Flucht aus Ostpreußen Ein Januar, der niemals endet

Flucht aus Ostpreußen: Ein Januar, der niemals endet Fotos
Lutz Radtke

Kälte, Chaos, Angst: Tausende Menschen flohen im Januar 1945 vor der Roten Armee aus Ostpreußen Richtung Westen. Lutz Radtke war gerade mal 13 Jahre alt, als er mit seiner schwangeren Mutter Hals über Kopf aufbrechen musste. An die Nacht der Flucht erinnert er sich, als sei es gestern gewesen. Von

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Klirrende Kälte. Der Wind treibt Schneeflocken vor sich her, die sich ein Plätzchen auf Dächern, Zäunen und Straßen suchen. Die kleine Stadt liegt friedlich und still unter einer weißen Decke.

"Lutz, schnell, aufstehen!" Die Stimme meiner Mutter klingt anders als sonst. Sie hat mich aus tiefem Schlaf geweckt, und ich finde nur langsam in die Wirklichkeit.

"Was ist los?"

"Schnell, beeil dich. Du musst dich anziehen!"

"Warum? Was ist?"

"Die Sirene. Hörst du nicht die Sirene? Sie heult schon die ganze Zeit!"

Tatsächlich, jetzt höre ich sie. Immer wieder der klagende Ton. Ein Ton, der durch Mark und Bein geht. Dazu Stimmen, eilige Schritte knirschend im Schnee, hastende Menschen.

Es ist Nacht, bitterkalte Nacht. Die Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1945, zwischen 1 Uhr und 2 Uhr früh. Minus 20 Grad Frost müssen es sein, starker Schneefall und Wind, der den Schnee aufwirbelt und den Menschen ins Gesicht bläst. Menschen, die sich wie Schatten bewegen und nur eine Richtung kennen: weg von der Stadt, nach Westen. Und das schnell, ganz schnell! Rodelschlitten ziehen sie hinter sich her oder auch Handwagen, mit etwas Gepäck oder auch mit kleinen Kindern, alten Menschen oder gar Kranken. Genau ist das nicht auszumachen, und Zeit für näheres Hinsehen gibt es sowieso nicht.

Eine Stadt im Aufbruch. Eine ganze Stadt mit 14.000 Einwohnern, dazu einer unbekannten Zahl von Bombenflüchtlingen aus dem Westen des Reiches, die hier Zuflucht gefunden hatten. Die Stadt heißt Deutsch-Eylau, liegt im südwestlichen Teil Ostpreußens - und hat bis dahin vom Krieg nur wenig gespürt. Doch schlagartig ist das nun anders geworden. Genauer: mit den Ereignissen des 12. Januar 1945. An diesem Tag nämlich hat die russische Großoffensive an der Weichsel begonnen. Eine Übermacht aus Panzern, Infanterie und Hunderten von Schlachtflugzeugen wälzt sich auf die deutschen Verteidiger zu, die nur kurze Zeit Widerstand leisten können. Erst nach über 500 Kilometern, in Berlin und an der Elbe, wird diese Walze schließlich zum Stehen kommen.

Berichte über Gräueltaten

Dazwischen sind nun wir. Wir in Deutsch-Eylau. Aber das ahnt wohl niemand in dieser eisigen Winternacht. Wir haben noch geglaubt. Gewiss, Gerüchte hat es gegeben in den Tagen zuvor, immer neue Gerüchte. Vom Vordringen russischer Panzer war die Rede und der Blutspur, die sie hinterließen. Nemmersdorf war noch in beklemmender Erinnerung, jenes Dorf in Ostpreußen, bei dem die Rote Armee zum ersten Mal deutschen Boden erreicht hatte. Im Oktober 1944 war das, und die Berichte über ermordete Greise, Babys und Frauen - wer kannte sie nicht? Unvorstellbar, dass uns so etwas widerfahren könnte! Nein, wir können es nicht glauben. Wir wollen es nicht glauben. Und die deutsche Propaganda gibt diesen inneren Abwehrreflexen Nahrung: "Die Russen? Aber nein. Die kommen nicht bis zu uns! Unsere Wehrmacht, die hält und steht!"

Unvorstellbar? Jetzt, in dieser Nachtstunde, ist die Situation plötzlich da. Die russischen Panzer, so heißt es plötzlich, stehen kurz vor der Stadt. Schon in einer halben Stunde können sie hier sein. Panik! Es geht um das schiere Überleben. Die Sirene! Flüchtende Menschen vorbei an unserem Hause. Meine Mutter im siebenten Monat schwanger. Agathe, die polnische Hausangestellte, nervös und voll unbestimmter Angst. Ich selbst, damals 13 Jahre alt, vor Schreck wie gelähmt. Mein Vater, Stadtbaumeister von Deutsch-Eylau, entscheidet dennoch blitzschnell: "Ihr müsst weg, ganz schnell! Ich bleibe hier."

Kein Hinterfragen, kein Zögern. "Komm", ruft mein Vater mir zu, "wir holen einen Wagen!" Schon hasten wir über den zugefrorenen Geserichsee, der uns im Sommer so herrliche Angel- und Segelpartien ermöglichte, durch den verschneiten kleinen Park hin zum städtischen Pferdestall. Wir suchen Max, ein ruhiges, verlässliches Pferd, das für die tägliche Müllabfuhr und andere Dienste zuständig ist. Max muss den Wagen ziehen, auf dem meine Mutter, für die in ihrer Schwangerschaft ein strapaziöser Fußmarsch unmöglich scheint, Agathe und ich die Flucht antreten sollen.

Ein Lächeln im Chaos

Im Stall ist es stockfinster. In all der Aufregung finden wir den Lichtschalter nicht. Dafür finden wir eine Petroleumlampe. Und wir finden Max. Doch das Zaumzeug passt nicht. Mein Gott, was jetzt? Mein Vater ist unerfahren beim Anspannen der Pferde, und ich bin es sowieso. Plötzlich ein Knarren. Das Tor zum Stall geht einen Spalt weit auf, wieder knarrt es, und ein Gesicht schiebt sich vorsichtig in den Stall. Die Russen! Jetzt ist es aus, schießt es mir durch den Kopf. Doch nein - das Gesicht beginnt unsicher zu lächeln. Ein freundliches, ein hilfsbereites Lächeln. Ein Lächeln im Chaos.

Es ist das Lächeln eines städtischen Beschäftigten, eines Mitarbeiters meines Vaters also, eines russischen Kriegsgefangenen. Er begreift sofort die Situation, und ganz schnell hat Max das richtige Zaumzeug, wird angespannt - und los geht es in den Strom der Flüchtenden, zu meiner Mutter und Agathe. Doch die Straße ist vereist. Max rutscht, der Wagen auch. Zu spät erkenne ich, dass Max keine Stollen an den Hufeisen hat. Und was aus dem so freundlichen Russen geworden sein mag?

Hastig beladen wir den Wagen mit einigen Gepäckstücken, helfen meiner Mutter hinauf und packen sie einigermaßen warm ein. Agathe steigt auf und zuletzt ich, ein 13 Jahre alter Kutscher auf dem Weg nach Westen

Wir fahren. Wir winken. Mein Vater steht im Schneetreiben und winkt zurück. Max Radtke, 51 Jahre alt, mit Leib und Seele Stadtbaumeister von Deutsch-Eylau, beliebt und geachtet von seinen Mitbürgern: Wie muss es in ihm ausgesehen haben? Warum blieb er - einfach aus Pflichtgefühl "seiner" Stadt gegenüber? Würden wir ihn je wiedersehen? Oder das Haus mit seinem Licht und seiner Wärme, in dem wir doch eben noch Weihnachten gefeiert hatten?

Die Straße nimmt kein Ende

Doch für Gefühle ist keine Zeit. Keine Zeit für Schmerz, Zweifel, Nachdenken. Unpathetisch ist der Abschied und schnell. Die Gestalt meines Vaters verschwindet im diffusen Licht einer schicksalhaften Nacht.

Für Angst - keine Zeit. Wie dicht die Panzer hinter uns sind - keine Ahnung. Der Blick richtet sich allein nach vorn. Auf Max zum Beispiel, der sich redlich müht, doch ohne Stollen immer wieder rutscht. Sein Sturz kann das Ende sein: für ihn und für unsere Flucht im Pferdewagen. Wir würden zum Hindernis, und Hindernisse werden von Menschen in solchen Ausnahmesituationen nicht toleriert. Das ist offensichtlich. Denn inzwischen haben wir die Chaussee zur Kreisstadt Rosenberg, also nach Westen, erreicht. Tausende sind hier unterwegs: Frauen jeden Alters, Greise, Kinder, Kranke. Und auch Soldaten, einzeln oder in kleinen Gruppen. Alle wollen in Sicherheit. Irgendwie.

Die Straße nimmt kein Ende. Das Elend auch nicht. Tote Pferde liegen da, tote Hunde, Schafe, auch Hühner. Und immer wieder umgestürzte Fahrzeuge, Leiterwagen, teilweise noch voller Gepäck, von den Menschen in großer Eile verlassen. Dieses Schicksal will ich uns ersparen. Ich steige ab und führe Max behutsam bei Steigungen und Gefällstrecken, ich spreche ihm Mut zu - und manchmal schien es mir, als höre er sogar zu. Meine Mutter, gottlob, merkt auf dem Wagen nichts von meinen Sorgen.

Kilometer für Kilometer geht das so. Inzwischen hat es aufgehört zu Schneien. Die Sonne ist durchgebrochen, und die Natur präsentiert sich in all ihrer Schönheit. Es ist, als ob sie uns den Abschied noch bitterer machen will. Ein erstes, zufälliges Ziel haben wir erreicht: Sommerau, ein kleines Dorf mit einem kleinen Bahnsteig. Jetzt, an diesem 20. Januar 1945, einem Samstag.

Die Flucht aber geht weiter.

Lutz Radtke war bis zu seiner Pensionierung in der freien Wirtschaft tätig, zuletzt als Vorstandsmitglied des Reifenherstellers Pirelli. Seine Flucht aus Ostpreußen endete im Sommer 1945 in Bremen, sein Vater floh mit einer Kampfgruppe der Wehrmacht als einer der letzten Soldaten aus Deutsch-Eylau.

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