Flug-Pionierin Elly Beinhorn Das fliegende Frauenzimmer

Flug-Pionierin Elly Beinhorn: Das fliegende Frauenzimmer Fotos

Mit 23 Jahren flog sie allein nach Afrika, mit 24 umrundete sie die Welt: Elly Beinhorn war nicht zu bremsen. Mit 100 Jahren ist Deutschlands berühmteste Fliegerin nun gestorben - Rückblick auf ein Leben zwischen Höhenflügen und Bruchlandungen, Liebe und tiefem Leid. Von

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Weihnachten ganz alleine hoch über dem Äquator - was würden Sie tun? Elly Beinhorn zögerte keinen Augenblick. Die 23-jährige Pilotin zückte ein kleines Cognac-Fläschen, klopfte dreimal auf Holz, benetzte ihre Schläfen, ihre Nase mit dem hochprozentigen Tropfen - und schließlich auch die Kehle . Das Christfest 1931 begeht die junge Frau nicht mit ihrer Familie unterm Tannenbaum, sondern hoch in der Luft, direkt über den Null-Breitengrad zwischen Singapur und Sumatra, auf einem Alleinflug um die Welt.

Schuld daran, dass Fräulein Beinhorn zur Fliegerei kommt, muss wohl Hagenbecks Tierpark in Hamburg gewesen sein. Als 16-jährige bewarb sich die gebürtige Hannoveranerin dort um einen Ausbildungsplatz zur Tierfängerin. Doch der berühmte Zoo antwortete nicht einmal auf ihr Schreiben. Na gut, dachte sich Elly Beinhorn. Und beschloss in die Luft zu gehen - als Pilotin.

Den Entschluss hierzu fasste sie Anfang 1928, bei einem Vortrag des Atlantikfliegers Hermann Köhler. Ferne Länder, exotische Kulturen, große Abenteuer! Die 20-jährige mit dem enormen Freiheitsdrang war Feuer und Flamme. "Als ich den gefüllten Saal betrat, ahnte ich nicht, dass ich ihn zwei Stunden später mit einem festen Ziel verlassen würde", schrieb Elly Beinhorn in ihren Memoiren mit dem Titel "Alleinflug".

Unterrock-Piloten und Luftschätzchen

Auf der Sportfliegerschule der Deutschen Luftfahrt AG in Berlin erwarb sie den Sportfliegerschein und danach den Kunstflug-Schein an der Fliegerschule Würzburg - sehr zum Leidwesen ihrer Eltern. Tagelang, erinnerte sich Elly Beinhorn im Rückblick, schwamm die Mutter in Tränen, und auch ihr Vater, ein bodenständiger Kaufmann, hatte sicherlich andere Pläne für sein einziges Töchterchen. Das setzte sich jedoch galant über den elterlichen Protest hinweg - und flog los. Allen bestehenden Konventionen zum Trotz.

Denn das Fliegen war zu diesem Zeitpunkt eine exklusiv männliche Domäne, in der "Unterrock-Piloten" und "Luftschätzchen", wie die fliegenden Frauen von den Herren Luftfahrern abschätzig tituliert wurden, keinen leichten Stand hatten. Da Frauen keine Passagierflugzeuge lenken durften, verdiente sich Elly Beinhorn ab 1929 als Kunstfliegerin bei Flugschauen ihr Geld, gemeinsam mit Berühmtheiten wie dem legendären Jadgflieger Ernst Udet. "Liebes Kind, wenn du so weitermachst, fällst du bald anständig auf die Schnauze", tönte der großväterlich, als er das vielversprechende, aber sehr waghalsige Talent bei einer Flugschau kennenlernte. Beleidigt zog sich die junge Fliegerin zurück.

Ohne Funk, ohne Radar, ohne Nachtsicht-Gerät

Nur zwei Wochen nach dieser Warnung sollte Elly Beinhorn tatsächlich auf der Schnauze landen, ausgerechnet bei ihrem ersten Afrikaflug. Am 4. Januar 1931 düste sie mit einem 40 PS starken Klemm-Argus Kleinflugzeug los. Der österreichische Forscher Bernatzik und der Dresdner Völkerkundler Struck hatten einen Piloten für eine Expedition nach Westafrika gesucht - die Chance für Elly Beinhorn war gekommen. Zunächst lief alles nach Plan: Nach nur einer kleinen Panne erreichte sie 70 Flugstunden später ihr Ziel Cap Juby im heutigen Guinea-Bissau, übermüdet und überglücklich.

Statt Funk und Radar, Nachtsicht-Gerät oder Autopilot war Beinhorn dabei auf vage Streckenbeschreibungen angewiesen, etwa diese: "Sie fliegen an der Küste entlang, über die Ausläufer des Antiatlas. Dann treffen Sie nach eineinhalb Flugstunden ein im Sand verlassenes Flugzeug. Nach einer weiteren Stunde kommen noch zwei Maschinen, von deren einer Besatzung man nie wieder etwas gehört hat - und das erste Gebäude, das Sie nach ungefähr fünf Stunden sehen, das ist Cap Juby".

Erst auf dem Rückweg ging dann alles schief: Wegen eines Ölrohrbruchs musste Beinhorn notlanden. Vier Tage lang blieb sie verschollen, während sie sichzu Fuß durchschlug - 50 Kilometer weit durch die Wüste bis nach Timbuktu, bei 45 Grad im Schatten. Tuareg retteten die kranke Fliegerin vor dem Tod und führten sie zurück in die Zivilisation.

Das erste, was die längst Totgeglaubte in Timbuktu tat, war, ein Telegramm abzuschicken: "Vorausgesagter Bruch hat planmäßig stattgefunden", teilte sie ihrem Kollegen Udet lakonisch mit - so viel Zeit musste sein. Elly Beinhorn war mit einem Stück abgebissener Zunge, Prellungen und einem ordentlichen Schock davongekommen. Ihre Erlebnisse schilderte sie in ihrem 1932 erschienenen Erstling "Ein Mädchen fliegt allein".

Hübsches Mädchen in fliegender Holzkiste

Wer glaubte, die junge Fliegerin hätte nun genug, sah sich gründlich getäuscht. Nur wenige Monate nach ihrer Rückkehr aus Afrika, brach sie am 4. Dezember 1931 zu ihrem ersten Weltflug auf: Indien, Thailand, Bali, Australien, Neuseeland, Südamerika - 31.000 Kilometer bewältigte Elly Beinhorn an Bord ihres 80 PS starken Flugzeugs.

"Das hübsche Mädchen in seiner fliegenden Holzkiste" nannten sie die Australier nach ihrer Landung in Port Darwin. Dort angekommen, ließ sie ihre Klemm auseinandermontieren und fuhr mit dem Schiff nach Panama weiter. In Chile war das Benzin rationiert, doch deutsche Einwohner sammelten für die inzwischen bereits berühmte Fliegerin - sie konnte weiterfliegen. Nach lediglich drei Notlandungen - alle glimpflich verlaufen - traf sie ein gutes halbes Jahr später, am, 23. Juli 1932, am Ziel Buenos Aires ein.

Bei ihrer Rückkehr in Berlin wurde Elly Beinhorn gefeiert wie ein Weltstar. Reichspräsident Paul von Hindenburg überreichte ihr einen Pokal nebst 10.000 Reichsmark - endlich war die große Fliegerin schuldenfrei. Es folgten Flüge nach Afrika und Amerika, zudem mehrere Spitzenleistungen, wie etwa der Eintagesflug Gleiwitz - Skutari (Albanien) - Berlin am 13. August 1935 in nur sechsdreiviertel Stunden. Der Rekordflug nach Asien, den Elly Beinhorn in zwölf Stunden und 38 Minuten bewältigte, brachte ihr von dem Kollegen Udet das Kompliment ein: "Das hast du ganz nett gemacht."

Abenteuerlustiges Dreamteam

"Ganz nett" fanden damals viele die hübsche, erfolgreiche Frau. Einer eroberte schließlich Ellys Herz - einer, der wie sie Spitzengeschwindigkeiten und große Abenteuer über alles liebte: Rennfahrer Bernd Rosenmeyer. Im Juli 1936 heiratete die Fliegerin den Star, bekam einen Sohn und zog sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Doch das Glück währte nicht einmal zwei Jahre lang: Am 28. Januar 1938 raste Rosenmeyer bei einem Weltrekordversuch auf der Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt mit 440 km/h in den Tod.

Die gerade 31-jährige Witwe flog dem Unglück davon: Kurz nach der Tragödie bestieg sie ihre Messerschmitt "Taifun" und entschwand nach Indien, um den Schmerz zu bewältigen. "Die Luft über Persien, Indien, Burma musste mir die Augen und das Herz ausblasen, damit ich wieder klar und froh in die Welt sehe", schrieb sie später.

1942 heiratete sie erneut, gebar eine Tochter und erlebte den Zweiten Weltkrieg als Hausfrau. Anders als die regimenahe Hanna Reitsch stieg sie nie für die Nazis in die Pilotenkanzel, schlug die Einladung Hitlers zum Abendessen aus und trat nie der Partei bei.

Karriereende nach 5000 Flugstunden

Da Deutsche nach dem Krieg zunächst nicht in die Luft gehen durften, ging Elly Beinhorn 1951 in die Schweiz, um hier ihren Flugschein erneuern zu lassen. Fortan flog sie als Journalistin und Fotografin um die Welt; zudem verfasste sie zahlreiche Bücher. Als deutsche Staatsbürger das Fliegen wieder erlaubt war, nahm sie an Flugschauen teil und errang erneut Erfolge wie etwa 1956 beim Deutschlandflug oder 1959 beim europäischen Sternflug. Dennoch - allmählich verblasste ihr Ruhm, wurde es leise um den einstigen Star.

Mit über 70 Jahren gab Elly Beinhorn ihren Flugschein ab - nach 5000 Flugstunden. "Es gibt heute so viele tüchtige Fliegerinnen, die genauso viel und noch mehr können, als ich einst gekonnt habe", schrieb sie. Mit dem Unterschied, dass sie "das große Glück" hatte, "in einer Zeit fliegen zu dürfen, als das wirklich noch ein Abenteuer war."

Am vergangenen Mittwoch starb die Pionierin der Lüfte im Alter von 100 Jahren. Beigesetzt wird sie in Berlin, im Ehrengrab ihres verunglückten ersten Mannes.

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1. Nicht gut recherchiert
Deep Thought 27.06.2014
Habe vor kurzem die Biographie von Elly Beinhorn gelesen. Unter "Frauenzimmer" stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor. Die Fakten zu dem Artikel wurden wohl von Frau Iken im Schnelldurchgangdiagonalleseverfahren zusammengesucht. Die Nachricht über den "Bruch" an Ernst Udet bezog sich nicht auf Afrika, sondern auf einen Flug in Deutschland, wo die junge Fliegerin, wie Udet sie warnte, tatsächlich kurz danach einen Flieger zerlegt hatte. Wenn man so einen Artikel/Nachruf verfasst, dann sollte man sich auch in Details/Fakten halten. Die Primärquellen sind zugänglich !
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