First Lady Florence Harding Präsidentin der Vereinigten Staaten

First Lady Florence Harding: Präsidentin der Vereinigten Staaten Fotos
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Alkoholexzesse, Sexskandale, Amtsmüdigkeit: Warren G. Harding gilt als einer der schlechtesten US-Präsidenten der Geschichte. Seine Frau Florence aber wurde zur Blaupause der selbstbewussten First Lady. Sie sorgte erst für den Wahlsieg ihres Mannes und regierte dann eifrig mit. Bis zu seinem mysteriösen Tod. Von Sarah Levy

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Das Schicksal offenbarte sich im Februar 1920 in einem mit schwarzen Vorhängen verhangenen Hinterzimmer. Im dunstigen Kerzenlicht starrte die Wahrsagerin auf ihre Karten. "Diese Person wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten", sagte sie mit mystischer Stimme, "aber er wird seine Amtszeit nicht überleben! Er wird einen plötzlichen Tod sterben. Die Sterne lügen nie…" Die Frau, die der Wahrsagerin gegenüber saß, erstarrte bei diesen Worten. Dann fasste sie sich und sagte: "Ich glaube daran, und ich muss ihn führen." Die Frau war Florence Harding, der Mann, dem Macht und Unheil vorhergesagt wurde, war ihr Ehemann Warren G. Harding. 1921 wurde er der 29. Präsident der Vereinigten Staaten.

Florence Kling Harding bekam immer, was sie wollte. Mit Verbissenheit und Eigensinn erkämpfte sie sich erst ihren Ehemann und machte ihn dann zum mächtigsten Mann Amerikas. Mit fortschrittlichen und feministischen Ideen lenkte sie die Politik ihres Mannes und revolutionierte dabei nicht nur die Rolle der First Lady, sondern aller Frauen Amerikas. Gedankt wurde ihr das nie: Ihr Mann betrog sie nach Strich und Faden. Dann trennte ein mysteriöser Tod das ungleiche Paar.

Kennengelernt hatten sich Florence Kling und Warren Harding in Marion im US-Bundesstaat Ohio. Er war ein gutaussehender Zeitungsherausgeber mit etlichen Verehrerinnen, sie eine ehrgeizige, rechthaberische Frau mit wachem Verstand und eher bescheidenem Aussehen. Mit 26 Jahren hatte sie bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich und war alleinerziehend. Für ihre Familie war sie eine gefallene Frau. Aber Florence kämpfte - und merkte früh, dass sie durch Hartnäckigkeit und Scharfsinn bekam, was sie wollte. Und sie wollte Warren Harding.

Sexuelle Abenteuer, Whiskey, Pokerrunden

Wenn Warren sich mit einer anderen Frau verabredet hatte, soll sich Florence einfach so lange neben die beiden gesetzt und ohne Unterlass geredet haben, bis die Rivalin resigniert das Feld räumte. Einmal soll sie ihn am Bahnhof abgefangen haben, als Warren gerade von einem Besuch bei seiner damaligen Freundin zurückkehrte. Als er sie entdeckte, versuchte er, auf der anderen Seite des Zuges auszusteigen. "Versuch gar nicht erst abzuhauen, Warren Harding", soll Florence über den Bahnhof geschrien haben. Ihr Starrsinn und ihre Dominanz ließen dem wenig durchsetzungsfähigen Warren keine Wahl. Er erkannte: Mit dieser Frau an seiner Seite konnte er alles erreichen. Denn nichts war Florence wichtiger als die Karriere von Warren G. Harding.

Die beiden verlobten sich 1891, da war sie schon 30, er erst 25. Florence dachte nicht daran, sich als Hausfrau zurückzuziehen. Stattdessen nahm sie im "Marion Star", der Zeitung ihres Mannes, die Finanzen in die Hand, verhalf dem Blatt zu Auflagerekorden und ihrem Mann zu einem stattlichen Vermögen. Offiziell erklärte sie: "Ich habe nur ein richtiges Hobby - meinen Ehemann." Warren hatte großen Respekt vor dem Einsatz seiner Frau, fast eingeschüchtert übergab er ihr jede Verantwortung. Er selbst war ein geselliger Typ mit großem Redetalent und einem unstillbaren Appetit nach sexuellen Abenteuern, Whisky und Pokerrunden. Aber er litt auch unter schwachen Nerven. Eine brisante Kombination.

Warren nannte seine Frau "Boss", später "Duchess" - die Herzogin. Oft floh er sich vor ihrem strengen Regiment auf Pressereisen oder in die Arme anderer Frauen. Huren, Witwen, Nachbarinnen, sogar vor Florence' Freundinnen machte er nicht Halt. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit erfuhr Florence von einem unehelichen Kind. Sie war außer sich und reagierte mit großer Strenge auf den Ehebruch. Von nun an kontrollierte sie ihren Mann, wich ihm nicht mehr von der Seite. Die hypochondrisch veranlagte Florence fand Halt im Aberglauben, in der Astrologie und Homöopathie. Sie gab nicht auf. In ihr Tagebuch schrieb sie: "Eine glückliche Ehefrau ist nicht die, die den besten Mann der Welt geheiratet hat, sondern die, die weise genug ist, das Beste aus ihm zu machen." Das tat Florence.

"Also Warren, das weiß ich wirklich besser als du!"

Sie überredete Warren, in die Politik zu gehen. 1915 wurde er zum republikanischen Senator von Ohio gewählt, fünf Jahre später war er Präsidentschaftskandidat. Harding selbst zögerte, hielt sich nervlich für nicht stark genug. Auch sein Herz machte immer wieder Probleme. Florence aber bekam, was sie wollte. Unter Warrens Parteifreunden war die "Duchess" gefürchtet. Sie wussten, dass diese Frau stärker und intelligenter war als ihr Ehemann. Florence wollte an allen politischen Beratungen teilhaben und brannte sich mit ihrem diktatorischen Ton in das Gedächtnis vieler politischer Freunde ein: "Also Warren, das weiß ich wirklich besser als du!" Je enger Florence ihren Mann an sich band, desto dreister wurden seine Fluchtversuche. Er betrog sie über Jahre - mal mit der Nachbarin, mal mit einer gemeinsamen Freundin im Hintergarten, einmal sogar auf einem Kreuzfahrtschiff neben Florence' Kabine.

Währenddessen litt Florence unter ernsthaften Nierenproblemen. Doch als die Wahrsagerin ihr die Zukunft als First Lady vorhersagte, war ihr Ehrgeiz stärker als ihr kranker Körper. Sie nahm alles in Kauf - auch das ominöse Todesurteil, das ihrem Mann drohte, sollte er Präsident werden. Im Kampf um die Rolle als First Lady blühte Florence auf, setzte sich für verwundete Kriegsveteranen und Frauenrechte ein. Es gelang ihr, sich und Warren als unzertrennliche Einheit zu inszenieren: "Wir werden gewinnen!" Medienwirksam verkaufte sie sich und ihren Ehemann als bodenständige Amerikaner und wurde zur Identifikationsfigur für Millionen von Amerikanerinnen, die 1920 erstmals zur Wahl gehen durften. 37 der 48 US-Bundesstaaten gaben ihre Stimme Warren G. Harding. Florence bekam erneut, was sie wollte.

Florence Harding wurde zur schillernden First Lady. Sie öffnete das Weiße Haus für Besucher, hielt Pressekonferenzen für weibliche Journalisten und bestärkte Frauen, einen Beruf zu erlernen. Während sie zur Vollblut-Präsidentengattin heranwuchs, strauchelte ihr Mann über seine Leidenschaften. Mitten in der Prohibition musste er den enthaltsamen Präsidenten geben. Nie konnte er die Finger von Alkohol, Glücksspiel und Frauen lassen, dann machte auch noch sein Herz Probleme. Das Versteckspiel belastete ihn körperlich und emotional. Freunde und Anhänger sahen sich gezwungen, einen Fonds für den umtriebigen Präsidenten zu errichten, aus dem die Erpressungsgelder für seine Geliebten gezahlt wurden. Sein Kabinett, das er mit alten Freunden und Geschäftspartnern besetzt hatte, geriet in Bestechungsskandale, die ein schlechtes Licht auf Harding warfen. Nach nur zwei Jahren im Amt war der Präsident müde, überließ die meisten Entscheidungen seiner dominanten Frau.

Das mysteriöse Ende

Eine Reise durch die USA besiegelte das Schicksal des Präsidentenpaars. Florence bestand auf die Tour, sie sollte die Popularität ihres Mannes in der Bevölkerung steigern. Sichtlich geschwächt kämpfte er sich die amerikanische Westküste entlang. In San Francisco verstarb er am 2. August 1923 in seinem Hotelzimmer. Die Todesumstände sind bis heute ungeklärt, ebenso, wer sich zum Todeszeitpunkt bei ihm aufhielt. Florence, die Ärzte und die Bediensteten - jeder verbreitete eine andere Geschichte: Herzversagen, Hirnschlag, Vergiftung. Eine Autopsie wurde nie durchgeführt.

Florence' härtester Kampf indessen begann nach dem Tod ihres Mannes. Die ehemalige First Lady musste das Weiße Haus für Präsidentschaftsnachfolger Calvin Coolidge räumen und befand sich plötzlich im Kreuzfeuer: Die Skandale der Harding-Regierung wurden öffentlich, ihrem Mann wurde Korruption und Vorteilsnahme nachgesagt. Zudem verlangte die Bevölkerung Antworten zum mysteriösen Tod ihres Präsidenten, Gerüchte, sie habe ihren Mann vergiftet, machten die Runde. Eigenhändig verbrannte Florence mehr als die Hälfte der Unterlagen und des verfänglichen Briefverkehrs ihres Mannes. Gesundheitlich stark angegriffen rang sie um sein politisches Erbe. Am Ende kämpfte Florence Harding vergebens: Im Jahr 2003 zählte das "Time Magazine" Warren G. Harding zu den zehn schlechtesten Präsidenten der USA.

Im November 1924, nur ein Jahr und vier Monate nach ihrem Mann, starb die ehemalige First Lady an Nierenversagen. Sie wurde neben Warren Harding in ihrem Heimatort Marion beigesetzt. Kurz nach seinem Tod soll sie gesagt haben: "Ich habe nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt."

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1.
Walter Hüttmann 06.11.2012
etwas für den Hohlspiegel: "Im Jahr 2003 wurde Warren G. Harding vom "Time Magazine" zu den zehn schlechtesten Präsidenten der USA gewählt."
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