Flucht aus Pommern "Die Brücke hinter uns ist in die Luft geflogen!"

Flucht aus Pommern: "Die Brücke hinter uns ist in die Luft geflogen!" Fotos

Das Schreien verbrennender Ratten und ein Haufen gebratenen Fleisches, von dem keiner wusste, woher es kam: Detlev Crusius erinnert sich in allen Details an seine Flucht vor der Roten Armee. Auch an den Moment, als seine Familie ihre letzten Habseligkeiten zurückließen. Von Detlev Crusius

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Ich erinnere mich noch deutlich an Omas Küche. Das ist eine meiner ersten eigenen Erinnerung, denn ich sehe die Kante des Küchentisches in Höhe meiner Augen. Und ich sehe Hindu vor mir, den großen Jagdhund mit Schlappohren, größer als ich, der auf mich aufpasste und jeden Fremden wegbiss, der mir zu nahe kam. Knapp drei Jahre alt muss ich zu diesem Zeitpunkt gewesen sein.

Die zweite Erinnerung ist die an ein Eisenbahnabteil. Ich sitze mit meinen Eltern am Fenster, draußen ist es dunkel. Auf dem kleinen Tischchen unter dem Fenster des Abteils steht der Rasierschaumbecher meines Vaters mit einer brennenden Kerze. Es ist mein dritter Geburtstag, und die Kerze ist eine Geburtstagskerze. Meine Mutter weint tonlos vor sich hin, und mein Vater sagt immer wieder zu ihr: "Ulla, hör auf, wir schaffen das schon."

Wir sind auf der Flucht vor den Russen, vor der Roten Armee. Ich weiß nicht, wohin der Zug fährt, wir fahren nach Westen zu den Amerikanern, das sagt mein Vater. Es ist Ende Januar 1945.

Der Zug ruckelt langsam kreischend über defekte Schienen, hält oft auf freier Strecke an, Menschen drängen in den Zug. Am Bahndamm stehen Lkw und Pferdefuhrwerke, sie haben rote Kreuze auf dem Verdeck, Sanitäter versuchen, verwundete Soldaten im Zug unterzubringen. Der Zug und die verwundeten Soldaten sind fest in meiner Erinnerung, so wie die drei Soldaten, die in unserem Abteil abgelegt wurden und denen mein Vater die Verbände erneuert. "Den hier könnt ihr wieder mitnehmen, der braucht mich nicht mehr", sagte mein Vater zum Sanitäter.

Rauf auf den Zug!

Bei Küstrin fahren wir über die Oder, und als wir gerade den Fluss und die Brücke hinter uns gelassen haben, gibt es einen gewaltigen Rums, am Himmel ist einen langen Moment eine hellrot und gelb leuchtende, sich immer weiter aufblähende Wolke zu sehen, die langsam wieder dunkler wird und verschwindet, während der Zug ruckelt. "Die Brücke ist hinter uns in die Luft geflogen", sagt mein Vater. Wir saßen in dem letzten Zug, der noch über die Brücke kam.

In jenen Jahren waren viele Millionen Menschen auf der Flucht, quer durch Europa, mal in die eine Himmelsrichtung, dann wieder in die andere. Je nach dem, in welche Richtung die Kriegsmaschinerie sich gerade bewegte, wohin sie die Menschen vor sich her trieb. Oft genug flohen sie nicht weit genug, oder dort, wo sie ankamen, war es noch schlimmer, als an dem Ort, den sie verlassen hatten. Ich war damals also keine Ausnahme, ich war nur einer von vielen Millionen Menschen.

Auf unserer nicht enden wollenden Wanderung kamen wir durch den Bahnhof von Dresden, dort mussten wir umsteigen, und dort verloren wir unsere letzten Habseligkeiten, einen Kinderwagen, in dem ich aber nicht sitzen konnte, weil er mit allem möglichen Hausrat bepackt war. Denn plötzlich hieß es: Dieser Zug dort, da müssen wir mit, der fährt nach Westen, zu den Amerikanern. Der Zug rollte schon, die schweren Dampflokomotiven - vorne und am Ende des Zuges - fauchten. Es waren zwei Lokomotiven, weil der Zug so lang war, und die Kuppel des Bahnsteiges war voller Qualm von den Lokomotiven. Die Waggons waren überfüllt, wie alle Züge damals, und mein Vater riss mich hoch auf den Arm und rannte los, gerade noch konnten wir auf ein Trittbrett springen, helfende Hände zogen meinen Vater, mich und meine Mutter auf die sichere Plattform. Der Kinderwagen mit dem Rest unserer Habe blieb auf dem Bahnsteig stehen.

Das war am 12. Februar, und einen Tag später, am 13. Februar, war der erste Tag der mehrtägigen Bombenangriffe auf Dresden.

Ein Sack Fleisch

Umsteigen, das war meistens eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Es gab keine Fahrpläne, die Lautsprecherdurchsagen waren oft unverständlich oder falsch oder irreführend. "Richtung Westen, bloß weg, bloß weg von den Russen", das war es, was mein Vater mit der Monotonie eines buddhistischen Mönchs ständig wiederholte.

Der Unterschied zwischen Lemmingen, die sich die Klippen hinab stürzen, und Menschen auf der Flucht ist nicht groß. Wenn ein paar Menschen auf dem Bahnhof in eine Richtung rannten, dann rannten viele hinterher, da brauchte es zusätzlich nur noch irgendwo zu rumsen, dann rannten alle sofort kopflos in irgendeine Richtung. Egal wohin, nur weg.

Irgendwann kamen wir nach Schwerin, blieben ein paar Monate. Ich erinnere mich an den Schweriner See, wo mein Vater am Ufer einen großen Sack mit Fleisch fand, das gebraten wurde und den vielen in dem Haus zusammengepferchten Flüchtlingen gemeinschaftlich schmeckte, obwohl keiner wusste, von welchem Tier es stammte, ob es überhaupt von einem Tier stammte. Es roch gebraten so gut, dass es keiner wissen wollte.


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Das Geschrei der brennenden Ratten

Aber es war nicht gut dort, wir zogen weiter, waren ein paar Wochen in Stralsund und Wismar, und wir kamen nach Schwaan am Flüsschen Warnow, dort, wo der Fluss sich stark verbreitert und eine Biegung macht. Wir wohnten auf dem Gelände einer ehemaligen chemischen Fabrik, wo eigentlich Kindernahrung produziert werden sollte, aber nichts wurde produziert, nur Trümmer wurden verwaltet, und zwei bissige Schäferhunde hielt man dort, die die Trümmer bewachten.

In Schwaan erlebten wir einen der kältesten Winter seit Menschengedenken, so kalt, als sei 'Väterchen Frost' beauftragt, alles zu vernichten, was der Krieg unversehrt gelassen hatte. Die Warnow fror zu, und Lebensmittel kamen nur selten bis zur Fabrik, denn der Schnee lag hoch und die Pferdefuhrwerke schafften es nicht auf den unbefestigten Wegen bis zu uns. Wir hatten einen Ofen in unserer kleinen Wohnung. In einem ehemaligen Schweinestall lagen Buchenstämme. Dazwischen hausten Ratten, die quiekend davonjagten, wenn mein Vater einen Baumstamm aus dem Holzhaufen zog.

Die Ratten waren so zahlreich und vom Hunger so aggressiv, dass unsere Katze Angst vor ihnen hatte. Ein Bauer aus der Umgebung gab uns den Rat, ein paar Ratten lebendig zu verbrennen, denn das Geschrei der im Feuer krepierenden Ratten vertriebe die anderen. So fingen wir Ratten, sperrten sie in Erdlöcher und verbrannten sie dort, wie der Bauer uns geraten hatte. Das wilde Gekreische der krepierenden Ratten ließ mich einige Nächte lang schlecht schlafen, ungefähr so viele Nächte, bis die geflüchteten Ratten wieder zurückkehrten.

Geburt auf dem Küchentisch

Gegen Ende des Winters, als das Holz endgültig zur Neige ging, verbrannten wir Holzmöbel, die wir in der Fabrik gefunden hatten, die aber imprägniert waren, und durch die freiwerdenden Gase explodierte unser Kachelofen. Wir überstanden den Frühling, indem wir nachts alle in einem Bett schliefen. Morgens war die Bettwäsche von außen hart gefroren.

Endlich, nach vielen Irrwegen, kamen wir nach Güstrow. In dieser Zeit kam mein Bruder zur Welt, aber er lebte nicht lange genug, um einen Namen zu bekommen. Meine Mutter, die aus Pommern stammte, sagte immer: "Jott, wir hätten ihn Christian jenannt, aber er hat nich leben jewollt." Ein Jahr später kam meine Schwester zur Welt, sie erhielt den Namen Heliane und zwei Jahre später wurde meine jüngste Schwester geboren, wir nannten sie Christine. Meine Mutter brachte meine beiden Schwestern auf dem Küchentisch zur Welt, da gab es weniger Gefahren durch Infektionen, weniger, als im Hospital, so sagte die Hebamme, und die Namen wurden immer sofort vergeben, damit die Kinder, wenn es denn so sein sollte, wenigstens mit einem Namen starben.

Das Einzige, was in solchen Zeiten zählt, ist der Zusammenhalt der Familie. Wir wurden selten richtig satt, aber jeder hatte ein wenig zu essen, genug um zu überleben. Und als unser Brennholz aufgebraucht war, wärmten wir uns gegenseitig. Diese Wärme hat mir das Leben gerettet.


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