Flucht aus Ostpreußen Irrfahrt durch ein kaltes Land

Ruth Wiacek war 16 Jahre alt, als sie alles verlassen musste. Mit Eltern, Schwester und deren Baby floh sie aus Masuren vor der anrückenden Roten Armee. Sie überlebte, kehrte in ihr Elternhaus zurück - und blieb in Polen.

Ruth Petrowski

Freitag, der 19. Januar 1945, war mein letzter Arbeitstag in Ortelsburg. Seit Wochen rückte die Front näher, wir alle hatten nur auf den Befehl zur Evakuierung gewartet. Zuhause bei meinen Eltern im kleinen Ort Groß Schiemanen war schon alles für die Flucht gepackt. Ich war noch keine 17 Jahre alt. Bis heute kann ich es nicht verstehen: Warum hat man uns nicht einige Tage eher evakuiert? Dann hätten wir all das nicht erleben müssen.

Meine fünf Jahre ältere Schwester Marie lag im Wochenbett, sie hatte vor fünf Tagen ihr erstes Kind geboren, eine Tochter. Seit 1932 lebten wir in dem ostpreußischen Ort, am südwestlichen Rand der Masurischen Seenplatte. Jetzt sollten wir alles verlassen, aber wohin und wie? Wir hatten keinen Wagen. Züge fuhren nicht mehr. Doch bleiben konnten wir nicht. Voller Angst verbrachten wir eine letzte Nacht in unserem Häuschen. Am nächsten Tag kam ein Güterzug mit deutschen Soldaten am Bahnhof an. Die Russen waren nicht mehr weit von unserem Dorf entfernt, der Zug brachte Verstärkung für die zusammenbrechende Front.

Bald kamen Soldaten auf unseren Hof, sie waren erstaunt, dass wir noch nicht weg waren. Auch aus den umliegenden Dörfern kamen nun Frauen mit ihren Kindern. Am Abend fuhren wir mit dem Zug in Richtung Ortelsburg ab. Schon eine Station hinter Groß Schiemanen war Schluss: Der ganze Güterzug mit allen Flüchtlingen saß fest. Es war kalt, an den Wänden des Zuges bildete sich Eis. Wir hörten Panzer auf der Straße nach Ortelsburg und das Donnern der Geschütze. Zwei Männer entschieden, dass etwas geschehen müsse: Sie machten sich auf den Weg nach Ortelsburg, um eine Lokomotive zu holen.

Schwerer Abschied

Wir hatten schon die Hoffnung aufgegeben. Meine Schwester mit dem kleinen Kind lag auf Matratzen im Zug, mit einem Federbett bedeckt. Doch da, Gott hatte uns nicht verlassen, kamen die beiden Männer mit einer Lok aus Ortelsburg angefahren, und die Fahrt ins Ungewisse ging weiter. Inzwischen war es hell geworden. Nach langer Wartezeit fuhren wir los, immer wieder blieb der Zug stundenlang auf offener Strecke stehen. Irgendwo auf einem Bahnhof besorgte mein Vater einen Ofen. Wir tauten Schnee und kochten etwas Warmes zum Trinken, später machte Mutter eine Suppe aus Putenfleisch. Vor Aufregung hatte keiner von uns Hunger. Weiter ging es in Richtung Ostseeküste bis nach Krekollen. Dort standen Bauern mit Pferdeschlitten, jeder von ihnen nahm einige Flüchtlinge mit. Wir kamen bei einer Familie unter, meine Schwester und ihr Baby konnten sich ein wenig erholen.

Schon nach wenigen Tagen hieß es: Es geht weiter! Die Russen waren auch hier nicht mehr weit. Wir gingen ins Dorf, von dort sollten alle Flüchtlinge mit Lastwagen weiter gebracht werden. Eine Nacht lang warteten wir, aber nur wenige ergatterten einen Platz auf der Ladefläche. Meine Eltern entschieden zu bleiben, meine Schwester, das Baby und ich sollten ohne sie weiter fahren. Der Abschied von den Eltern fiel uns schwer, wir wussten nicht, ob wir sie je wiedersehen würden. Endlich, nach zwei Wochen Fahrt, erreichten wir Heiligenbeil am Frischen Haff. Jetzt waren wir allein, ohne Geld, ohne Essen. Ohne das Baby wäre alles einfacher gewesen. Aber es lebte und war gesund, trotz Kälte und schlechter Pflege.

Frauen mit Kindern durften auf Pferdewagen mitfahren, ich als Begleiterin meiner Schwester war dabei. Es ging quer über das Frische Haff. Was wir da sahen, war schrecklich: Hunderte von Treckwagen, vollgeladen mit ganzen Familien, fuhren über das Haff. Viele fanden dort den Tod, als sie auf dem Eis einbrachen. Wir kamen nach Neukrug, einem kleinen Fischerdorf auf der Frischen Nehrung. Dort übernachteten wir mit vielen anderen Frauen und ihren Kindern in einer Kirche. Sie schliefen auf den Bänken, am Altar, irgendwo, wo etwas Platz war. Die Kinder weinten die ganze Nacht.

"Raus, die Russen kommen!"

Am nächsten Morgen ging es zu Fuß in Richtung Danzig: Meine Schwester mit dem fest in eine Decke gewickelten Baby auf dem Arm, daneben ich mit einem Bündelchen, in dem ein paar Sachen für das Kind waren. So kamen wir am späten Abend im Dorf Kahlberg an. Unsere mageren Essensvorräte waren aufgebraucht. Zwei Soldaten gaben uns den Rat, zu Fuß weiter nach Stutthof zu gehen. Wir hatten Glück: Es fuhr ein Bus, mitten in der Nacht kamen wir in Danzig an. Da standen wir nun allein auf der Straße, unser Baby fing an zu weinen. Ein Polizist brachte uns in ein Krankenhaus, das mit Müttern und kleinen Kindern voll besetzt war. Nach langer Zeit konnten wir endlich einmal baden und ausschlafen.

Mit einem Zug fuhren wir nach Stolp in Pommern. Wieder nahmen einige Familien Flüchtlinge bei sich auf, meine Schwester, ihr Baby und ich fanden Unterschlupf bei einer Lehrerfamilie. Dort konnten wir die kleine Monika endlich taufen lassen. Inzwischen war es Ende Februar geworden, mehr als einen Monat waren wir schon auf der Flucht. Doch ein Ende war noch nicht in Sicht, wieder hieß es: "Raus, die Russen kommen!" Keiner fühlte sich mehr für uns zuständig.

Zum Glück gab uns eine mitfühlende Frau ihren alten Kinderwagen mit einem Federkissen, nun musste meine Schwester das Baby endlich nicht mehr auf dem Arm tragen. Unser Weg ging weiter ins Ungewisse: Wir wollten zurück nach Gotenhafen, wir hörten, dass auch von dort Schiffe fuhren. Doch die Russen erreichten uns am 10. März 1945 in Neuendorf bei Neustadt, auf halber Strecke zwischen Stolp und Danzig. Als wir hörten, dass im Dorf geschossen wurde, liefen wir in einen Keller. Immer mehr Menschen kamen zu uns, atemlos berichteten sie, dass russische Panzer im Dorf seien.

Ein kleiner Schutzengel

Als es still wurde, gingen wir hoch in die Wohnung unserer unfreiwilligen Gastgeber, ängstlich sammelten wir uns in einem Zimmer: Zwei Tage blieben wir dort und trauten uns kaum auf die Straße. Am dritten Tag entschieden wir Richtung Lauenburg zu ziehen, wir blieben in einem Dorf namens Klein Schwichow, denn unsere kleine Monika wurde krank, sie hatte sich erkältet. Sie starb am 21. März 1945, gerade zwei Monate alt. Die Flucht, zu wenig Essen, die Kälte - all das war zu viel gewesen. Es gab weder Ärzte noch Medikamente, wir mussten hilflos zusehen, wie das Kind starb.

Einen Tag, bevor wir das Baby begraben wollten, kamen betrunkene Russen und suchten nach Mädchen. Panisch versteckte ich mich in einem Kleiderschrank. Zum Glück fanden sie mich nicht: Neben dem Schrank auf einem Tisch lag das tote Baby, die Soldaten wichen vor der kleinen Leiche zurück. Aber nebenan fanden sie zwei junge Mädchen im Alter von 16 und 17 Jahren. Diese nahmen sie mit in eine andere Wohnung. Spät abends hörten wir mehrere Schüsse von nebenan.

Als es still geworden war, gingen die Eltern dorthin. Die Russen waren weg, beide Mädchen tot. Die eine hatte einen Bauchschuss und lag nackt im Bett. Die andere saß angezogen daneben, das Blut rann aus ihrem Mund. Das Schicksal hatte mich verschont, das kleine tote Baby war mein Schutzengel. Am nächsten Tag begruben wir die beiden erschossenen Mädchen und unsere kleine Monika in aller Stille. Einen Pfarrer hatten wir nicht.

Im Frauenlager

Ein paar Tage später kam ein Mann und sagte, wir sollten alle auf einen Platz ins Dorf kommen, um Lebensmittel zu bekommen. Wir hatten keine Vorräte mehr, mit mulmigem Gefühl gingen wir los. Viele Mädchen und junge Frauen drängten sich schon auf dem Dorfplatz, meine Schwester und ich mussten uns zu ihnen stellen. Die Soldaten trieben uns zu Fuß in Richtung Stolp. Unterwegs kamen immer wieder junge Frauen, Mädchen und ältere Männer dazu. In Stolp hatten die Russen ein Lager eingerichtet, in einem von Stacheldraht umzäunten Areal standen mehrere Häuser. Die Zustände waren erbärmlich: Wir schliefen auf dem Fußboden, zwei Mal am Tag gab es Brot und eine wässrige Suppe. Arbeiten mussten wir nicht, aber wir wurden jeden Tag verhört. Toiletten gab es keine: Unser Klo war ein tiefes, ungefähr sechs Meter breites Loch, darüber lagen Bretter kreuz und quer.

Nach einigen Wochen, es war im Mai 1945, hörten wir nachts lautes Brüllen und Schießen auf der Straße. Wir dachten, die deutsche Wehrmacht sei gekommen, um uns zu befreien - so naiv waren wir noch immer. Aber es waren die Russen, die das Kriegsende feierten. Morgens an der Essensausgabe eröffneten sie uns, dass wir nach Hause könnten. Tatsächlich: Am nächsten Tag wurde ich entlassen. Doch nicht alle Frauen kamen frei, einige sollten weiter für die Soldaten kochen, meine Schwester gehörte dazu. Wir mussten uns trennen.

Ein Mädchen aus Lauenburg in Pommern nahm mich mit zu ihrer Familie, die Adresse konnte ich meiner Schwester noch zustecken. Schweren Herzens ließ ich sie im Lager zurück. Ich hatte es nicht zu hoffen gewagt: Drei Wochen später stand sie tatsächlich in Lauenburg vor der Tür. Inzwischen hatte ich mir eine Arbeit gesucht, meine Schwester fand ebenfalls eine Anstellung. Sie kochte für zwei polnische Postbeamte. So verging der Sommer 1945.

Freudige Überraschung

Im Oktober fuhr einer der Postbeamten nach Allenstein, einer Kleinstadt nicht weit von unserem Heimatort. Wir gaben ihm einen Brief an meine Tante in Groß Schiemanen mit. Nach ungefähr einem Monat bekamen wir eine Antwort von meiner Mutter. Was für eine Überraschung: Wir hatten nicht geahnt, dass meine Eltern wieder Zuhause waren. Sie schrieb, dass sie mit Vater schon seit Juli in Groß Schiemanen sei, wir sollten schnell kommen. Ich wollte nicht eine Minute länger in Lauenburg bleiben, meine Schwester und ich machten uns freudig auf den Weg.

Es war Anfang Dezember, ein Jahr lang hatten wir nichts von unseren Eltern gehört. Wir waren einfach nur froh und glücklich, sie wiederzusehen. Sie hatten es nach unserer Trennung in Krekollen bis nach Mecklenburg geschafft. Doch gleich nach Kriegsende machten sie sich mit einem Handwagen zu Fuß auf den Weg zurück, nach sechs Wochen erreichten sie die Heimat und waren erleichtert, als sie unser Haus wiederfanden: unbeschädigt und noch unbewohnt.

Von da an lebten wir unter polnischer Verwaltung in unserem Dorf. Im Dezember 1946 starb meine Mutter, ich war gerade 18 Jahre alt. Meine Schwester wurde 1947 von der polnischen Regierung nach Deutschland ausgewiesen. Heute wohnt sie mit ihrer Familie in Gladbeck. Im Jahr 1948 lernte ich meinen Mann, einen polnischen Bahnbeamten, kennen, ein Jahr später heirateten wir. Wir waren 38 Jahre lang glücklich verheiratet, haben fünf Kinder.

Ich lebe noch immer in meinem Elternhaus. Nie werde ich das Haus aufgeben, das ich nach so vielen Strapazen und Leiden zurück erobert habe. Deswegen bleibe ich für immer hier in Groß Schiemanen.



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