Flucht aus Schlesien Die große Reise

Immer wieder erzählt Barbaras Großmutter von ihrer alten Heimat in Schlesien. Die Schülerin will mehr über die Familiengeschichte wissen. Bei ihrer Spurensuche erfährt sie von der Odyssee ihrer Vorfahren auf der Suche nach wirtschaftlichem Erfolg und auf der Flucht vor zwei Weltkriegen.

Barbara Minden

"Liebe Barbara! Was machst Du in Sommerferien? Ich möchte Dich von mich einladen. Du sehst, in Polen ist sehr schön. Schreibst Du bitte, ob ist das Möglichkeit? Ich wünsche Dir und Deine Familie alles Gute. Eure Karolina."

Karolina Antas und Barbara Minden verbindet eine ungewöhnliche Brieffreundschaft: Das Mädchen aus dem polnischen Dorf Rososznica und die Schülerin aus Mainz sind nicht nur gleich alt. Vor allem hat die Geschichte ihrer beiden Familien sie zueinander geführt: Rososznica in Schlesien hieß bis 1945 Olbersdorf, Familie Antas bewirtschaftet nun den Bauerhof, von dem Barbaras Großmutter im April 1946 vertrieben wurde. Und es war längst nicht das erste Mal, dass die Familie von Barbaras Großmutter, die Nauerths, Haus und Hof verließen, um anderswo ein neues Leben zu beginnen.

Für Barbara war 2002 auch dieser Brief ein Grund, sich näher mit der Familiengeschichte zu befassen, dazu kam der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Weggehen - Ankommen. Migration in der Geschichte". Die 17-jährige Schülerin des Rabanus-Maurus-Gymnasiums in Mainz dachte sofort an ihre Großmutter, deren Eltern und Großeltern.

Die Odyssee beginnt in der Pfalz

Die Geschichte der Familie Nauerth liest sich wie ein Lehrstück über die millionenfachen Wanderungsbewegungen, die Mittel- und Osteuropa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlebte: Auf der Suche nach gutem Land und besseren wirtschaftlichen Bedingungen zogen Deutsche schon seit Jahrhunderten Richtung Osten in die fruchtbaren Regionen von Ostpreußen, Schlesien und Posen. Die vierte polnische Teilung von 1815 sorgte genauso für Migrantenströme, wie die jeweils neuen Grenzen Polens nach den beiden Weltkriegen. Der Versailler Vertrag von 1919 verschob Polen ebenso in Richtung Westen wie die Potsdamer Konferenz 1945.

Die Odyssee der Familie Nauerth, das wusste Barbara aus den Erzählungen ihrer Großmutter, begann 1910 im südpfälzischen Erlenbach, einem Dorf zwischen Kaiserslautern und Karlsruhe. Warum die Familie auswanderte, weiß die alte Dame jedoch nicht so genau. Für ihre Enkelin ein erster Ansatzpunkt der Spurensuche: Warum hat die Familie ihre Heimat verlassen? Doch weder die Ratsprotokolle der Gemeinde Erlenbach noch das Kirchenbuch helfen weiter. Barbara kommt zu dem Schluss, dass es sehr wahrscheinlich wirtschaftliche Gründe waren, die Familie Nauerth zum Treck nach Osten bewogen.

Michael Nauerth, Ururgroßvater von Barbara Minden, beschloss gemeinsam mit seiner Frau Katharina und den zwölf Kindern - acht Jungen, vier Mädchen - seine Heimat zu verlassen: Der kleine Hof mit den 25 Morgen Land (über sechs Hektar) reichte kaum, um die Familie zu ernähren. Für die vielen Söhne gab es nicht genug Felder zu vererben und die Mädchen konnte er nicht mit einer anständigen Mitgift versehen und gut verheiraten.

In der Bibelstunde beim Verein für Innere Mission hörte er von einer Familie aus dem Nachbarort: Die Heinzes waren nach Bartschin (heute Barcin) in Posen ausgewandert, den Verwandten in der pfälzischen Heimat schrieben sie von weitem Land und besten Bedingungen für evangelische Bauern in der preußischen Provinz. Michael Nauerth sah seine Chance: Bepackt mit Hausrat, Kleidung und zwölf Kindern fuhr ein Verwandter die Familie mit einem großen Mühlwagen zum nächsten Bahnhof in Winden. Von dort legte die Familie die mehr als 900 Kilometer in ihre unbekannte Zukunft mit der Bahn zurück.

Der Osten verspricht eine gute Zukunft

Die Hoffnungen der pfälzischen Auswanderer auf einen größeren Hof erfüllten sich an der preußischen Ostgrenze: Bartschin in Posen war eine Kleinstadt mit etwa 6000 Einwohnern, nur wenige Kilometer von der Grenze des polnischen Reststaates, dem so genannten "Kongresspolen" entfernt, südlich der etwas größeren Stadt Bromberg (heute Bydgoszcz) gelegen.

Michael Nauerth kaufte einen Hof, endlich war das Haus groß genug für die 14-köpfige Familie. Die Kinder gingen in die 1893 gegründete örtliche Schule, in der nur auf Deutsch unterrichtet wurde, obwohl 60 Prozent der Bevölkerung vor dem Ersten Weltkrieg Polnisch sprach. Mutter Katharina musste nun nicht mehr bei der Feldarbeit helfen, auf der zusammenhängenden Nutzfläche setzten die Neusiedler wie ihre Nachbarn landwirtschaftliche Großgeräte ein, in der Erntezeit halfen polnische Landarbeiter auf den Feldern - Familie Nauerth stieg innerhalb weniger Jahre dank preußischer Germanisierungspolitik aus beengten und ärmlichen Verhältnissen zu stolzen Großbauern auf.

Schon bald überschattete die Weltpolitik den jungen Wohlstand: Die beiden ältesten Söhne, Friedrich und Jakob, fielen im Ersten Weltkrieg, ein weiterer Sohn verlor seinen Arm, erzählt die Großmutter. Nach dem Krieg kehrten die übrigen Söhne unter veränderten politischen Vorzeichen nach Bartschin zurück: Im Dezember 1918 besiegten polnische Widerstandskämpfer das heimkehrende preußische Regiment in wenigen Tagen - Preußen musste seinen Anspruch auf Posen aufgeben, mit dem Versailler Vertrag wurde die Provinz Bestandteil des wieder gegründeten polnischen Staates.

Für die große deutsche Minderheit - immerhin etwa 40 Prozent der Bevölkerung - brachen schwierige Zeiten an.

Auf die langjährige preußische Germanisierungspolitik antwortete der junge polnische Nationalstaat nun seinerseits mit einer Polonisierungskampagne: Städte, Straßen und Plätze erhielten polnische Namen, alle Anzeichen der verhassten preußischen Fremdherrschaft wurden aus dem öffentlichen Leben verbannt. Landes- und Unterrichtssprache war nun allein Polnisch, Deutsche durften kein Land mehr erwerben und mussten vielfach Sonderabgaben leisten, Industrieunternehmen wurden enteignet. Seit 1919 wanderten Deutsche in großer Zahl aus Posen ab, schon 1921 waren nur noch 17 Prozent der Bevölkerung Deutsche, bis 1931 reduzierte sich ihr Anteil auf neun Prozent.

50.000 Dollar für einen neuen Hof

Familie Nauerth hält noch einige Zeit in Bartschin aus: Peter Nauerth, Urgroßvater von Barbara Minden und nun ältester noch lebender Sohn der Familie, heiratet im Mai 1920 Luise Sauerbrey. Ihre Familie war wenige Jahre vor den Nauerths aus Westfalen nach Bartschin gezogen - die deutsche Minderheit blieb unter sich. Das noch erhaltene Hochzeitsfoto zeigt zwei große Familien, die ernst, fast schon ängstlich, in die Kamera blicken. Spurensucherin Barbara fragt sich, welche Veränderungen diese Familien wohl getroffen haben - und wie nah war schon bei der Hochzeit der Urgroßeltern der nächste Schritt zu einem ungewissen Neuanfang an einem fremden Ort?

Das erste Kind bekommt das junge Ehepaar Nauerth 1921 noch in Bartschin: Tochter Tabea, Großmuter von Barbara Minden, kommt am 10. September zur Welt. Doch Familie Nauerth hält dem Druck der neuen polnischen Regierung nicht mehr länger stand. Noch 1921 verkauft Ururgroßvater Michael Nauerth seinen Hof an einen Polen, der mit seiner Familie aus Amerika zurück in sein Heimatland zog.

Die Familie hatte Glück: Der US-Pole bezahlte in Dollar - das Geld verlor im Gegensatz zu Reichsmark und Polnischer Mark in der Inflation der frühen 1920er-Jahre nicht seinen Wert. Der jung verheiratete älteste Sohn Peter bekam einen wichtigen Auftrag: Er sollte das Geld, eingenäht in seine Kleidung, über die Grenze nach Deutschland schmuggeln und dort nach einem geeigneten neuen Bauernhof für die große Familie Ausschau halten. Kurz nach der Geburt seiner Tochter brach er auf, in Ostbrandenburg wurde er fündig: Im Dorf Sellin, etwas östlich der Oder, kaufte er für seinen Vater 140 Morgen Land (35 Hektar) - 50.000 Dollar konnte er für seinen Vater investieren. "Diesen Betrag weiß meine Großmutter ganz genau", berichtet Barbara.

Auch die Familie Sauerbrey, Eltern und Geschwister von Peters Frau Luise, zog in den Oderbruch. Die Zuwanderer aus Polen waren in der brandenburgischen Provinz nicht willkommen, misstrauisch beäugten die Einheimischen die zuziehenden "Polacken", wie sie oft genannt wurden.

Barbaras Urgroßvater Peter Nauerth mit seiner jungen Familie wünschte sich bald einen eigenen Hof, seine noch lebenden neun Geschwister waren inzwischen fast alle erwachsen. Vater Michael wollte seinen Hof nicht unter den verbliebenen sechs Söhnen aufteilen, der Blick des ältesten Sohnes richtete sich wieder gen Osten. Die Schwiegereltern Sauerbrey waren nur kurz bei Nauerths in Sellin geblieben, schon 1922 waren sie weiter gezogen nach Schlesien. Im Bezirk Breslau hatten sie in dem kleinen Ort Bernsdorf einen neuen Bauernhof kaufen können.

Dorthin zogen 1923 auch Peter Nauerth mit seiner schwangeren Frau Luise und der zweijährigen Tabea. Schon 1925 bot sich dem jungen Bauern die Gelegenheit, sich selbständig zu machen: In der Nachbargemeinde Olbersdorf kaufte Peter Nauerth 60 Morgen Land (15 Hektar), finanziert aus dem Erbteil seiner Frau und zinsgünstigen Krediten, die die Weimarer Republik selbständigen Kleinbauern anbot, wenn sie Teile aufgelösten Großgrundbesitzes kauften.

Langsam nähert sich der zweite Krieg

Mit Tochter Tabea und dem 1924 geborenen Sohn Helmut bezog die Familie das ehemalige Gesindehaus eines größeren Betriebes. An eine schöne Kindheit erinnert sich Barbaras Großmutter: Peter Nauerth machte sich mit viel Energie daran, seinen eigenen Hof zu bewirtschaften. Weizen und Zuckerrüben, Kartoffeln und Raps baute er an, schon bald besaßen die tüchtigen Zuwanderer einige Pferde, Kühe und Schweine.

Peter Nauerth erneuerte das schon etwas baufällige Haus: Ein neues Dach, zusätzliche Scheune und Schuppen vervollständigten den Hof. In den Dreißiger Jahren kam noch ein Wintergarten hinzu - ein wenig Komfort konnte sich die Familie inzwischen leisten. Sogar ein Auto kaufte Vater Nauerth kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. Zwei Mal im Jahr fuhr die Familie ins nahe Breslau, um dort Kleidung und andere Gegenstände zu kaufen, die in dem kleinen Ort Olbersdorf nicht zu bekommen waren.

Der Zweite Weltkrieg kam langsamer in das Leben der Familie Nauerth als der Erste: Schlesien lag bis 1944 außerhalb der Reichweite alliierter Flugzeuge, kriegswichtige Betriebe wurden in den "Luftschutzkeller Deutschlands" ausgelagert, Schulklassen mit der Kinderlandverschickung in die schlesische Idylle geschickt. Doch auch Olbersdorf blieb von den Kriegsnachrichten nicht verschont - als erster Mann aus dem Dorf starb der Hauptlehrer und Kantor Werner Kunte 1940 in Frankreich. Die 19-jährige Tabea Nauerth übernahm von nun an das Orgelspiel bei den Gottesdiensten in der kleinen evangelischen Kirche. Ihren jüngeren Bruder Helmut schickte die Wehrmacht gerade 18-jährig 1942 an die Balkanfront. Ängstlich warteten die Eltern auf Post, in den letzten beiden Kriegsjahren verging kaum eine Woche ohne Todesnachrichten von Freunden und Nachbarn in dem 500-Einwohner-Dorf.

Beinahe drei Monate kämpften Wehrmacht und Rote Armee um die von Hitler zur "Festung" erklärte Stadt Breslau, erst am 6. Mai kapitulierten die deutschen Verteidiger. Familie Nauerth floh am 7. Mai aus Olbersdorf. "Der Himmel über Münsterberg und Heinrichau war rot und wir hörten den Kanonendonner näher kommen", erinnert sich Tabea Nauerth im Gespräch mit der Enkelin. Seit Tagen war der Wagen gepackt, am Abend spannte Peter Nauerth die Pferde an. Das Ziel: Kieslingswalde in den Glatzer Bergen, einige Tagesreisen entfernt.

"Wegen der Tiefflieger fuhren wir nachts", erzählt Barbaras Großmutter. "Die Wege waren überfüllt mit Flüchtlingen, am Straßenrand lagen zurückgelassene tote Menschen und Tiere. Die vor den Russen zurückweichenden Soldaten hatten Vorfahrt, immer mussten wir ausweichen." Peter Nauerth hält es nicht lange aus in der relativen Sicherheit der Berge, schon zehn Tage später macht die Familie sich auf den Rückweg nach Olbersdorf. Tabea Nauerth erinnert sich an das verwüstete Haus, in das sie eintraten: "Unser Haus stand zum Glück noch, auf dem Hof kam uns die Gans mit Küken entgegen." Aber drinnen war alles durchwühlt.

Raus aus Polen

Für die Frauen und Mädchen des Dorfes beginnt die schwierigste Zeit: In einem Bauernhaus wird die russische Kommandantur eingerichtet, reihum müssen die Bäuerinnen für die Besatzer kochen. "Nachts mussten die Mädchen bei den Russen bleiben. Ich hatte große Angst", erinnert sich die 86-Jährige. Nur knapp entgeht sie dem drohenden Schicksal: "Es ging der Reihe nach, Haus für Haus. Zwei Tage, bevor unser Haus an der Reihe war, wurde das eingestellt. Die Russen hatten eine feste Kochkraft gefunden." Auch die Mädchen müssen nun nicht mehr bei den Soldaten übernachten.

Nach den russischen Soldaten kamen Polen in das Dorf. Viele waren nach den Potsdamer Verträgen aus den nun russischen Gebieten ausgewiesen worden. Die Russen quartierten die polnischen Flüchtlinge zwangsweise bei deutschen Familien ein - für die Besitzer der Häuser blieb nur ein Zimmer. Für Tabea Nauerth eine demütigende Erfahrung: "Viele Deutsche wurden von den Polen misshandelt und geschlagen. Alle Deutschen mussten die Polen versorgen und für sie kochen." Familie Nauerth selbst leidet weniger unter den bei ihnen wohnenden Polen. "Der Mann war Partisan gewesen. Er hat uns gut behandelt. Wir mussten für die Familie kochen, aber im Gegensatz zu anderen Familien hat man uns genug Essen überlassen." Von Landwirtschaft, weiß sie weiter zu berichten, hatte die polnische Familie jedoch keine Ahnung.

Noch ein ganzes Jahr blieben Tabea Nauerth und ihre Eltern im schlesischen Olbersdorf. Etwa 4,5 Millionen Deutsche lebten nach Kriegsende noch auf polnischem Gebiet, in mehreren großen Wellen wurden sie aus ihren Dörfern und Städten vertrieben. In den ersten beiden großen Flüchtlingsströmen nach Kriegsende verließen noch im Jahr 1945 etwa eine Million Menschen ihre Heimat, meist begleitet von brutalen Übergriffen und oft nur mit dem allernotwendigsten Hab und Gut. Erst im Jahr 1946 verläuft die Ausreise der Deutschen geregelter, in der dritten Vertreibungswelle verlassen etwa zwei Millionen Deutsche Polen, unter ihnen auch Familie Nauerth aus Olbersdorf. Von dort war 1945 noch niemand vertrieben worden, erzählt Großmutter Nauerth, doch alle Deutschen mussten weiße Armbinden mit einem "N" tragen - für "Niemczech", Deutsche.

Der dritte Neubeginn

Am Ostermontag, dem 18. April 1946, wurden alle Deutschen aus Olbersdorf ausgewiesen. Die meisten Familien mussten die zwölf Kilometer zum Bahnhof in Frankenstein mit ihrem Gepäck laufen, doch der polnische Partisan, der den Hof der Nauerths übernahm, hatte Mitleid: Mit dem Pferdewagen brachte er die Nauerths zum Bahnhof. Peter und Luise Nauerth drehten sich nicht mehr nach Haus und Hof um, als das Fuhrwerk aus der Auffahrt rollte.

In Frankenstein bestieg Tabea Nauerth mit ihren Eltern und Hunderten von Schicksalsgenossen den Zug: In Viehwaggons, jeder mit 30 Personen beladen, ratterte der Zug sechs Tage lang durch Polen, dann über Dresden zum niedersächsischen Grenzübergang Helmstedt. "Viele hatten kaum zu essen", erinnert sich Tabea Nauerth, "schlimm war auch die Kälte nachts, im April immer noch unter Null Grad".

In der britischen Zone angekommen werden viele der Olbersdorfer in einem Lager im sauerländischen Niedermarsberg untergebracht. Dank der weit verzweigten Familie - Mutter Luise Nauerth hat eine Schwester in Westfalen - muss die Familie nicht lange im Lager bleiben, sondern kommt auf dem Hof der Tante unter. Peter Nauerth, inzwischen 52 Jahre alt, beginnt zum dritten Mal in seinem Leben von vorn: Bald findet er Arbeit als Heizer bei den britischen Truppen in Bad Oeynhausen.

Zur großen Freude der Eltern kehrt Sohn Helmut schon früh aus jugoslawischer Kriegsgefangenschaft zurück, auch er findet Arbeit - zunächst als Landarbeiter bei Bauern der Umgebung, später wird er Gärtner. Bald beziehen die Nauerths ein kleines Mietshäuschen, Mitte der Fünfziger Jahre können sie günstiges Bauland kaufen. Schließlich beziehen Luise und Peter Nauerth mit Sohn Helmut und dessen Frau zwei getrennte Wohnungen in ihrem Neubau. Luise Nauerth stirbt 1972 im Alter von 83 Jahren, ihr Mann Peter überlebt sie noch viele Jahre, 93-jährig stirbt er 1985.

Tabea Nauerth lebt zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr in Westfalen: Im Juli 1946 hatte die 24-Jährige eine Stelle im Taunus angetreten. Von dort aus besuchte sie einen Bruder ihres Vaters in der Pfalz: Paul Nauerth war schon 1927 in seine Geburtsregion in der Pfalz zurückgekehrt und dort Müller geworden. Tabea lernte den jungen Müllermeister Jakob Rieger kennen, am 20. August 1949 heiratete das Paar und wohnt seitdem auf der Bienwaldmühle im pfälzischen Kreis Germersheim, unmittelbar an der französischen Grenze. 40 Jahre nachdem ihr Großvater Michael Nauerth mit ihrem Vater Peter und den elf weiteren Kindern voller Hoffnung die Pfalz in Richtung Osten verlassen hatte kehrte sie zurück in die alte Heimat ihrer Familie.

Der Beginn einer Brieffreundschaft

Doch für Tabea Nauerth, nun Tabea Rieger, blieb Schlesien ihre alte Heimat. Bis heute hängen Fotos aus Schlesien im Wohnzimmer der Mühle, regelmäßig fährt sie zu den Heimattreffen der Olbersdorfer in Olpe. Die Erinnerungen an die schöne Kindheit und die traumatische Vertreibung aus ihrer Heimat bleiben wach. Nicht nur ihre drei Kinder kennen die Geschichten aus Schlesien, auch Enkelin Barbara kennt die Orte, die Namen der Familienangehörigen und Freunde. Die ganze Familie unterstützte deswegen die Großmutter, als sie 1987 mit ihren beiden Söhnen an einer "Erinnerungsreise" nach Schlesien teilnahm.

In Rososznica, dem alten Olbersdorf, fand Tabea Rieger ihr Elternhaus weitgehend unverändert, die dort lebende Familie Antas empfing die Heimwehreisende freundlich und lud sie zum Kaffee ein. Selbstverständlich fanden es die neuen Bewohner, dass die alte Dame sich in ihrem Elternhaus umsehen durfte. Denn Familie Antas wusste genau, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren: Sie selbst waren aus Galizien vertrieben worden und wie viele andere Polen aus den russischen Gebieten auf den Höfen der vertriebenen Deutschen angesiedelt worden.

Nach dem ersten Besuch entstand ein regelmäßiger Briefwechsel zwischen den Familien, 1997 fuhr die Großmutter mit ihren drei Kindern ein zweites Mal nach Schlesien. Die Familien stellten fest, dass Enkelin Barbara Minden und Tochter Katharina Antas im gleichen Alter waren, Katharina hatte gerade begonnen, Deutsch zu lernen. Seit einigen Jahren schreiben sich die Mädchen und Barbara resümiert: "Meine Großmutter ist sehr glücklich darüber, dass die Erinnerung an ihre alte schlesische Heimat nicht mit den schrecklichen Bildern von Flucht und Vertreibung endet. Sie kann noch erleben, dass ihre Kinder und Enkel mit den Menschen dort Wege zur Versöhnung und zum gegenseitigen Verständnis einschlagen."

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Dreimal Heimat und zurück" von Barbara Minden können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

Text: Helene Heise

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Max Schmidt, 26.01.2015
1. Die Überschrift finde ich recht unpassend: Die Große Reise?
Klingt ja nett, ein bisschen wie ein Road-Trip, man ist an keinen Plan gebunden und weiß noch nicht so genau, wo es hingeht... Vertreibung traumatisiert Familien über Generationen hinweg und das Lebensgefühl, das dem zu Grunde liegt, ist das eines lebenslangen Exils. Etwas in diesem Sinne wäre ein besserer Titel gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.