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Mysteriöse Sichtungen Der ewige Spuk in Schwedens Seen

Unbekannte Flugobjekte: Schweden suchen Geisterraketen Fotos
UFO-Aktuellt 2/90

Ganz Schweden sorgt sich derzeit um ein unbekanntes Objekt im Wasser. Nicht zum ersten Mal: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sahen hunderte Schweden sogenannte Geisterraketen in verschiedene Seen stürzen. Bis heute wird nach den Überresten gesucht. Von

Eigentlich wollte Knut Lindbäck Heu ernten. Doch stattdessen starrte der junge Schwede fassungslos in den Himmel. Genau wie seine Verlobte Beda Persson und alle anderen, die am 19. Juli 1946 am Ufer des Sees Kölmjärv im Norden Schwedens standen. Ein brummendes Geräusch in der Luft hatte sie kurz vor Mittag erschreckt - und die Leute trauten ihren Augen kaum: Ein merkwürdiges Flugobjekt bahnte sich seinen Weg Richtung See.

"Als ich nach oben schaute, dachte ich, es wäre ein Flugzeug", erzählte Lindbäck Jahre später dem Ufo-Forscher Clas Svahn. "Aber stattdessen sah ich ein raketenähnliches Objekt direkt in den See stürzen." Eine mächtige Wasserfontäne sei in die Höhe geschossen, als das Flugobjekt eintauchte, gefolgt von einem zweiten, größeren Wasserschwall, berichtete Lindbäck. Die Rakete sei detoniert. Der Schwede war in ein Boot gestiegen und zu der Stelle gerudert, an der er die Explosion beobachtet hatte. Losgerissene Pflanzen trieben auf der Oberfläche, das Wasser war undurchsichtig vom aufgewühlten Grund. "Es war unmöglich zu erkennen, ob dort unten etwas lag", bedauerte Lindbäck. Etwa zwei Meter lang sei das Objekt gewesen, vielleicht hatte es auch zwei kleine Flügel, meinte er sich zu erinnern. "Es ging alles so schnell."

Himmlische Ruhestörer

Wie Lindbäck hatten 1946 noch viele andere Schweden, aber auch Finnen und Norweger ihre Köpfe Richtung Himmel gereckt. Geheimnisvolle Flugobjekte zogen ihre Bahnen über Skandinavien. Im Februar hatte ein Flughafenmitarbeiter in Härnösand die Landebeleuchtung eingeschaltet, weil zahlreiche Menschen Fluggeräusche zu hören glaubten. Allerdings verhinderte ein Schneesturm zu diesem Zeitpunkt jegliche Flugaktivität. Zwei Motorradfahrer meinten am 21. Mai ein unidentifiziertes Flugobjekt in der Nähe der Stadt Örebro beobachtet zu haben. Einer der beiden vermutete zunächst ein Gleitflugzeug, weil er zwei Flügel erkennen konnte.

"Geisterraketen" nannte ein paar Tage später die Zeitung "Aftonbladet" das unerklärliche Phänomen. In Mittelschweden schienen diese Geisterraketen besonders häufig aufzutreten. Die Meldungen über die himmlischen Ruhestörer gingen im Sommer in die Hunderte. Als klein, zu klein für einen menschlichen Piloten beschrieben viele Beobachter die Flugobjekte, die überwiegend in der Nähe von Seen gesichtet wurden. Viele stürzten angeblich in die Gewässer oder landeten sogar darin. Manche hatten kleine Flügel, andere wiederum angeblich nicht.

Das schwedische Militär wurde mit der Zeit nervös. "Ausländische Mächte" schienen Schweden als Raketentestgebiet zu missbrauchen, befürchteten die Offiziere. Anfang Juli richteten sie deshalb eine Untersuchungskommission ein.

Rakete oder Meteorit?

Den Ermittlern sollten bald handfestere Indizien zur Verfügung stehen. Am 9. Juli waren Erik und Åsa Reuterswärd auf einen Beobachtungsturm in der Nähe von Guldsmedshyttan geklettert. Das Paar verbrachte dort seinen Urlaub und wollte zur Erinnerung ein Foto von der Landschaft machen. Gerade als Erik Reuterswärd auf den Auslöser drückte, schob sich ein Objekt von oben in das Bild.

"Wir beobachteten einen scharfen, grünlich-weißen Lichtschein in der nordwestlichen Richtung", gab der Fotograf zwei Tage später im Untersuchungsbericht zu Protokoll. Reuterswärd war sich sicher, was er am Himmel beobachtet hatte: einen Meteorit. Die Luftwaffe hingegen fragte eilig beim Waffenhersteller Bofors AB an, ob sie in dem betreffenden Gebiet Waffen getestet hätten. Nein, lautete die Antwort.

Während sich die Militärs noch mit der Fotografie der Familie Reuterswärd beschäftigten, ging gegen Mittag des 19. Juli das raketenähnliche Objekt im Kölmjärv-See nieder, das Knut Lindbäck beobachtet hatte. Diesmal waren die Ermittler entschlossen, dem Geheimnis unmittelbar auf die Spur zu kommen.

Eine Hauptverdächtige

Am Morgen des 20. Juli rast Leutnant Karl-Gösta Bartoll auf seinem Motorrad zum Kölmjärv-See. "So schnell wie möglich", lautete der Befehl, solle er erkunden, ob Teile des geheimnisvollen Flugobjekts geborgen werden könnten.

Zu neunt suchte er mit seinem Team in den folgenden Tagen von acht Uhr in der Früh bis sechs Uhr abends das Gewässer systematisch ab: Mit Seilen teilten sie die Wasseroberfläche in mehrere Abschnitte, die sie dann Stück für Stück mit Hilfe eines Floßes erkundeten. Beim Bau des Floßes war darauf geachtet worden, möglichst keine Nägel und Metall zu verwenden, um die Instrumente nicht zu stören. Eine Bergbaugesellschaft stellte ein Metallsuchgerät zur Verfügung, ein Labortechniker brachte einen Detektor für Radioaktivität mit, falls das Objekt strahlendes Material enthielt.

Rund 35.000 Proben holten die Männer während ihrer Suche vom Grund des Sees. Aber nicht ein einziges Stück vom unbekannten Flugobjekt fand sich darunter. Den letzten verzweifelten Plan, das Wasser aus dem See abzulassen, verwarf die Untersuchungskommission schließlich aus Kostengründen. Am 12. August gab Bartoll auf.

Das Phänomen schlug mittlerweile international Wellen. "Mysteriöse Geisterraketen beunruhigen schwedisches Militär", meldete der texanische "Victoria Advocate" am 12. August 1946. "Geisterraketen hinterlassen keine Spur, sagt ein Zeuge", schrieb einen Tag später "Ellensburg Daily Record" und schürte Beunruhigung.

Für die schwedische Öffentlichkeit stand die Sowjetunion ganz oben auf der Liste der Verdächtigen. Im Mai 1945 hatte die Rote Armee die deutsche Heeresversuchsanstalt Peenemünde erobert. Dort entwickelten und erprobten die Wissenschaftler unter anderem die Großrakete V2. Möglicherweise testeten nun sowjetische Forscher das deutsche Raketenarsenal im schwedischen Luftraum. Britische, französische und amerikanische Offiziere vermuteten das gleiche - und beobachteten das himmlische Treiben in Schweden daher mit besonderer Aufmerksamkeit.

"Der Teufel ist im See"

Die Schweden verschärften die Radarüberwachung ihres Landes. Gleichzeitig versuchten die Streitkräfte in Großbritannien moderneres Gerät zu beschaffen, nachdem scheinbar weitere schwedische Seen unter den Beschuss von Geisterraketen geraten waren. Selbst kleine Kinder erschraken: "Der Teufel ist im See", fürchtete sich der erst elfjährige Knut Larsson, als ebenfalls am 19. Juli ein weiteres unbekanntes Flugobjekt in einen anderen See krachte, wie der Ufo-Forscher Svahn notierte.

Der wahren Herkunft der Geisterraketen kam die Untersuchungskommission niemals auf die Spur. Auch weil trotz intensiver Suche niemals Überreste der Flugkörper gefunden wurden. Manches geheimnisvolle Objekt entpuppte sich bei näherer Erkundung in der Tat als Meteor. 987 Zwischenfälle verzeichnete ihr Abschlussbericht gegen Jahresende. Davon galten 225 als heikel. Die Beobachtungen hatten Zeugen am hellen Tag gemacht, ein natürlicher Himmelskörper kam damit eher weniger als Ursache in Frage. Auch hierfür verzeichnete das Papier eine Erklärung. "Ungeschulte Beobachter" würden dazu neigen, "nichtexistente Objekte in der Luft während des Tageslichts" zu melden.

Expedition 2014

Ende 1946 war der große Spuk der Geisterraketen vorbei. Auch wenn in den folgenden Jahrzehnten immer wieder jemand gesehen haben will, wie ein unbekanntes Flugobjekt am Himmel seine Bahnen zog.

Im August 2014 ging eine modern ausgerüstete Expedition im See Nammajaure auf die Suche, in dem 1980 eine Geisterrakete niedergegangen sein soll. Eine scheinbare konisch zulaufende Anomalie im Schlamm gab den Forschern Hoffnung. Die Europäische Union förderte die Erforschung und Aufbereitung der Akten zum schwedischen Ufo-Phänomen.

Seit der Meldung im September herrscht allerdings Schweigen. Die Geisterraketen blieben vorerst weiter eine geisterhafte Erscheinung. Die Forscher wollen aber wieder zum See - um endlich einen Beweis aus dem Schlamm zu ziehen.

REUTERS

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1. Alles kein Problem
Dieter Sturm, 22.10.2014
Die Schweden sollten sich mal bei Ihren Kollegen in den Highlands Rat holen. Die haben schließlich schon so manche "Nessi" zur Strecke gebracht!
2. Kleine A4?
Nils Holstein, 23.10.2014
Die angabe der Größe der 1946er -Objekte paßt zu der Tatsache, daß als Erprobungsträger für die Rakete A4 ("V2") eine kleinere Version diente. Die A5. Länge 5,3 m. Auch wenn die Reichweite natürlich nicht für Peenemünde-Schweden reichen dürfte, die kleinen Dinger erzielten 12 km Höhe, und vor allem, die konnten auch von Flugzeugen wie der He111 gestartet werden, womit sich die Reichweite vervielfachen ließ. Es liegt nahe, daß bei der deutschen Räumung von Peenemünde zuallererst das militärisch nutzbare Material, d.h. alles für die V2, mitgenommen wurde, und den restlichen A5-Teilen evtl. keine solche Bedeutung zugemessen wurde, die womöglich deshalb einfach nur in irgendwelche Usedomer Seen oder Küstenbereich versenkt wurden.
3. Nessi-Witzchen
Kurt Diedrich, 23.10.2014
Ich denke, bei so vielen Augenzeugen (von denen sehr viele, detaillierte Protokolle vorliegen), die eindeutig irgendwelche in einen See stürzende Objekte gesehen haben, ist es völlig unangebracht, sich mit abgedroschenen Nessi-Witzchen über die Sache lustig zu machen. Mich interessiert vielmehr die Frage, worum es sich dabei wirklich gehandelt hat. Meteoriten schließe ich aus, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass Geschosse aus dem Weltraum immer nur in einem Land herunterkommen und dann auch noch immer nur in einen See fallen. Doch davon einmal abgesehen: "Die Beobachtungen hatten Zeugen am hellen Tag gemacht, ein natürlicher Himmelskörper kam damit eher weniger als Ursache in Frage." Wieso kann man am hellen Tag keinen natürlichen Himmelskörper beobachten? Das verstehe ich nicht. Stürzen Meteoriten nur nachts ab? Wer kennt sich da aus? Folgende Experten-Aussage interpretiere ich nicht nur als völligen Unsinn, sondern auch als arrogante Frechheit: "Ungeschulte Beobachter" würden dazu neigen, "nichtexistente Objekte in der Luft während des Tageslichts" zu melden. Das bedeutet soviel wie: Leute, die nichts von Wissenschaft oder Flugzeugen verstehen, sehen oft Dinge, die es gar nicht gibt. Aber es ist wie immer: Wenn die "Experten" keine Erklärung finden, dann haben sich die Beobachter halt wieder mal etwas zusammenphantasiert. Sehr bequem! Oder es gibt eine Erklärung, die uns vorenthalten wird.
4. Bild 14
Tom Fish, 23.10.2014
Elmo ist der aus der Sesamstraße. Richtig heißen müsste es Sankt-Elms-Feuer (http://de.wikipedia.org/wiki/Elmsfeuer)
5. Raketenversuche
Lars-Arne Nehls, 23.10.2014
Raketenversuche der Schweden waren es, laut Artikel nicht. Die Soviets werden sich gehütet haben und Versuchsraketen ausschließlich in Seen in Schweden zu schießen. Die Sovietunion war der flächenmäßig größte Staat der Welt, die hätten genug Platz gehabt um Raketentests auf eigenem Gelände zu machen. Das hätte auch den Vorteil, dass diese geheim blieben...
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