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Flucht aus der DDR Aus dem Lager ins neue Leben

Flucht aus der DDR: Aus dem Lager ins neue Leben Fotos
Uwe Gerig

Bloß nicht auffallen, lieber flüstern. Die Angst vor der Stasi saß ehemaligen DDR-Bürgern im Notaufnahmelager Gießen weiter im Nacken. Nach ihrer geglückten Flucht 1983 trafen Uwe Gerig und seine Frau im Westen aber auch auf ungeahnte Hilfsbereitschaft. Von

Ankunft in Gießen am frühen Vormittag. Wir durchqueren die Bahnhofshalle. Schnell zum Ausgang! Niemanden nach dem Weg fragen. Wir finden das allein. Wenn wir fragen, verrät unsere Aussprache, woher wir kommen. Es soll keiner wissen, dass wir Fremde sind.

Unsicherheit des Anfangs.

Das Wort "Notaufnahmelager" schreckt uns. Er klingt nach Not, nach Hilfsbedürftigkeit. Unter einem Lager vermuten wir eine Ansammlung von Baracken, dazu möglicherweise einen Appellplatz. Flüchtlinge, die ihre Existenz aufgeben mussten, die unerträglichen Verhältnissen entkommen sind, empfinden den Begriff "Notaufnahmelager" nicht unbedingt als herzliches Willkommen. Die Bezeichnung existierte noch bis 1985, dann wurde die Gießener Behörde in "Zentrale Aufnahmestelle" umbenannt.

Bonbons für weinende Kinder

Der Pförtner im "Lager" ist ein freundlicher Hesse. Wir werden ihn in den nächsten Tagen als einen Menschen kennenlernen, der besonders großen persönlichen Anteil am Schicksal der Leute nimmt, die oft stundenlang voller Verzweiflung im Vorzimmer des Wachgebäudes auf das angemeldete Telefongespräch mit ihren in der DDR zurückgebliebenen Verwandten oder Freunden warten. Der Mann hat dann immer ein aufmunterndes Wort parat, und für heulende Kinder gelegentlich auch Bonbons.

Nach vier Tagen werden wir bestätigen können, dass ein solcher freundlicher Umgangston bei ausnahmslos allen Mitarbeitern des Lagers, bei den Frauen in der Küche ebenso wie bei den Beamten und Sozialhelfern, selbstverständlich ist. Alle, die einige Tage im Lager verbringen müssen, quittieren die Freundlichkeit dankbar. Dort, wo sie herkommen, war Freundlichkeit in den Ämtern ein Fremdwort, und spontane menschliche Hilfsbereitschaft war wie vieles andere auch unüblich. Wer einen "Ausreiseantrag" gestellt hatte, wurde von den Behördenbonzen der DDR wie ein Sträfling behandelt. Da waren sie Menschen zweiter Klasse, Staatsfeinde. Sie mussten Schikanen erdulden und schweigen. Jetzt leben sie bei jeder freundlichen Geste sichtbar auf, ihre Verkrampfung löst sich, sie teilen sich anderen mit.

Das Lager besteht aus neun Gebäuden, jedes zur besseren Lokalisierung mit einem Namen gekennzeichnet; "Haus Sachsen", "Haus Thüringen", "Haus Mecklenburg" und so weiter. Vertraute Namen, Erinnerungen an die alte Heimat.

Wehmut kommt auf. Wir sind durch Zufall in das "Haus Thüringen" eingewiesen worden und sehen das als ein gutes Zeichen.

Alles ist geregelt

Gegenüber, im "Haus Berlin-Brandenburg", hatte man uns gleich nach der Ankunft mehrseitige Formularblätter gegeben, die wir ausfüllen sollten. Auf der Laufkarte, einer Art Lagerausweis, sind wir mit den Nummern 3307 und 3308 registriert. Jedes Behördenzimmer, das wir in den nächsten Tagen aufsuchen müssen, ist dort markiert. Wenn wir dort vorgesprochen haben, wird das per Unterschriftskürzel bestätigt. Wir sind zum Teil eines gut organisierten deutschen Verwaltungsmechanismus geworden.

Nichts kann falsch gemacht werden.

Alles ist geregelt.

Beruhigt das?

Bei der Beantwortung der Fragen in den Formularen hilft niemand. Zwei Stunden Konzentration.

Aber wie beschreiben wir die Gründe der Flucht in einem amtlichen deutschen Formular?

Wie wird der junge Mann, der nebenan im Zimmer 15 wohnt, seine Flucht beschreiben? Er ist 25 Jahre alt, groß, blond, Anlagenmonteur und Kraftfahrer von Beruf. Vor wenigen Tagen noch war er in Meißen zu Hause. Seine Flucht, so erzählt er, dauerte zwei Tage und zwei Nächte. Bahnfahrt aus Sachsen Richtung Westen zur innerdeutschen Grenze. Dann stundenlanger Fußmarsch, immer in Gefahr, von Polizisten oder Grenzsoldaten entdeckt zu werden. Bei Hirschberg konnte er schließlich unbemerkt die Sperranlagen überwinden, zwei übermannshohe Maschendrahtzäune mit Selbstschussanlagen, das Minenfeld und schließlich die letzte Betonmauer. Vor einigen Jahren, so sagt er, habe er an dieser perfekt abgeriegelten Grenze als Soldat seinen Wehrdienst ableisten müssen. Da sei ihm die ganze Brutalität dieses Staates bewusst geworden. Dort wolle er nicht mehr leben.

Wird er seine Fluchtgründe auf dem knapp bemessenen Platz des Formulars plausibel für einen Außenstehenden erläutern können?

Vorsicht, hört der Feind noch immer mit?

Die Solidarität im Gießener "Lager" ist groß. Da treffen sich wildfremde "Ehemalige", die einige Tage zuvor noch in der DDR lebten, und reden spontan über ihr Schicksal. Einer hat 16 Monate im Zuchthaus Cottbus gesessen, nur weil er für sich und seine Familie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Er tröstet die Frau aus Dresden, der man gerade die Ausreise bewilligt hatte, deren Mann aber nicht mitkommen durfte und nun drüben in der leeren Wohnung auf den gepackten Koffern sitzt.

Manche, mit denen ich rede, beginnen mitten im Satz zu flüstern, so, als solle kein Unbefugter mithören. Trainierte DDR-Vorsicht. Es fällt schwer, sich umzugewöhnen. Viele sagen "bei uns", wenn sie irgendeinen Vorgang in der DDR beschreiben. Auch ich ertappe mich gelegentlich dabei.

Wir sind hier, aber ein bisschen immer noch dort. Bei allem Zorn auf alle negativen Erfahrungen im anderen Teil Deutschlands - irgendwie hängen wir doch alle an dem Stückchen Heimat, das wir gerade auf unterschiedlichen Wegen verlassen haben.

Unser erstes Gespräch findet schon am Ankunftstag nachmittags statt. Vorprüfung wird das amtsintern bezeichnet. Der ausgefüllte Fragebogen und die Fluchtbegründung werden von einem jungen Mann studiert. Er stellt zusätzliche Fragen, macht handschriftliche Notizen. Über Nacht werden sich die Computer mit unseren Angaben beschäftigen.

Anderentags stellt der Mann vom Verfassungsschutz neue Fragen. Wir unterhalten uns zwei Stunden. Ich habe nicht den Eindruck, verhört zu werden. Mein Gegenüber, etwa gleichaltrig mit mir, fragt. Ich antworte. Er protokolliert diese Antworten handschriftlich. Später muss ich nichts unterschreiben.

"Good luck"

Der US-Verbindungsoffizier, ein junger Mann mit Oberlippenbart und auffallend hautenger Flanellhose, hat keine Fragen an uns. Er reicht unsere Akte an die nächste zivile deutsche Dienststelle weiter und verabschiedet sich mit einem freundlichen "good luck".

"Das wär's dann", meint auch der Mann vom Sozialdienst.

"In welches Bundesland möchten Sie entlassen werden? Haben Sie schon eine Wohnung? Und haben Sie schon eine Arbeitsstelle in Aussicht?"

Nach Hessen wollen wir.

Die anderen Fragen müssen wir verneinen.

"Morgen", sagt der Mann, "werden wir darüber sprechen".

Ein freier Nachmittag ohne Fragen und Antworten.

Wir haben im Gießener Lager alle Befragungen hinter uns gebracht. Am letzten Nachmittag ergeben sich wieder unzählige Gespräche mit den anderen Schicksalsgefährten. Jeder, so scheint es, will dem anderen seine Geschichte erzählen. Das Gefühl, fortan nicht mehr eingesperrt zu sein, frei reden, frei reisen zu können, bricht sich auf unterschiedlichste Weise Bahn.

"Die DDR war ein Massenknast"

Die Wände der Herrentoilette im Erdgeschoss des "Hauses Thüringen" sind ein Beispiel dafür. Keine zotigen Sprüche, wie sonst auf Herrentoiletten üblich, sondern markige politische Bekenntnisse.

"Ich habe hier in Freiheit geschissen".

"Ich auch. 27.8.82."

"Was für ein Gefühl, endlich aus all der Scheiße rausgekommen zu sein."

"Nach 3 Jahren endlich angekommen."

"Die DDR war ein Massenknast. 17.7.1982."

"Endlich angekommen bei meinem Vater! Hurra, Hurra. 17.8.82."

"Ich bin in Freiheit nach 1 ¼ Jahren."

"Der Honecker mit seiner modernen Sklavenhaltergesellschaft."

"Nie wieder die Kommunisten."

"Ich habe es geschafft, ich und meine Eltern, doch meine Schwester ist noch drüben und alle meine Freunde."

"Wählt SPD, sie hat eure Einreise ermöglicht."

Mit roter Farbe steht darunter: "aber nicht meine Flucht".

In einer Zeitung haben wir heute gelesen, dass der Rocksänger Udo Lindenberg am Dienstag mit seinem "Panik-Orchester" in Ost-Berlin 20 Minuten lang vor ausgewählten FDJlern ein Konzert geben durfte.

Der gute Honecker!

Vierter Tag. Frühstück im Speiseraum. Für die Kinder gibt es wie immer eine Tüte Milch oder wahlweise eine Tafel Schokolade. Wir bekommen Butter, Marmelade, zwei Brötchen, Kakao. Die Familie aus Plauen reist ab. Sie fährt zu Freunden nach Süddeutschland. Wir wünschen uns gegenseitig Glück, das ist keine Floskel.

"Eingliederung" in Hessen

Um 8 Uhr sind wir zum Abschlussgespräch in die dritte Etage des "Hauses Berlin-Brandenburg" bestellt. Man wird uns ins Bundesland Hessen entlassen und dort weiter betreuen. "Eingliedern" wird das in der Amtssprache genannt. Wir verabschieden uns von dem Beamten mit Handschlag, danken für seine freundlichen Ratschläge.

Vorletzte Station, Zimmer 203, der Einweisung - und Verteilungsausschuss. Ein großer Raum mit zwei riesigen Tischen, einer steht längs, einer quer.

Eine Frau telefoniert in unserer Angelegenheit, ihr Kollege lässt uns die "Einweisungsurkunde" unterzeichnen. Hinter ihm an der Wand hängt eine Landkarte von Deutschland. Ostpreußen ist darauf ebenso deutlich markiert wie Schlesien.

So war es wohl 1937.

Da lebten wir noch nicht.

Von der Wand gegenüber blickt Alt-Bundespräsident Theodor Heuss auf diesen Landkarten-Anachronismus des Jahres 1983. Ich bin versucht, etwas dazu zu sagen oder wenigstens eine Frage zu stellen. Doch dann schweige ich lieber. DDR-Mentalität.

Vielleicht nimmt man mir eine solche Frage übel?

Begrüßungsgeld zum Abschied

Im vierten Stock, Zimmer 408, gibt's Geld. Pro Person 150 DM, die Begrüßungsgabe der Bundesregierung. Dann gegenüber im "Haus Sachsen", Zimmer 11, Abmeldung. Taschengeld für die Rückreise nach Frankfurt, 26,60 DM. Dazu zwei kostenlose Fahrkarten.

Wir gehen zurück zum Bahnhof. Unterwegs begegnet uns eine Familie, Mann, Frau, Töchterchen. Auf einem Koffertransportwagen balancieren sie ihre Habseligkeiten vorsichtig über die verkehrsreiche Kreuzung. Hilfesuchend sehen sie sich um.

"Sie wollen sicher zum Lager?", fragen wir. Die Neuankömmlinge nicken. Wir weisen ihnen den Weg.

Viele werden dort noch entlanggehen. Hin zum Lager und von dort, wie wir jetzt, zurück ins neue Leben

Zum Weiterlesen:

Uwe Gerig: "Stiller Sieg nach neunzig Tagen: Protokoll einer Selbstbefreiung im geteilten Deutschland". Shaker Media Verlag, Oktober 2013, 292 Seiten.

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