Flugzeugträger "Graf Zeppelin" Hitlers sinnloses Superschiff

Flugzeugträger "Graf Zeppelin": Hitlers sinnloses Superschiff Fotos
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Dieser Riese sollte die Weltmeere beherrschen: 1938 lief mit der "Graf Zeppelin" der einzige deutsche Flugzeugträger vom Stapel. Hitler erhoffte von dem Stahlgiganten grandiose Siege, doch das Schiff erwies sich als nutzlos - und verschwand nach dem Krieg für Jahrzehnte spurlos. Von

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Sie hatten Erdöl gesucht und Altmetall gefunden. Trotzdem waren die Arbeiter der polnischen Ölgesellschaft Petrobaltic am 12. Juli 2006 nicht enttäuscht. Eher verblüfft. Denn der rostige Stahlberg, auf den sie bei ihren Bohrarbeiten in der Ostsee gestoßen waren, hatte gewaltige Ausmaße: Rund 263 Meter lang und 36 Meter breit war der Koloss, der in 86 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund lag. In der Nähe einer Ölplattform, 55 Kilometer nördlich der polnischen Hafenstadt Wladyslawowo, hatten die Ingenieure ein Schiffswrack gefunden. Und was für eines.

Denn was die polnischen Ölsucher nicht wussten: Sie waren auf den einzigen deutschen Flugzeugträger der Seefahrtsgeschichte gestoßen, einen geheimnisumwitterten Stahlriesen: die "Graf Zeppelin". Hitlers Traumschiff.

Der Flugzeugträger war eines der Großprojekte der deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg: Der hochgerüstete Gigant sollte für das geplante Nazi-Imperium die Weltmeere sichern, doch die im Dezember 1938 vom Stapel gelaufene "Graf Zeppelin" sollte keinen einzigen Meter aus eigener Kraft zurücklegen - und verschwand schließlich unter rätselhaften Umständen.

Dabei war der Flugzeugträger, dessen Geschichte der Militärhistoriker Ulrich Israel untersucht hat, eigentlich als Vorzeigeprojekt und Superwaffe geplant: Eine der stärksten Maschinenanlagen der Welt sollte die "Graf Zeppelin" mit 200.000 Pferdestärken auf Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 33 Knoten bringen, an Bord war Platz für 43 Kampfflugzeuge und 16 schwere Bordgeschütze. So ausgerüstet sollte der fast 100 Millionen Reichsmark teure Flugzeugträger als schwimmende Kleinstadt mit Bäckereien, Lesesälen, Friseursalons und Schuhmachern mehr als 1700 Menschen Platz bieten.

"Mehre Macht und Ansehen des Reiches"

Erste Planungen für deutsche Flugzeugträger entstanden schon bald nach Hitlers Machtübernahme. Am 16. November 1935 vergab das Oberkommando der Kriegsmarine den ersten Auftrag an die "Deutschen Werke Kiel". Der Flugzeugträger "A", wie das geplante Trägerschiff zunächst hieß, sollte nach Ferdinand Graf von Zeppelin benannt werden, der als Konstrukteur der ersten einsatzfähigen Luftschiffe zur Jahrhundertwende Geschichte geschrieben hatte. 1936 begannen schließlich die Arbeiten an der "Graf Zeppelin", zwei weitere Jahre sollten bis zum Stapellauf vergehen.

Am 8. Dezember 1938 schritten Hitler, Luftwaffenchef Hermann Göring und Marinekommandeur Erich Raeder die militärischen Ehrenformationen in Kiel ab - daneben: der erste deutsche Flugzeugträger, geschmückt mit Hakenkreuzfahnen und dem Familienwappen der Familie Zeppelin. Für die Zurschaustellung der deutschen Seemacht war es dem Regime sogar gelungen, die Tochter des Schiffspaten zu gewinnen: Helene Gräfin von Brandenstein-Zeppelin taufte das Kriegsschiff vor Hunderttausenden. Den Stahlriesen bejubelten Militärgrößen und Fachleute, Diplomaten und Wirtschaftsbosse, Journalisten und Schaulustige vor Ort. Eine perfekte Inszenierung.

Besonders viel Mühe gab sich Hermann Göring. Aus der Taufkanzel am Schiffsbug schwadronierte der Luftwaffenchef in einer pathetischen Rede über die "Graf Zeppelin" als "Sinnbild deutscher Kraft", die der Wehrmacht in fernen Gewässern die Lufthoheit erkämpfen sollte. "Fahre stets glücklich, stolzes Schiff", rief Göring: "Sei ein Hort kühnen Fliegergeistes und zäher Seemannsart und mehre Macht und Ansehen des Reiches!"

Aus diesen Phantasien sollte nichts werden.

Denn der Flugzeugträger war zwar als multifunktionaler Koloss geplant - wäre im Ernstfall aber taktisch nutzlos gewesen: "Eine Fertigstellung der 'Graf Zeppelin' hätte am Ausgang des Seekriegs auch nichts geändert", erklärte 2006 der Marinehistoriker Ulrich Israel, "die Engländer hätten ihre Versenkung zur Prestigefrage erklärt und sie mit 100-prozentiger Sicherheit gestellt und vernichtet".

Vom Großmachttraum zum Ersatzteillager

Das ahnte bald wohl auch der Führungsstab der Kriegsmarine, der nach Kriegsausbruch seine Strategie radikal änderte: Statt auf kostspielige Großprojekte setzte die Marineleitung nun auf die vermeintliche Wunderwaffe U-Boot. Im September 1939 brach das Regime den im Vorjahr begonnenen Bau eines zweiten Flugzeugträgers "B" ab und ließ ihn im Februar 1940 verschrotten. Die "Graf Zeppelin" hingegen war schon so weit fortgeschritten, dass Hitler im April 1940 lediglich den Weiterbau stoppen ließ. Es war der Auftakt zu einer Irrfahrt durch Osteuropa.

Schlepper brachten das fast fertige Schiff zunächst in die Odermündung, dann ins damalige Gotenhafen in Pommern, schließlich doch wieder zur Fertigstellung zurück in die Werft nach Kiel. Nachdem der Flugzeugträger dort ein Jahr lang weiter ausgebaut worden war und in Bremerhaven inzwischen ein Hafenbecken für den Koloss entstanden war, verhängte Hitler Anfang 1943 erneut einen Baustopp. Daraufhin wurde die "Graf Zeppelin" in Stettin verankert - und wandelte sich vom stählernen Großmachttraum zum rostenden Ersatzteillager: Einzelstücke des Flugzeugträgers baute die Marine in andere Schiffe ein, die Bordgeschütze landeten an der Küste des besetzten Norwegens, um dort etwaige Angriffe der Kriegsgegner abzuwehren.

Doch in Norwegen waren die Kanonen der "Graf Zeppelin" ebenso unnütz wie ihr Mutterschiff in Pommern: Am 25. April 1945, zwei Wochen vor Kriegsende, sprengte eine Wehrmachtseinheit Löcher in den Rumpf des ausgeschlachteten Flugzeugträgers und ließ ihn in einem Seitenarm der Oder auf Grund laufen. Doch damit endete die Odyssee des Schiffes nicht, wenig später machten die einmarschierten Russen die "Graf Zeppelin" wieder flott. Danach sollte sich die Spur des Schiffes für sechs Jahrzehnte verlieren - und wilde Spekulationen auslösen.

Wie sank die "Graf Zeppelin"?

Erste Theorien zum Verbleib der "Graf Zeppelin" ließen nicht lange auf sich warten: Der geflickte Koloss sei auf eine Mine gelaufen, von Bomben getroffen oder in Russland abgewrackt worden, hieß es. Anderen Berichten zufolge sank das mit Beutegut überfrachtete Schiff in einem Sturm oder wurde auf Geheiß der Alliierten mit Granaten beladen und versenkt.

Erst die Entdeckung des Wrackes nach 59 Jahren ermöglichte 2006 die Lösung des Rätsels: Den Recherchen von Militärhistoriker Ulrich Israel zufolge führte die "Graf Zeppelin" ihre letzte Fahrt zwei Jahre nach Kriegsende in die Ostsee. Nachdem die Russen das Schiff zunächst nach Leningrad geschleppt hatten, zogen am 16. August 1947 zwei Hochseeschlepper das menschenleere Schiff von seinem letzten Hafen Swinemünde in die Danziger Bucht vor der polnischen Küste - alles unter strengster Geheimhaltung.

Denn die sowjetische Armee hatte den Laderaum zuvor mit Munition beladen und ließ nun aus Bombenflugzeugen Dutzende Granaten auf das labile Kriegsschiff abwerfen. Das Militär wollte so testen, wie sich gegnerische Flugzeugträger am effektivsten versenken lassen. Schließlich erreichten die sowjetischen Militärs ihr Ziel: Die durchlöcherte "Graf Zeppelin" sank auf den Grund der Ostsee - und gab den Historikern fast sechs Jahrzehnte lang ein Rätsel auf.

Zum Weiterlesen:

Ulrich Israel: "Einziger deutscher Flugzeugträger Graf Zeppelin". Koehlers Verlag, Herford 2000, 170 Seiten.

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1.
Reinhard Kupke 06.12.2013
Die "schweren Bordgeschütze" waren 15 cm Kanonen. Von schwer kann man da nicht reden. Diese unnützen Kanonen, 16 Stück an der Zahl, waren für die nur schwache Flugzeugbestückung der "Graf Zeppelin" verantwortlich.
2.
Daniel Braun 06.12.2013
Naja, mit Superlativen wurde nicht gespart auch wenn die "Zeppelin" im internationalen Vergleich ein eher kleiner Flugzeugträger mit relativ geringer Wasserverdrängung war. Die Schlachtschiffe "Tirpitz" und "Bismarck" verschlangen wahrscheinlich mehr Material und auch sie waren nicht die größten ihrer Art, wie manchmal kolportiert wird. Dazu ermangelte es den deutschen Schiffbauern an Know How für die Flugzeugträger, denn selbst die verbündeten Japaner waren nicht bereit, ihre Technologie der Katapulttechnik zu liefern. Dazu wird noch vergessen, dass für das Schiff auch neue Flugzeugtypen bzw. Modifizierungen hätten entwickelt werden müssen. Insofern leider wieder ein Artikel in der Reihe "NAZI-GIGANTOMANIE", welche an sich nur normales Mitschwimmen im herrschenden Zeitgeist der Militärtechnik war.
3.
Karsten Topp 06.12.2013
Nun, die analyse des Historikers greift zu kurz. Die Alliierten hätten jedes militärische Ziel als "Prestigeobjekt" definiert und auf die Vernichtung hingearbeitet. Schlußendlich hat die Übermacht der Alliierten jedes sinnvolle und sinnlose Ziel vernichtet. Nach dieser Logik dürfte kein Staat mehr irgendein militärisches Grossprojekt starten, denn das würde als "Prestigeobjekt" von den Gegnern mit Sicherheit angegriffen und vernichtet. Die Tirpitz, als Symbol hat allein durch ihre Anwedenheit mehr Kräfte gebunden als sie im Kampf je hätte zerstören können. Die Anstrengungen, die die Royal Navy unternommen hat das Schiff zu versenken haben nicht unerhebliche Resourcen gebunden. Natürlich ist es aus historischer Sicht möglich zu sagen "Gut so, schade daß der Krieg nicht schon eher beendet werden konnte!" - aber aus Sicht der kriegführenden Parteien ist ein solches Denken natürlich kontraproduktiv.
4.
Alexander Lieven 06.12.2013
>Naja, mit Superlativen wurde nicht gespart auch wenn die "Zeppelin" im internationalen Vergleich ein eher kleiner Flugzeugträger mit relativ geringer Wasserverdrängung war. Die Schlachtschiffe "Tirpitz" und "Bismarck" verschlangen wahrscheinlich mehr Material und auch sie waren nicht die größten ihrer Art, wie manchmal kolportiert wird. Dazu ermangelte es den deutschen Schiffbauern an Know How für die Flugzeugträger, denn selbst die verbündeten Japaner waren nicht bereit, ihre Technologie der Katapulttechnik zu liefern. Dazu wird noch vergessen, dass für das Schiff auch neue Flugzeugtypen bzw. Modifizierungen hätten entwickelt werden müssen. Insofern leider wieder ein Artikel in der Reihe "NAZI-GIGANTOMANIE", welche an sich nur normales Mitschwimmen im herrschenden Zeitgeist der Militärtechnik war.
5.
Alexander Lieven 06.12.2013
Sehr richtig, das Zeitalter der Schlachtshiffe war bereits vorbei, Flugzeugträger sind bis heute das Maß der Dinge in der Machtprojektion und deutshe U-Boote haben mehr zerstört als alle Überwasser-Einheiten der Kriegsmarine.
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