Fotosammler-Humor "Das Leben ist witzig"

Fotosammler-Humor: "Das Leben ist witzig" Fotos
Max Kersting

Raser ohne Schwimmzeug, Eisbären, die Eis bestellen, und eine Stripperin, die niemand anschaut: Nur mit Filzstiften schafft Max Kersting aus alten Familienfotos von Flohmärkten kleine, absurde Bildergeschichten. einestages sprach mit dem Berliner über sein schrulliges Werk - das er als Kunst versteht. Von Fabienne Hurst

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Max Kersting schreibt die wohl kürzesten Geschichten der Welt. Ein paar Worte, kaum Satzzeichen, viel Augenzwinkern. Der 30-jährige Design-Absolvent kramt alte Fotos aus Kisten in Antiquariaten und betextet sie mit Markern und Tipp-Ex. Sein erstes Werk postete er vor zwei Jahren auf Facebook: eine dickbäuchige Männerunde an einem Gartentisch, irgendwann in den Sechzigern. Dazu kritzelte Kersting: "Int. Club der Interessierten (Gründungszeit)".

Die Idee kam an: Auf begeisterte Kommentare folgten Käuferanfragen, eine Fotostrecke im "Zeit Magazin" und Ausstellungen in Düsseldorf und Berlin. Jetzt zeigt das Buch "Drei unbeschwerte Tage. Roman" die schönsten Bildergeschichten des Wahlberliners.

einestages: Herr Kersting, Sie arbeiten mit alten Schnappschüssen. Wo finden Sie Ihre Bilder?

Kersting: Ich verbringe einfach ein bisschen Zeit in Antiquariaten, wühle in Kisten auf Flohmärkten und ersteigere manchmal Fotokonvolute bei ebay.

einestages: Können Sie sich noch erinnern, wo Sie Ihr erstes Foto gefunden haben?

Kersting: Ich war mit einer Freundin und einem Bier in einem Antiquariat in Berlin und habe ein bisschen rumgestöbert. Bei dem Foto mit der Männerrunde haben wir uns aus jetzt nicht mehr erklärlichen Gründen schlapp gelacht, deshalb habe ich es gekauft, noch am gleichen Tag beschriftet, Freunden gezeigt und nach dem Schema weitergemacht.

einestages: Was muss ein Bild haben, das von Ihnen bearbeitet wird?

Kersting: Das ist gar nicht so einfach: Tausende von Bildern, die seit Jahren in Kartons schlummern, sprechen mich nicht an. Sie sind langweilig oder unbrauchbar. Wenn ich aber eins sehe und direkt einen guten Text dazu im Kopf habe, kaufe ich es. Manchmal habe ich auch eine Idee für einen Satz und suche dazu ein passendes Bild. Dann passiert es, dass mir ein Foto, an das ich gar nicht gedacht hätte, in die Hände fällt und super zu dem Schriftzug passt.

einestages: Das klingt nach einem sehr bewussten Auswahlprozess.

Kersting: Das Gefühl ist bei der Auswahl auch sehr wichtig: Wenn ein Bild gut ist, man es aber irgendwie gruselig findet, darf man es nicht kaufen. Sonst holt man sich ein schlechtes Gefühl nach Hause.

einestages: Was wäre denn ein "gruseliges" Bild?

Kersting: Wenn es einen anspricht, man aber einen komischen Beigeschmack fühlt, oder wenn es witzig ist, aber irgendetwas Ekliges zeigt. Man braucht ein gutes Gefühl. Auch wenn ich wütend oder schlecht gelaunt bin, darf ich nicht texten. Sonst kommt nur blöde Ironie heraus und ich bin hinterher nicht stolz darauf. Ich muss in einer menschenliebenden Stimmung sein. Und natürlich ist es wichtig, dass ein Foto irgendwie witzig ist. Das Leben ist ja witzig - wenn auch nicht immer.

einestages: Sie schreiben auf Bilder, die vielleicht einen persönlichen Wert haben. Zerstören Sie den nicht durch Ihre Schriftzüge?

Kersting: Zuerst habe ich die Fotos immer eingescannt und den Schriftzug per Computer hinzugefügt. Das hat den Vorteil, dass man ein bisschen herumprobieren kann und das Bild nicht gleich kaputt ist, wenn es nichts wird. Später habe ich aber direkt auf die Fotos geschrieben. Ich finde das nicht problematisch, ich verarsche oder beleidige ja niemanden.

einestages: Gibt es auch Leute, die Ihre Idee gar nicht witzig finden?

Kersting: Als ich die Fotostrecke im "Zeit Magazin" veröffentlicht habe, waren die Kommentare teilweise heftig. Manche fanden, dass die Fotos ohne meine Krakeleien viel schöner seien. Oder dass mein Humor kein Humor ist. Ich habe auch einige Hassmails bekommen von Leuten, die meinten, ich verletze die Rechte der Abgebildeten. Andere warfen mir vor, dass meine Idee gar nicht neu sei, dass es schon seit über hundert Jahren Postkarten mit Schriftzügen gebe. Das stimmt natürlich, es hat doch heutzutage alles schon einmal gegeben. Trotzdem finde ich, dass man meine Bilder mit diesen Karten nicht vergleichen kann. Meine Arbeiten erzählen eher kleine Geschichten.

einestages: Hat sich schon einmal jemand gemeldet, der sich wiedererkannt hat?

Kersting: Bisher noch nicht. Aber eigentlich kann derjenige sich ja darüber freuen, dass er gefunden wurde und sein Bild zurück in die Öffentlichkeit gelangt. Das könnte der Anfang einer neuen Geschichte sein.

einestages: Texter, Grafiker, Künstler. Als was bezeichnen Sie sich eigentlich?

Kersting: Das ändert sich immer wieder. Ich habe nach dem Abi als Macher von Skate-Videos angefangen, dann CD-Cover und Partyflyer entworfen. Nach dem Designstudium in Düsseldorf habe ich es als Werbetexter versucht, habe die Branche aber nicht verstanden und mich nicht gut gefühlt. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Das alles hat mich geprägt und beeinflusst natürlich meine Arbeit. Ich versuche mich auch gar nicht mehr festzulegen. Mal bin ich Eistee-Produzent, mal Party-DJ, mal Geschäftsführer einer erfolgreichen Kleinstadt-Werbeagentur und manchmal eben … Künstler. Ja, ich bin Künstler.

einestages: Ist mit dem Buch Ihre Arbeit an den Fotogeschichten jetzt beendet oder machen Sie weiter?

Kersting: Ich möchte jetzt erst einmal damit aufhören und mich neuen Projekten widmen. Neuerdings arbeite ich nämlich auch als Kurator. Ich suche Exponate für mein "Deutsches Museum des Katers". Leute, die sich am Tag nach dem Feiern selbst fotografieren, können mir gern ihre Bilder senden. Nach Einsendungen von verkaterten Frauen sehne ich mich am meisten. Habe noch kein einziges weibliches Exponat.

Das Interview führte Fabienne Hurst.

Zum Weiterschauen:

Max Kersting: "Drei unbeschwerte Tage". Metrolit Verlag, März 2013.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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