Flüchtlingsschiff "Exodus" Aus der Hölle in den Alptraum

Flüchtlingsschiff "Exodus": Aus der Hölle in den Alptraum Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Über 4000 jüdische KZ-Überlebende versuchten 1947 per Schiff von Frankreich nach Palästina zu gelangen. Doch die Reise der "Exodus" wurde zu einem Alptraum: Britische Kriegsschiffe griffen die Flüchtlinge an. Noah Kliger war damals an Bord - und wundert sich, dass er noch lebt. Von

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Hören Sie hier als MP3 das Gespräch von Henryk M. Broder mit Noah Kliger über dessen Erinnerungen an Auschwitz und die "Exodus". Klicken Sie dazu einfach diesen Link oder speichern Sie die Datei mit der rechten Maustaste. Die schlechte Tonqualität bitten wir zu entschuldigen.

"Ich war nicht lange jung", sagt Noah Kliger. "Mit 14 lebte ich schon unter deutscher Besatzung, und mit 16 war ich bereits im Lager".

Kliger, 1926 im elsässischen Straßburg geboren, floh mit seinen Eltern kurz vor Kriegsbeginn 1939 nach Belgien, wo ihn die Nazis bald einholten. Er wurde bei einer Razzia festgenommen und in die "Pension Auschwitz" deportiert, wie er trocken sagt. Dort verbrachte er zwei Jahre "als Gast der damaligen deutschen Regierung, bei voller Verpflegung". Dass er überlebt hat, lag an "einer Kette von Wundern - denn es war nicht vorgesehen, dass jemand überlebt".

Heute wohnt der 81-Jährige in Tel Aviv. "Man musste den Willen zum Überleben haben", erinnert er sich, "dazu viel Glück und im richtigen Moment die richtige Entscheidung treffen, im Bruchteil einer Sekunde." Genau das tat Kliger. Der Kommandant des Lagers Auschwitz III (Lager "Monowitz") war ein Boxnarr. Eines Tages beschloss er, eine Boxmannschaft aus Häftlingen aufzustellen, die zu seinem Vergnügen gegeneinander kämpfen sollten. "Bei schönem Wetter unter freiem Himmel, bei schlechtem Wetter in einer Baracke", erinnert sich Kliger. Obwohl er nie vorher geboxt hatte, meldete er sich zu der Staffel. Ein anderer Häftling, ehemaliger deutscher Meister im Halbschwergewicht, brachte ihm das Notwendigste bei. Als Lager-Boxer bekam Kliger bessere Verpflegung - und überlebte.

Rettung durch das hässlichste Schiff aller Zeiten

Ende April 1945 wurde Kliger von der sowjetischen Armee befreit. Er schlug sich nach Frankreich durch, von dort ging er zurück nach Belgien. In Antwerpen traf er Soldaten der "Jüdischen Brigade", die mit den Briten aus Palästina nach Europa gekommen war. Gerade 20 Jahre alt, wusste Kliger nun, was er tun musste: Anderen Juden, die wie er den Krieg überlebt hatten und die niemand haben wollte, helfen, eine Heimat in Palästina zu finden. Das wurde damals noch von den Briten im Auftrag der Vereinten Nationen verwaltet.

"Es waren alte, ausgeleierte, ausgediente Frachter, die die Hagana [ein zionistisch-paramilitärische Organisation, Anm. d. Red.] in der ganzen Welt zusammengekauft hatte", erinnert sich Kliger. Eines der Schiffe, mit denen die "displaced persons" von Sete, einem kleinen Hafen bei Montpellier, nach Haifa gebracht werden sollten, war ein ehemaliger US-Vergnügungsdampfer namens "President Warfield". Er war nur 1800 Bruttoregistertonnen groß, wurde aber so umgebaut, dass er auf vier Decks über 4000 Menschen aufnehmen konnte. "Es war das hässlichste Schiff, das ich je gesehen hatte", sagt Kliger. Über 100 Meter lang, dafür schmal und mit nur zweieinhalb Metern Tiefgang.

Die Besatzung bestand aus amerikanischen Juden, die sich freiwillig gemeldet hatten. Der Kapitän war gerade 23 Jahre alt. Der einzige Nichtjude unter den drei Dutzend Matrosen war ein protestantischer Pfarrer, ein Methodist, der gerne ab und zu ein Glas zu viel trank und deswegen "the shicker vicar", der betrunkene Vikar, genannt wurde. "Ein großartiger Mann, ein wirklicher Christ und eine Seele von Mensch", sagt Kliger. Er starb vor 15 Jahren. Sein letzter Wunsch war es, im Heiligen Land begraben zu werden.

Konservendosen als Geschosse

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1947 brach die "President Warfield" von Sete zu ihrer Reise nach Haifa auf, die acht Tage dauern sollte. An Bord waren viereinhalb Tausend Flüchtlinge, vom Säugling bis zum Greis, eingeteilt in Gruppen. Es gab zwei "Verteidigungsmannschaften" - eine für Steuerbord, eine für Backbord - die mit langen Holzstangen bewaffnet waren, um britische Schiffe auf Distanz zu halten. Denn die Briten hatten inzwischen ein Einreiseverbot für Juden nach Palästina verhängt und kontrollierten die Schiffe, die über das Mittelmeer fuhren.

Kliger war für eine der beiden Mannschaften verantwortlich: 120 junge Juden, die von der Seefahrt keine Ahnung hatten, aber kräftig und mutig waren. Obwohl alles "heimlich" geplant wurde, war die "President Warfield" nicht allein unterwegs. Sie wurde von zwei britischen Kriegsschiffen begleitet. "Manchmal kamen sie gefährlich nahe an uns ran und fragten per Megaphon, ob wir Hilfe bräuchten." Natürlich wussten die Briten, wer auf dem Schiff war und wohin die Reise ging.

Aber sie ließen sich Zeit. Erst in der letzten Nacht, 20 Meilen vor der palästinensischen Küste, kam es zum Showdown auf hoher See: Die Briten nahmen das Flüchtlingsschiff in die Mitte und versuchten es zu rammen. Die Mannschaft wehrte sich mit allem, was sie zur Hand hatte - Holzstangen, Kartoffeln und Konservendosen, die als Geschosse eingesetzt wurden. Der Kampf dauerte vier Stunden, er wurde vom Bordfunker live an eine Radiostation an Land übertragen. "Der ganze Jischuv [die jüdische Gemeinschaft, Anm. d. Red.] hörte zu", erinnert sich Kliger. Erst als die Briten mit echter Munition zurückschossen, gaben die Juden auf. "Wir hatten drei Tote und über 150 Verletzte. Unter Deck brach Panik aus. Es war klar, dass wir aufhören mussten."

Ende der Reise - Beginn des Alptraums

Zu diesem Zeitpunkt hieß die "President Warfield" bereits "Exodus", denn das Schiff war zwei Tage vorher auf hoher See umbenannt worden. "Es war üblich, dass man den Schiffen, die Flüchtlinge transportierten, neue und dramatische Namen gab." Der alte Name wurde einfach übermalt. Die Briten brachten die "Exodus" auf und schleppten sie nach Haifa, wo sie von Tausenden von Juden erwartet wurde, die den nächtlichen Kampf am Radio verfolgt hatten. Als das Schiff im Hafen einlief, stimmte die Menge die "Hatikva" an, die Hymne der zionistischen Bewegung. "Wenn ich damals noch kein Zionist gewesen wäre, wäre ich es am 18. Juli um ein Uhr mittags geworden", sagt Kliger.

Für die "Exodus" war die Reise damit zu Ende, für die viereinhalb Tausend "Exodus"-Passagiere dagegen begann ein Alptraum, der Wochen dauern sollte: Sie wurden auf drei britische Gefängnisschiffe verteilt, die "Ocean Vigour", die "Runnymede Park" und die "Empire Rival". Aber statt dass sie die Menschen nach Zypern deportierten, womit alle rechneten, nahmen die Schiffe einen anderen Kurs: dorthin, woher die "President Warfield" gekommen war, nach Frankreich. Dort kamen die Flüchtlinge Ende Juli an. "Die Absicht der Briten war es, ein Exempel zu statuieren, um die illegale Immigration zu stoppen", sagt Kliger.

Wieder Stacheldraht und Wachtürme

Aber die Briten hatte ihre Rechnung ohne die Passagiere der drei Gefängnisschiffe gemacht. Fast alle weigerten sich, in Frankreich von Bord zu gehen. Nach drei Wochen in größter Sommerhitze und unter unsäglichen Bedingungen an Bord ging die Reise weiter, über Gibraltar nach Hamburg, wo die Schiffe am 8. September 1947 ankamen.

Die jüdischen Flüchtlinge wurden mit Gewalt von Bord und in zwei Lager bei Lübeck gebracht, die mit Stacheldraht und Wachtürmen gesichert waren. Inzwischen hatte die ganze Welt vom Schicksal der "Exodus" und ihrer Passagiere erfahren. Nur zwei Jahre nach dem Ende des "Dritten Reiches" waren es nun die Briten, die überlebende Juden in Lager einsperrten. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung gaben sie schließlich nach und ließen die Menschen nach einem Monat gehen. "Sie zogen einfach die Wachen ab", erinnert sich Kliger.

Er selbst machte sich sofort wieder auf den Weg nach Palästina - und mit ihm die meisten Passagiere der "Exodus". Dass bald darauf der Staat Israel gegründet wurde, ist auch der Hartnäckigkeit dieser Menschen zu verdanken. "Die Welt hatte begriffen, dass es einen Ort geben muss, der Juden eine sichere Zuflucht bietet", sagt Kliger. Heute lebt er in Tel Aviv, arbeitet noch immer als Journalist für die israelische Tageszeitung "Yedioth Aharonot", schreibt politische Kommentare und Sportreportagen und schaut sich jedes Basketball-Länderspiel auf "Eurosport" an. Wenn er gelegentlich nach Europa muss, nimmt er ein Flugzeug.

Von Seereisen hat er genug.

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