Flucht vor der Roten Armee In der Sardinenbüchse auf der Ostsee

Abgelegt in letzter Sekunde: Paul Kleff und seine Kameraden erwischten auf ihrer Flucht vor der Roten Armee das letzte Schiff von der Halbinsel Hela Richtung Westen - einen klapperigen Küstentanker. Tagelang froren und hungerten sie - in ständiger Angst, versenkt zu werden.


Über uns war nichts als der blaue Himmel. Um uns Wasser, so weit das Auge reichte. Die Halbinsel Hela war schon lange am Horizont verschwunden. Die scheinbar unendliche Weite des Meeres stand jedoch im krassen Gegensatz zu der Enge, die an Bord unseres Schiffes herrschte. Wie die Ölsardinen lagen wir dicht gedrängt auf dem offenen, flachen Deck. Der einzige Aufbau, in dem man hätte unterschlüpfen können, war ein winziges Ruderhäuschen am Heck. Wir, das waren meine Kriegskameraden, einige zivile Flüchtlinge und ich, insgesamt rund 120 Menschen, die sich auf dieses etwa 18 Meter lange und fünf Meter breite Küsten-Tankschiff gerettet hatten.

Es war der 8. Mai 1945. Wenige Stunden zuvor hatten wir den Hafen von Hela verlassen. Die kleine Halbinsel vor Danzig war im April 1945 für die Flüchtlinge aus Ostpreußen das letzte verbliebene Schlupfloch in den Westen. Unaufhaltsam rückte die Rote Armee vor und holte den Flüchtlingsstrom langsam aber sicher ein. Nur übers Wasser konnte man ihr noch entkommen. Danzig und Gotenhafen hatten die Russen aber bereits erobert. Hela war somit der einzige noch erreichbare Ostseehafen in deutscher Hand. Tausende trafen hier täglich ein, um einen Platz auf einem Schiff Richtung Westen zu ergattern. Insgesamt 600.000 Menschen soll die Kriegsmarine allein im April von Hela aus evakuiert haben.

Als wir am 7. Mai 1945 auf der Halbinsel Hela ankamen, war davon nichts mehr zu spüren. Der Hafen war wie leer gefegt. Es schien als wären wir die letzten, die es bis hierher geschafft hatten. Tage und Wochen der Flucht lagen hinter uns. Wir gehörten zu einer Nachrichten-Einheit der Heeresgruppe Mitte und waren dem Kessel im ostpreußischen Heiligenbeil nur knapp entkommen. "Rette sich wer kann" lautete unsere Devise und so hatten wir uns - rund 60 Mann - wie so viele andere bis nach Hela durchgeschlagen. Sollte alles umsonst gewesen sein? Fuhren keine Schiffe mehr?

Flucht in letzter Minute

Im Hafen trafen wir auf einen Marine-Offizier, der ein herrenloses Küsten-Tankschiff entdeckt und gekapert hatte. Er bot sich an, uns und einige Zivilisten, die noch in Hela herumirrten, nach Kiel zu bringen. In letzter Minute und mit dem wohl letzten Schiff verließen wir in den Morgenstunden den Hafen von Hela. Wie viel Glück wir gehabt hatten, wurde uns erst bewusst, als wir auf offener See über Funk erfuhren, dass die Deutsche Wehrmacht bedingungslos kapituliert hatte. Ich werde diesen Tag niemals vergessen.

Es kam fast einem Wunder gleich, dass wir noch lebten, doch keiner jubelte. Zu viele unserer Kameraden waren bereits gestorben. Andere mussten wir aus Platzmangel an Land zurücklassen - wissend, dass sie in die Hände der Sowjets fallen würden. Hinzu kam die Angst vor den Fliegerangriffen der Alliierten. Etliche Flüchtlingsschiffe waren in den vergangenen Monaten beschossen und versenkt worden, tausende Menschen waren ertrunken. Wir fürchteten, uns könne dasselbe Schicksal blühen.

Angestrengt hielten wir Ausschau nach russischen Schiffen oder Flugzeugen. Doch am Himmel tat sich nichts, und auf dem Wasser waren wir weit und breit allein. Unser Kapitän, der selbstbewusste Marineoffizier, nahm aus Angst vor möglichen Angriffen erst einmal Kurs nach Nordwesten, um uns so weit wie möglich von der allgemeinen Schifffahrtsroute wegzubringen. Erst auf hoher See drehte er nach Westen ab. Wir hatten anfangs das Gefühl, Kurs ins Ungewisse zu nehmen – zumal unser Schiff gar nicht hochseetauglich war. Doch die Angst vor den Bomberattacken hielt uns davon ab, auf der navigatorisch sicheren Route entlang der Küste zu bestehen.

Beten für die Heimkehr

Dieser gewollte Umweg kostete uns viel Zeit. Statt einen Tag waren wir fünf Tage unterwegs. Die Bedingungen an Bord waren extrem: Tag und Nacht waren wir Wind und Wetter ausgesetzt. Wir lagerten entweder im eisernen Umlauf oder auf den etwas erhöhten Holzplanken in der Mitte des Schiffs. Mein Freund Hans und ich hatten uns im Umlauf niedergelassen, wo wir gerade eben nebeneinander liegen konnten. Die nächtliche Maikälte ließ uns mehr bibbern als schlafen. Decken waren absolute Mangelware - genauso wie das Essen. Kaum jemand hatte für mehr als einen Tag Verpflegung bei sich. An Bord gab es lediglich Trinkwasser, das aber streng rationiert war. Mit einem Viertelliter täglich mussten wir auskommen.

Trotzdem blieb dieser alte Kahn das Schiff unserer Hoffnung. Unsere Zuversicht stieg von Tag zu Tag. Irgendwann musste ja Land auftauchen. Ich wurde immer glücklicher. Abends schaute ich dankbar in den Sternenhimmel. Seit Monaten ließ meine Seele erstmals wieder Gefühle zu. Nie zuvor erlebte ich die Morgendämmerung, den Sonnenuntergang und die Sterne, so intensiv wie hier unter freiem Himmel. In diesen Tagen wurde ich süchtig nach dem immer wiederkehrenden Naturschauspiel. Und ich lernte, wie viel intensiver man solche Sinnesreize mit leerem Magen wahrnahm.

Jeden Abend, wenn die Dämmerung sich aufs Wasser legte, vernahmen Hans und ich in unserem Umlauf liegend ein leises Gemurmel. Erst am dritten Tag konnten wir es als das einordnen was es war: Ein älteres Ehepaar, das neben uns lag, betete. Die meisten von uns schöpften in diesen Nächten Hoffnung aus ihrem Glauben. Die Stimmung an Bord war entsprechend ruhig, ja fast besinnlich.

Kiel in Sicht!

Am fünften Tag unserer Reise tuckerten wir endlich auf die Kieler Förde zu. Eine verheißungsvolle Spannung lag in der Luft. Als wir dann nach Tagen erstmals wieder Land sichteten, hielt es keinen von uns mehr am Boden. Gebannt starrten wir auf die Küste, die unaufhaltsam näher kam. Wer sich abwandte, wollte nur seine Tränen verbergen. Als dann die markante Silhouette des Marine-Ehrenmals Laboe erkennbar wurde, löste sich unsere Anspannung. Wir winkten dem Kapitän zu, dann setzte ein stürmischer Applaus ein. "Hier ist doch mein Zuhause", sagte er lakonisch zu den Umstehenden und fügte hinzu: "Es wäre doch traurig, wenn ein Seemann seinen Heimathafen nicht finden würde."

Von einem englischen Boot aus wurden wir angewiesen, mitten in der Förde zu ankern. Um uns herum lagen unzählige andere Flüchtlingsschiffe. Jedes durfte zwei Mann mit einem Beiboot an Land schicken, um Wasser zu holen. Ich war einer davon. An Land trafen wir erstmals auf englische Soldaten, die uns lässig - mit Gewehr bei Fuß - musterten, aber nicht unfreundlich und vor allem nicht wie Sieger.

Obwohl wir wussten, dass uns Soldaten nun die englische Kriegsgefangenschaft bevorstand, fühlten wir uns befreit. Im Vergleich zu dem, was uns in Russland erwartet hätte, war dies hier ein Glücksfall. Im Kessel von Ostpreußen hatte ein einziger Gedanke mein gesamtes Bewusstsein dominiert: Überleben. Nun erinnerte ich mich zum ersten Mal wieder an mein Leben. Ich dachte an mein Zuhause in Dortmund, meine Eltern, meine Freundin. Plötzlich hatte ich wieder Zukunftsträume. Mir wurde plötzlich klar: Ich habe überlebt! Ich bin 22 Jahre alt und habe mein Leben noch vor mir!

Als wir Soldaten am nächsten Morgen mit unseren letzten Kräften über eine wacklige Strickleiter auf ein riesiges englisches Schiff umsteigen mussten, fehlte unser Kapitän. Er, der wagemutige Marineoffizier, hatte sich über Nacht abgesetzt. Wir ahnten, was er vorhatte. Wie er aber an Land gelangte und ob er jemals sein Zuhause erreicht, haben wir nie erfahren.



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helmut emporda, 02.08.2017
1. Auch mein Schicksal
Wir sind um den 3.ten März in unserem Dorf aufgebrochen, darurten meine Mtter (50) und ich (6) Wir sind um den 3.ten März in unserem Dorf nahe Köslin aufgebrochen, darunter meine Mutter (50) und ich (6). Der Vater (60) als Rentner und Invalide des WW-I und die Großmutter blieben beim Haus. Der 150% Orts NAZI Braband, der bis dahin allen die Flucht verboten hat, war am Tag vorher spurlos verschwunden. Erste russische Panzer kamen durch die Wälder, die Straße nach Köslin war unpassierbar Der Mühlenbetrieb im Ort, bei dem der Vater Inspektor war, stellte für die Flucht einen Lkw mit 2 Anhängern voll mit Mehl. Das Mehl wurde unterwegs gegen Buchenholz getauscht, der Lkw war ein Holzvergaser. Über Schleichwege unter Beschuss durch russische Panzer und Artillerie schafften wir in 2 Wochen über Klein-Satspe, Butzke, Belgard, Körlin, Plathe, Witzmitz, Naugard, Gollnow die 180 km nach Stettin und kamen über die Oderbrücken kurz vor deren Sprengung am 20.ten März. Übernachtet wurde in Scheunen oder im Strassengraben oft auf noch warmen Leichen, man fror so bei -15°C nicht am Boden fest. Diese Flucht endete auf dem Marineflughafen Rerik auf der Halbinsel. Am 14.ten April viel in der Notunterkunft in Rerik ein Bild von der Wand, Russen hatten den Vater ermordet. Er hatte lauter Goldzähne im Mund, die russische Soldadeska tauschte das gegen Wodka. Die Leiche im Wald wurde von Wildschweinen gefressen, gefunden wurden nur seine Schaftstiefel mit den Beinknochen. Erst 65 Jahr später gelang es mir mit Hilfe der örtliche Lehrerin einen Gedenkstein aufzustellen Ende April geht die Flucht per Lkw 30 km nach Heiligendamm und dort auf total überladene Fischkutter, die ohne geheime Seekarte die 180 km auf der Ostsee durch die Minenfelder Richtung Dänemark wagen. Unser Kutter mit etwa 50 Leuten bleibt bei geringem Tiefgang verschont, größere Kutter voll mit Flüchtlingen explodieren in den Minenfeldern, brennende Wracks beleuchteten die Nächte und Tausende Leichen treiben im Meer. Am Tag verschießen Jagdbomber die Reste der Munition ihrer 2 cm Kanonen und machen Siebe aus Holzkuttern und Menschen. In Dänemark gibt es nach der Teilkapitulation vom 4. Mai 1945 bereits Schlagsahne und Butter zu kaufen, wir sind direkt in Sonderburg gelandet. Viele Flüchtlinge essen nach Monaten des Hungers zu viel Fett und sterben am Proteinschock. Nach 3 Tagen in Sonderburg endet die Flucht in Flensburg, der Kutter liegt in der 6.ten Reihe nahe dem Oluf. Der Hafen wird am 14. Juni durch ein explodierendes Munitionslager zerstört, viele Kutter und Dächer in der Innenstadt werden zerlegt. Die Mutter lebt mit dem Sohn im Laderaum des Fischkutters, in der Turnhalle der Adolf-Hitler-Schule, in einem Klassenraum, einer Kapelle, dem Puff im Oluf-Samson Gang, in Dachkammern ohne Wasser und Heizung auf 8 m² im Ostseebadweg 45 und Ende 1947 im ersten heizbaren Zimmer in der Brixstrasse 23 zusammen mit der aus Nedlin deportierten Großmutter.
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