die "Ritter der Lüfte" so zu idealen Kinohelden - lange vor dem aktuellen Streifen über den "Roten Baron" Manfred von Richthofen, der diese Woche in die Kinos kommt.

Richthofen war noch keine zehn Jahre tot, als im November 1927 der Dresdner Schauspieler Carl Walther Meyer in "Richthofen, der rote Ritter der Luft" abhob. Der Film war eine verwickelte Liebes- und Spionagestory, in der der Titelheld nur eine Nebenrolle spielte. Das Budget reichte gerade für einen einzigen flugtüchtigen Dreidecker, ansonsten half man sich mit Realaufnahmen aus dem Kriegsarchiv. "Richthofen" lief damals in der Berliner Vorstadt und in der Provinz. Heute ist er verschollen; einige Ausschnitte verwahrt die Bibliothek der University of Texas in Dallas.

Auch Hollywood feierte die Jagdpiloten des Ersten Weltkriegs 1927 mit dem Stummfilm "Wings", produziert von den Paramount-Studios. Die Produktion kostete die ungeheure Summe von 2 Millionen Dollar - die sie aber schnell wieder einspielte, da die Amerikaner nach Charles Lindberghs erfolgreicher Atlantiküberquerung im selben Jahr flugzeugverrückt die Kinos stürmten. 1929 gewann "Wings" den allerersten Oscar für den besten Film und einen zweiten für die technischen Effekte - sprich Luftkämpfe und Abstürze.

Drei tote Piloten für einen Film

"Wings"-Regisseur William "Wild Bill" Wellmann kannte das Thema aus eigener Erfahrung. Als Jagdflieger im Weltkrieg hatte er selbst drei Abschüsse erzielt und einen Crash mit Blessuren überlebt. 1958 nahm er sich das Thema in seinem letzten Film noch einmal in jene Zeit zurück: "Lafayette Escadrille" erzählte von dem gleichnamigen Geschwader, das 1916 - also schon vor dem Kriegseintritt der USA im Jahr darauf - in der französischen Luftwaffe eigens für amerikanische Freiwillige gegründet worden war.

Ein anderer Flugzeugfan in Hollywood war der Millionär Howard Hughes. Er drehte 1930 für United Artists den fast vier Millionen Dollar teuren Film "Hell's Angels", der neben den üblichen Luftkämpfen auch die Anfänge des Bombenkriegs samt Zeppelin-Attacke auf London zeigte - und zwar überaus realistisch: Während der Dreharbeiten starben drei Piloten. Bei einer Szene streikten die Stuntmänner, so dass Hughes selbst in die Maschine kletterte und sie höchstpersönlich zu Schrott flog. Er kam mit leichten Verletzungen davon.

Die Premiere von "Hell's Angels" fand am 24. Mai 1930 in Los Angeles statt, sechs Wochen darauf, am 10. Juli, präsentierte Warner Bros in New York "The Dawn Patrol". Darin schildert Regielegende Howard Hawks den Luftkrieg als zermürbende, nur mit Alkohol zu ertragende Quälerei, bei der die britischen Piloten gegen die Deutschen (für die ein Flieger-Ass namens "von Richter" kämpft) regelmäßig den Kürzeren ziehen. Der Film erntete begeisterte Kritiken und einen Oscar fürs Drehbuch; bereits 1938 gab es ein Remake mit den Superstars Erroll Flynn und David Niven.

Die Rückkehr des Rittmeisters

1938 entstand auch in Deutschland wieder eine Großproduktion über die Front am Himmel - unter nationalsozialistischen Vorzeichen. Der Film "Pour le Mérite" von Regisseur Karl Ritter singt das "Heldenlied der deutschen Fliegerei", so das achtseitige Programmheft, und beschwört den Endkampf im Westen, auf den leider ein "ehrloser, schmachvoller Friede" folgt. Doch Helden wissen, dass einmal ein Wunder geschieht, und so werden alle Träume wahr: Am Schluss des Streifens warten die neuen Messerschmitts in Reih' und Glied auf den Rittmeister und Veteranen von 14/18, der aus dem verhassten Zivil endlich wieder in die Uniform des Geschwaderführers schlüpfen kann.

Als bald darauf im echten Leben der nächste Weltkrieg ausbrach, sah man die hochmodernen Messerschmidts auf deutschen Leinwänden plötzlich in der Wochenschau wieder - aus den Fantasien des Drehbuchschreibers war schnell blutiger Ernst geworden. Nur Heinz Rühmann blieb im Fliegerschwank "Quax, der Bruchpilot" von 1941 dem altmodischen Doppeldecker treu und zeigte in dem eher untypischen Propagandastreifen, wie auch aus einem Angsthasen noch ein Held werden kann - weshalb die Alliierten die Komödie 1945 erst einmal verboten.

Das Nachkriegskino fröhnte erst einmal der Zukunftseuphorie und Technikbegeisterung jener Jahre - silbrige Düsenjäger, viermotorige Passagierclipper oder achtstrahlige Atombomber wie 1964 in Stanley Kubricks Satire von "Dr. Seltsam" bevölkerten nun den Kinohimmel.

Intrigen und Tricksereien

Alsbald aber ging es wieder zurück in die Kaiserzeit. 1965 lösten "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten" ein regelrechtes Oldtimer-Revival aus. Das fantasievolle Spektakel des Briten Ken Anakin mit dem deutschen Charakterdarsteller Gerd Fröbe und zwanzig historischen Oldtimer-Repliken (davon sechs flugfähigen) thematisiert ein fiktives Luftrennen von England nach Frankreich, bei dem es zu allerlei Intrigen und Tricksereien kommt. Ziel des durch und durch britischen Humors sind natürlich nicht zuletzt die Deutschen: Der preußische Hauptmann Rumpelstoß kann wegen Durchfalls nicht starten, so dass Oberst Manfred von Holstein, kongenial gespielt von Gert Fröbe ("Goldfinger"), einspringen muss.

Im Jahr darauf herrschte dann schon wieder Luftkrieg auf der Leinwand. In "The Blue Max" - der "Blaue Max" war Preußens Pour-le-Mérite-Orden, den es nach 20 Abschüssen gab - strebt der ehrgeizige Kampfflieger Bruno Stachel, gespielt von Hollywoodstar George Peppard, nach dieser höchsten Auszeichnung. John Guillermins Film zeigt Stachels Jagd nach dem Verdienstkreuz und den Klassen-Kampf gegen seine adeligen Staffelkameraden, der ihn am Ende das Leben kostet. Die Produktion sparte nicht an stilechten Flugzeugkopien und waghalsigen Stunts; auch Manfred von Richthofen, gespielt von Carl Schell, dem Bruder von Maximilian, tritt kurz auf.

Durch "Blue Max" und das Kriegsmusical "Darling Lili" (1970) häufte sich am Drehort Irland eine veritable Luftflotte an, die die Aufmerksamkeit des Regisseurs Roger Corman erregte. Der Amerikaner war Experte für schnelle und geldsparende Produktionen, und schon 1971 brausten die Gebraucht-Flugzeuge durch seinen Film "Von Richthofen and Brown". Dessen Höhepunkt ist das lange Duell zwischen John Phillip Law als "Roter Baron" und Don Stoud als sein kanadischer Bezwinger Roy Brown. Inzwischen weiß man, dass nicht Brown, sondern ein Infanterist am Boden die tödliche Kugel abfeuerte.

Absturz an der Kinokasse

Das wohl beste Doppeldeckerdrama entstand 1975. "The Great Waldo Pepper" von George Roy Hill handelt von Piloten, die als Luftzirkus durch das Amerika der zwanziger Jahre tingeln. Hollywood-Star Robert Redford spielte Waldo Pepper, der im Krieg die Karriere bei den Jagdfliegern verpasste. Seine Chance kommt erst in Hollywood, wo er Ernst Kessler trifft, ein deutsches Fliegerass, für den Pilotenlegende Ernst Udet Pate stand. Das Ende der "Tollkühnen Flieger", wie der Film in der Bundesrepublik hieß, ist wunderbar traurig.

Ginge es im Filmgeschäft logisch zu, wäre "Waldo Pepper" das letzte Wort zum Thema gewesen. So aber kämpfte schon 1976 die britische Leinwandelite von Malcolm McDowell bis John Gielgud in "Schlacht in den Wolken" ("Aces High"). 2006 gab es auch ein Wiedersehen mit den "Flyboys" von der Lafayette Escadrille - der privat finanzierte Streifen mit einem Budget von 60 Millionen Dollar floppte grausam an der Kinokasse.

Einen Preußen schreckt das offenbar nicht. Richtofen in seiner roten Fokker rollt wird auf Filmsets weiter regelmäßig an den Start geschoben - Angst vor dem Absturz, und sei es an der Kinokasse, kennt der "Rote Baron" eben nicht.



insgesamt 2 Beiträge
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Bernd Hohlen, 07.04.2008
1.
Der Doppeldecker, den Heinz Rühmann in dem Film "Quax der Bruchpilot" flog, war eine Focke Wulf "Stieglitz" FW44J "D-ENAY". Die Maschine steht beim "Förderverein für historische Fluggeräte" in Hamm, im Hangar des Flughafens. Mit unserer Veranstaltung Shuttle-Lesung hatten wir zweimal das Vergnügen, diesen Doppeldecker als Kulissse benutzen zu können.
Axel Schudak, 26.04.2011
2.
Man könnte zu dem Thema dann auch den Film "Der Rote Baron", D 2007, erwähnen. Cineastisch nicht unbedingt ein Markstein, aber mit interessanten Flugszenen (CG). z.B. hier: http://www.kino.de/kinofilm/der-rote-baron/87492.html
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