Fotokunst von oben Glühende Landschaften

Fotokunst von oben: Glühende Landschaften Fotos
Georg Gerster / Keystone

Er flog mit betrunkenen Piloten und lehnte sich aus offenen Flugzeugtüren, immer auf der Jagd nach dem besten Motiv: Der schweizer Fotograf Georg Gerster verwandelt mit seinen Bildern aus der Vogelperspektive weite Landschaften in abstrakte Kunstwerke.

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Mit 84 Jahren stieg der Schweizer Flugfotograf Georg Gerster vor wenigen Wochen noch einmal in die Maschine. Sein Ehrgeiz, sein Perfektionismus und sein Sinn für Schönheit trieben ihn an. Für eine Ausstellung über sein Lebenswerk, die jetzt in seiner Heimatstadt Winterthur anlief, fehlte noch ein Bild: 50 Aufnahmen aus einem halben Jahrhundert waren ausgewählt worden. Flugbilder aus aller Welt. Nur keines aus der Schweiz. Gerster hatte kein passendes. Noch nicht.

Eigentlich ist Gerster Journalist. In Wort und Bild dokumentierte er antike Ausgrabungsstätten, moderne Siedlungen, die Auswirkungen menschlicher Eingriffe in die Natur. Doch Gerster ist auch ein Ästhet. Die Ausstellung "Wovon wir leben" zeigt deshalb zwar schlicht die Ursprungsorte gängiger Grundnahrungsmittel wie etwa Weizenfelder, Reisplantagen und Weinanbaugebiete - sie zeigt sie allerdings auf bemerkenswerte Weise: als Kunstwerke aus der Vogelperspektive, abstrakte Gemälde mit geometrischen Figuren und spektakulären Farbpaletten. Mit Humor erinnert sich der Fotograf daran, wie er diese Perspektive vor fünf Jahrzehnten für sich entdeckte.

Für meinen ersten Fotoflug hatte ich in Khartum eine Cessna gemietet. Entlang des Nils wollte ich hinauf bis nach Wadi Halfa, ganz in den Norden des Sudan. Ich arbeitete gerade an einem Buch über das antike Nubien. Die Pharaonen des alten Ägyptens hatten dort Tempel und Pyramidenfelder hinterlassen. Ein Teil der Landschaft sollte in Kürze in einer Art organisierter Sintflut überschwemmt werden, 1960 hatte man dort mit dem Bau des Assuan-Hochdamms begonnen.

Vor der Überflutung wollte ich die Festungen fotografieren. Vom Boden aus kannte ich die meisten bereits. Nun wollte ich die Bauten noch aus der Luft dokumentieren. Am 29. Januar 1963 sollte der Flug stattfinden. Die ganze Expedition war für mich ein beachtliches finanzielles Risiko: Die Maschine kostete am Tag umgerechnet rund 2000 Euro. Es durfte also nichts schiefgehen.

Und zunächst tat es das auch nicht. Mit meiner Nikon schoss ich die Bilder. Das Fotografieren gelang problemlos. Unterwegs allerdings machte ich einen fatalen Fehler: Während wir die Ortschaft Soleb ansteuerten, erzählte ich meinem Piloten von einer Gruppe Archäologen, die dort das große Heiligtum von Pharao Amenophis III. restaurierte. Ich erzählte ihm auch, dass die Expeditionsleiterin einen Preis ausgesetzt hatte für denjenigen Piloten, dem es als erstem gelang, an ihrem Camp zu landen: eine Flasche Whisky aus dem Eisschrank.

Mein Pilot hatte plötzlich großes Interesse daran, mich zu diesem Camp zu bringen. Kaum waren wir gelandet, stieg er aus, ging schnurstracks zum Kühlschrank und tat sich an dem Whisky gütlich. Nach etwa einer halben Stunde war er betrunken.

Ich tat dann, was ich heute nie mehr tun würde: Ich stieg zu einem betrunkenen Piloten in die Maschine und wir steuerten im Torkelflug gen Norden. Gelohnt hatte es sich dennoch: Unterwegs konnte ich weitere Aufnahmen machen. Mit dem allerletzten Tageslicht landeten wir in Wadi Halfa.

Die abenteuerliche Tour vor 50 Jahren war der Beginn meiner Karriere als Flugfotograf. Ich hatte nämlich entdeckt, dass man mit Flugaufnahmen nicht einfach nur Informationen von oben sammelte, sondern dass sich dabei auch ästhetische Effekte ergaben. Seither habe ich mehr als 3500 Flugstunden absolviert.

Gerster fotografierte Salzgärten in Tansania, die an einen Tuschkasten erinnern, Abwasseranlagen in Louisiana, die den Betrachter mit geweiteten Pupillen anzustarren scheinen oder eine chinesische Hochhaussiedlung wie aus einem Steckbaukasten. Gerade für seine Fotos an entlegenen Orten hatte er sich des öfteren in Gefahr begeben müssen.

In Brasilien war ich mit einem französischen Auftraggeber und dessen Frau über dem Amazonasgebiet unterwegs, als das Paar auf Wunsch der Dame eine Pinkelpause verlangte. Der Pilot schaute sich über dem dichten Urwald nach einer geeigneten Stelle um und landete schließlich in einem Fluss mit einer Sandinsel. Wir stiegen aus, er nahm seine Angelrute, die Dame tat, was sie tun musste, wir schauten diskret weg, und als das zu Ende war, sahen wir, dass sich das Flugzeug aus der Verankerung gelöst hatte und davon driftete. Wir konnten nicht hinterher - wegen der Piranhas im Fluss.

Das war eine sehr unangenehme Situation. Satellitentelefone gab es damals noch nicht, und wir konnten auch nicht darauf hoffen, dass uns jemand suchen würde: Weil der Flug über dem Urwald eigentlich verboten war, waren wir so tief geflogen, dass wir nicht auf dem Radarschirm erschienen. Es wusste also niemand, wo wir waren. Unser Pilot nahm schließlich seine Angelrute, fing damit das Flugzeug ein und zog es langsam wieder auf die Sandinsel. Ich habe noch nie so gebetet, dass ein dünner Nylonfaden hält.

Für Notfälle anderer Art trug ich stets einen Kreuzschraubenzieher bei mir. Nichts war frustrierender, als in der Luft festzustellen, dass man aus dem Flugzeug, in dem man saß, nicht herausschauen konnte. Mit der Zeit kannte ich die verschiedenen Flugzeugtypen und wurde Experte darin, die Türen diverser Kleinflugzeugen auszuhängen oder ein Fenster auszubauen.

Der zupackende Fotograf gilt als Pionier der Flugbildfotografie. Seine Bilder erschienen in zahlreichen renommierten Magazinen, wurden in Europa, Asien und den USA ausgestellt. Er veröffentlichte mehrere Bildbände und machte sich rasch einen Namen.

Mitte der siebziger Jahre bekam ich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte: Ich hatte der Kaiserin von Iran ein Fotobuch geschickt und in einem Brief geschrieben, dass ich gern Aufnahmen im Iran machen würde. Offenbar war sie begeistert, denn es wurde ein Riesenprojekt: Für drei Jahre stellte man mir ein Flugzeug zur Verfügung. Das war fantastisch - und zugleich ein bisschen merkwürdig.

Denn in Iran war es verboten, Flugkarten zu besitzen. Natürlich hatte ich trotzdem welche, brachte sie ins Land und auch wieder heraus, ohne je Schwierigkeiten zu bekommen.

Als unserer Maschine einmal nahe der pakistanischen Grenze der Treibstoff ausging und wir an einer kleinen Grenzstation landen mussten, weigerte sich der diensthabende Offizier, uns zu helfen. Ich sagte ihm, dass ich im Auftrag der Kaiserin unterwegs sei, er wollte ein entsprechendes Dokument sehen. Da fuhr ich ihn an, ob er denn glaube, dass seine Kaiserin ihre Wünsche schriftlich fixieren müsse. Das wirkte: Der Offizier schreckte zurück. Wir bekamen Treibstoff, Unterkunft und alles, was wir sonst noch brauchten.

Das Komischste aber war, dass ich während dieser drei Jahre die Kaiserin nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekam. Erst vor zwei Jahren bin ich ihr begegnet: Ich fand eine Nachricht von ihr auf meinem Anrufbeantworter. Sie hinterließ ihre Handynummer. Es war ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich eine frühere Kaiserin am Telefon zu haben. Farah Pahlavi kam zu meinen Ausstellungen in London und New York. Wir haben uns sehr freundschaftlich unterhalten.

Während seiner Karriere fotografierte Gerster in mehr als 100 Ländern. Dabei musste er sich auch mit diversen Behörden auseinandersetzen, deren Genehmigungen er für die Überflüge benötigte. Besonders überrascht war er, als er schließlich sogar eine Einladung nach China erhielt. Nur in ein Land habe er es zu seinem Bedauern nie geschafft: Gegen die Bürokratie in Indien sei er weder mit Unterstützung indischer Industrieller noch mit Hilfe der britischen BBC angekommen. Er habe sich damit abgefunden, dass er dies nicht mehr erleben wird. Inspiriert von der geplanten Winterthurer Ausstellung "Wovon wir leben" absolvierte er im Januar in der Schweiz seinen vorerst letzten Flug, um endlich auch das dazu passende Flugbild aus seinem Heimatland zu haben.

Ich hatte eine Idee: Ich stellte mir vor, dass die Weinbau-Terrassen des Lavaux am Steilufer des

Genfersees bei Schnee ganz hervorragend aussehen müssten. Und dann habe ich gewartet: auf Sonne. Und auf Schnee. Und als es in Lausanne endlich Schnee gab und auch der Himmel strahlte, sind wir los.

Doch als wir über dem Lavaux waren, war da einfach kein Schnee. Alles war heruntergerutscht. Ich habe zwar zwei, drei Bilder gemacht - aber das war nicht, was ich gesucht hatte. Es war frustrierend. Aber so ist es eben.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe.

Zum Hingehen:

Die Ausstellung "Wovon wir leben. Flugbilder von Georg Gerster" der Fotostiftung Schweiz ist bis zum 26. Mai 2013 in Winterthur zu sehen.

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