Flucht aus China Blinder Passagier im Kohlenrohr

Eigentlich wollte Josef Königsberg auf seiner Chinareise nur lecker essen gehen. Doch zur Peking-Ente wurde ihm ein ergreifendes Schicksal serviert: die Geschichte des Chinesen Hua Xilian, der nach Taiwan floh.

Josef Königsberg

Vor sechs Jahre erfüllten meine Frau und ich uns einen lang gehegten Wunschtraum: Wir unternahmen eine Reise nach China. Unser Reiseführer führte uns in ein Restaurant, das für seine Pekingente berühmt ist. Wir wollten gerade unsere Bestellung aufgeben, als ein elegant gekleideter Chinese an unseren Tisch herantrat. Er verbeugte sich höflich und bat in gutem Englisch, bei uns Platz nehmen zu dürfen. Das Restaurant war völlig überfüllt. Unser Reiseleiter zögerte, denn der Kontakt zwischen Europäern und Einheimischen war eigentlich zu vermeiden. Meine Frau und ich ahnten allerdings nichts von der Zwickmühle, in der er sich befand, und baten den Fremden an unseren Tisch.

Unser Gast stellte sich als Hua Xiliang vor, er sei aus Taiwan und besuche seine Familie in China. Auch wir stellten uns vor, und ich erzählte ihm, dass wir schon viele fremde Länder bereist hätten und ich einige unserer Erlebnisse in Kurzgeschichten veröffentliche. Wie elektrisiert schaute mich Hua an, dann sagte er zögernd: "Ich möchte Sie nicht mit meinen Problemen behelligen. Aber vielleicht wäre meine Geschichte für Ihre Aufzeichnungen interessant. Wenn Sie einverstanden sind, erzähle ich sie Ihnen." Hier ist Hua Xilians Geschichte:

"Vor 28 Jahren kam ich in der Provinz Hu Bei auf die Welt. Mein Vater gehörte zu den Millionen chinesischer Bauern, die von der Hand in den Mund lebten. Als in einigen Provinzen eine Hungersnot ausbrach, kam es zu Revolten, die erbarmungslos von der Polizei und dem Militär niedergeschlagen wurden. Hunderttausende, wenn nicht sogar einige Millionen wurden Opfer der Staatsmacht. Meine Eltern überlebten. Als sie ihr erstes Kind erwarteten, wünschten sie sich wie alle anderen chinesischen Familien sehnlichst einen Sohn. Zu ihrer großen Enttäuschung bekamen sie jedoch ein Mädchen, Li-Fu. Zwei Jahre später wurde ihnen zu ihrer Erleichterung ein Sohn geboren. Ich war ihr Sonnenschein, und so fanden sie sich nach und nach mit der Existenz meiner Schwester ab, zumal sie ein sehr kräftiges Mädchen war, das die Feldarbeit wie ein gestandener Mann verrichtete.

Flucht in der Kohlenschütte

Das Leben als Bauer war äußerst hart, und der Gedanke, in dieser aussichtslosen Situation zu verharren, war mir ein Gräuel. Mit 17 Jahren schloss ich mich deshalb einer Gruppe Wanderarbeiter an, die ihr Glück in der Großstadt suchte. Dort angekommen, trafen wir auf Millionen Andere, die wie wir dem Elend auf dem Lande entkommen wollten. Wir hausten in Notunterkünften und schufteten für einen Hungerlohn als Bauarbeiter - ausgenutzt und entrechtet.

Billigwaren gehörten zu den Exportschlagern Chinas, so dass die jährliche Wachstumsrate ständig zunahm. Dies war vor allem in den größeren Städten zu spüren. Eines Tages landete ich mit einer Arbeitsgruppe in Shanghai. Als ich zur Säuberung eines Kessels auf einem taiwanesischen Schiff herangezogen wurde, entdeckte ich dort einen schmalen, knapp einen Meter breiten Raum, der von außen in den Kessel führte. Offensichtlich diente dieses Rohr früher als Kohlenschütte. Ich entschied mich blitzschnell. So könnte mir die Flucht aus China gelingen.

Sofort kroch ich in die enge Röhre und verhielt mich mucksmäuschenstill. Mir war bewusst, dass dies mein Ende bedeuten könnte. Sollte ich entdeckt werden, drohte mir die Todesstrafe. Falls nicht, könnte ich auch verhungern und verdursten. Mein unbändiger Wunsch nach Freiheit ließ mich jedoch das hohe Risiko eingehen.

Ich hatte Glück - wie durch ein Wunder blieb ich am Leben und landete in Taiwans Hauptstadt Taipeh. Schon nach kurzer Zeit fand ich eine Anstellung in einer Spielzeugfabrik, die ihre Erzeugnisse nach Amerika und Europa exportierte. Herr Wang, der Eigentümer, war mit meiner Arbeit sehr zufrieden. Kurze Zeit später wurde ich sogar sein Partner. Nun konnte ich mir eine eigene Wohnung leisten und war auch bald in der Lage, meine junge hübsche Braut zu heiraten.

Kurzes Glück

Trotzdem überfiel mich oft Wehmut und die Sehnsucht nach meiner Familie, mit der ich mein Glück leider nicht teilen konnte. Seit meinem Weggang von zu Hause konnte ich keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen, da es aus politischen Gründen zwischen beiden Ländern weder telefonische noch postalische Verbindung gab. Das kommunistische Regime Chinas betrachtete Taiwan nicht als eigenständigen Staat, sondern als seine Provinz. Meine Angehörigen hatten sich damit abgefunden, dass sie mich niemals wieder sehen würden. Aus den taiwanesischen Medien erfuhr ich, dass die kommunistische Partei zwar einige Kompromisse eingegangen war, die im südlichen Teil Chinas dazu führten, dass sich eine Art kommunistischer Kapitalismus entwickeln konnte. Private Banken, Geschäfte, Fabriken wurden gegründet, der Ex- und Import wurde freigegeben. Die Lockerungen wurden jedoch nicht auf die Millionen verarmter Bauern ausgedehnt, zu denen auch meine Familie gehörte. Ich konnte nur hoffen, dass es ihnen einigermaßen gut ging.

Als die chinesische Regierung auf Druck des Westens hinsichtlich ihrer Taiwan-Politik einlenkte, wurde zumindest ein Briefaustausch zwischen beiden Ländern zugelassen. Einigen Chinesen wurde es sogar gestattet, ihre Angehörigen in Taiwan zu besuchen. Endlich konnte auch ich Kontakt zu meinen Eltern aufnehmen. Mit meinem ersten Brief, in dem ich ihnen über mein neues, glückliches Leben berichtete, schickte ich eine größere Summe Geldes, mit dem mein Vater ein zusätzliches Reisfeld, moderne Gerätschaften und sogar zwei Ochsen kaufen und obendrein ein neues, größeres Haus bauen konnte. Es ging ihnen nun so gut, dass sie sich sogar dreimal in der Woche Fleisch gönnen konnten. Dieses neue, glückliche Leben war meiner Familie aber leider nicht lange vergönnt.

Nur wenige Jahre später beabsichtigte die chinesische Regierung, ein riesiges Wasserwerk mit einer Staumauer von etwa zwei Kilometern Länge zu bauen - unglücklicherweise befanden sich das Feld und das Wohnhaus meines Vaters inmitten des geplanten Projektes. Die Provinzregierung und die Partei versprachen den betroffenen Bauern eine Entschädigung und stellten ihnen Ersatz-Ackerland in Aussicht. Ein Großteil des Geldes, das die Bauern erhalten sollten, versickerte jedoch in den Taschen korrupter Beamter, und so gingen die meisten leer aus.

Visum nach China

Mein Vater hatte glücklicherweise einiges Geld zusammengespart. Da er allerdings kein Vertrauen in die Bankinstitute hatte, versteckte er sein kleines Vermögen in einem Metallgefäß, das er im Boden vergrub. Als er jedoch später die Geldschatulle holen wollte, war sie verschwunden. Vermutlich hatte ihn jemand beim Eingraben des Schatzes beobachtet und sein Vermögen gestohlen.

Die Umsiedlung in die neue Heimat war chaotisch. Die Hälfte der Habe ging verloren. Ein Großteil der Bauern wurde einfach auf kargem Feld abgesetzt, einige fanden Unterschlupf bei Angehörigen, andere hausten in Notunterkünften und warteten vergeblich auf die Einhaltung der ihnen gegebenen Versprechen. Entschädigung oder Hilfe haben sie jedoch niemals bekommen.

Als mir das Unglück meiner Familie bekannt wurde, beantragte ich sofort ein Visum für die Einreise nach China. Es dauerte mehrere Monate, bis die chinesische Regierung mir endlich die Einreise genehmigte und ich die Erlaubnis erhielt, mich 14 Tage bei meinen Verwandten aufzuhalten. Heute Morgen um sieben Uhr bin ich in Peking gelandet. Noch heute Nacht werde ich in einen Zug steigen, der mich zu ihnen bringen wird. Ich hoffe sehr, dass ich meine Familie bald mit nach Taiwan nehmen kann. Das, liebe Zuhörer, ist also meine Geschichte."

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Seite 1
Beda Gygli, 21.12.2008
1.
Das Bild des Dreischluchtenstaudamms ist ziemlich irreführend, schaut es aus, als stamme es aus den 1920ern. Tatsächlich wurde der Staudamm 2007 fertig gestellt.
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