Flucht aus Schlesien Auf eigene Faust zurück

Mehrfach wurde Maria U. von ihrem Hof im schlesischen Schmottseiffen vertrieben. Zwei Mal kehrte sie zurück, doch 1947 kam der Abschied für immer - mit allen anderen Deutschen musste sie das Dorf verlassen. Sie ahnte nicht, wohin die Reise gehen sollte.

sven olaf oehlsen

In den letzten Kriegsmonaten war Maria U. mit ihrer Mutter und den beiden kleinen Söhnen allein auf dem Hof der Familie. Ihr Mann war schon seit 1939 an der Westfront, den Vater hatte der "Volkssturm" Anfang 1945 eingezogen. Das schlesische Dorf Schmottseiffen (heute Plawna), etwa 30 Kilometer östlich von Görlitz, hatte der Krieg bisher verschont. Doch im Februar 1945 erreichten den beschaulichen Ort mit seinen etwa 1.500 Einwohnern die ersten Flüchtlingstrecks aus dem Osten.

Gerüchte machten die Runde: Von Plünderung, Mord und Vergewaltigung sprachen die Flüchtlinge. Die Frauen im Dorf hatten Angst vor der Roten Armee, ängstlich verfolgte auch Maria U. die Berichte über die vorrückende Front. Nur wenige Tage nach den ersten großen Flüchtlingstrecks erreichte die Sowjetarmee die nahe Kreisstadt Löwenberg.

"Ich hatte furchtbare Angst", erinnert sich die heute 86-Jährige. Mit Mutter und Kindern, bepackt mit Hausrat und das Vieh im Schlepptau, machte sie sich auf den Weg zu ihrer Tante, die fünf Kilometer entfernt in Klein-Röhrsdorf wohnte. Doch auch hier fühlten sich die Frauen nicht sicher, die Rote Armee rückte immer weiter nach Westen vor. Mutter und Tochter flohen weiter, in Rabishau, noch einmal 20 Kilometer weiter gen Westen, holte die Sowjettruppe die Flüchtlinge ein. Der Krieg war vorbei.

Wieder auf dem verwüsteten Hof

Für Maria U. und ihre Mutter stand außer Frage: Sie wollten zurück nach Hause auf ihren Hof. Die beiden Frauen machten sich auf den Weg, den nachrückenden Einheiten der Roten Armee entgegen. In Schmottseiffen fanden sie das Haus verwüstet und geplündert. "Aber so schnell lasse ich mich nicht entmutigen", sagt die alte Dame heute - sie begann, den Hof wieder in Stand zu bringen und hoffte auf die Rückkehr der Männer aus dem Krieg. Nur kurze Zeit blieb den beiden Frauen für den Wiederaufbau: Vier Wochen nach ihrer Rückkehr auf den Hof überfielen polnische Milizen die Familie. Das Wenige, das Maria U. noch besessen hatte, war nun auch fort.

An die russischen Besatzer hat Maria U. keine schlechten Erinnerungen: "Sie waren sehr freundlich, besonders zu den Kindern." Ganz anders als die NS-Propaganda sie gezeichnet hatte, seien die Soldaten gewesen: "Immer sehr korrekt gegenüber der deutschen Bevölkerung." Doch im Sommer 1945 zogen die sowjetischen Besatzer vollständig ab und übergaben den Ort in polnische Verwaltung.

Zur gleichen Zeit kamen die ersten Transporte aus Galizien: Polnische Vertriebene aus den nun russischen Gebieten trafen in Schmottseiffen ein. Jede deutsche Familie musste eine polnische Familie bei sich aufnehmen. Eine Mutter mit vier Kindern kam auf den Hof der Familie U. "Wir haben ihnen Kleidung und Essen gegeben, sie hatten ja alles verloren", erzählt Maria U. Ein friedliches Zusammenleben schien möglich. "Aber dann haben sie uns die Lebensmittel gestohlen!" Noch heute ist sie empört.

Raus innerhalb von 20 Minuten

Im Juni 1946 muss auch Familie U. ihre Heimat verlassen. "Innerhalb von 20 Minuten mussten wir unser Haus räumen", erinnert sich Maria U. Inzwischen war der Vater auf den Hof zurückgekehrt, Marias Mann Georg war noch immer in französischer Kriegsgefangenschaft. Bei schwerem Gewitter liefen sie, ihre Eltern und die beiden Söhne, von polnische Milizen ständig bewacht, zu Fuß durch vermintes Gelände bis Görrisseifen und am nächsten Tag weiter nach Schosdorf. Dort erfuhr die Familie, dass die deutsche Bevölkerung bis Görlitz marschieren und dort über die Neiße abgeschoben werden sollte. Doch so leicht wollte sich Marias Vater nicht von seinem Grund und Boden vertreiben lassen. Er glaubte fest daran, dass die Polen wieder aus den deutschen Gebieten abziehen würden.

Die Familie setzte sich aus dem Treck ab. Auf Umwegen schafften sie es zurück nach Schmottseiffen. Aber an Normalität war nicht zu denken: Ohne erkennbaren Grund ließen die polnischen Behörden das Haus der Familie U. durchsuchen. Die Beamten fanden eine Pistole. "Das war nicht unsere!" ist sich Maria U. sicher. Die Polizisten glaubten der Familie nicht. Marias Vater wurde verhaftet.

Bis heute weiß Maria U. nicht, was mit ihrem Vater geschah. 1949 erhielt sie nach mehrmaliger Nachfrage vom polnischen Konsulat in der sowjetischen Besatzungszone ein Schriftstück mit der lapidaren Auskunft: Der Vater sei in Haft verstorben.

Transport über die deutsche Grenze

Die beiden Frauen versuchten noch ein Jahr lang, den Hof allein zu bewirtschaften. Doch am 5. Juni 1947 sollte das Dorf endgültig und vollständig von allen Deutschen geräumt werden. Erst einen Tag vorher erfuhren die wenigen verbliebenen Deutschen von der Umsiedlung. Die Unterteilung von Schmottseiffen in ein Ober- und Unterdorf gab dem späteren Schicksal jeder Familie eine entscheidende Wende: Das Oberdorf wurde nach Westdeutschland ausgesiedelt, während die deutschen Bewohner des Unterdorfes, in dem auch Maria lebte, nach Ostdeutschland in die Sowjetische Besatzungszone abgeschoben wurden. Zum Zeitpunkt der Vertreibung ahnte Maria davon jedoch nichts.

Wieder, und diesmal endgültig, musste sie ihre Heimat verlassen. Nur ein paar Habseligkeiten wie Geschirr, einige Fotos zur Erinnerung und Kleidung durfte die Familie mitnehmen und auf Leiterwagen verstauen. Am Morgen des 5. Juni 1947 setzte sich der Flüchtlingstreck von etwa 300 Personen mit 60 kleinen Leiterwagen in Bewegung. Maria U., ihre Mutter und die beiden Söhne marschierten am ersten Tag etwa 6,5 Kilometer bis nach Löwenberg. Von dort wurden sie in Waggons eines Güterzuges in Richtung deutsche Grenze transportiert.

Die erste Etappe endete in Mois bei Görlitz, wo die ratlosen und verängstigten Menschen eine Bleibe fanden. Maria U. und ihre Familie mussten sich mit einer anderen Familie einen Raum teilen. Sicher waren sie hier aber nicht: Polnische Nachbarn überfielen und beraubten die Flüchtlinge. Mit der wenigen Habe, die sie danach noch besaßen, bestiegen sie den nächsten Güterzug. Am 10. Juni 1947 überquerte Familie U. bei Görlitz die deutsche Grenze.

Brennnesselsuppe und Langeweile

Von dort ging es ohne Unterbrechung nach Brandenburg in das Lager Quenz. Während der ganzen Zeit von Mois bis Brandenburg gab es für die Flüchtlinge weder Verpflegung noch medizinische Betreuung. Erschöpft kamen sie in Brandenburg an. Auf dem Bahnhof wartete das Lagerpersonal, die Flüchtlinge verstauten ihr Gepäck auf Lkw und wurden ins Lager gebracht. Nach der Begrüßung stand die unvermeidliche Entlausung auf dem Programm, erst danach konnten die Ankömmlinge ihre Unterkünfte beziehen.

Die Baracken mit einer Größe von maximal vier mal fünf Metern waren lediglich mit Tischen, Stühlen, Doppelstockpritschen und Strohsäcken ausgestattet. Für einen Aufenthalt von 14 Tagen eine karge, aber ausreichende Unterkunft. Ebenso karg bemessen waren die Mahlzeiten: Es gab Brot und Marmelade zum Frühstück, meist einer Suppe aus Rüben oder Brennnesseln zum Mittag und abends Brot und Margarine. Nach den Entbehrungen der Flucht erlebte Maria die Tage im Lager als Erholung. Langsam begann sie zu begreifen, dass sie ihre Heimat verloren hatte.

Für die Flüchtlinge gab es im Lager kaum Unterhaltung: Die Lethargie des Lageraufenthaltes versuchten sie mit einem eigens organisierten Kulturprogramm zu durchbrechen. Maria U. erinnert sich an Akkordeonkonzerte und Gesangsvorstellungen. Nach zwei Wochen kam ein Brief. Die Familie erfuhr endlich, wo sie in Zukunft leben sollte. Ausgestattet mit neuen Papieren und den restlichen Habseligkeiten fuhren sie zusammen mit etwa 70 Personen in einem Güterzug nach Nauen im heutigen Kreis Havelland.

Die neue Heimat

Dort angekommen, wurden die Vertriebenen keineswegs empfangen. Irrtümlich bei den Behörden als "Russentransport" angekündigt, fühlte sich niemand zuständig, so dass die Heimatlosen eine Nacht unter freiem Himmel an der Böschung des Bahndamms Nauen verbringen mussten. Erst am frühen Morgen des nächsten Tages kam ein neuer Güterzug an, der die verzweifelten Menschen nach Flatow, heute Kreis Havelland, und von dort per Traktor und Anhänger nach Karwesee, heute Kreis Ostprignitz-Ruppin, brachte.

Hier fanden Maria, ihre beiden Kinder, ihre Mutter und weitere 15 Vertriebene endlich eine neue Heimat. In Karwesee lebten im Jahr 1947 269 Menschen. Bis Januar 1948 musste das kleine Dorf die enorm hohe Zahl von insgesamt 259 Vertriebenen aufnehmen. In Karwesee empfing die Sekretärin des Bürgermeisters die Flüchtlinge mit einer kleinen Mahlzeit, bevor der Gruppe ihre neue Bleibe bei den ortsansässigen Bauern zugewiesen wurde.

Maria und ihre Familie fanden beim Wirt des Dorfes ein Zimmer, das mit zwei Betten, einem Schrank, einem Tisch, Stühlen und einem Waschtisch eingerichtet war. Für Verpflegung und Heizmaterial musste die Familie in der Landwirtschaft arbeiten, die der Wirt nebenbei betrieb. Deutlich erinnert sich Maria, wie gut die Vermieterfamilie in dieser schlechten Zeit gelebt hat: "Im Gegensatz zu dem einen Zimmer, in dem wir zu viert leben mussten, hatte der Wirt viele, schön eingerichtete Zimmer. Und immer genug gutes Essen auf dem Tisch."

Freundlicher Blick zurück

Im Mai 1948 kam Marias Mann Georg endlich aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück. Weil für fünf Personen das eine Zimmer nun wirklich zu eng wurde, erhielt erst die Mutter von Maria eine eigene kleine Wohnung, 1949 dann auch die wiedervereinte Familie von Maria. Ihre neue Bleibe befand sich in einer Baracke, bestand aus zwei Zimmern mit verglasten Fenstern und hatte einen Ofen.

Schnell fand Marias Mann Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn. Im Jahr 1954 wurde ihr dritter Sohn geboren. Der Lohn von Georg reichte jedoch nicht aus, um seine fünfköpfige Familie zu ernähren, so dass auch Maria arbeiten musste: Sie wusch bei Bauern die Wäsche und reinigte und beheizte die Schulräume. 1957 nutzte sie die Chance einer Umschulung und arbeitete nach der Ausbildung als Verkäuferin beim Konsum in Karwesee. Dort blieb sie bis zum Rentenalter.

Rückblickend auf die Anfangsjahre in der neuen Heimat sagt Maria heute, dass sie anders als viele anderen Vertriebenen nie Anfeindungen ausgesetzt war. "Allerdings hatten wir Vertriebenen es viel schwerer als unsere Nachbarn im Dorf", meint sie.

In ihrer alten Heimat war Maria das erste Mal 1980. Danach besuchte sie Schmottseiffen noch vier weitere Male. Zurück möchte sie heute nicht mehr. Maria lebt noch immer in Karwesee.



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