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Flugpionier Jorge Chávez Alptraum überm Alpenkamm

Flugpionier Jorge Chávez: Alptraum überm Alpenkamm Fotos
www.jorgechavezdartnell.com

Der Wind schaukelte seinen Flieger durch, die Felswände kamen gefährlich nahe: Der Peruaner Jorge Chávez überquerte 1910 als Erster mit einem Fluggerät die Alpen - doch kurz vor der Landung lösten sich die Flügel der Maschine. Von

Als Jorge Chávez Dartnell am 23. September 1910 in seinen Eindecker vom Typ Blériot XI kletterte, hatte sich das Wetter in den Walliser Alpen gerade wieder beruhigt. Heftige Regenstürme hatten den wagemutigen Flugpionier tagelang am Boden gehalten. Dabei konnte es der 23-Jährige gar nicht erwarten, zu seinem großen Abenteuer in die Lüfte aufzusteigen. Als erster Mensch wollte er mit seinem zierlichen Flugzeug den Alpenkamm überqueren.

Der in Frankreich geborene Sohn eines peruanischen Millionärs hatte zwar erst wenige Monate Flugerfahrung, doch bereits jede Menge Bewunderer. Fliegen war damals noch eine Grenzerfahrung. Erst sieben Jahre zuvor hatten die amerikanischen Gebrüder Wright für sich reklamiert, als erste den Luftraum erobert zu haben - mit einem Motorflugzeug und für wenige Sekunden. Im Juli 1909 überquerte der Franzose Louis Blériot erstmals mit einem einsitzigen Eindecker den Ärmelkanal. Sein Erfolg rettete ihn vor dem Bankrott, denn er hatte sein gesamtes Vermögen in die Entwicklung seines Flugzeugs gesteckt.

Mit einer Maschine dieses Typs hob auch Chávez ein gutes Jahr später in Brig im schweizerischen Kanton Wallis ab. Der athletische Flugzeugingenieur hatte bei Wettbewerben bereits mehrere Preise gewonnen und gerade einen Welthöhenrekord von 2652 Metern aufgestellt. Kein Wunder also, dass er unter den fünf Konkurrenten war, die die Organisatoren einer Flugwoche in Mailand für die Rekordüberquerung der Alpen ausgesucht hatten. Um über die Berge zu kommen, mussten die Piloten eine Höhe von mehr als 2100 Metern erreichen. Dem Sieger, der spätestens 24 Stunden nach dem Start Mailand erreichen musste, winkten 70.000 Lire.

Wie ein Spielzeug im Wind

Den meisten Bewerbern war das Wagnis dann wohl doch zu groß. Neben Chávez blieb von den Flugpionieren schließlich nur noch der Deutsch-Amerikaner Charles Weymann übrig. Das Ereignis zog dennoch viele Zuschauer an, die in überfüllten Zügen nach Brig kamen, um endlich Menschen in der Luft zu sehen.

Doch schon bald nach seinem ersten Start am 19. September merkte der Peruaner, dass der Mensch nicht ohne weiteres gegen die Naturgewalten ankommt. Chávez, der in Schweiz auch unter dem Vornamen "Geo" bekannt wurde, geriet mit der Blériot nach einem ruhigen Aufstieg in rund 2200 Metern Höhe in starke Turbulenzen.

Das leichte Holzflugzeug mit einem 50-PS-Gnôme-Rotationsmotor, das weder eine geschlossene Pilotenkanzel noch eine Windschutzscheibe hatte, wurde so heftig hin und her geschleudert, dass Chávez kaum noch das Steuer halten konnte. Trotz dichter Wolkenbänke konnte er zu seinem Entsetzen beobachten, dass er den Felswänden immer wieder gefährlich nahe kam.

Neuer Versuch

Die Blériot war den Launen des Windes wie ein Spielzeug ausgeliefert. Die Lage wurde schließlich so riskant, dass der Abenteurer umkehrte. Mit letzter Kraft konnte er den Fallwinden entkommen; 21 Minuten nach dem Start landete er wieder in Brig. Chávez war unterkühlt und von den Strapazen gezeichnet. Auch Weymann kehrte kurz nach dem Peruaner wieder zurück.

Nach der wetterbedingten Zwangspause unternahm Chávez vier Tage später einen zweiten Versuch zur Alpenüberquerung. An der Schweizer Seite des Simplon-Passes regte sich kaum ein Lüftchen, auch die Wetternachrichten aus Italien waren gut. Die Maschine flog beim Aufstieg Spiralen und nahm unter dem Applaus zahlreicher Schaulustiger Kurs auf die Gondoschlucht.

Um sich gegen die Kälte zu schützen, trug Chávez einen eigens für den Wettbewerb angefertigten gefütterten Anzug, der an der Außenseite aus wasserundurchlässiger Seide bestand. In der Kanzel saß er auf einem leichten Sitz aus Holz und Weide, einen Sicherheitsgurt gab es nicht. Vor sich hatte er einen Beschleunigungsmesser, daneben hing ein Kompass. Ein Tachometer hatte Chávez im oberen Teil der Kabine installieren lassen, der Luftdruckmesser war mit Riemen an seinem Hals fixiert. Seine Augen schützte er mit einer Pilotenbrille.

"Plötzlich hat es 'Krack' gemacht"

Über den Gletschern des Fletschhornes wurde der Flug für Chávez erneut brenzlig. Heftige Winde erfassten das Flugzeug mit einer Flügelspannweite von 7,20 Metern und zwangen den Piloten zum Sinkflug, bevor es von einer Höhe von 1000 Metern aus wieder aufwärts ging. Über dem Pizzo d'Albione wurde der Pilot erneut heftig durchgeschüttelt. Erst über dem Ossola-Tal beruhigte sich das Wetter wieder.

Siegesgewiss näherte sich Chávez der italienischen Ortschaft Domodossola, dem Ende der ersten Etappe zwischen Brig und Mailand. Unten an der Piste stand eine jubelnde Menschenmenge, um den Peruaner in Empfang zu nehmen. Doch noch war das Zwischenziel nicht erreicht.

Chávez drosselte die Geschwindigkeit, um sanft landen zu können. 20 Metern über dem Boden jedoch geschah etwas Unerwartetes: Die Flügel der Blériot lösten sich plötzlich teilweise vom Rumpf und schlugen nach hinten. 42 Minuten nach dem Start zerschellte die Maschine am Boden, der Pilot wurde mit schweren Knochenbrüchen ins Krankenhaus gebracht.

"Plötzlich hat es 'Krack' gemacht", berichtete Chávez' Manager Arthur Duray, "die Flügel sind nach hinten geklappt wie die einer Taube. Die Maschine ist steil nach unten gestürzt, hat sich einmal um sich selbst gedreht und brach schließlich auseinander." Das Steuer wurde nach dem Aufprall meterweit durch die Luft geschleudert, vom Rumpf blieb nur ein Trümmerhaufen übrig. Die Flügel waren offenbar durch die Turbulenzen über den Alpen beschädigt worden - ein Defekt, der zur Katastrophe führte.

Sieg ohne Triumph

Duray fand den unter den Flugzeugteilen liegenden Freund bei vollem Bewusstsein. Als Einziger hatte Chávez an diesem Tag die Überquerung des Alpenkammes bewältigt - doch seinen Triumph sollte er nicht mehr auskosten können. Weymann, der mit seinem Doppeldecker ebenfalls am 23. September gestartet war, erreichte nicht die nötige Höhe, landete wieder in Brig und zog sich aus dem Wettbewerb zurück.

Während im Krankenhaus Glückwunschtelegramme aus aller Welt eintrafen, verschlechterte sich Chávez' Gesundheitszustand rapide, vermutlich auch wegen seiner alptraumartigen Erfahrungen. Nach tagelangen Qualen starb der Peruaner am 27. September 1910. Seine Leiche wurde nach Paris überführt, wo Chávez auf dem Friedhof Père Lachaise im Familienmausoleum beigesetzt wurde. 47 Jahre später wurden seine sterblichen Überreste nach Peru gebracht.

Zum Andenken an Chávez trägt der internationale Flughafen der Hauptstadt Lima inzwischen seinen Namen. Außerdem ist sein Porträt auf einer peruanischen Banknote abgedruckt. Auch die Schweiz erinnert hundert Jahre nach dem ersten Alpenüberflug mit zahlreichen Veranstaltungen an den Luftfahrtpionier, der seine Abenteuerlust mit dem Leben bezahlte.

Zum Weiterlesen:

Hier erfahren Sie mehr über Jorge Chávez .

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