Fluchtversuch in Bulgarien Hetzjagd im Grenzgebiet

Fluchtversuch in Bulgarien: Hetzjagd im Grenzgebiet Fotos
Uwe Pries

Ein missglückter Sprung in die Freiheit: Beide Zäune der türkisch-bulgarischen Grenze hatte er schon überstiegen, da stellten Militärhunde den Republikflüchtigen Uwe Pries. Von

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Ich wollte nichts als raus aus der DDR - und das Schicksal gab mir eine Chance: Ich durfte meinen Freund B. auf eine Reise nach Bulgarien begleiten. Von dort aus wollte ich über die Grenze in die Türkei fliehen. Als Ausrede, die Reisegruppe zu verlassen, diente mein Freund D., der zufällig zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machte. Auch er hatte die Nase voll von der DDR. Fluchtpläne machte er jedoch nur halbherzig. Ich dagegen hatte immerhin eine Bulgarienkarte im Maßstab 1:500.000 und den festen Vorsatz, es in den Westen zu schaffen.

Ich fuhr also mit dem Bus nach Kawazite zu D.. Ich traf ihn an seinem kleinen Bungalow, und wir setzten uns davor auf eine Bank. Ich überredete D., mitzukommen. Er wollte anfänglich nicht; ich lobpreiste unser späteres Leben in Freiheit. Er wankte und entschied sich dann. Wir fuhren von Kawazite mit dem Bus noch bis Mitschurin, kamen abends an und wanderten dann weiter - erst querfeldein, später auf der Straße E 95 in Richtung Malko Tarnova. Ich hatte diesen Weg gewählt, da ich hoffte, dass im Landesinnern die Grenzkontrollen geringer wären als direkt an der Küstenstraße. Ich erinnere mich noch, dass wir mitten in der Nacht an eine Art Straßenkontrolle kamen. Wachhäuschen, Licht, Hundegebell - ich vermute, dass es eine Art erste Inlandssperre war; meiner Schätzung nach noch etwa 15 Kilometer von Malko Tarnova entfernt. Wir umgingen die Sperre, indem wir einfach etwa einen Kilometer tief in den Wald abbogen, dort eine Stunde geradeaus marschierten und dann wieder die Straße suchten. Später, wenn in der Dunkelheit die Scheinwerfer von Fahrzeugen auftauchten, sprangen wir in den Straßengraben. Gegen morgen, als es hell wurde, schliefen wir ein paar Stunden in einer Scheune, keine 600 Meter von der Straße entfernt.

Nach dem Aufwachen war D. nicht wiederzuerkennen. Weinerlich, voller Gewissensbisse gegenüber seiner Mutter, Vorwürfe an mich - es war schrecklich. Wir standen auch plötzlich konzeptionslos da. Die nächste Nacht abwarten? Jetzt weitergehen? Plötzlich ging D. Richtung Straße; total paradox, denn uns war doch klar, dass wir bereits in einer stärker überwachten Region waren. Und dann hielt da dieser riesige Tatra, ein Monster-Lkw, und der Fahrer nahm uns mit. Türkei?, fragte ich noch, zeigte Richtung Süden; der Fahrer nickte. Links am Steuer saß er, in der Mitte D., rechts ich. In der Hand hielt ich D.s Tasche mit seinen Papieren und seiner neuesten teuren Kameraausrüstung, von der er sich nicht trennen wollte. Ich dachte in einem fort: Das geht nicht gut! Das geht nicht gut! Das ist total daneben.

Von Grenzsoldaten verfolgt

Und dann bogen wir um die Kurve auf eine lange, gut einsehbare Gerade, und etwa 500 Meter vor uns stand ein Militärjeep am Straßenrand und zwei Uniformierte vertraten sich die Beine. Einer machte sogar eine Art Kniebeuge. Auf uns gewartet hatten die beiden sicher nicht. Es war in der Nähe der Ortschaft Gramatikowo am 15. Juni gegen 11 Uhr. Ich vermute, der Fahrer gab ein Zeichen mit der Lichthupe, denn ein Soldat hob die Arme, das Auto bremste, und ich flüsterte noch zu D.: Nein, nein, das kann nicht das Ende sein. Nicht so jämmerlich. Die Fahrertür öffnete sich und ein Soldat steckte den Kopf ins Fahrzeug und fragte recht freundlich: ???????? (Ausweis)? Und ich antworte fragend: ????????? ?????? ??????????! (Ausweis? Einen Moment bitte!) Die noch vorhandenen geringen Russischkenntnisse trugen Früchte.

Ich öffnete die Beifahrertür, sprang hinaus und rannte in den Wald, dabei hörte ich die Soldaten noch etwas schreien. Rannte, rannte und rannte. Bis alles wehtat - Beine, Bauch, Kopf. Ich hatte kein Zeitgefühl, ließ mich irgendwann an einer Quelle nieder, trank gierig Wasser und entschied mich, D.s Tasche dort zu lassen. War ja nur Ballast. Ich stopfte sie in einen Fuchsbau und ging etwa 500 Meter im Wasserlauf, um Spürhunde abzuschütteln.

D. erzählte mir später, dass er sich sofort bäuchlings auf die Straße legen musste und lange eine kalte Maschinengewehrmündung am Hals verspürte - bis Verstärkung eintraf.

Jetzt war ich alleine auf der Flucht. Noch einmal wollte ich nicht den Fehler machen, auf der Straße zu bleiben und tagsüber zu gehen. Da die Straße in einem Tal lag, konnte ich am späten Nachmittag von weit oben, hinter den Nadeln einer Kiefer versteckt, beobachten, wie unten an einer Straßensperre jedes Richtung Süden fahrende Gefährt angehalten und kontrolliert wurde. Die halten dich ja für extrem doof, dachte ich noch. Heute denke ich, na, vielleicht waren ja noch mehr Flüchtlinge unterwegs.

Dann, mit Einbruch der Dunkelheit, lief ich weiter, das Land wurde flacher, der Wald verschwand, und ich sah die Lichter von Malko Tarnova vorne rechts liegen. Ich beschloss, links in weitem Bogen die Stadt zu umgehen und zur Grenze vorzustoßen. Die Erinnerungen an diese Nacht, die durch die Sterne und den Mond recht erleuchtet war, sind mir noch gegenwärtig. Dieses Hundegebell war nervtötend und Angst einjagend zugleich. Ich hatte immer Angst vor Hunden, und dort schienen Tausende gleichzeitig durch die Nacht zu bellen. Das laute Zirpen der Zikaden ist noch in meinen Ohren, und ich erinnere mich genau an das dauernde Übersteigen von flachen Steinmauern, die mit Dornengestrüpp durchwachsen waren.

Jahre später sah ich in Griechenland solche harmlosen landschaftlichen Bilder bei Tag, doch in dieser Nacht war es wie ein unüberschaubares Labyrinth. Aber kein Hund kam in meine Nähe, kein Mensch begegnete mir, und als die Lichter von Malko Turnova hinter mir lagen, wurde es wieder waldig und ruhig. Zwischendurch schlief ich ein, für ein oder zwei Stunden.

Die Hunde kommen

Im Morgengrauen sah ich von einem Hügel hinunter ins Tal, und dort zog sich ein weißes Band von links nach rechts. Die Grenze!, dachte ich. Ich näherte mich vorsichtig diesem Streifen. Wagte mich vor, besah ihn. Der Streifen bestand aus zwei Zäunen, dazwischen zwei bis drei, vielleicht auch vier Meter Sand. Der mir zugewandte Zaun war hoch, sicher drei Meter. Er war aus Stacheldraht, der alle vier bis fünf Meter an Betonpfosten befestigt war. Der Zaun hinter dem Sand war niedriger, vielleicht zwei Meter hoch und engmaschig.

Doch erst einmal bereitete mir der vordere Zaun Probleme. Denn die letzten 80 Zentimeter des Zaunes waren um 45 Grad landeinwärts abgewinkelt. Und wieder hatte ich Glück, denn als ich hochkletterte und oben auf Höhe des Knicks war, na ja, da war ich mit meinem Latein am Ende. Aber weil die landeinwärts gerichteten 80 Zentimeter auf einen Holzpfosten montiert waren, der oben auf dem Betonpfosten befestigt war, gab das Holz nach, es war morsch und brach weg. Dadurch ergab sich plötzlich zwischen zwei Bahnen Stacheldraht genügend Platz, um hindurch zu klettern. Ich sprang auf den Sand, und der zweite Zaun ließ sich leicht übersteigen, aber ich hatte am Zaun offenbar ein Signal ausgelöst. Ich lief, rannte anfänglich, aber das dröhnende Sirenengeheul nahm mir den Glauben an mein Glück. Bald hörte ich Hundegebell und Stimmen; Hunde an langen Laufleinen stellten mich. Ein Offizier schoss eine Leuchtspurrakete in den Himmel, und die Flucht war zu Ende.

Teil 3: Knasterfahrung auf Bulgarisch

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