Fluchthelfer "Nehmen Sie mich mit?"

Fluchthelfer: "Nehmen Sie mich mit?" Fotos
Harald Beer

"Wir müssen doch was tun!" Immer wieder verurteilte Harald Beer mit Worten die Mauer, die Ost und West trennte. Wenige Wochen nach dem 13. August 1961 bot sich ihm plötzlich die Gelegenheit, einem Mädchen zur Flucht zu verhelfen. Doch dann wurde Beer selbst zum Gejagten. Von

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An diesem Tag spielte die Mauer keine Rolle. Ich dachte nicht an sie, als ich mit meinem Lloyd 400 über die Autobahn von Berlin-West Richtung Nürnberg tuckerte. Wieder, wie vor ein paar Tagen, hatte ich meine Mutter in Berlin-Steglitz besucht. Und wieder hatten wir angsterfüllt über die neue Situation in Westberlin gesprochen. Würden die Russen einrücken? Was würden die Amis machen? Einfach still halten? So ging das immer, die Mauer war oft Mittelpunkt unserer Gespräche und meiner Gedanken. Aber hier auf der Autobahn, am 1. Oktober 1961, dachte ich nicht daran, ich genoss einfach die gemütliche Fahrt.

Ein paar Kilometer nach dem Hermsdorfer Kreuz, nur noch etwa vierzig Kilometer vor der "Zonengrenze", fuhr ich auf einen kleinen, im Wald gelegenen Rastplatz. Dort sah ich zwei Mädchen auf dem Rasen sitzen, vor ihnen einen Motorroller. Ich ging auf sie zu und fragte, ob ich mich dazusetzen dürfte. "Rauchen Sie?", fragte ich die Mädchen und hielt ihnen meine Camel-Packung hin. "Oh, eine West-Zigarette", sagte die eine.

Ich begriff, dass die beiden jungen Frauen aus der DDR kamen. Die eine war dunkelblond und etwa zwanzig Jahre alt. Ihr mittellanges Haar umrahmte ihr Gesicht. Mir fiel auf, dass sie eine knallrote, enge Hose trug und die ganze Zeit redete. Das andere Mädchen schwieg. "HH, was heißt das?", fragte die Blonde. Ich antwortete: "Hansestadt Hamburg. Ich fahre jetzt aber nach Nürnberg, da wohne ich jetzt." Ganz unvermittelt fragte die Frau in der roten Hose: "Nehmen Sie mich mit?"

"Meine Gedanken überschlugen sich"

Mir verschlug es die Sprache. Einen Menschen aus der Zone rausschmuggeln? Ich dachte: Wenn ich erwischt werde, wandere ich für fünfzehn Jahre in den Knast! Bin ich denn blöd? Das kann niemand von dir verlangen! Aber auf der anderen Seite: Wer hatte denn noch vor ein paar Tagen lauthals geschrieen: 'Wir müssen uns doch wehren! Wir können uns doch das nicht einfach gefallen lassen. Wir müssen doch was tun!' Beer, du konntest ja so laut schreien, dachte ich in diesem Moment. Aber jetzt, wo du was tun kannst, da ziehst du den Schwanz ein?

Vielleicht würde ich jemanden mitnehmen, den ich gut kenne. Aber das hier war mir zu riskant.

Am 12. August, einen Tag bevor früh am Morgen ein Stacheldrahtzaun Berlin teilte, war ich im Flüchtlingslager Marienfelde gewesen. 2400 neue Flüchtlinge waren dort innerhalb der vorangegangenen 24 Stunden registriert worden. Die Angst um ihre Verwandten stand den Menschen aus Rostock, aus Brandenburg und Thüringen ins Gesicht geschrieben. Würden es ihre Schwestern, Brüder, Mütter schaffen, rechtzeitig rauszukommen?

Sechs Wochen später stand ich auf diesem Autobahnparkplatz und fragte mich: Das alles sollte nichts mehr zählen?

Das Mädchen mit den roten Hosen – Irmgard F. wie ich später erfuhr - hatte die ganze Zeit weiter geredet. Ich bekam nur die Hälfte mit. "Mein Bruder studiert in Gießen Medizin. Er ist schon vor ein paar Jahren abgehauen, hat keinen Studienplatz bei uns gekriegt. Meine Mutter ist nämlich schwer krank", hörte ich. "Vielleicht kann mein Bruder etwas für sie tun." Jetzt war ich wieder im Gespräch: "Es ist schon eine riesige Schweinerei, diese Teilung mitten durch Deutschland und jetzt auch noch Berlin." Um vor mir selbst bestehen zu können, gab es keinen anderen Weg: "Steigen Sie ein. In den Kofferraum!"

Im Visier eines Zöllners

Während Irmgard F. in den Wagen kletterte, montierte ich den Wagenheber und täuschte eine Reifenpanne vor. Hinter mir hörte ich das Rauschen der wenig befahrenen Autobahn. Ich drehte meinen Kopf, konnte ein Stück der Einfahrt zum Parkplatz sehen. Dort stand das andere Mädchen und machte einen etwas ratlosen Eindruck. Sie konnte ja auch nichts weiter tun, als abzuwarten, wie alles enden würde. Im Kofferraum war es jetzt ruhiger geworden. "Sind Sie da drinnen fertig?" "Ja, das geht schon. Ein bisschen eng ist es aber." Wir fuhren los. Nach wenigen Kilometern verließen wir die Autobahn und fuhren auf der Landstraße, die direkt zum Grenzkontrollpunkt Töpen-Juchhöh führte. Es wurde holprig.

Zu den blauen Flecken, die die junge Frau jetzt schon hatte, sagte sie kein Wort. Ich schob den verrutschten Koffer wieder über die Decke, legte zwei Tücher daneben und oben drauf meinen Fotoapparat. Ich machte uns beiden Mut. Ich war ja vor und nach dem Mauerbau schon oft über die Zonengrenze gefahren. Es hatte nie Schwierigkeiten gegeben. Der Ablauf war immer der gleiche: In die Baracke, Papiere vorlegen und dann ohne weitere Kontrolle über die Grenze.

Dann tauchten die Baracken und Steinhäuser auf. "Wir sind jetzt am Kontrollpunkt", flüsterte ich. "Ich muss jetzt in die Baracke, die Formalitäten erledigen. Dann geht’s auch gleich weiter." Es ging aber nicht gleich weiter. Plötzlich stand dieser Zöllner neben meinem Lloyd. Er schaute durch die Seitenscheiben in das Innere. "Was haben Sie denn da im Kofferraum", fragte er ganz ruhig und sachlich. "Na, Reisegepäck eben, was man bei einem Urlaub so mitnimmt", antwortete ich. Er ließ nicht locker: "Darf ich mal reinschauen?"

"Schlagt doch dieses Schwein!"

Während er sich in den Lloyd zwängte, schlüpfte ich aus meinen Sandalen und rannte los. Die Baracke entlang, am Ende der Jägerzaun. Räuberflanke. Irgendwo schrien welche. Ein kleiner Garten, wieder ein Zaun, noch eine Flanke. Grüner Acker. Zweihundert Meter weiter: Hochwald. Während ich spurtete, plante ich: "Du musst nach links, in die DDR, nicht Richtung Grenze. Da suchen sie dich. Da ist der Wald." Ein nur etwa zehn Meter breiter, ausgeholzter Baumstreifen. Kein Versteck. Also weiter. Da hinten, vielleicht dreihundert Meter, wieder Hochwald. Spurten, spurten, spurten! Links von mir Geschrei: "Schlagt doch den Gabidalistengnecht zusamm'! Schlagt doch dieses Schwein! Erschlagt … ".

Dann war ich im Wald. Pustete, atmete aus und ein. Langsam bekam ich wieder Luft. Weiter ging es im Trab durch den abgeholzten Wald. Krach! "Stehen bleiben und Hände hoch!" Mit dem Karabiner im Anschlag, keine fünf Meter vor mir, stand wie aus dem Nichts ein junger Grenzer. Ich war noch zu ausgepumpt, winkte nur ab und setzte mich auf einen Baumstumpf. Der Grenzer ließ es schweigend geschehen. Die schreiende Meute kam näher, voran und am lautstärksten ein Stabsgefreiter namens Wallach. Es folgte die übliche Prozedur, die man aus den Krimis im Fernsehen kennt: Arme hoch, nach vorn an einen Baum lehnen, Beine spreizen. Doch sie fanden keine Pistole, nicht einmal ein Taschenmesser.

Dann entdeckte der Stabsgefreite, dass ich auf Strümpfen stand. "Da haste es wohl mit der Angst bekommen, oder, haste wohl deine Schuhe verloren, wa? Wo haste die denn?" Wir gingen denselben Weg, den ich gerannt war, zum Auto zurück. "Da sind meine Schuhe", sagte ich. Fein ausgerichtet vor der Tür meines Lloyds standen meine Sandalen. Wallach sagte gar nichts mehr.

Am 16. November 1961 wurde Harald Beer vom Bezirksgericht Gera wegen "Verleitung zum Verlassen der Deutschen Demokratischen Republik" nach § 21 Abs. 2 StEG zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Sein Lloyd 400 wurde gemäß § 40 StGB eingezogen. Wenige Tage später reichte sein Rechtsanwalt, der angehende DDR-Starjurist Wolfgang Vogel, Berufung ein. Ohne Erfolg. Am 23. Februar 1962 lehnte das Oberste Gericht der DDR die Berufung als unbegründet ab. Daraufhin schaltete Beers Ehefrau einen weiteren DDR-Anwalt ein: Karl Kaul. Dieser fädelte einen Häftlingstausch ein. Am 28. Mai 1963 wurde Beer am Zonengrenzübergang Töpen-Juchhöh gegen den DDR-Eisenbahner Kurt Haubert ausgetauscht, der in der Bundesrepublik wegen kommunistischer Propaganda zu acht Monaten Haft verurteilt worden war. Irmgard F., die Frau in der roten Hose, wurde im gleichen Prozess zu 15 Monaten Haft verurteilt - wegen versuchter Republikflucht.

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1.
Steffen Rau 11.08.2010
Tja, was soll man dazu sagen. Dummheit muss bestraft werden? Selfowned? Jeder normale Mensch WUSSTE, welche Regeln einzuhalten waren. Auch 1961. Jeder normale Mensch hätte sich auch DENKEN können, dass man am Hermsdorfer Kreuz mit hoher Wahrscheinlichkeit Ostdeutsche zu Gesicht bekommt. Von daher frage ich mich nach lesen dieses Artikels eher- war sein Verhalten nicht nur pure Arroganz und Überheblichkeit, gepaart mit einem Hauch vorgetäuschter Menschenfreundlichkeit? Oder war der Schreiber WIRKLICH so grenzenlos naiv und wollte im Alleingang die Welt verändern?
2.
Hartmut Retzlaff 11.08.2010
Und was wurde aus Irmgard F.? Hätte Harald Beer sie auch ohne "knallenge rote Hose" schmuggeln wollen?
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